, 6. Mai 2017
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Theater der Einmischung

Die Ausserrhoder Kulturlandsgemeinde wagt sich ins Sportzentrum Herisau. Unter dem Titel «Grösser glücklicher gerechter» geht es am 6./7. Mai um die Optimierungsgesellschaft. Sonntagsrednerin ist Laura De Weck, Schauspielerin, Autorin und Regisseurin und Politaktivistin. Ein Porträt. Von Tobias Gerosa.

Laura de Weck wurde 1981 in Zürich geboren. Während dem Schauspielstudium begann sie zu schreiben und brachte 2007 ihren Erstling Lieblingsmenschen, inszeniert von Altmeister Werner Düggelin am Theater Basel zur Uraufführung. Ein Stück, von dem sie auch zehn Jahre später noch sagt, dass sie stolz darauf sei – und staune, wie naiv und ohne Rücksicht auf die Umsetzbarkeit im Theater sie da geschrieben habe.

Auf Nachfrage erzählt sie, sie habe damals gespürt, dass manche ihr vorwarfen, als Tochter von Roger de Weck, dem scheidenden SRG-Chef, von einem Bonus zu profitieren. «Am Anfang hat mich das verunsichert, nach zehn Jahren als Autorin ist das aber kein Thema mehr. Ich muss meine Familie ja nicht verstecken.» Als sie sich 2014 mit einem provokativen Internet-Video gegen die sogenannte Masseneinwanderungsinitiative einsetzte, kochte der Boulevard die Familienbeziehung nochmals auf.

Das Private ist politisch

Während Laura de Weck anfänglich noch als Schauspielerin am Jungen Schauspielhaus Hamburg engagiert war (wo sie bis heute mit ihrer Familie lebt), verlegte sie ihren Arbeitsschwerpunkt immer mehr hinter und neben die Bühne. Ihre Dialoge verlagerte sie in eine 14-tägliche Kolumne im «Tages Anzeiger» – die szenisch gedachte Form blieb, die Themen wurden tagesaktueller und bestätigen oft die These, dass das Private politisch sei und das Politische privat. Wo die Lieblingsmenschen und auch der Nachfolger SumSum noch ganz private Probleme ihrer studentischen Figuren verhandelten, wurden ihre Arbeiten politischer. Mit Folgen: Die Reaktionen etwa auf feministische Ansichten seien manchmal heftig, sagt de Weck.

Kulturlandsgemeinde 2017 – «grösser glücklicher gerechter». 6. und 7. Mai, Sportzentrum Herisau, mit Laura de Weck, Yonas Gebrehiwet, Nadia Holdener, Gallus Knechtle, Iouri Podladtchikov, Mark Riklin, Stina Werenfels und vielen anderen

kulturlandsgemeinde.ch

Schon 2013 zeichnete sie sich als Autorin und Regisseurin von Espace Schengen am Zürcher Theaterhaus Gessnerallee aus und erkundete mit dem Verhältnis der Schweiz zu den hier lebenden Ausländern eine ganz aktuelle politische Frage. Eben zeigte sie in Zürich und Basel ihre neueste Produktion zusammen mit dem DJ Arvild Baud: Direkt Demokratisch Love, eine «musikalische Lecture zwischen Vortrag und Konzert» zum Thema direkte Demokratie, die De Weck mit der Vertonung hängiger Initiativprojekte durchaus problematisiert, aber doch entschieden lobt – «weil niemand aus dem Diskurs ausgeschlossen wird».

Der Mensch im Netz

Ist das noch Theater, ist das noch Kultur oder «nur» Politik? De Weck ist überzeugt, dass sich das nicht trennen lasse und dass politische Vorgänge denselben Mustern folgen wie private. Wenn sie Grossbritannien und die EU in einer schönen Szene ihrer Performance das Trennungsgespräch eines Paares führen lässt, wird das sofort einleuchtend. Jedenfalls ist De Weck damit schon nah dran an den Themen der Ausserrhoder Kulturlandsgemeinde.

Das Thema ihrer Sonntagsrede wird die Selbstdarstellung im Internet sein. Dazu hat sie vor zwei Jahren schon eine Lecture gemacht, die sie nun aktualisiert. Doch wie aktiv ist sie selber im Internet? Erst auf dieses Projekt habe sie sich ein Facebook-Konto zugelegt, sagt sie. Und zwar so, wie sie ihre Lecture-Format versteht: als bewusste Darstellung der Performerin De Weck, in die viele Facetten der realen Person Laura De Weck einfliessen, aber auch Erfundenes – jene Selbststilisierung, die die meisten unbewusst, aber ganz automatisch machten.

Die Kunst des Dialogs

Als was sieht sich de Weck selber? «Ou, schwierig.» Meist antworte sie darauf mit «Ich mache Theater» – aber so ein richtiges Stück habe sie lange nicht mehr geschrieben, als Schauspielerin aufgetreten sei sie auch schon länger nicht mehr und Kolumnistin sei sicher auch nicht richtig. Aber gerade sei sie «endlich!» bei einem Drehbuch-Projekt einen Schritt weitergekommen. «Und diese Bezeichnung Lecture passt mir eigentlich auch nicht», sagt sie, «obwohl ich sie selber verwende. Das klingt so, als ob ich die Leute belehren wollte.» Aber die Mischung von Rede (die wie all ihre Texte sehr rhythmisiert ist), von gelesenen und gespielten Dialogen, von Alltag und grosser Politik verbinde alles, was sie sei – Autorin, Regisseurin, Schauspielerin. «Und Dialoge sind immer dabei. Das ist, was ich glaube, wirklich zu können.»

Formal passt die Sonntagsrede also gerade sehr gut in Laura De Wecks Arbeit, inhaltlich auch. Dass sie diese im Ausserrhoden halten kann, im Kanton mit der Möglichkeit des Ausländerstimmrechts, passt ihr sichtlich.

Dieser Beitrag erschien im Maiheft von Saiten.

 

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