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Theater des Realen

Milo Rau auf allen Kanälen: Der St.Galler Regisseur eilt von Interview zu Interview, um sein Projekt der «Moskauer Prozesse» von Anfang März zu erklären, wo er unter anderem das Verfahren gegen die Punkerinnen von «Pussy Riot» neu aufgerollt hat.
Von  Peter Surber

Viel Lärm um nichts? Noch bis heute ist ein Videoschnitt der dreitägigen Prozesse in der Zürcher Gessnerallee zu sehen, und er macht klar: Da geht es, für Russlands Opposition, um sehr viel.

Kein Schauprozess, schon gar nicht eine Prozess-Show: Milo Raus «Theater des Realen» hat es fertig gebracht, dass sich erbitterte Kontrahenten vor Schranken gegenüberstehen und zumindest einmal miteinander debattieren. Auf der einen Seite die Vertreter einer freien Zivilgesellschaft – auf der anderen Seite die Kämpfer für einen national-orthodoxen, am Zarentum orientierten Gottesstaat.

Um wieviel es dabei geht, machten am Podiumsgespräch vom Donnerstag die Journalistin Olga Shakina (die «Richterin» der Prozesse, auf dem Bild in der Mitte) und die Religionswissenschaftlerin Elena Volkova deutlich: Russland droht der Absturz in ein moderne-feindliches Mittelalter, und die orthodoxe Kirche spielt dabei eine führende Rolle. Mit dem Gummiparagraphen 282, der das Schüren von nationalem, rassischem oder religiösem Hass unter Strafe stellt, werden die liberalen Stimmen mundtot gemacht – zuerst im Prozess gegen die Ausstellungen «Vorsicht, Religion» 2003 und «Verbotene Kunst» 2007, schliesslich gegen die drei Musikerinnen von «Pussy Riot» und ihr «Punkgebet» in der Erlöserkirche von Moskau 2012.

gerichtUm wieviel es dabei geht, zeigte auch die Intervention der Migrationsbehörde, die Raus Visum anzweifelte, und der Auftritt der «Kosaken», die den dritten Prozesstag zu stören versuchten – und dem Stück so wenigstens auch in den russischen Medien zu Aufmerksamkeit verhalfen.

Galionsfigur der russischen Nationalisten ist der berühmte TV-Moderator Maksim Shevtchenko vom putintreuen «Kanal 1». Auch wenn man den Debatten auf den Videos nicht immer leicht folgt – die englische Synchronübersetzung hält mit den hitzigen russischen Wortgefechten manchmal kaum mit –, so verursacht Shevtchenkos wilde Gestik und fanatische Argumentation dennoch höchste Beklemmung.

Das Ziel, auf der Bühne Wirklichkeit nicht nur darzustellen, sondern im Moment geschehen zu lassen, haben die «Moskauer Prozesse» jedenfalls erreicht. Im Mai folgen Milo Raus «Zürcher Prozesse» im Theater am Neumarkt. Auf der Anklagebank dann: die «Weltwoche» – unter anderem wegen Verstoss gegen das Antirassismusgesetz und wegen «Schreckung der Bevölkerung».

 

Moskauer Prozesse: heute Samstag, 19 Uhr, Gessnerallee Zürich

 

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