Viel Lärm um nichts? Noch bis heute ist ein Videoschnitt der dreitägigen Prozesse in der Zürcher Gessnerallee zu sehen, und er macht klar: Da geht es, für Russlands Opposition, um sehr viel.
Kein Schauprozess, schon gar nicht eine Prozess-Show: Milo Raus «Theater des Realen» hat es fertig gebracht, dass sich erbitterte Kontrahenten vor Schranken gegenüberstehen und zumindest einmal miteinander debattieren. Auf der einen Seite die Vertreter einer freien Zivilgesellschaft – auf der anderen Seite die Kämpfer für einen national-orthodoxen, am Zarentum orientierten Gottesstaat.
Um wieviel es dabei geht, machten am Podiumsgespräch vom Donnerstag die Journalistin Olga Shakina (die «Richterin» der Prozesse, auf dem Bild in der Mitte) und die Religionswissenschaftlerin Elena Volkova deutlich: Russland droht der Absturz in ein moderne-feindliches Mittelalter, und die orthodoxe Kirche spielt dabei eine führende Rolle. Mit dem Gummiparagraphen 282, der das Schüren von nationalem, rassischem oder religiösem Hass unter Strafe stellt, werden die liberalen Stimmen mundtot gemacht – zuerst im Prozess gegen die Ausstellungen «Vorsicht, Religion» 2003 und «Verbotene Kunst» 2007, schliesslich gegen die drei Musikerinnen von «Pussy Riot» und ihr «Punkgebet» in der Erlöserkirche von Moskau 2012.
Um wieviel es dabei geht, zeigte auch die Intervention der Migrationsbehörde, die Raus Visum anzweifelte, und der Auftritt der «Kosaken», die den dritten Prozesstag zu stören versuchten – und dem Stück so wenigstens auch in den russischen Medien zu Aufmerksamkeit verhalfen.
Galionsfigur der russischen Nationalisten ist der berühmte TV-Moderator Maksim Shevtchenko vom putintreuen «Kanal 1». Auch wenn man den Debatten auf den Videos nicht immer leicht folgt – die englische Synchronübersetzung hält mit den hitzigen russischen Wortgefechten manchmal kaum mit –, so verursacht Shevtchenkos wilde Gestik und fanatische Argumentation dennoch höchste Beklemmung.
Das Ziel, auf der Bühne Wirklichkeit nicht nur darzustellen, sondern im Moment geschehen zu lassen, haben die «Moskauer Prozesse» jedenfalls erreicht. Im Mai folgen Milo Raus «Zürcher Prozesse» im Theater am Neumarkt. Auf der Anklagebank dann: die «Weltwoche» – unter anderem wegen Verstoss gegen das Antirassismusgesetz und wegen «Schreckung der Bevölkerung».
Moskauer Prozesse: heute Samstag, 19 Uhr, Gessnerallee Zürich
Seit elf Tagen befindet sich Velat Aydin vor dem Bundesverwaltungsgericht in St.Gallen im Hungerstreik. Im Gespräch mit Saiten erzählt der Kurde, woher er kommt und weshalb politischer Aktivismus so wichtig ist.
Die St.Galler Festspiele sind vorbei. Oper war indoor, draussen im Stadtpark spielte die Endzeitkomödie Planet B. Nähme man die Botschaft des Stücks ernst, müsste die Festspiel-Oper auch künftig ressourcenschonend drinnen bleiben.
Sindujan* lebt schon sein ganzes Leben in der Schweiz. Die Einbürgerung ist fast abgeschlossen, war aber mit hohen Kosten und einem unangenehmen Gespräch verbunden.
Bevor die Kunst Einzug hielt, war das Sittertal industrialisiert. Hier wurde gestickt, gewirkt, gefärbt, mercerisiert – aber auch gestreikt und geliebt.
Kolumne: Stimmrecht
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 2: Kinok-Open-Air, Solarkino, Christa Näher – «Excess», Living Museum, Poolbar Festival, Die Legende von Anne Bonny und SP-Spaziergänge.
In der Kunstkabine bei der St.Leonhard-Brücke in St.Gallen stellen bis September vier Personen mit Beeinträchtigung ihre Kunst aus. Den Anfang macht Sonja Lippuner mit ihrer «Rollstuhlkunst».
Die Kunstgiesserei St.Gallen und die Stiftung Sitterwerk strahlen weit über die Region hinaus. Felix Lehner, Gründer und Leiter der Kunstgiesserei, Geschäftsleitungsmitglied Till Jäckli sowie Patricia Hartmann, Co-Leiterin der Stiftung Sitterwerk, sprechen im Interview über die letzten 40 Jahre, aktuelle Herausforderungen und Zukunftspläne.
Geschlechterspezifische Gewalt ist auch in Appenzell Realität, und doch wird zu wenig darüber geredet. Mit der Diskussionsveranstaltung «werom – schwätze statt schwiige» luden drei junge Appenzellerinnen zum offenen Austausch über Gewalt, Prävention und Zivilcourage.
Heimat – ein vielschichtiger Begriff. Das Kunstmuseum St.Gallen spürt ihm gemeinsam mit der Werksammlung der Schweizerischen Post nach. Zu sehen ist die entstandene Schau «Heimatflimmern» bis Ende Oktober in St.Gallen.
Die St.Galler Festspiele laden, nach der letztjährigen Pause, wieder zum Tanz in die Kathedrale. Choreograf Antonio Ruz und die Tanzkompanie nehmen den Raum mit Respekt in Beschlag – samt dem Klosterplatz.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 1: Openair-Kinos, Blablabor – «Guerilla Radio», Michail Pirgelis – «HYLE», «Heimatflimmern», Kulturfestival St.Gallen, Leonce und Lena, Kunstspaziergänge und Musik im «Flöözli» sowie Rundgänge zum Blumenwies und zur Schwammstadt.
Der «Landesverräter» war gern am Fluss
Musik im Rorschacherberg
In Konstanz gastiert derzeit die Gruppe As Karuana – ein politischer Frauenchor aus dem Amazonas. Sie zeigt mit ihrer Musik, ihrem Tanz, ihrer Kunst und ihrem Wissen politische Résistance und kämpft für die Rückeroberung ihrer indigenen Kultur.
Malerin, lesbisch und glühende NS-Anhängerin. Stephanie Hollenstein (1886-1944) war vieles. Ein Widerspruch? Der neue Dokumentarfilm von Birgitta Weizenegger befasst sich mit dem Leben der vorarlbergischen Künstlerin.
Gastkommentar von Jacques Michel Conrad
Zum 20. Mal bringt das Kulturfestival internationale Entdeckungen und lokale Lieblingsbands in einen der schönsten Konzertorte St.Gallens. Zum Jubiläum blickt Organisator Lukas Hofstetter zurück – und behauptet sich zugleich in einem Musikgeschäft, das für kleinere Festivals immer schwieriger geworden ist.
Vor 40 Jahren gründete Felix Lehner in Beinwil am See die Kunstgiesserei, die 1994 nach St.Gallen zog. Und vor 20 Jahren entstand ergänzend dazu die Stiftung Sitterwerk, die unter anderem eine weltweit einzigartige Kunstbibliothek führt. Wir tauchen ein in diesen wundersamen Mikrokosmos im Sittertal. Ausserdem in der Juli/August-Doppelnummer: die unverzichtbaren Sommertipps, die Flaschenpost von Anna Stern aus Finnland und das Interview zum 100-Jahr-Jubiläum unserer Hausdruckerei Niedermann.
Florian Fuchs arbeitet an einer antik anmutenden, 2,5 Meter hohen Marmorstatue. Warum interessiert sich ein junger Bildhauer für diese klassische Herangehensweise? Ein Werkstattbesuch in Flawil.