, 6. Juni 2018
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Theater, inklusiv

Menschen mit psychischen oder körperlichen Beeinträchtigungen auf der Bühne: Inklusives Theater ist weitherum gefragt. Die Thurgauerin Micha Stuhlmann ist eine der Pionierinnen dieser Arbeit. Jetzt plant sie ein «Laboratorium für Artenschutz».


Das Theater liebt sie, die schrägen Figuren, die abgefahrenen Typen, die vom Karren Gefallenen, die der Normalität ihre eigenen Gesetze um die Ohren hauen oder unter die Räder kommen oder beides zugleich.

Man könnte allein in Georg Büchners schmalem Werk diverse solcher Typen finden, von liebenswürdig bis abgründig verzweifelt – Woyzeck, der «wie ein offenes Messer» durch die Gesellschaft rennt, Leonce und Lena samt König Peter vom Königreich Popo, die Nichtsnutze mit dem höheren Tiefsinn, oder Lenz, den an sich und der Welt und der Liebe irre gewordenen Dichter. Dass diese Figuren seit fast 200 Jahren unvermindert interessieren, dürfte (wenn auch nicht allein) daran liegen, dass sie dem Mainstream trotzen, dem damaligen wie dem heutigen.

Oder: Becketts in eine leere Welt geworfene Protagonisten, Wladimir und Estragon in Godot, Clov und Hamm aus dem Endspiel. Oder Kleists furiose Penthesilea. Oder Schillers Räuberbrüder, Karl der Manische und Franz der Aggressionsgehemmte. Oder…

In der scheiss Leistungsgesellschaft

Man kann das theatergeschichtliche Namedropping versuchsweise verallgemeinern: Theaterfiguren haben das Privileg, neurotisch, psychotisch, manisch-depressiv, aggressionsgehemmt, von Verfolgungswahn getrieben, hochsensibel oder kriminell sein zu dürfen – und halten uns Normalos damit einen Spiegel vor, stellen unser vermeintliches Normalsein auf die Probe, zeigen Alternativen auf.

Zum Beispiel eine Alternative zur scheiss Leistungsgesellschaft. «Ich will einfach nur mal an diesem scheiss See hocken. Ich will, dass mir alles mal für ne Weile egal sein kann. Ich bin so müde… Und vor allen Dingen will ich nicht in einer Tour irgendeinem Bild, das ihr von mir habt, entsprechen müssen. Der Wohlwollende, der Fürsorgliche, der Fleissige, der Verlässliche, der moralisch Einwandfreie, der Erfolgreiche. Ich will das nicht.»

So redet der namenlose Sohn im Stück Der Mann, der die Welt ass, das gerade vom Theater St.Gallen gespielt wird. Der deutsche Autor Nis-Momme Stockmann lässt darin einen überforderten Sohn und seinen dementen Vater aufeinander los. Er stellt die Akzeptanzfrage – was ist gesellschaftlich möglich, tragbar, unerträglich? Und er gibt dem Theater, was des Theaters ist: zwei Verrückte mehr. Weiter zu sehen im Juni in der Lokremise.

Der Sohn wütet – «scheiss einmal auf Müssen, scheiss auf Sollen, scheiss auf die Arbeit, scheiss auf die Gedankenschwere» –, er schwindelt sich eine angebliche Freiheit herbei, die in Wahrheit ein grosses Scheitern ist, er wird die Welt «mit ihrem Morast aus Verantwortlichkeiten» nicht los. Burnout würde das die Krankenkasse vielleicht nennen…

Einen klingenden Krankheitsnamen trägt das Leiden eines anderen Autors, den das Theater St.Gallen in der nächsten Spielzeit auf die Bretter, die die neurotische Welt bedeuten, holt. Thomas Melle, Jahrgang 1975, ist manisch-depressiv, modern gesagt: Er leidet an einer bipolaren Störung. Sein Buch Die Welt im Rücken ist eine Art Autobiografie, die Chronik eines zerrissenen Lebens, und die gleiche Thematik behandelt auch das 2019 in St.Gallen zu sehende Stück mit dem Titel Versetzung. «Der Kranke», schreibt Melle, «ist der Freak und als solcher zu meiden. Denn er ist ein Symbol des Nichtsinns, und solche Symbole sind gefährlich, nicht zuletzt für das fragile Sinnkonstrukt namens Alltag. Der Kranke ist, genau wie der Terrorist, aus der Ordnung der Gesellschaft gefallen, gefallen in einen feindlichen Abgrund des Unverständnisses.»

Gleichwertig auf der Bühne und im Leben

Szenenwechsel. Micha Stuhlmann arbeitet mit Menschen, die auf unterschiedliche Art «aus der Ordnung der Gesellschaft» gefallen oder an deren Rand geraten sind. In den Produktionen der im Thurgau tätigen Theatermacherin soll es zwischen Alltag und Inszenierung, zwischen Menschen mit Beeinträchtigung und sogenannt «Normalen» keine Unterscheidung – oder jedenfalls: keine Wertung – geben. Man muss genau sein mit den Worten und Begriffen, sagt Micha Stuhlmann. «Normal», nur schon das eine Wort birgt gewaltige Sprengkraft: Wer legt die Normen fest, wer schliesst ein und aus, wo zieht die Gesellschaft ihre Toleranzgrenzen?

Seit 2011 hat Micha Stuhlmann vier Ensemblestücke entwickelt: 2012 Wo ist Klara?, 2014 Nur mit mir zum Glück allein, 2016 Im Dunkelwasser fischen und 2017/18 Beine baumeln himmelwärts; die beiden letzten Aufführungen dieses Stücks sind im Juni noch in Kreuzlingen zu sehen. Entscheidend ist im Produktionsprozess stets die intensive Zusammenarbeit mit dem Ensemble, sagt sie. Wer hier mitmacht, bringt sich mit Haut und Haar und seiner ganzen Persönlichkeit ein; die Stücke werden gemeinsam entwickelt, jede und jeder ist gleichwertig, die Theaterarbeit versteht sich als ebenso künstlerisch wie menschenbildend.

Micha Stuhlmann (Bild: Brigitte Elsner-Heller)

Von «Menschen mit einer Beeinträchtigung» will Stuhlmann nicht sprechen. Bewegungsmässig oder kognitiv eingeschränkt zu sein, könne ein Hindernis sein – aber zugleich Qualitäten haben, die den geistig und körperlich Normal-Beweglichen abgehen. In ihrem Ensemble gebe es Leute mit Lebens- oder Arbeitserfahrungen, an die ein Bühnenprofi im klassischen Sinn des Worts nie herankommen wird. Mit andern Worten: Auch Profi oder Laie ist man nicht einfach – sondern es kommt auf das Umfeld und die Aufgabe an. Aus dieser Erkenntnis heraus hat sich weitherum in der Theaterlandschaft der Begriff der «Experten des Alltags» eingebürgert.

Oder ein weiteres heikles Wort, vielleicht das heikelste: «Integration». Wer es verwendet, muss sich sogleich fragen lassen: Wer integriert wen? In was für ein System soll jemand integriert oder auch eingepasst werden? Lieber spricht man heute von «Inklusion». Doch auch darin stecke ein Stachel, sagt Micha Stuhlmann. Auch «Inklusion» zieht Grenzen und bedient auf vielleicht subtilere Weise die Ansprüche einer Leistungsgesellschaft, die uns auf Effizienz und Funktionstüchtigkeit trimmt. Und sich gewohnt ist, Fähigkeiten gegeneinander auszuspielen.

Beine baumeln himmelwärts: 8. und 9. Juni, 20 Uhr, Kult-X Kreuzlingen

Diese Einsichten und ihre praktischen Bühnenerfahrungen will Micha Stuhlmann jetzt in einem Forschungsprojekt bündeln, das sie «Laboratorium für Artenschutz» nennt und das der Kanton Thurgau mit einem Förderbeitrag unterstützt. Den Begriff des Artenschutzes entlehnt sie dabei mit Absicht dem Naturschutz. Vielfalt ist das oberste Ziel – auf der Ebene der Kultur ist es bereits seit 2005 auch von der Unesco proklamiert. «Neben der Transkultur, in der Nationalität, Religion und Herkunft diskutiert wird, bildet die Diversity-Auseinandersetzung mit ihren sechs Kernthemen ein Gesamtbild: Alter, Geschlecht, sexuelle Orientierung, ethisch-kulturelle Zugehörigkeit, Religion und Behinderung», erklärt Micha Stuhlmann. In ihrem Laboratorium für Artenschutz versuche sie alle Aspekte zusammenzuführen.

Das tönt ideal, aber Micha Stuhlmann macht sich keine Illusionen. Psychische Erkrankungen oder kognitive Schwierigkeiten hätten, anders als körperliche Handicaps, noch immer ein Wahrnehmungs- und Verständnisproblem. Das gelte in der Gesellschaft, und es gelte selbst für das Theater. Zwar sind «inklusive» Projekte (von der Toggenburger «Regierung» über das Zürcher Theater Hora bis zum Basler Festival Wildwuchs und dem schon genannten «Expertentheater») hoch im Kurs, aber die Grenzziehung zum «normalen» Theater ist damit nicht weg, im Gegenteil.

Auch auf den Bühnen müsste das Ziel ihrer Meinung nach deshalb heissen: Weg vom «Exklusiven», hin zur Selbstverständlichkeit. «Mit dem Laboratorium für Artenschutz richtet sich meine Bewegung wieder auf den Ursprung aus: das Menschsein in all seiner Verschiedenheit.»

Dieser Beitrag erschien im Juniheft von Saiten.

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