Frei wird die Stelle, weil der bisherige langjährige Präsident Urs Rüegsegger letzten November per sofort zurückgetreten ist. Der Grund: An der Generalversammlung von Konzert und Theater hatte eine Mehrheit der Genossenschafter:innen gegen eine Statutenänderung rebelliert, die dem Verwaltungsrat die alleinige Entscheidungsmacht in einer zentralen Frage zuschanzen wollte: dem Führungsmodell des Theaters.
Ab Herbst in neuem Glanz: das Theater St.Gallen. (Bild: pd)
Die Vorgeschichte ist bekannt: die Auseinandersetzungen um die Nachfolge des langjährigen Direktors Werner Signer. Sein Nachfolger Jan Henric Bogen, heute noch Opernchef, bekommt ab Sommer 2023 als Gesamtverantwortlicher Direktor eine starke Position, die der eines Theaterintendanten entspricht. Bisher hatte ein vierköpfiges Direktorenteam mit Signer sowie den Chefs von Oper, Schauspiel und Konzert das Haus gleichberechtigt geführt.
Das neue Modell führte zu lautstarken Protesten, vielen galt es als nicht zeitgemäss. Bogen reagierte mit der Etablierung von drei Leitideen, die nicht auf Hierarchie hindeuten, sondern auf eine kollaborative Führung: Diversität, Partizipation und Nachhaltigkeit.
Der Verwaltungsrat hingegen sah die Zeichen der Zeit anders – Entscheide über das Leitungsmodell des Theaters sollten künftig von ihm allein gefällt werden. Das Nein der GV war deutlich, und Rüegsegger zog am Tag darauf die Konsequenzen.
Gesucht: Teamplayer:in
Erstmals ist nun die Präsidiumsstelle öffentlich ausgeschrieben. Und gesucht wird «ein/e Teamplayer/in, der/die in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft der Ostschweiz gut vernetzt ist» und gewohnt ist, «Lösungen unter Einbezug der Betroffenen zu entwickeln». Im Nachsatz zum Inserat steht: «Wir wertschätzen Vielfalt und begrüssen daher alle Bewerbungen unabhängig von Geschlecht, Nationalität, ethnischer oder sozialer Herkunft, Religion/Weltanschauung, Beeinträchtigung, Alter sowie sexueller Orientierung und Identität.»
Damit ist auch der Verwaltungsrat zumindest verbal dort angekommen, wo das Theater auf der Bühne bereits seit längerem und mit Erfolg unterwegs ist: im Zeitalter der Diversität, Beispiele hier oder hier. Allerdings repräsentiert der heutige, 19-köpfige Verwaltungsrat in seiner Zusammensetzung dieses Ideal noch bei weitem nicht.
Longlist und Shortlist
Wegen seiner Wirtschafts- und Bankennnähe gab und gibt es viel Kritik, er war aber bisher zumindest statutenkonform: Nach den alten Statuten sollte der VR neben den geldgebenden Kantonen, Gemeinden und den Besucherorganisationen explizit auch «Personen, die Sponsorenbeiträge erbringen, sowie Gönner und Gönnerinnen angemessen berücksichtigen».
Neu heisst es in Art. 16: «Bei der Zusammensetzung des Verwaltungsrates ist darauf zu achten, dass dieser die verschiedenen Interessengruppen repräsentiert und die gesellschaftliche Vielfalt abbildet, sowie darauf, dass die einzelnen Verwaltungsratsmitglieder die für die Führung der Genossenschaft notwendigen Kompetenzen abdecken.»
Die Bewerbungsfrist läuft – wie das Prozedere genau abläuft, erklärt Vizepräsidentin und Regierungsrätin Laura Bucher auf Nachfrage von Saiten:
Saiten: Wer ist das Gremium, das die Wahl aus den Bewerbungen trifft?
Laura Bucher: Der Verwaltungsrat hat einen Nominations-Ausschuss aus Mitgliedern des Verwaltungsrats (VR) und des Verwaltungsratsausschusses (VRA) gebildet. Dieser setzt sich wie folgt zusammen: Felix Buschor (VRA; Vorsitz), Markus Buschor (VRA; Vertretung Stadt), Laura Bucher (Vizepräsidentin VR/VRA; Vertretung Kanton), Christine Bolt (VR).
Sind von Seiten des VR auch ein Zweierticket oder Mehrfachvorschläge zuhanden der GV denkbar?
Ja.
Ist es trotz des vorgelagerten Bewerbungsverfahrens möglich, weitere Kandidaturen aus dem Kreis der Genossenschafter:innen bis zum November einzubringen? Oder muss man sich jetzt beworben haben, um an der GV antreten zu können?
Ergänzend zur breiten öffentlichen Ausschreibung der Stelle sind alle Gremien und Anspruchsgruppen rund um die Genossenschaft Konzert und Theater (Genossenschafter:innen, VR, Mitarbeitende, Freundeskreis etc.) aufgerufen, dem Nominationsausschuss Vorschläge für die Longlist möglicher Kandidat:innen zu machen. Wir möchten so sicherstellen, dass alle Bewerbungen gleich behandelt und vom Nominationsausschuss vorgeprüft werden. Unsere Aufgabe ist es dann, dem VR bis im Herbst eine Shortlist mit Kandidierenden, die nach unserer Ansicht das Anforderungsprofil erfüllen, zu präsentieren. Interessierte melden sich gerne beim Nominationsausschuss, wir freuen uns über jede Bewerbung!
Wird die Vorauswahl durch den Ausschuss öffentlich bekanntgegeben, und wenn ja: wann? Im Interesse der öffentlichen Diskussion um die Leitthemen von KTSG und deren Verkörperung durch den VR wäre dies ja wichtig.
Das ist noch offen.
Für Ihren Appell, sich zu bewerben, gilt: Nach dem 14. April ist der Zug abgefahren? Oder können sich Interessierte auch später noch beim Nominationsausschuss melden?
Das ist ebenfalls noch offen. Vorläufig gilt die Frist vom 14. April, aber je nach Eingang der Bewerbungen behalten wir uns vor, nochmals einen Aufruf zu machen. Gerne wiederhole ich: Wer sich für das Amt interessiert oder wer jemanden vorschlagen möchte, meldet sich also bitte innert dieser Frist beim Nominationsausschuss. Wir freuen uns über jede Bewerbung.
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