, 25. März 2024
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This will fix me

Saiten-Kolumnistin Mia Nägeli muss geheilt werden. Sie hat die Wahl zwischen diversen Heilsversprechen und einem Creampie.

Kürzlich chattete ich mit einer trans Freundin zu geschlechtsangleichenden Operationen, weil wir beide welche wollen. Sie schrieb: «Ich brauche einfach einen Creampie. Sobald mir Sperma aus der Vagina tropft, werde ich geheilt sein. Von allem, für immer.»

Alle meine Freundinnen müssen von irgendwas geheilt werden. Von Diskriminierung oder Übergriffen, von der Familie oder dem Fehlen derjenigen, von Todesfällen, Beziehungen, Traumata. Fast immer von irgendwelchen Männern.

Ich muss auch geheilt werden. Und deshalb lese ich What my bones know von Stephanie Foo, die autobiografische Erzählung einer Journalistin, die vom Heilungsprozess von ihrer komplexen posttraumatischen Belastungsstörung (CPTSD) erzählt. «Providing real hope for those who long to heal», steht zuoberst auf dem Cover. Eine Art Heilsversprechen. Und ich liebe Heilsversprechen. Nicht die von Eso-Arschlöchern, versteht sich, sondern die, die ich mir dauernd selbst gebe.

Ein Creampie war nie eines davon. Die letzten Tage wars beispielsweise selbstgemachter Kombucha, weil der gegen die typisch CPTSD-begleitenden Magenkrämpfe helfen soll, wie ich in irgendeinem Forum las. Oder lange war ich mir sicher, dass es meine Genderdysphorie für immer heilen würde, wenn ich mit Neovagina nach Portugal reisen und mich von einem Surflehrer am Strand ficken lassen würde. Oder der Klassiker: wenn sie mich küssen würde. Wenn ich nur die Coming-of-Age-Erfahrungen machen würde, derer mich die (Ost-)Schweiz beraubt hat, in dem sie mir meine Jugend lang trans Existenzen nur als Fetisch oder als Krankheit vorgemalt hat.

Die Jagd nach einem Menschen oder einem Ding, das mich für immer heilen wird, ist meist am inten­sivsten, wenn ich grad mitten in einem Schub stecke oder davon aufwache. Beim letzten Aussetzer schlug ich also panisch das Buch mit dem Heilsversprechen auf dem Cover auf, las es bis zur letzten Seite quer und den letzten Abschnitt auf repeat. Sie sei nach mehr als vier Jahren Therapie und Arbeit nicht geheilt, stand da, und sie werde wohl nie ganz geheilt sein. Was für ein ­beschissener Schluss, das half mir gar nicht.

Ich warf das Buch zur Seite und scrollte Chats durch, bis ich die Nachricht mit dem Creampie wiederfand. Ich stellte mir vor, wie mir irgendein Penis auf die frisch operierte Neovagina ejakulieren und wie mich das für immer heilen würde. Und, im Gegensatz zum Buch, half das tatsächlich. Zumindest für ein paar Tage, bis zur nächsten Therapie, bis zum nächsten Heilsversprechen.

Mia Nägeli, 1991, arbeitet nach einer Journalismusausbildung und ein paar Jahren bei verschiedenen Medien heute in der Musikbranche in der Kommunikation, als Tontechnikerin und als Musikerin.

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