, 12. Juli 2016
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Thurgau: Biber-Sprechstunde  

Vor 50 Jahren ist an Thurgauer Gewässern der Biber zur Freude der Bevölkerung wieder angesiedelt worden. Der scheue Mitbewohner und Mitgestalter des Kantons stösst aber heute nicht mehr überall auf Sympathie.

Bild: R. Kühnis, Naturmuseum Thurgau

Während 150 Jahren galt der Nager und Baumeister im Kanton als ausgerottet. Heute stellt er mit 500 bis 600 Exemplaren in Mostindien schweizweit die grösste Population. Als aktiver, einfallsreicher Gestalter seiner Umwelt hinterlässt der Biber in der intensiv genutzten Kulturlandschaft auch Schäden, für die niemand aufkommen will.

Das Naturmuseum des Kantons Thurgau widmet dem Fluss- und Seenbewohner nun eine Sonderausstellung. Im Rahmenprogramm konnten letzte Woche die Thurgauer und Thurgauerinnen ihrem Ärger über den pelzigen Vierbeiner mit dem auffälligen Schwanz-Paddel Luft machen, aber ihm auch ihr Wohlwollen bekunden. Museumsdirektor Hannes Geisser lud vier ausgewiesene Biber-Fachleute ein. Sie befassten sich eingehend mit den Fragen der Besucherinnen und Besucher.

Warum darf der Biber nicht bejagt werden?

Michael Vogel, wissenschaftlicher Mitarbeiter in der kantonalen Jagd- und Fischereiverwaltung, verwies darauf, dass der Biber in der Schweiz wie der Steinbock geschützt und über ein Bundesgesetz die Jagd auf ihn verboten sei. Nur bei der Verursachung sehr grosser Schäden könnten Einzeltiere abgeschossen werden. Eine Bestandesregulierung mittels der Jagd würde laut Vogel praktisch nichts nützen, weil vor allem Einzeltiere die Schadensverursacher seien. Im Thurgau sei der Bestand der Tiere sehr hoch, in anderen Regionen hingegen kämen sie kaum oder überhaupt nicht vor.

Revierförster und SVP-Kantonsrat Paul Koch hat eine Standesintiative lanciert, um ungedeckte Infrastrukturschäden, die der Biber beispielsweise durch das Unterhöhlen wassernaher Wege und Strassen verursacht, zu entschädigen. Leidtragende seien vor allem die Gemeinden, die für dieses Biber-Unwesen selbst aufkommen müssten, sagte Koch. Diese Situation führe zu sehr viel Unzufriedenheit in der Öffentlichkeit und schaffe Ungerechtigkeit. Er befürwortet eine bestandesregulierende Jagd auf die Tiere.

Wie funktionieren Biber?

Philip Taxböck, Projektleiter «Hallo Biber» bei Pro Natura Thurgau, ordnet dem Schwanz-Paddler anarchistisches Potenzial zu. Die Tiere könnten stark in die Gestaltung ihrer Lebensumgebung eingreifen und täten dies, wie sie es für richtig fänden. Die Biber lebten in Familiengruppen, seien engagiert und meistens auch sehr friedfertig, ausser fremde Artgenossen würden in ihre Reviere eindringen. Dann käme es zu Vertreibungsaktionen, die nicht selten für die Eindringlinge tödlich endeten.

Jungtiere, die mit etwa zwei Jahren selbst ein Revier suchen müssten, würden bei der Querung fremder Biber-Territorien richtiggehend herausgebissen, sagte Wolf-Dieter Burkhard, Vorstandsmitglied des WWF und Mitinitiant der ersten Biberaussetung im Thurgau. Töxbeck vermerkte dazu, dass rund die Hälfte der Biber das fortpflanzungsfähige Alter nicht erreiche. Die Tiere kämen vorher bei Territorialkämpfen um oder würen bei der Überquerung von Strassen überfahren.

Reagieren Biber auf Vergrämungs-Aktionen?

Biber mögen Weichhölzer wie Pappeln und Weiden. Sie fällen mit ihren scharfen Nagezähnen meterhohe Bäume und verbauen die Stämme und Äste zu Wohnburgen. Sie graben auch Höhlen in Uferböschungen und unterqueren Wege und Strassen. Solche Schäden können aber mit Vergrämungen vermieden oder stark eingedämmt werden. Beispielsweise durch das Anbringen von Drahtgeflechten um die gefährdeten Gehölze und im Boden der Böschungen. Pflanzungen lassen sich durch Elektrozäune sichern.

Baumeister Biber – 50 Jahre Biber im Thurgau: eine Rückkehr mit Nebengeräuschen: bis 13. November, Naturmuseum Thurgau.

Zu den fünf ersten norwegischen Bibern von insgesamt 18, die vor 50 Jahren im Thurgau angesiedelt worden sind, gehörten auch Haakon und Olaf. Die beiden männlichen Tiere wurden irrtümlicherweise zusammen in Bottighofen freigelassen. Haakon nahm Reissaus und wanderte entlang dem Bodenseeufer, wo er schliesslich entdeckt und wieder zurückgebracht worden ist.

Bei seiner zweiten Flucht wollte er es schlauer machen und durchschwamm den Bodensee bis zur Rheinmündung. Dort angekommen wanderte er die vielen Kilometer dem Fluss hinauf ins Bündnerland, wo er eines Nachts von einem Auto überfahren wurde. In der Sonderausstellung im Naturmuseum erinnert noch ein angenagter Gartenhag an den wanderlustigen Haakon.   

 

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