Ein rares Interview. Diese Woche telefonierte Marco Kamber mit Thurston Moore, dem Gitarristen und Sänger der Band Sonic Youth.
Sonic Youth ist eine der wohl wichtigsten Rockbands der letzten dreissig Jahre. Sie sind gleichermassen bekannt für ihre damals unübliche und aneckende Art, Musik zu machen, wie auch für ihre ständig medienübergreifende Arbeitsweise. Sie etablierten Kreuzungen der Musik und der Bildenden Kunst, dem Film und der Literatur. Nicht nur Nirvana sind aus ihrem Umfeld entsprungen – auch für viele andere, heute millionenschwere Künstler war Sonic Youth der perfekte Nährboden für ihren Erfolg.
Marco Kamber: Hallo Thurston. Wo bist du gerade?
Thurston Moore: In Götheborg, Schweden.
Wie war das Konzert gestern?
Sehr angenehm, es war im Nefertiti, einem bekannten Jazzclub, in dem schon Leute wie Pharoah Sanders und McCoy Tyner spielten, was es für mich sehr aufregend machte.
Du bist auf Tour mit deiner neuen Band Chelsea Light Moving. Die Reviews des kürzlich erschienenen Albums sagen, es knüpfe dort an, wo Sonic Youth vor einigen Jahren verstummt ist. Doch fehlt heute eine wichtige Komponente, die damals Sonic Youth ausmachte: Die typische Art des Aufbaus der Songs, die speziell gestimmten Gitarren, die Noise-Wände; all das war damals neu und irritierte das Publikum.
Oh ja, ich weiss, es ist überhaupt nicht mehr so überraschend wie damals.
Wie gehst du damit um?
Es geht mir heute mehr um die Magie eines funktionierenden Songs, um die Energie, die ein Musikstück verkörpern kann. Es wäre falsch, das damalige Feuer in die Gegenwart zu transportieren zu versuchen. Ich will nicht vortäuschen etwas zu sein, das ich nicht bin. Mittlerweile habe ich eine gewisse Sprache, die sich etabliert hat. Aber du hast recht – die Leute haben in den letzten zwanzig, dreissig Jahren gelernt diese Sprache zu verstehen. Das Publikum ist nicht mehr geschockt wie früher. Ich sehe das aber eher als Erfolg, und nicht als Problem. Ich bin interessiert daran, Musik zu machen, die von der typischen Sonic Youth/Thurston-Songwriting-Formel abweicht.
Und arbeitest du daran?
Schon, aber andere Projekte sind mir wichtiger. Ich arbeite gerade an einigen Ideen im Bereich der Literatur, des Kinos. Generell interessieren mich Strategien, die die elektrische Gitarre an verschiedene Orte bringen. Diese Arbeitsweise, bei der es keine medialen Grenzen gibt, war immer auch schon für Sonic Youth sehr typisch.
Was machen die anderen denn gerade?
Lee Ranaldo arbeitet an diversen Projekten: Letztes Jahr kam seine dreizehnte Soloplatte heraus, Between The Times And The Tides. Nun schreibt er gerade in Berlin an einem Stück für ein Streichorchester. Kim macht sehr experimentelle Gitarrenmusik, zusammen mit Bill Nace. Dieses Projekt, Body/Head, gefällt mir sehr gut. Und unser Schlagzeuger, Steve Shelly, spielt in verschiedenen Bands; zusammen mit Lee Ranaldo, aber auch mit den jüngeren Disappears.
Ich habe die Disappears gesehen, letztes Jahr in der Grabenhalle. Auch Lee Ranaldo sah ich vor einem Jahr an der Bad Bonn Kilbi. Bei Sonic Youth war niemand Kopf der Band – alle sollten gleich wichtig sein. An der Bad Bonn Kilbi klebte das Publikum aber am linken Bühnenrand, alle wollten vor Ranaldo stehen, die anderen zwei Gitarristen interessierte niemanden. Wie sieht es bei Chelsea Light Moving diesbezüglich aus?
Gundsätzlich mag ich es nicht, im Rampenlicht zu stehen, wie etwa letztes Jahr, als ich mit meinem Solo-Album Demolished Thoughts auf Tour war. Ich mag die Idee der Band mit einem Namen, die wie eine Gang in die Stadt kommt, ihre Musik spielt und am nächsten Morgen wieder weiterzieht. Das war schon immer das romantische Ideal für mich. Ich will nicht die Thurston Moore Show sein, auch wenn ich nun bei Chelsea Light Moving ziemlich der Chef bin. Ich schreibe zwar die Songs, aber versuche die Natur der Band demokratisch zu halten. Ich sage der Bassistin nicht, was sie spielen muss – ich habe die Band so zusammengestellt, weil ich die Musiker mag.
Du kennst sie schon lange?
Ich arbeite schon seit drei Jahren mit ihnen zusammen – das ist nichts neues. Es ist eigentlich mehr ein neuer Bandname als eine neue Band. Mit dem Schlagzeuger John Moloney habe ich schon Duo-Platten gemacht und auch mit seiner Band, Sunburned Hand of the Man, zusammen gespielt. Vom Schlagzeuger Keith Woods habe ich unter dem Namen Hush Arbors Platten veröffentlicht, auf meinem eigenen Label Ecstatic Peace. Samara Lubelski hat schon bei meinen Soloalben Demolished Thoughts und Trees outside the academy Violine gespielt.
Bei Chelsea Light Moving spielt sie Bass. Es gibt eine klassische Rockbesetzung: Schlagzeug, Bass und zwei Gitarren.
Ja, das ist genau das, was ich im Moment machen will – schwere No-Wave Rockmusik. Wobei, manchmal würde ich gerne alles wegwerfen, in eine abgelegene Hütte ziehen und zehn Jahre lang nur Poesie schreiben. Ich überlege es mir ernsthaft.
Das Schreiben interessiert dich schon immer.
Die Literatur ist ein grosser Teil in meinem Leben. Im Sommer lehre ich an der Naropa Universität, einer Schule in Colorado, die 1947 unter anderem von Allen Ginsberg gegründet wurde. Ich gebe dort Kurse in poetischem Schreiben. Zudem stelle ich gerade einen kleinen Verlag auf die Beine: Ecstatic Peace Library.
Bist du deshalb nach London gezogen?
Unter anderem, genau. Ich bin mich am Einleben, fasse gerade Fuss. Oft spiele ich improvisierte Musik mit Leuten aus dem Jazz, wie John Butcher, Steve Noble oder Alan Wilkinson. Meistens im Cafe Oto, welches ein bekannter Treffpunkt für Leute mit Interesse an experimenteller Musik ist.
Man sagt, musikalisch sei London derzeit eine der interessantesten Städte Europas.
Ja, das Gefühl habe ich auch. Ausser dass die meisten Orte um zehn Uhr abends schliessen. Es ist leider keine Nacht-Stadt. Die Nacht wird grösstenteils aus betrunkenen, schwierigen Typen geprägt (lacht). Es gibt einfach kein anspruchsvolles Nachtleben, der Community-Gedanke dabei wird unterschätzt. Eine Stadt, die abends um zehn zu macht, wirkt sehr restriktiv auf die Entwicklung gewisser Aspekte unserer Kultur.
Trotzdem herrscht derzeit ein Run auf die Stadt. Bildende Künstler, Musiker, Designer ziehen nach London.
Das tut der Stadt gut. Dadurch wurde auch diese Strenge der Stadt etwas aufgebrochen. Ganz plump: heute bekommst du in London auch gesundes Essen – das war nicht immer so. Auch die Kunstszene ist pulsierend, und die Leute lesen hier noch Bücher, was in Amerika nicht mehr der Fall ist.
Und die Musik? Verfolgst du das Geschehen?
Ich beobachte immer, was gerade läuft, ja. Es gibt hier eine Band, die ich ein paar mal live gesehen habe: Die Savages. Sie sind sehr gut, aber mich interessiert, was von ihnen als nächstes kommt. Das sehe ich oftmals als ein Problem heutiger, junger Bands. Sie kommen fertig geformt daher, oftmals schon bei ihrer ersten Platte. Das mag noch so gut klingen, doch wenn alles zu feingeschliffen ist, kann es sich nicht mehr entwickeln.
Ein Problem, an dem die Pop-Maschinerie schuld ist? – Der Zwang, nur Fertiges zu veröffentlichen?
Vielleicht, ja. Viele Bands wirken schon «vollkommen», wenn sie das erste Mal mit einer Platte aus dem Stall gelassen werden. Ich interessiere mich generell eher für Bands, die nicht fertig geformt sind, bei denen man sich eine mögliche Zukunft ausmalen, sich auf eine Weiterentwicklung freuen kann.
Das zeichnete auch Sonic Youth immer aus. Und nicht nur bezogen auf die Musik, auch auf das künstlerische Umfeld. Kennt man die Biografie, weiss man: Ziemlich viele, die mit euch aufgewachsen sind, gehören heute in ihren Disziplinen zu den Grössten; Nirvana, die du damals dem Label Geffen empfohlen hast, aber auch viele Künstler, wie Raymond Pettibon oder Gerhard Richter, die Artworks für Eure Alben gemacht haben. Auf Chelsea Light Moving werden einige dieser Künstler rezitiert. William Burroughs, mit dem ihr befreundet wart, Philip Glass …
Genau. Chelsea Light Moving ist nicht nur der Titel der Band und dessen Platte, sondern war auch der Name einer Umzugsfirma der beiden Komponisten Philip Glass und Steve Reich. In den frühen Achtzigern mieteten sie einen Van und haben diese Anzeige in der Zeitung geschaltet: «Chelsea Light Moving». Sie erhofften sich dabei einen kleinen Nebenverdienst, zügelten Dinge im Chelsea-Quartier herum, aber eben nur «light», um sich nicht zu verletzen. Zu Burroughs: Er hat mich und Sonic Youth schon immer irgendwie begleitet. Etwa in der Art, wie wir unsere Texte schrieben; Viele sind mittels Montage, der Cut-Up-Technik, für die Burroughs bekannt war, entstanden.
Zurück zur Schweiz. Warum kommt ihr immer wieder zurück ins Bad Bonn nach Düdingen? Der Ort hat den Ruf des besten Musikclubs der Schweiz. Ist dir das bewusst?
Klar! Das Bad Bonn ist wirklich gut, es ist ein schöner Ort, und mir gefällt die Idee eines Clubs mitten im Nichts, der aber immer wieder Besucher aus dem ganzen Land anzieht. Zudem sind die Leute vor Ort immer sehr bemüht und kümmern sich liebevoll um uns.
Triffst du Catherine und Nicholas Ceresole, die beiden Schweizer Archivaren der damaligen New Yorker Musikszene noch?
Leider viel zu selten! Seit die beiden New York verlassen hatten, leben sie in Rolle, beim Genfersee. In den Achtzigern haben wir sie dort manchmal besucht, wie andere Musiker auch. Sonst sehen wir sie eigentlich nur noch, wenn wir im Bad Bonn spielen. Ich hoffe, sie kommen auch am Freitag vorbei!
Chelsea Light Moving spielen heute Freitag, 21.6., im Bad Bonn in Düdingen. Tickets gibt es noch im Vorverkauf.
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