, 9. April 2014
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Ticket nach Moskau

Bloss weg hier, zurück nach Moskau: Das ist das Leitmotiv in den «Drei Schwestern» von Anton Tschechow. Das Theater St.Gallen spielt den Klassiker der Langeweile und Sinnsuche.

«Nach Moskau» wollen Olga, Mascha und Irina zu Beginn des Stücks, lieber heute als morgen. Weg vom Land in die Metropole, von der verhassten Provinzöde zurück in die idealisierte Stadt der Kindheit. Am Ende des Stücks, fünf Jahre später, ist Moskau weiter weg als je zuvor. Uraufgeführt worden ist das Stück 1901 – das scharfsichtige Sittenbild einer Gesellschaft, die sich zu Tode langweilt im Nicht-am-richtigen-Ort-Sein, im Nicht-Tun und Nicht-Liebenkönnen, im Gefühl, zur russischen Spezies des «überflüssigen Menschen» zu gehören.

«Nach Moskau» beziehungsweise «Moskau einfach!»: Das war im Kalten Krieg die Schimpfparole gegen alles, was von weitem kommunistisch klang und roch. Lange her… – und heute? «Nach Moskau» will im Moment kaum jemand. Putins Moskau ist das personifizierte Böse, der Wut- statt Sehnsuchtsort, Herrschaftssitz eines bedrohlichen neuen Zaren. Was also soll man tun mit diesem Moskau-seligen Tschechow-Stück?

Vielleicht gibt es uns gar nicht

Tim Kramer verzichtet am Theater St.Gallen auf jede politische oder sonstwie zeitgenössische Anspielung. Vermutlich ist das klug, weil Tschechows Diagnose zwar aus der Zeit geschrieben, jedoch nicht an Zeit und Ort gebunden ist. Sein «Moskau» ist Chiffre für das ewig Unerfüllbare, das die Menschen seit je und bis heute umtreibt. Dies allerdings würde man gern «aktualisiert» sehen, nämlich in packenden Figuren, in zugespitzten Konflikten, wie sie der Menschenkenner Tschechow mit Sätzen erschafft, in denen äusserlich nichts passiert und innerlich Welten zusammenbrechen.

Solche Tiefenschärfe vermisst man etwas in der St.Galler Inszenierung. Am meisten interessiert uns einer, der schon bei der letzten hiesigen «Drei Schwestern»-Produktion 1997 im Ensemble war, damals als Maschas Liebhaber Werschinin, jetzt als alter Arzt Tschebutykin: Bruno Riedl. In seinem Säuferelend benennt er als Einziger das Versteckspiel der Gefühle und Lebenslügen. Vielleicht bilden wir uns unsere Existenz bloss ein, sagt er und pustet sich lachend weg. «Ist doch egal». Nihilismus in Hochform.

Drei Schwestern / Tschechov

Die drei Schwestern (von links: Andrea Haller, Diana Dengler, Wendy Michelle Güntensperger) sind zwar klar gezeichnet – die schwermütige Mascha, die sorgenvolle Olga, die aufbrausende Irina –, aber rasch durchschaut. Das gilt auch für ihren weltfremden Bruder Andrej (Matthias Albold) und für ihre Verehrer, Gatten, Liebhaber und das sonstige Personal im karg möblierten, teppichbelegten Salon der Prosorows: Der Virus der Langeweile und Entwicklungslosigkeit greift ihnen im Verlauf der drei Spielstunden immer stärker ins Genick.

In der Müdigkeitsverzweiflung

Die Inszenierung weiss aus dieser Müdigkeitsverzweiflung keinen Ausweg. Vor fünfzehn Jahren hatte Regisseurin Irmgard Lange die Ereignislosigkeit des Stücks mit einer Fülle surrealer kleiner Bühnen-«Ereignisse» kontrastiert. 2014 verzichtet Tim Kramer auf solche Einfälle, vergibt sich damit aber Spielmöglichkeiten. Die massiven Säulen (Bühne: Gernot Sommerfeld) böten allerhand Gelegenheit, etwa zum Psycho-Versteckis, doch bleiben sie ungenutzt. Ebenso die alte Uhr, die das unerbittliche Vorrücken der Zeit symbolisieren mag – aber erst spät in den Blick kommt, als Riedl sie im Suff kaputtschlägt. Und der Auftritt der vom Brand obdachlos gewordenen armen Dorfbewohner gerät irritierend pittoresk.

Der Theaterpublizist Siegfried Melchinger hat den Blick Anton Tschechows, des Arztes und Autors, einmal «wissenschaftlich» genannt. Und definiert, was dies auf der Bühne erfordere: «äusserste Kälte», das Gegenteil von Stimmung oder Realismus. An dieser Aufgabe arbeiten sich die Theater seit mehr als hundert Jahren ab. St.Gallen tut es diesmal mit grossem Engagement des beinah vollständigen Ensembles, samt einem Comeback des langjährigen Publikumslieblings Diethelm Stix – aber mit zwiespältigem Ergebnis. Ein Ticket «nach Moskau» ist dennoch lohnend und kaum je sonst so preiswert (von Fr. 21.- bis zu Fr. 55.-) zu haben.

Bilder: Tine Edel

Nächste Vorstellungen: 9., 11., 14., 15., 17. April

www.theatersg.ch

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