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Tohuwabohu des Irrsinns

In der St.Galler Lokremise wird «Versetzung» des deutschen Autors Thomas Melle gespielt. Das Stück führt uns das Stigma einer psychischen Krankheit vor Augen. Es ist auch ein Paradebeispiel für die Intellektualisierung eines Stoffes.
Von  Frédéric Zwicker , 
Rupp (Fabian Müller, 2. von rechts) wird bedrängt von Bruno Riedl, Tobias Graupner und Catriona Guggenbühl. (Bilder: Tanja Dorendorf)

Das Juni-Heft von Saiten mit dem Titel Störung hat sich psychischen Krankheiten gewidmet. Eine zentrale Feststellung war, dass diese – trotz grossen Fortschritten in den letzten Jahren – nach wie vor tabuisiert werden und Aufklärung weiterhin dringend nötig ist. Wie sich psychische Krankheiten äussern können, was sie für Betroffene und ihr Umfeld für Folgen haben und wie die einen und die anderen mit ihnen umgehen sollten, darüber wissen viel zu viele nach wie vor viel zu wenig.

Das Stück Versetzung des deutschen Autors Thomas Melle (mehr dazu hier) leistet einen Beitrag in Sachen Aufklärungsarbeit. Melle leidet selbst an einer manisch-depressiven Störung. Er macht seine Krankheit in verschiedenen Werken zum Thema. Zum Beispiel im Roman Die Welt im Rücken, der 2016 bei Rowohlt erschienen ist. Oder eben in diesem Stück, das 2017 in Berlin uraufgeführt wurde und am Donnerstag in der Lokremise seine stark applaudierte Schweizer Premiere feierte.

Allein mit sich und der Welt: Fabian Müller (Mitte), Ensemble.

Der Inhalt lässt sich grob in drei Sätzen zusammenfassen: Der bei Schülern und Kollegen beliebte Lehrer Ronald Rupp soll den Posten des Schulleiters übernehmen, obschon von Seniorität und Stellung her ein anderer Anspruch hätte. Rupp wurde während seines Studiums mit einer manisch-depressiven Störung diagnostiziert, war aber seither durch die Einnahme von Psychopharmaka stabil und ohne Episoden. Als Lehrer- und Elternschaft allerdings Wind von seiner Krankheit bekommen, beginnt eine Hexenjagd, die ihn schliesslich nicht bloss die Beförderung, sondern auch seine Lehrerstelle und die Ehe kostet.

Alle und alles eskalieren

Es fängt alles so gut an. Rupp erfährt von der Beförderung, die der abtretende Schulleiter bereits in die Wege geleitet hat. Er muss der richtige Kandidat sein. Die vielfältigen Anforderungen, die von den anderen Lehrern, den Eltern und seinen Schülern an ihn gestellt werden, erfüllt er souverän, wie die zweite Szene zeigt.

Erste Zweifel, die mit Blick auf seine schlummernde Krankheit und die öffentliche Exponiertheit der Stelle aufkommen, redet ihm seine Frau Kathleen am Abend aus. Champagner also! «Nicht für mich», sagt Kathleen. Ihre Schwangerschaft ist die zweite grosse Neuigkeit des Tages.

Bedrohte Zukunft: Fabian Müller, Pascale Pfeuti, im Hintergrund Musiker Nico Feer.

Eine wirklich frohe Kunde ist sie für Rupp allerdings erst, als ihm seine Frau Gedanken an die genetische Vererbbarkeit seiner Krankheit ausgeredet hat. «Also gleich in allen Bereichen auf Vollgas!» Rupp entscheidet sich tapfer für begeisterten Optimismus. Und spätestens da ahnt man im Publikum, dass diese Geschichte kein gutes Ende nehmen wird.

Schon bald eskalieren tatsächlich alle und alles. Ein Vater ist Elternsprecher und strikter Impfgegner. Sein Sohn droht durchzudrehen, während eine Schülerin diesen Vorgang beschleunigt. Der übergangene Lehrer mit Anspruch auf den Direktionsposten sucht nach Stoff für Intrigen. Die Philosophin ist ein Fähnlein im Wind. Und dann bringt sich auch noch eine weibliche Unibekanntschaft mit offensiven Reizen und einem prall gefüllten Nähkästchen ins Spiel, die weiss, wie der Rupp damals war, als er nicht er selber war.

Der Kranke sieht sich als der Gesunde

Inmitten dieses allgemeinen Wahnsinns passiert das Unvermeidliche: Rupp erleidet einen weiteren Ausbruch seiner Krankheit. Und das ist die spannendste und stringenteste Phase des Stücks: wenn die Krankheit sichtbar wird, wenn Rupp durchdreht. Das Geniale daran ist, wie es Melle und Schauspieldirektor Jonas Knecht, der für die Inszenierung verantwortlich ist, gelingt, begreifbar zu machen, dass der Kranke sich in seiner Manie als den Gesunden sieht. Ihm scheinen alle anderen den Verstand zu verlieren. Die Kombination von sprachlichen und schauspielerischen Mitteln, die zu diesem Zweck eingesetzt werden, ist äusserst gelungen.

Nächste Vorstellungen 19., 23., 27. September. Nachgespräche mit Psychiatriefachleuten nach den Vorstellungen vom 27. September, 23. Oktober und 21. November
theatersg.ch

Diese interessanteste Phase macht das letzte Viertel des knapp zweistündigen Stücks aus. Die Hexenjagd auf den Lehrer bahnt sich an und nimmt ihren Lauf über die restlichen eineinhalb Stunden. Und so relevant es sein mag, die Angst vor dem Wiederausbruch der Krankheit eines Betroffenen zu zeigen und die Vorurteile und Vorbehalte, die in unserer Gesellschaft nach wie vor verbreitet sind, so vorhersehbar ist diese Entwicklung eben auch. Man denkt beispielsweise an den dänischen Film Die Jagd von Thomas Vinterberg, der die verstörenden Folgen davon aufzeigt, dass Mads Mikkelsen als Kinderbetreuer unschuldig in den Verdacht gerät, ein Pädosexueller zu sein.

Schwere Theorielast

Hinzu kommt, dass alle Figuren ziemlich plakativ und überdreht wirken. Das kann man zwar als Hinweis darauf interpretieren, dass wir doch alle, und nicht nur die Diagnostizierten, auf die eine oder andere Art verrückt sind. Es führt aber auch dazu, dass alles ein wenig überladen wirkt und die Tragik der Krankheit im Tohuwabohu des allgemeinen Irrsinns an Dringlichkeit einbüsst. Dadurch ist auch die Betroffenheit beim Publikum nicht so gross, wie es dem Thema angemessen wäre.

Am Boden: Müller, Pfeuti.

Die Schauspieler (Fabian Müller in der Hauptrolle sowie Tobias Graupner, Catriona Guggenbühl, Oliver Losehand, Pascale Pfeuti, Bruno Riedl, Seraphina Maria Schweiger und Stefan Schönholzer) müssen nicht bloss Menschen in einem Stück verkörpern. Sie spielen alle auch gesellschaftliche Phänomene und Debatten wie #metoo, Amokläufe an Schulen, Mobbing, Verschwörungstheorien, Geschlechterrollen und anderes mehr. Gepaart mit einer Sprache, die verdeutlicht, wie klug und eloquent der Autor denkt und schreibt, wirkt das alles ein wenig intellektualisiert. Versetzung ist modern und regt auf vielen Ebenen zum Denken an. Das Stück wirkt dadurch auch technisch und kopflastig. Man könnte sagen: Erstwelttheater.

Bestechend umgesetzt ist übrigens die musikalische Begleitung des Bühnengeschehens. Nico Feer (unter anderem bei Baby Jail) ist als Musiker sichtbarer und hörbarer Teil der Inszenierung, auch wenn er sich in seinem weissen Anzug beinahe in der klinischen Nüchternheit des Bühnenbilds (Ausstattung Markus Karner) auflöst.

 

 

 

 

 

 

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Heftvorschau 10/26
Erntehilfe, Unterwasser, Bücherherbst

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Saiten 2610 Cover