Georg Gatsas ist einer, der die Nase im Wind hat, die Welt im Blick und die Zukunft im Kopf. Davon zeugen auch seine Arbeiten als Fotograf: In New York beschäftigt er sich Mitte der Nullerjahre mit den Industrial-Pionieren, später in London widmet er sich der florierenden Dubstep- und Grime-Szene, und seine jüngste Serie führte den gebürtigen Rorschacher nach Südafrika, wo er die treibenden Kräfte der überbordenden Musik- und Kunstszene in Johannesburg abgelichtet hat.
Seine Bilder sind nicht einfach nur Fotografien. Auch Jahre später ist Gatsas noch mit vielen seiner Protagonistinnen und Protagonisten in Kontakt, diese vernetzen sich untereinander und verwenden seine Arbeiten regelmässig auch für eigene Zwecke. Deshalb einen narrativen Bogen um sein Werk zu spannen, wäre aber der falsche Ansatz, denn die Geschichten hinter den Menschen sind so unterschiedlich wie komplex und die jeweiligen Szenen alles andere als homogen, nicht zuletzt, weil sie meist im Kontext von «global cities» entstanden sind, sprich an Orten, die zwar geografisch einigermassen begrenzt, aber gleichzeitig extrem flüchtig, unbeschreiblich und transkontinental vernetzt sind.
Georg Gatsas – Are You … Can You … Were You?: bis 11. Februar, Kunstmuseum St.Gallen kunstmuseumsg.ch
Der scheinbare rote Faden in Gatsas’ Werk ist die Musik; der Bass und das Subversive. Seine Bilder bergen aber weitaus mehr als den situativen Einblick in vermeintliche Subkulturen. Sie erzählen vom urbanen Leben, von Gemeinschaft, Gentrifizierung, prekarisierten Lebensumständen, zu Tode ökonomisierten Innenstädten, vom ständigen Unterwegs-Sein und von der postmigrantischen Vielheit. Am besten gefällt mir, dass Gatsas praktisch nie in die sonst überall grassierende Nostalgie verfällt. Seine Bilder sind jenseits gängiger Zuschreibungen und haben, wenn überhaupt, nur eine Richtung: vorwärts.
Viele Stimmen, viele Ansprüche
Anlässlich der laufenden Gatsas-Ausstellung zum Manor-Kunstpreis 2016 im St.Galler Kunstmuseum ist im Dezember das Buch Signal The Future erschienen. Es enthält eine Auswahl seiner Werke seit 2008 – «ein Portrait aus London», wie er sagt, mit Fotos unter anderem von Kode9 vom Label Hyperdub, Flowdan, Visionist, Mary Ann Hobbs und Fatima Al Qadiri – und Essays von Mark Terkessedis, Rory Gibb, Mark Fisher und Adam Harper, die je einen Aspekt beleuchten und in Bezug zu Gatsas’ Arbeiten setzen.
Fatima Al Qadiri.
Der Autor und Migrationsforscher Terkessidis nimmt sich dem zukünftigen Sound der Parapolis an, der «quasi illegitimen ‹para›-Version der Polis», also der Stadt. «Dieser Ort ist nicht leicht zu begreifen. Viele Probleme müssen auf einmal bearbeitet, viele Stimmen gleichzeitig gehört und viele Ansprüche zu jedem Zeitpunkt miteinander vermittelt werden», schreibt er und fragt: «Können solche entgrenzten, unübersichtlichen und widersprüchlichen Städte einen Sound haben?»
Lecture & Screening mit dem südafrikanischen Künstlerkollektiv CUSS GROUP: 8. Februar, 19 Uhr, Kunstmuseum St.Gallen. Im Anschluss Mzantsi! South African Club Night im Palace St.Gallen mit Faka (ZA), Manthe Ribane (ZA) & Kami Awori (CH) und Osram (CH).
Um ebendiesen «Sound», sofern er denn existiert, geht es in den Texten der Autoren Rory Gibb und Adam Harper. Going viral: Verschobene Signale der Zukunft titelt Harper und erklärt, wie Migration und die neuen digitalen Technologien die Plattformen, Möglichkeiten und Ästhetiken der Underground-Musikszenen verändert haben und noch weiter tun werden. Rory Gibb schlägt etliche Brücken zwischen den Bildern von Gatsas, dem hyperkapitalistischen London und der Entwicklung von Dubstep, Grime oder UK Funky. Was die Zukunft der elektronischen Musik im heutigen London angeht, kommt er zu einer durchaus positiven Message: «Tomorrow ist now, kid!»
I can’t take no more
Der Essay des Kulturwissenschaftlers Mark Fisher trägt den Titel «If I trust you»: London jenseits des Kapitalistischen und zeichnet ein düsteres Bild der Gegenwart. «In London waren wir alle Laborratten in einem nicht-offiziellen Experiment, dessen Ziel es war zu entdecken, wie weit die Neoliberalisierung gehen kann», schreibt er. «Wie weit kann das Kapital eine Bevölkerung unterjochen, bevor die Verhältnisse unerträglich werden? Scheinbar konnte die Stadt nur wegen der Beharrlichkeit ihrer Einwohner so lang funktionieren.»
Der Neoliberalismus sei in Wahrheit keine politische Ideologie, sagt Fisher, sondern «ein alles durchdringendes Programm, das unsere Fähigkeit zur Intimität ebenso sehr verwüstet hat wie es die Versorgung mit Sozialleistungen zerstört hat». Die Folgen: Entsozialisierung und der Verlust der Fähigkeit, sich gegenseitig zu vertrauen und umeinander zu kümmern.
Gatsas G., Kunstmuseum St.Gallen (Hrsg.): Signal The Future. cpress Zürich und Loose Joints London, 2017, Fr. 42.–
Wie sehr er selber darunter leidet, beschreibt er anhand einer Zugfahrt nach London zwei Tage nach den Parlamentswahlen 2015, die von den Konservativen gewonnen wurden: «Die Verbindung ist unheimlich zwischen dem, was ich lese, wie ich mich fühle und was ich höre – eine einsame gesampelte Stimme, die ‹I can’t take no more› singt. Während ich weine, bemerke ich, wie sich der Dunst aus niedrig gehängten Erwartungen und stiller Angst aufgelöst hat, der Grauschleier einer mich umhüllenden Depression hat sich in einen alles zerreissenden Kummer verwandelt.» Sein bewegender Essay liest sich wie eine Ankündigung, auch wenn er mit einer zagen Hoffnung endet: Mark Fisher hat sich am 13. Januar 2017 das Leben genommen.
Die Zukunft ist nicht weiss
Die Essays zu den Bildern von Gatsas sind durchaus bereichernd, haben allerdings einen Schwachpunkt, denkt man an den Titel des Buchs, Signal The Future: Sie wurden alle von weissen Europäern geschrieben. Die Zukunft ist nicht weiss, und sie ist auch nicht männlich. Eine weibliche Stimme und/oder eine «of colour» hätten der intellektuellen Auslegeordnung gut getan, denn wenn es um die Zukunft geht, müssten sie ebenfalls zu Wort kommen und nicht nur abgebildet werden.
Manthe Ribane.
Er habe es ja versucht, erwidert Gatsas auf diese Kritik, aber alle kompetenten weiblichen oder nicht-weissen Autoren seien leider ausgebucht gewesen, in der Zeit, in der das Buch entstanden ist. Vermutlich ist der Anspruch, Frauen und People of colour bewusst sicht- und hörbar zu machen, ohnehin noch viel zu sehr im Heute verhaftet, wo derartige Kategorien nach wie vor eine Rolle spielen.
Die Zukunft sollte kein Geschlecht und keine Hautfarbe haben, sondern vielmehr die Möglichkeit, gemeinsam alles und nichts zu sein. Ähnlich wie Terkessidis das Label PAN beschreibt, das auf jegliche Bezeichnungen für seine Musik verzichtet: «Bei Pan gibt es keinen verbindenden Sound, keine Idee vom ‹nächsten grossen Ding›, keine Jugendkultur, keinen lokalen Bezug – im Zentrum stehen allein das Experiment und die Möglichkeit der Zusammenarbeit.
Flowdan.
Dieser Beitrag erschien im Januarheft von Saiten.
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