Im Dezember wurde der 17. Trogener Kunstpreis für Künstler:innen mit Behinderung an Kevin Günter, Sandrine Mbala und Dejan Suvajac verliehen. Jetzt zeigen sie ihre Werke in einer Gruppenausstellung in der Bibliothek der Fachhochschule Ost in St.Gallen. Die Ausstellung hat Wohnzimmercharakter: Kuratorisch bespielt werden zwei Wände zwischen den Bücherregalen und die Umfassungen zweier Oberlichter.
Die vierköpfige ehrenamtliche Kusntpreis-Jury, welche gleichzeitig auch kuratiert, setzt sich folgendermassen zusammen: Da sind zum einen Brigitta Bertozzi, Kunsttherapeutin mit eigenem Atelier, und der Sozialarbeiter Roberto Bertozzi; zum anderen die Sozialpädagogin Janine Minder sowie der Kunsttherapeut und Kunstassistent Thomas Staroszynski.
Die schwierige Auswahl der prämierten Werke ist, wie in den Jahren zuvor, einstimmig über die Bühne gegangen. Wir haben die Vier im Atelier «Vielraum» an der Ulmenstrasse zum Gespräch getroffen.
Saiten: Der Trogener Kunstpreis wird seit 2005 verliehen. Was ist das Besondere an diesem Preis?
Roberto Bertozzi: Der Preis will die Kunst von Menschen mit mentaler und/oder körperlicher Behinderung würdigen. Darum geht es. Doch beim Anschauen und bei der Auswahl der Kunstwerke hat das keinerlei Einfluss.
Brigitta Bertozzi: Dass der Fokus auf den Menschen mit Behinderung liegt, hat für mich vor allem damit zu tun, dass viele von ihnen überhaupt keine Lobby haben und oft auch nicht selbst im Stande sind, sich eine öffentliche Plattform zu schaffen; zum Teil, weil sie nicht reden können bzw. keine konkrete Idee haben, wie sie ihre Anliegen angehen könnten.
Sandrine Mbala
RB: Von aussen, und das ist jetzt nicht vorwurfsvoll gemeint, werden sie aber auch so stark und einseitig in ihrer Behinderung wahrgenommen, dass viele gar nicht sehen, was da an kreativer Arbeit entsteht. Selbst in den eigenen Familien, so meine Erfahrung, wird der Wert dieser Arbeiten nicht immer erkannt.
Thomas Staroszynski: Gleichzeitig ist die richtige Antwort auf die Frage, was den Preis ausmacht, dass es ein Preis ist, der im Grunde genommen überflüssig sein müsste; weil wir ja immer auch mit dem Festlegen von Menschen auf eine Lebenssituation ringen und eigentlich damit beschäftigt sind, Barrieren abzubauen.
Kevin Günter: Tanz auf grünen Wiesen
Janine Minder: Wichtig ist natürlich auch, die betreuenden Institutionen mit ins Boot zu holen. In den meisten gab es ja lange Zeit kein Bewusstsein oder irgendeine geartete Wertschätzung für die Arbeiten der Menschen mit Behinderung. Hin und wieder wurden die entstandenen Werke sogar vernichtet. Das muss man sich mal vorstellen.
Hat sich die Einstellung mittlerweile verändert?
TS: Alleine, dass es auch einen europäischen Kunstpreis gibt, der mit grosser medialer Aufmerksamkeit verliehen wird, zeigt, dass sich die Dinge mittlerweile verändert haben.
Und konkret in der Ostschweiz?
RB: Vor allem zwei Personen haben sich in diesem Kontext einen Namen gemacht: Hans Ruedi Fricker und Simone Schaufelberger-Breguet. Und was grössere Institutionen angeht, fungierte das Museum im Lagerhaus (heute Open Art Museum, Anm. d. Red.) als ein wichtiger Wegbereiter.
Von wem wurde der Trogener Kunstpreis ins Leben gerufen? Was war die Hauptmotivation?
RB: So richtig ins Leben gerufen haben den Preis die eben Genannten: die Kulturjournalistin und ehemalige Leiterin des Museums im Lagerhaus, Simone Schaufelberger-Breguet, und der Konzeptkünstler H. R. Fricker.
BB: Fricker ist schon sehr früh ein Sammler derartiger Werke gewesen. Und bei Schaufelberger-Breguet war es ganz speziell: Von Beginn an hat sie ihre Aufgabe im Aufbau persönlicher Kontakte mit den Künstler:innen gesehen; beide sind sehr nah an den Menschen gewesen und haben sie sehr unterstützt und begleitet. Zum Teil haben sie auch die Künstler:innen geschützt.
JM: Sie haben nicht nur das Werk an sich gesehen, sondern stets auch den Menschen dahinter. Hatten damit einerseits ein Auge für die Kunst und andererseits ein Herz für die Künstler:innen.
Kevin Günter: Klang der Ruhe
TS: «Radikale Anteilnahme» ist das. Nicht so eine «von oben»- und «von aussen»-Betrachtung besonderer künstlerischer Arbeiten. Und was die Motivation angeht: Wahrscheinlich sind es die gleichen Gründe, die uns vor allem antreiben – Neugier und Freude.
Die aktuelle Jury ist nicht mehr die Jury von 2005. Manche von Ihnen sind seit zwei Jahren dabei, andere seit fünf oder sieben. Mit welchen Herausforderungen haben Sie zu kämpfen?
TS: Schon 2005 lautete der Auftrag, Menschen auf diese Kunst aufmerksam zu machen. Und auch heute ist noch die Frage: Wie schafft man das? Über die Biografie? Dass ein Mensch also mit einer Behinderung lebt? Oder über das Werk? Wir stellen erst einmal die Lebenssituation zur Seite und schauen konkret aufs Werk – es sei denn, wir brauchen eine Information, weil das künstlerische Schaffen über biografische Bezüge arbeitet, doch das begegnet uns relativ selten.
Ausstellung Trogener Kunstpreis: 24. März bis 27. April in der Bibliothek der Fachhochschule Ost in St.Gallen
Vernissage mit Apéro im Rahmen des BiblioWeekend: 24. März, 18 bis 20 Uhr
Kevin Günter, Sandrine Mbala und Dejan Suvajac sind die diesjährigen Preisträger:innen. Was zeichnet ihre Werke aus?
TS: Bei Kevin Günter finde ich spannend, dass man bei ihm Werk und Person stärker zusammen denken muss, weil er sprudelt vor Ideen. Er hat den Kopf voll toller Erfindungen. Und indem er sagt «Ich liebe das Experiment …» und dabei alle möglichen Techniken ausprobiert, erfindet er ganz beiläufig eine neue Stilrichtung.
Und welche?
TS: Er nennt sie Spaltismus. Wenn man ihn dazu befragt, merkt man schnell, dass er über grosses kunstgeschichtliches Wissen verfügt und genau weiss, was Picasso getan hat. Seine Aussage zu den Werken Picassos lautet knallhart: «Ja, da kann man noch einen Schritt weiterdenken!» Er spielt mit Kunsttraditionen, auch in so einer freudigen Leichtigkeit, die sich auch in den Arbeiten spiegelt.
Und die Arbeiten von Dejan Suvajac?
RB: Es sind vorwiegend themenspezifische Arbeiten – zum Beispiel zum Begriff «Fluchwörter». Dazu beschreibt er dünn gespaltene Holzscheite mit entsprechenden Unterbegriffen. Oder er nutzt den Oberbegriff «Licht», um Holzscheite assoziativ darunter zu verordnen; etwa «Polarlicht», «Diskokugel», «romantisch». Die einzelnen Scheite bindet er am Ende zu «Themenböscheli» zusammen.
Dejan Suvajac
Also Assoziationsketten?
RB: In gewisser Weise ja. Und zuallererst schreibt er die Dinge in ein Heft. Dazu hat er immer noch eine Biografie von einer Person, die er extra erfunden hat.
BB: Dejan ist ein wandelndes Lexikon.
RB: Und wenn er jetzt hier wäre, würde er Dir sicher auch mit Fragen kommen und Bezüge herstellen.
TS: Es ist wirklich faszinierend: Er studiert Telefonbücher, Adressverzeichnisse und hat dadurch ein gigantisches Verzeichnis im Kopf. Darum auch dieses Spiel mit den Worten und was halt alles miteinander zu tun hat.
Arbeitet er überwiegend mit Holz?
RB: Ja, das kann man so sagen. In seiner Institution arbeitet er in der Schreinerei.
Sandrine Mbala ist die dritte Preisträgerin. Was macht ihr künstlerisches Schaffen aus?
TS: Formal könnte man es als figurativ beschreiben. Dazu eine kleine Anekdote: Ich habe die Bilder von Sandrine Mbala einer Kollegin gezeigt und sie um ein ästhetisches Urteil gebeten. Sie hat die Sachen gesehen und sofort ein „Wahnsinnslächeln» im Gesicht gehabt. Das passiert eigentlich bei allen, die ihre Bilder das erste Mal betrachten. Aber man merkt schnell: Da ist noch mehr, ausser, dass es nur heiter macht.
JM: Sie malt so kraftvolle Figuren.
TS: Sie hat einen wirklich ganz persönlichen Blick auf Körper.
RB: Ausserdem verfügt sie über einen klar erkennbaren Stil und ihre Figuren sind unglaublich vielfältig.
TS: Wenn man sich ihre Zeichnungen genauer anschaut, dann stellt man schnell fest, wie erfahren sie ist. Wie souverän ihre Technik ist.
Wie darf man sich den Auswahlprozess vorstellen?
RB: Wir schreiben den Preis aus und bekommen dann die Eingaben der Künstler:innen zugesendet. 2022 waren es etwa 30. Aus diesen Eingaben wählen wir in der Regel fünf bis sechs Personen aus, die wir dann in die engere Wahl nehmen. Eine Art Shortlist. Im Anschluss besuchen wir die Künstler:innen in ihren Institutionen vor Ort.
TS: Dort wenden wir dann ein wesentliches Prüfkriterium an: die Frage, ob wir jetzt nur einen Zufallstreffer vor uns haben, also drei gute Blätter, oder ob sich hier jemand künstlerisch entwickelt bzw. weiterentwickelt.
RB: Nicht, dass das falsch verstanden wird: Wichtig sind uns alle 30 und nicht nur die drei Ausgewählten. Die Absagen formulieren wir daher mit grossem Fingerspitzengefühl. Wir wollen ja auch, dass die Künstler:innen weitermachen und sich durch die Reaktion von aussen motiviert und bestärkt fühlen.
TS: Das Entscheidende ist weniger der Wettbewerb, es gibt ja auch keinen ersten, zweiten oder dritten Preis, sondern drei ausgezeichnete Künstler:innen. Und im Zentrum steht einfach das Türen-Aufmachen.
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