«Hier sind wir in der Türkey, und da gehts aus einem andern Tone. Ich dein Herr; du meine Sklavinn; ich befehle, du musst gehorchen!» Soweit Osmin. Blonde, auch nicht faul, gibt zurück: «Türkey hin, Türkey her! Weib ist Weib, sie sey wo sie wolle! Sind eure Weiber solche Närrinnen, sich von euch unterjochen zu lassen, desto schlimmer für sie; in Europa verstehen sie das Ding besser.»
Man hört: Das ist eine Weile her. Genau 232 Jahre – 1782 wurde die «Entführung aus dem Serail» im Burgtheater Wien uraufgeführt, jetzt ist sie im Theater St.Gallen zu sehen und zu hören. Mozarts Musik ist noch so frisch wie damals. Aber mit der Story plagen sich die Theater landauf landab. Die Spanier Konstanze, Pedrillo und Blonde werden auf dem Mittelmeer von Piraten entführt, auf dem Sklavenmarkt vom mächtigen Bassa Selim gekauft und von dessen Diener Osmin geplagt, bis Konstanzes Geliebter Belmonte den Weg zum Palast findet und nach allerhand Ränken und Eifersuchtskomplikationen am Ende die «Entführung» zum Happy Ende kommt.
Wie kann man den naiven (falls er es denn ist), den jedenfalls zeitgebundenen Kolonialismus des Stücks heute in eine zeitgemässe Aussage bringen? Soll man ihn, teils gegen die Musik, ironisch brechen? Die Handlung aus dem orientalischen Ambiente in ein Fremdheits-Irgendwo versetzen? Auf die Liebesirrungen fokussieren? Oder auf die «humanistische» Volte im Finale, wenn sich der moslemische Herrscher Bassa Selim als «besserer Christ» herausstellt und seine Gefangenen in die Freiheit entlässt?
Am St.Galler Theater scheint sich Regisseur Johannes Schmid diese Fragen erst gar nicht zu stellen. Mozarts Singspiel, das als erste deutsche Oper gelten kann, spielt hier in einem ungebrochen orientalischen Raum (Ausstattung Michael Kraus). Die Bühne, für ein Kammerspiel zu gewaltig, bilden hochaufragende Gitterwände mit Arabesken, im Hintergrund ab und zu ein Kitschpanorama. Das Publikum wird schwellenfrei ins 18. Jahrhundert gebeamt, als gäbe es keine Flüchtlingstragödien auf dem Mittelmeer, keine Kopftuchdiskussionen im Rheintal und keinen IS-Terror.
Klar: Aktualisierung, welcher Art auch immer, wäre ein ungemeines Risiko. Osmins Hassarie «Erst geköpft und dann gehangen» hinterlegt mit Hinrichtungsvideo? Unmöglich. Aber Konstanze als Videoprojektion in Hollywoodmanier? Putzige Piratinnen, verschleierte Haremsdamen und ein Bassa Selim (Michael Ransburg in der Sprechrolle) mit steifem Herrscherpathos? – Die komplette Ignoranz gegenüber den heutigen interkulturellen Herausforderungen, die die Regie an den Tag legt, ist schwer nachvollziehbar. Umso weniger, wenn gleich um die Ecke, in der Pfalz, gerade wieder einmal eine ganze Batterie von moslemfeindlichen Vorstössen abgefeuert wird.
So hängt diese Produktion szenisch im Leeren – bleibt die Musik. Bleibt ein spielvergnügtes, mit Mozart’scher «geläufiger Gurgel» gesegnetes Buffo-Trio, vorneweg Levente Pall als Osmin, dessen Charme aus dem «bösen» Türken Osmin zumindest eine komplexere Figur macht, sowie Nik Kevin Koch als Pedrillo und Alison Trainer als Blonde. Die drei übersetzen Mozarts sprudelnden Musikhumor immer wieder treffend in szenischen Witz. Was beim «seriösen» Paar Konstanze (Jennifer O‘Loughlin) und Belmonte (Roman Payer) beide als Gäste in St.Gallen, zu kurz kommt und zu konventionell bleibt.
Otto Tausk treibt das Sinfonieorchester St.Gallen jugendlich übermütig durch die Partitur, mit Tempi teils an der oberen Grenze der (musikalischen) Verständlichkeit. Die Texte versteht man auch nicht immer. Vielleicht soll das so sein.
Weitere Vorstellungen: theatersg.ch
Bilder: Theater St.Gallen/Andreas J.Etter
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