Die Berichterstattung über die politische Lage in der Türkei, die drohende Diktatur, Enthüllungen über Spitzeleien des türkischen Geheimdienstes in Europa lenken die Medien davon ab, was im Südosten der Türkei passiert. Jenseits der alltäglichen Repressionen gegen die kurdische Bevölkerung zerstören gigantische Bauprojekte eine einzigartige Natur und eine uralte Kultur. Unbeachtet von der Weltöffentlichkeit werden immer mehr Kulturgüter, die nicht islamisch sind, ganz in IS-Manier von der türkischen Regierung zerstört.
Neben den Zerstörungen in den kurdischen Städten im Südosten hält die Türkei am umstrittenen Ilisu-Staudammprojekt fest. Durch dieses Bauvorhaben soll die 12’000 Jahre alte Stadt Hasankeyf geflutet werden und mit ihr ein Teil der kurdischen Identität. Dieser riesige Staudamm dient zudem auch dazu, mit Wasser Krieg gegen die Kurden in der Region zu führen: Mit ihren Staudämmen kann die Türkei Syrien und dem Irak das Wasser abdrehen. Gegen die Kurden und Christen in Nordsyrien wurde diese Waffe bereits eingesetzt.
Desweiteren finden sich in der Provinzhauptstadt Diyarbakir (kurdisch Amed) die 7000 Jahre alten Hevsel-Gärten, die 2015 zum Unesco-Weltkulturerbe ernannt wurden. Seit dem Beginn der Kämpfe und Zerstörungen hat das Management der Unesco-Welterbestätte in Amed immer wieder versucht, die Vernichtung der Kulturgüter und Bebauung zu stoppen. Weiter forderte sie die umgehende Entsendung einer gemeinsamen Mission in die Stadt. Ohne Erfolg: Vielleicht zum ersten Mal in der Geschichte der Unesco hatte ein lokales Welterbestätten-Management keinen Zugang zum Welterbe selbst! Die Verwaltung in Amed verfasste Berichte, auf die das Unesco-Welterbe-Komitee jedoch sehr zurückhaltend reagierte.
Auch auf der 40. Sitzung des Unesco-Welterbe-Komitees Anfang Juli 2016 in Istanbul spiegelte sich das wider: Trotz aller Bemühungen aus Amed wagte keines der 20 Mitglieder auch nur den Mund aufzumachen – einige sagten später anonym aus, dass die Türkei ihnen mit Konsequenzen gedroht hätte. Da stellte sich zu Recht den KurdInnen und kritischen Menschen in der Türkei die Frage, wozu es denn die Unesco gebe, wenn sie, wie im Falle Ameds, nicht eingreift. Ein solch skandalöses Verhalten hatte das Unesco-Welterbe-Komitee bis dahin nie gezeigt.
Auch bei der letzten Sitzung des Komitees im Juli 2017 wiederholte sich das gleiche Szenario: Keine Kritik am Vorgehen der Türkei, nur ein Masterplan für die Zukunft Suriçis wurde gefordert und ein Lagebericht bis Ende 2018. Doch dann könnten auch der Westen Suriçis und das Tigristal weitgehend zerstört sein. Liebes Unesco-Weltkulturerbe, Welterbe-Komitees, tut etwas für Heskif und Sur, bevor es zu spät ist!
Gülistan Aslan, 1979, ist vor drei Jahren aus Bitlis (Kurdistan) in die Schweiz gekommen, lebt in Herisau und ist Co-Präsidentin des Demokratischen Kurdischen Gesellschaftszentrums St.Gallen und Teil des kurdischen Frauenbüros für Frieden e.V. Sie schreibt seit Anfang 2017 die Stimmrecht-Kolumne in Saiten, die Texte werden übersetzt.
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