Kategorie
Autor:innen
Jahr

Überleben in Caracas

Ronald Pizzoferrato fotografiert Menschen in der venezolanischen Hauptstadt Caracas. Seine Bilder zeigte er diese Woche im Exrex St.Gallen. Ein Bericht aus einem von Krisen gebeutelten Land, in welchem die Menschen trotzdem nicht aufgeben. von Andri Bösch
Von  Gastbeitrag
Dokumente des «Collapso social» in Caracas. (Bilder: Roland Pizzoferrato)

Ein lauer Frühlingsmittwoch in St.Gallen, der Feierabendverkehr am Blumenbergplatz löst sich langsam auf, und vor dem alten Kino Rex, mittlerweile bekannt als Zwischennutzung Exrex, stehen ein halbes Dutzend Leute. Roland Pizzoferrato wird an diesem Abend über seine fotografischen Arbeiten sprechen, welche er innerhalb der letzten dreieinhalb Jahre in Caracas angefertigt hat. Es ist der erste «Artist Talk», welcher vom Kollektiv des Hauses zur Ameise organisiert wurde.

Kurz vor Beginn füllt sich der alte Kinosaal bis fast auf den letzten Platz, knapp 70 Leute sind gekommen. Der Raum wird dunkel, auf der Kinoleinwand erscheinen zwei Wörter: Colapso Social – Sozialer Kollaps.

I already know I’m dead

Ronald Pizzoferratos Bilder sind gewaltig und wirken oftmals bedrückend. Ein leeres Supermarktregal in hellem Kunstlicht. Eine Metzgertheke mit leeren Vitrinen. Eine Gruppe Demonstrierender, die ein Stoffgebilde in Flammen setzen. Eine Person mit einem riesigen Stapel aus Geldbündeln vor dem Gesicht. «Du kannst dir mit dieser Menge Geld nichts kaufen, nicht mal eine kleine Süssigkeit», erzählt der 30-jährige Fotograf. Die Inflation in Venezuela schreite immer weiter voran.

«Was momentan in diesem Land geschieht, ist sehr kompliziert, deshalb versuche ich alles durch meine eigene Perspektive darzustellen», sagt Pizzoferrato. «Offensichtlich herrscht ein sozialer und politischer Konflikt, welcher die Gesellschaft beeinflusst. Aber diese politischen Spiele geschehen auf einem elitären Level, die Konsequenzen zu tragen haben wir, die Bevölkerung vor Ort. Wir leiden an den Folgen dieser Krise.»

Durch die Fotografie macht Pizzoferrato die Geschichten der Menschen sichtbar, die jeden Tag aufs Neue damit konfrontiert sind, sich durchzuschlagen, zu «hustlen», wie er es selbst nennt. Zum Beispiel die Geschichte von Jonathan, einem jungen Mann, der eine Pistole im Bild hält, unmaskiert. «Dieses Foto ist so speziell für mich. Ich lernte Jonathan vor fünf Jahren kennen, damals war er noch mehr ein Teenager. Ich traf ihn mehrmals, er wurde schliesslich eine Art Leader eines Ghettos», erzählt Pizzoferrato, «und eines Tages bat er mich um ein Portrait ohne Maskierung, was sehr gefährlich ist. Solche Fotos können einen schlimmen Einfluss haben, wenn sie in die falschen Hände geraten.»

Also fragte er ihn, weshalb er sich unmaskiert zeigen möchte. Jonathan antwortete: «Ich weiss bereits, dass ich tot bin, also ist es mir egal.» Zwei Monate, nachdem Pizzoferrato das Bild anfertigte, starb der 19-jährige. Er wurde von der Polizei erschossen, wie schon sein älterer Bruder zuvor.

Uni des Lebens

Im Saal ist es still, während Ronald Pizzoferrato erzählt. Seine Arbeiten fokusieren sich auf Caracas, wo er selber aufwuchs und lebte, bis er vor fünf Jahren in die Schweiz kam. Die Faszination für seine Heimatstadt trieb ihn immer wieder zurück. «Caracas repräsentiert, was ich bin. Dort ist meine Heimat und seit ich fort ging, vermisse ich die Stadt jeden Tag», sagt Pizzoferrato.

Die Menschen, welche auf seinen Bildern zu sehen sind, wertet er überhaupt nicht, er fotografiert Gangster, Mütter, Demonstrierende, kleine Kinder. Vielmehr wirft er ständig Fragen auf: Wie wurde Gewalt ein Teil von uns? Was sind die Träume der Menschen? Wieso sind wir in dieser Situation? Was sind die Gründe um weiterzukämpfen – weshalb verlieren die Menschen nicht die Hoffnung? Und Pizzoferrato bezieht sich dabei immer mit ein, stellt die Fragen im Plural, ist Beobachter und Akteur zugleich, berichtet und dokumentiert als Betroffener.

Die Bilder wirken zwischen Ästhetik und Schock; oftmals fragt man sich, wie er das aushält, wegzugehen und immer wieder zurückzukommen. «Die Stadt ist meine Universität des Lebens, ich lerne zu laufen, zu sprechen, in die Tiefe zu gehen, demütig und ehrlich zu sein, zu teilen, mich auch zu verteidigen. Es ist der Ort, wo sich mein Charakter entwickelte, meine Emotionen, meine Träume», sagt Pizzoferrato, «und meine Art durch Fotos und Videos zu dokumentieren, ist auch meine Art mich zu bedanken bei Caracas.»

Der nächste Artist Talk findet am 19. Juni im Exrex statt. Der Fotograf Simon Zangger präsentiert seine Bilder von Zwangsumsiedlungen in China. Die Vernissage seiner Ausstellung im Haus zur Ameise findet am 13. Juni statt.

Das Haus zu Ameise auf Facebook.

Pizzaferratos nächstes Projekt ist eine Adaption der Geschichte des kleinen Prinzen: El Principato de Caracas – ein Film über Carlos, ein Junge, der fast blind in dieser Stadt lebt und sich nicht auf seine Augen verlassen kann. Er wolle versuchen, Carlos’ Sicht auf Caracas darzustellen, denn der Junge sehe mit dem Herzen und nicht mit den Augen.

Und die Hoffnung für Venezuela? «Ich hoffe, dass wir einen Weg finden werden, so wie wir das immer taten. Aber ich denke auch, dass der Struggle niemals enden wird. Seit ich ein Kind war, ist die Situation dieselbe: You have to be dealin’, dealin’, dealin’.»

 

«Nicht neu er­fin­den, was funk­tio­niert»

Die St.Gal­ler Mu­se­ums­nacht fin­det in die­sem Jahr zum 20. Mal statt. Zum Ju­bi­lä­um blickt Ver­eins­prä­si­den­tin Bar­ba­ra Af­fol­ter zu­rück und nach vor­ne. Sie sagt, was die Mu­se­ums­nacht bis heu­te aus­macht und wo­hin sie sich ent­wi­ckeln soll.

Von  Marion Loher
Museumsnacht Kunstmuseum pd

Le­bens­be­ja­hen­de Wer­ke im Kunst­zeug­haus

Die Aus­stel­lung «Vol­ler Le­ben» des Ver­eins IG Hal­le Rap­pers­wil wirft Schlag­lich­ter auf künst­le­ri­sche Schaf­fens­pro­zes­se und ih­re Ver­bin­dun­gen zur Na­tur.

Von  Lilli Kim Schreiber
Regula Syz 2

Kolumne: Stimmrecht

St.Gal­len in den Au­gen ei­nes Sol­da­ten

Von  Liliia Matviiv

Kunst­ki­osk trifft Nacht­klub 

Der St.Gal­ler Kunst­ki­osk wird fünf­zehn Jah­re alt. Ge­fei­ert wird das mit ei­ner Ju­bi­lä­ums­aus­stel­lung im ehe­ma­li­gen Tif­fa­ny Night Club. Die Ver­nis­sa­ge ist am 12. Sep­tem­ber. Sai­ten hat schon vor der Er­öff­nung vor­bei­ge­schaut.

Von  Vera Zatti
01 Gruppenfoto Kurationsteam 15 Jahre Kunstkiosk QUERFORMAT

Musiktheater

Auf See im Park­haus

Von  Vera Zatti
Bild 08 07 24 um 07 42

Ein tem­po­rä­res Kunst­haus am Ro­ten Platz

Zum 36-jäh­ri­gen Be­stehen sei­ner Ga­le­rie Macel­le­ria d'ar­te trans­for­miert Fran­ces­co Bo­n­an­no ein leer­ste­hen­des Ge­bäu­de am Ro­ten Platz in St.Gal­len in ein bun­tes Haus vol­ler Kunst. Was als klei­nes Pro­jekt be­gann, wuchs zu ei­nem Ge­mein­schafts­werk von fast 100 Kunst­schaf­fen­den. 

Von  Lilli Kim Schreiber
Kunsthaus am roten platz lilli kim schreiber 1

Das Schö­ne an der Pro­vinz

St.Gal­len und Lu­zern ha­ben mehr ge­mein­sam, als man zu­nächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Sai­ten-Re­dak­ti­on in St.Gal­len un­ter­wegs.

Von  Giulia Bernardi Robyn Muffler  und  Raphael Albisser , Bilder:  Claudia Schildknecht
2609 Staetevergleich 4 D3 A9291

Auf der Su­che nach (Un)Ru­he

Von St.Gal­len bis nach Süd­afri­ka. Ein Ost­schwei­zer Ehe­paar reist im Land­ro­ver De­fen­der um die Welt. Ih­re Er­leb­nis­se hal­ten die Bau­mel­ers mit ei­ner Ka­me­ra fest. Nun er­scheint ihr Film Im­mer wei­ter in Ost­schwei­zer Ki­nos – ei­ne ehr­li­che Do­ku­men­ta­ti­on, der ei­ne Ein­ord­nung gut ge­tan hät­te.

Von  Daria Frick
B 8

«Open House St.Gallen»

Of­fe­ne Tü­ren – tie­fe Ein­bli­cke

Von  Daria Frick
Bildschirmfoto 2026 09 01 um 10 17 40

Museum Herisau

Zeit­rei­se zu den An­fän­gen der Schul­bil­dung

Von  Redaktion Saiten
Bildschirmfoto 2026 09 01 um 10 08 43

Ein Rück­blick auf die ver­ges­se­ne Künst­le­rin Mag­gy Mau­ritz

Das Küefer-Mar­tis-Hu­us in Rug­gell wid­met sich in ei­ner Re­tro­spek­ti­ve der Wie­der­ent­de­ckung ei­ner völ­lig über­se­he­nen Künst­le­rin: Mag­gy Mau­ritz war ei­ne Pio­nie­rin der Graf­fi­ti­kunst und des Lett­ris­mus.

Von  Sieglinde Wöhrer
IMG 5826 Paul Trummer 2

Der lan­ge Weg nach Hau­se – ein Stol­per­stein für Ja­kob Lütschg

Ja­kob Lütschg kehr­te nie nach Bal­gach zu­rück. 82 Jah­re nach sei­nem Tod im Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Bu­chen­wald kehrt we­nigs­tens sein Na­me heim. Der ers­te Stol­per­stein im St. Gal­ler Rhein­tal er­in­nert an ein Le­ben, das bei­na­he ver­ges­sen ging.

Von  Shqipton Rexhaj
IMG 1558

Musik am See

Pia­no­klän­ge für al­le

Von  Vera Zatti
IMG 0757 2

FC St.Gal­len vs. FC Thun 3:4 – Es wird heu­te nicht mehr bes­ser

Tor­reich, span­nend und doch ent­täu­schend - nur ei­ne Vier­tel­stun­de gu­ter Fuss­ball reicht halt nicht zum Punkt ge­gen Thun. 

Von  SENF Kollektiv
Senf

Fast ein gan­zes Le­ben spä­ter 

Nach Jahr­zehn­ten tref­fen sich Eva und Franz wie­der. Bei­de im fort­ge­schrit­te­nen Al­ter. Viel ist pas­siert und doch ist da noch Zu­nei­gung. Schwind­lig heisst der neue Ro­man der Ost­schwei­zer Au­torin Chris­ti­ne Fi­scher, in dem viel­schich­ti­ge Cha­rak­te­re auf fei­nes Sprach­ge­fühl tref­fen. 

Von  Vera Zatti
Abutz DSC 9766 Portrait wahl fischer klein cmky

Neu­start für Me­ter und Off­cut

Die­ses Wo­chen­en­de er­öff­net die of­fe­ne Werk­statt Me­ter den neu­en Stand­ort an der Burg­stras­se. Und im No­vem­ber zü­gelt Off­cut nach St.Fi­den. Das ist der An­fang vom En­de der Ge­mein­schaft «Ul­men5» – zu­min­dest in ih­rer bis­he­ri­gen Form. Denn 2027 könn­te es zur teil­wei­sen Wie­der­ver­ei­ni­gung kom­men.

Von  David Gadze
Meter 6 david gadze

WG gaf­fen

Ei­ne neue SRF-Se­rie por­trä­tiert ei­ne elf­köp­fi­ge WG aus St.Gal­len. End­lich wie­der mal ei­ne se­hens­wer­te SRF-Pro­duk­ti­on, fin­det Sai­ten-Au­tor An­di Gi­ger.

Von  Andi Giger
6085807

FC St.Gal­len vs. FC Nordsjæl­land 2:3 – St. Gal­len un­ter­liegt Nordsjæl­land

St. Gal­len schlägt sich am En­de auch selbst und muss den Traum von Eu­ro­pa be­gra­ben. Ent­schei­dend war er Platz­ver­wei­se ge­gen Mihai­lo Steva­no­vic vor der Pau­se.

Von  SENF Kollektiv
Senf
Heftvorschau 09/26
Luzern Winti St.Gallen, Neonazipfarrer, A(nita) bis Z(immermann)

Drei Kul­tur­ma­ga­zi­ne tun sich zu­sam­men, ver­glei­chen ih­re Städ­te und die Her­aus­for­de­run­gen, de­nen die Kul­tur ge­gen­über­steht. Sai­ten hat die Kol­leg:in­nen vom «Coucou» in Win­ter­thur be­sucht und das «Null41» war in St.Gal­len zu Be­such. Aus­ser­dem im Sep­tem­ber­heft: lau­ter Ju­bi­lä­en – von Ani­ta Zim­mer­mann über das Fi­gu­ren­thea­ter bis zur Mu­se­ums­nacht –, ein Pfar­rer auf brau­nen Ab­we­gen, ei­ne Fla­schen­post aus Af­gha­ni­stan und ein In­ter­view zum Hit­ze­som­mer und dem Kli­ma­wan­del.

Saiten 2609 Cover 01

Mehr Di­ver­si­tät, mehr Durch­mi­schung

An sei­ner ers­ten Pres­se­kon­fe­renz als Lei­ter der St.Gal­ler Kel­ler­büh­ne schil­dert Hü­sey­in Cir­pi­ci sei­ne Ein­drü­cke der Stadt und ver­rät, was das Pu­bli­kum un­ter sei­ner Re­gie er­war­tet.

Von  Daria Frick
Whats App Image 2026 08 26 at 08 36 26