, 4. März 2016
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Um die Dinge ganz zu lassen

Am kommenden Dienstag lesen Thilo Krause und Nathalie Schmid bei Noisma im Kult-Bau in St.Gallen aus ihren Werken vor. Clemens Umbricht stellt die Dichterin und den Dichter vor.

«Er hat gelehrt», ruft der Junge, der Laotse in Bertold Brechts berühmtem Gedicht auf seinem Weg in die Emigration begleitet, dem Zöllner zu. «Hat er was rausgekriegt?», blafft der Grenzwächter zurück. Darauf der keineswegs verlegene Jüngling: «Dass das weiche Wasser in Bewegung / Mit der Zeit den mächtigen Stein besiegt. / Du verstehst, das Harte unterliegt.» Thilo Krause, der 2012 für seinen Debütband Und das ist alles genug den Schweizer Literaturpreis erhielt, ist vielleicht so etwas wie ein nicht allzu ferner Verwandter dieses Brechtschen Jünglings.

Unaufgeregte Sprachkraft: Thilo Krause

Im Gedicht, das auch den Titel seines zweiten Buches – Um die Dinge ganz zu lassen – trägt, heisst es: «Ich schlief am Bach / wo er fast stillstand / aus den Mauern entlassen. / Das Weiche ist das Dauernde. / Ich weiss.» Doch ist dieses Wissen möglicherweise nur ein Traum des Schlafenden, denn das Buch hebt mit dem Bekenntnis eines Lernenden an: «Lernen muss ich / wach zu liegen / die Bäume zu hören.» Und weiter: «Regen / in den Gärten / reine Musik. // Das alles ist gross / und neu, wie ihr klein seid / und kühl mit Schlaf. // Ich lerne / die Dinge / von Anfang an».

Es sind ruhige, klare, präzise Miniaturen, die dieser ausgezeichnete Lernende verfasst hat, der im übrigen nur bedingt ein solcher ist, hat er doch ein Studium als Wirtschaftsingenieur in Dresden und London sowie eine Promotion an der ETH Zürich vorzuweisen. Seine Gedichte enthalten sich jeder Aufgeregtheit. Sie sind – um das feinsinnige Prosit aus dem Gedicht «Neujahr» zu zitieren – «Schauer von Stimmen / geduldig und funkelnd // in der Zeit».

Thilo Krause und Nathalie Schmid lesen am Dienstag, 8. März 2016, 20 Uhr, bei Noisma im Kult-Bau, Konkordiastrasse 27, St. Gallen, kultbau.org.

Jedenfalls entfaltet Thilo Krauses Kunst ihre Intensität nicht aus sprachlicher Forciertheit, sondern aus der schlichten Kraft jedes einzelnen Wortes. Es können blitzlichthafte Natur- und Alltagsaufnahmen sein, die in verknappten Erzählmomenten aufleuchten, Eindrücke aus dem «Vorstadtsommer» oder aus Winterlandschaften sowie Erinnerungen, etwa an die Grosseltern in der ehemaligen DDR («Fern thronen die Plattenbauten»).

Auch Reflexionen über Friedhofsbesuche oder, ganz grundsätzlich, über die Schönheit prägen das aktuelle Buch. Eindrücklich geschieht das im Gedicht über das Grab von James Joyce in Zürich Fluntern. Joyce’ Statue, «die Brille blind / vom Tau», sieht die Amsel nicht «ihren Schatten über die Gräber tragen», und als sie sich davon gemacht hat, rastet hinter ihr «die Luft ein / wie eine Tür». Wie sich Disparates in ein poetisch Ganzes fügt, zeigt auch das kurze Gedicht «Sprich zu mir». Die Schlusszeilen lauten: «So ein Reden ist wie dünne Häkchen Gram. / Du erwähnst den Tod. / Ich darf Sperling sagen, Pappel und Fluss.»

Thilo Krause

Thilo Krause (Foto: Sébastien Agnetti)

Immer wieder bildet die Sprache selber den Gegenstand von Krauses Schreiben. Ein Gedicht trägt sogar den Titel «Sprache». Darin finden sich die Zeilen: «So hattest Du sprechen gelernt: / Aus jeder Pore blühen dir Wörter.» Und weiter heisst es: «Als du deinen ersten Buchstaben schriebst / hatte es kurz aufgehört zu schneien.» Das nachfolgende Gedicht «Neve / Schnee» endet, als sei es ein Echo des vorherigen: «Draussen fallen die Wörter weiter. / Keines wie das andere». Reden und Schreiben, so der Eindruck, betrachten sich selber in den Spiegeln von innen und aussen, erkennen und verbergen sich wechselseitig in ihren Erscheinungen.

Der 1977 in Dresden geborene und in Zürich lebende Thilo Krause hat sich mit seinen beiden 2012 und 2015 erschienen Gedichtbänden als eindrücklichere Stimme in die Gegenwartslyrik eingeschrieben. Die geistige Unterströmung seines Werkes bilden nicht nur chinesische Dichter wie Han Shan oder Bashō, die er zitiert, sondern auch der Ire Sheamus Heaney sowie die Amerikaner Wallace Stevens und – mit dem Eingangsmotto – der unlängst verstorbene Mark Strand. Apropos Wallace Stevens: Dessen Dreizehn Arten die Amsel zu betrachten erweist Krause mit seinem Zyklus Sechs Arten eine Kiefer zu sehen eine berührende Referenz.

Tiefscharfe Nahaufnahmen: Nathalie Schmid

Auch von der im aargauischen Freienwil lebenden Nathalie Schmid sind bisher zwei Gedichtbände erschienen: Die Kindheit ist eine Libelle (2006) und Atlantis lokalisieren (2011). Für ihre Lyrik wurde Nathalie Schmid mehrfach ausgezeichnet, unter anderem 2006 mit dem 2. Platz beim Lyrikpreis Irseer Pegasus.

In vielen ihrer von grosser Musikalität getragenen Gedichten bilden die Natur sowie ländliche, bäuerliche Leben und seine Abläufe den poetischen Urgrund. Das erstaunt nicht, wenn man weiss, das Nathalie Schmid, die heute als Sekundarlehrerin arbeitet, eine Bergbauernschule besucht hat. Tatsächlich besitzen ihre Gedichte etwas Kreatürliches, um nicht zu sagen: Urchiges. Sie wirken zugleich herb und zärtlich, zerbrechlich und knorrig.

Unveränderliches, liest man aus ihnen, bestimmt das Leben mit seinen Schicksalsschlägen, und das Unveränderliche ist die Natur, die den Lauf der Dinge vorgibt. «jeder von uns», lautet eine Zeile im Gedicht «furchen», «wächst im lokalen auf». Das zahnende Baby gehört ebenso dazu wie die Erinnerung an einen «jodlerabend» oder das Gerhard Meier gewidmete Gedicht «am vögeliacher». Selbst eine Supernova erfährt mit dem Lüften der Stube ihre Relativierung durch das Grobkörnig-Nahe. «die zeit quillt und schleudert chroniken / aus asche» lautet ein wuchtiger Satz im Gedicht «auf deinem vorplatz», und daran fügt sich ohne Zeilenbruch: «wozu gibt es himmelsrichtungen / wenn du die richtung nicht ändern kannst».

Jeder Text von Nathalie Schmid enthält dergestalt eine Garbe voller tiefenscharfer Nahaufnahmen. «wir schwimmen im alltag / wie neugeborene pinguine», beginnt ein anderes Gedicht, und es endet: «das tempo / der tage ändert sich nicht / bis wir zurück am tisch / mit dem kopf in den nelken / einander fragen wie / wollen wir es». Diese Frage – «wie / wollen wir es» – ist denn auch ganz pragmatisch zu verstehen: Wie soll diese Arbeit erledigt, wie soll jener Handgriff verrichtet werden? Indessen ist das dann keine Frage mehr, sondern das zum Selbstverständlichen gehörende Tagwerk: «auf dem tisch liegen krumen und / der rest vom satz die tür ist noch / auf der müll schon raus so beginnt / der tag ohne naht».

Nathalie Schmid

Nathalie Schmid (Foto: Raphael Birchmeier)

Oft lässt Nathalie Schmid Zeilen und Bilder ineinander gleiten. Inneres und Äusseres, Wahrnehmung und Reflexion verschränken sich nahtlos. Auch diese Gedichte lassen die Dinge ganz – in aller Spannung zwischen ländlicher Selbstgenügsamkeit und poetischer Überhöhung. Ganz so, als seien es Organismen, die sich aus der Sprache reproduzieren, lässt die Autorin ihre Texte wachsen. Sie verweilen bei den Menschen und den Dingen und folgen den selten glatten Konturen ihrer Existenz. Träume, das Zarte, die Liebe, die Gefühle und, ja, auch die Wörter: Sie haben ihren Platz. Aber ihnen wird gleichzeitig mit gesunder Skepsis begegnet, denn: «so schnell lassen wir uns nicht mehr / auf die grossen gefühle ein wir halten / abstand und bemühen uns um genug schlaf». Mithin sorgt das für leisen Sarkasmus, wie etwa im Gedicht «tischgebet»: «wir sind alt schätze / und misthaufen nebeneinander».

Wenn in atlantis lokalisieren verstreut auch Gedichte in Mundart enthalten sind, so ist das nur konsequent und entspricht dem Zoom, welches die Autorin auf ihre nächste Umgebung richtet. «för de vatti», «för s’meitli» und «aacho» lauten die Überschriften. In «aacho», dem letzten Text von atlantis lokalisieren, schildert die Ich-Erzählerin, wie sie eben erst angekommen ist «vo dööt woni emmer häre wott». Sie sei an den Punkt gelangt, an dem sie das, was sie spüre, erst noch denken müsse. Und am Ende – «es fahrt en wend öber alles» – erklärt sie: «velecht gangi morn weder fort / aber hött beni nonig ganz aacho / vo dööt woni weder ane muess».

 

siedlung

auf dem kirschbaumtisch stand heute

eingeritzt wir verglühen nicht

wir wärmen draussen fliegen die kinder

in schatten an den wänden sonnenlicht

und schatten noch drängen sie zusammen

und stieben auseinander ruderbewegungen

nach hinten gebogene fühler noch sind

die jahreszeiten kostbar türkis im kornfeld

und erstes sonnenlicht ohne ahnung noch

beginnt der rückzug nicht hehres fliehendes

licht über der siedlung fiebrig

galoppierende mädchen zwischen den spuren

ihrer räder das surren der strommasten

sie verbringen jahre miteinander tragen

federsamen und wasserspiegelungen bis

unters dach an einen ort den es später

nur noch in ihren träumen gibt über die

sie mit halb geschlossenen augen wachen

Nathalie Schmid (aus: Moderne Poesie in der Schweiz 1, 2011)

 

Dünner Faden Quallenrot

feine Silhouette den Arm hinab

da, wo wir uns berührten.

Ich – selbst im Wasser

nicht von der Schwerkraft befreit.

Sie – dabei sich voranzupumpen

hinter sich den Schweif aus Schmerz

blasse Girlanden mit den Samen

einer schlaflosen Nacht darin.

In den Pinien flog der Wind umher.

Tiere gingen brüllend durchs Fieber.

Ich hielt mich zwischen Landmasse und Leere.

Sichelmond, Sterngeflacker.

Plötzlich waren Gänse zu hören

hohe Flucht landeinwärts, den Alleen zu

den Türmen aus rohem Stein.

Mir flammte die Hand

wie im Erinnern einer Berührung:

Gläser, Äpfel, Messerklingen

tröstlich und kühl.

Thilo Krause (aus: Moderne Poesie in der Schweiz 2, 2015)

 


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