«Würden Sie mal kurz die Kiste für mich halten? Da sind orthopädische Stützen drin, eben angekommen.» Auf dem Parkplatz der Rudolf Steiner Schule räumt Lena Roth Tüten aus dem Kofferraum ihres Autos. Nein, verletzt habe sich niemand, sagt die Rigolo-Mitbegründerin. Die hautfarbenen Bandagen seien ein Kostümzubehör, ein Kniff, um ein Requisit am Fuss eines Künstlers befestigen zu können. Wenig später lagern Kisten mit Trick-Stützen und Tüten mit Glitzer-Kostümen neben der untersten Sitzreihe im Zuschauerraum. Auf der Bühne wird derweil eingerichtet und aufgewärmt; Techniker und Künstler treffen Vorbereitungen für die Szenen, die noch vor der Mittagspause geprobt werden sollen. Rigolo-Gründer Mädir Eugster hat alles im Blick und gibt Anweisungen.
Wasser, Feuer, Kugeln
Aus einem Wassergraben an der Bühnenrampe taucht der Kopf einer jungen Frau auf. Sie holt tief Luft und taucht wieder ab. «Stopp!» Eugster bricht ab – technische Probleme. Zitternd vor Kälte steigt die Frau aus dem Wasser. Es ist Marula, die jüngste Tochter der beiden Rigolo-Gründer. Zu Beginn der Vorstellung wird sie als Protagonistin aus dem Wasserloch «geboren», um anschliessend auf eine Reise der Selbstfindung geschickt zu werden. Die Wasseroberfläche wird dann mithilfe von Brennstoff in Flammen stehen. Das will akribisch vorbereitet und abgesichert sein – so wie alles in der neuen Rigolo-Produktion, die Tanz und Akrobatik verbindet und in spektakulären Darbietungen scheinbar der Schwerkraft trotzt.
Menschen bewegen, das sei Ziel von Wings In My Heart. «Wir wollen nicht den Verstand ansprechen, sondern das Herz, den Zuschauern quasi Seelennahrung mitgeben», erklärt Eugster. Es sei von jeher ein Bedürfnis der beiden Köpfe von Rigolo gewesen, über Spiritualität zu berühren. Gleichzeitig spiele Unterhaltung eine zentrale Rolle, das Geschehen auf der Bühne soll auch Menschen packen, die mit Spirituellem nichts am Hut haben.
Nächste Szene: Blaue Kugeln schwingen an Seilen über die Bühne, anfangs durcheinander, dann kreisförmig und wie ein Vogelschwarm einer Richtung folgend. Ein Breakdancer bewegt sich dazwischen, weicht aus, duckt sich, stösst sich ziemlich unspirituell den Kopf. Timing ist alles, unglaublich exakt müssen Bewegungsabläufe und Technik aufeinander abgestimmt sein. «Es ist Mädirs Ehrgeiz, Dinge zu entwickeln, die es noch nicht gab», erzählt Lena Roth, «die Mitwirkenden müssen sich darauf einlassen.» Das tun sie ganz offensichtlich, diszipliniert und konzentriert. Aber dann löst sich die Ernsthaftigkeit während der Pause in entspanntes Durcheinander auf. Die russischen Seilakrobaten posieren für den Fotografen, die spanische Choreographin begutachtet Kostüme, der Winterthurer Stepptänzer checkt sein Handy. Artisten werden zu Alltags-Menschen.
Von der Strasse in die Welt
Einst als Strassen- und Kindertheater gegründet, hat sich Rigolo zur international erfolgreichen Formation entwickelt. «Früher war alles handgemacht und schön einfach. Aber man entwickelt sich weiter, du kannst nicht einfach stehenbleiben», begründet Mädir Eugster den technischen Aufwand der neuen Produktion. So langsam denken er und Partnerin Lena Roth aber an die Weitergabe ihres Projekts an die Töchter. Auch wenn diese, wie Mäder betont, bestimmt ihre eigene Linie einbringen: Einfalls- und Ideenreichtum werden Rigolo wohl auch in Zukunft ausmachen. Und damit sowohl Höhenflüge als auch orthopädische Stützen weiterhin ihren Platz haben.
Wings In My Heart: Ab 24. September mit insgesamt 40 Vorstellungen, Siebenecksaal der Rudolf Steiner Schule St. Gallen. Bilder: Rigolo/German Anton
Infos: rigolo.ch
Dieser Beitrag erschien im Septemberheft von Saiten.
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