Das Siegerstück des Autorenwettbewerbs der Theater St.Gallen und Konstanz dreht sich rasant ums Theater selber. Uraufführung von «Mal was Afrika» war am Samstag in der Lokremise.
Man kann es da als Kritiker nur falsch machen. In einer der lustigsten Passagen des Stücks «Mal was Afrika» nämlich wird der Theaterkritiker in die Pfanne gehauen. Mit einem Federstrich mache er fertig, woran ein Autor monatelang gearbeitet und wofür sich die Schauspieler wochenlang den Arsch aufgerissen hätten. Lobt er das Stück, sei es unglaubwürdig, dem Diskurs verweigere er sich, und selbst sein Appell «Unbedingt hingehen!!!» mit drei Ausrufezeichen töne hohl…
Mit solcher Generalabrechnung zahlen es die drei verkrachten Performer-Existenzen auf der Bühne der Lokremise dem Kritiker heim. Grosses Amüsement beim Publikum, grosse Ratlosigkeit beim Kritiker: Die Falle ist gestellt, so oder anders, es gibt kein Entkommen.
Loben wir also, trotzdem:
«Mal was Afrika» von Dmitrij Gawrisch ist 70 Minuten rasante, sprachwitzige und clevere Unterhaltung. Die drei Performer A (Christian Hettkamp, auf dem Bild oben links), B (Tim Kalhammer-Loew, Mitte) und C (Marcus Schäfer) schmeissen sich mit ganzer Kraft ins bitterböse Spiel um Schein und Sein ihrer Branche. Die Bühne: eine drehende Spiegelscheibe, eine Karikatur der Weltkugel (Ausstattung Michael S. Kraus). Die Story: Mit einer Performance in Afrika will das Trio ganz gross herauskommen. Das gelingt denn auch, aber nicht wie geplant: B holt sich eine schwere Krankheit, fällt ins Koma, sein Leiden schlachten A und C als medialen Hype aus, bis B sich erholt und eine Art Läuterung durchmacht.
Die Pointen jagen sich, der Autor sampelt Afrika-Klischees, Diskursschnipsel, Kunsttheorieballast, Kapitalismuskritik, das Trio feuert Wortsalven ab, jeder Satz ist so wahr wie falsch.
Kritisieren wir also:
Wo sich hinter all den Wortgefechten die wahre Haltung des Autors versteckt, ist schwer zu sagen. Sicher gilt Gawrischs Kritik der schleichenden «Versöhnung von Ökonomie und Kunst», wie es C, der HSG-ler im Trio, einmal sagt. Aber alle kommen dran, als bestände die Branche nur aus karrieregeilen Widerlingen. Darin bleibt das Stück eindimensional. Und eine Alternative zum angeblich allgegenwärtigen «Branding» im Kulturbetrieb zeigt «Mal was Afrika» nicht auf.
Doch, eine ganz kleine Alternative gibt es, von Regisseur Tim Kramer als starken Ruhepunkt inszeniert und von Performer B mit Inbrunst erbeten: «Zehn Minuten Schweigen». Bloss zehn Minuten. Zehn Minuten Schweigen nach dem Ende des Stücks, kein Gerede und Zerreden, kein Publikumsgeschnatter im Foyer, und dann ein offenes, fragendes Nachdenken übers Stück.
Also schweigen.
(…)
Und dann, offen und fragend und neugierig, würden wir uns von Dmitrij Gawrisch ein nächstes Stück wünschen, das sich weniger selbstbezüglich ums Theater im Theater dreht. Mit derselben Intelligenz und genausowenig political correctness, mit demselben Biss und Humor geschrieben.
Vielleicht könnte sich das neue Stück wirklich mit Afrika beschäftigen – nach diesem Abstimmungswochenende erst recht. Das Theater Konstanz tut dies seit längerem vorbildlich. Dort wird «Mal was Afrika» nach St.Gallen auch noch zu sehen sein.
Theater St.Gallen: weitere Vorstellungen bis 25. Februar.
Theater Konstanz: 12. bis 15. Juni, jeweils 20 Uhr.
(Bilder: Tine Edel)
Während Zürich und Genf geraubte Benin-Bronzen zurückgeben, laviert das Kulturmuseum St.Gallen. Derweil untersucht der Thurgau seine ethnografische Sammlung und schliess Restitutionen nicht aus. Ausserdem im Novemberheft: Der solidarische Protest der St.Galler Kulturszene gegen die Sparpläne des Kantons, die neue Ausstellung zum Zehnjährigen im Naturmuseum St.Gallen, das erste elektronische Soloalbum von Kafi-D und vieles mehr.
Seit einigen Jahren sind Benin-Bronzen in Schweizer Museen ein heisses Eisen. Im St.Galler Kulturmuseum laviert man bei der Frage einer möglichen Rückgabe zwischen Dialogbereitschaft und Verweigerungshaltung.
Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs
Ein Festival über den Tod – darf das auch lustig sein? «Last Call» lädt am 31. Oktober in St.Gallen dazu ein, über das Sterben zu sprechen. Interview mit Michelle Mauchle von der Geschäftsstelle Palliative Care Stadt St.Gallen.
In St.Gallen hat am Samstag zum ersten Mal ein emanzipatorisch-antifaschistisch-queerfeministisches Kampfsportturnier stattgefunden. Wie das aussieht? Schon ziemlich brutal, aber dann auch wieder herzlich.
Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller
Seit 35 Jahren untersucht Patrick Rohner Naturprozesse, insbesondere im Zusammenhang mit Geologie, zeichnerisch, malerisch und bildhauerisch. Die Ausstellung «Faltungen» im Museum Bickel zeigt noch bis zum 22. November einen Querschnitt dieser kontinuierlichen Beschäftigung.
Klimaseniorinnen besuchen Bern
Vor dem Karlstor ein Picknick unter Bäumen am Ufer, die Mittagspause mit den Füssen im Wasser vor der Kantonsschul-Bibliothek oder ein Bier am Bächlein zwischen der Bar La Buena Onda und dem «Bierhof» – das alles soll gemäss der Machbarkeitsstudie «Alte Steinach» möglich werden. Am Montag haben sie die Verantwortlichen vorgestellt.
Delfine, Herzen und Flaggen. Die «Illo Konstanz Vol. 5» zeigt über 60 Arbeiten von internationalen Illustratoren. Die Schau lässt viel Raum für eigene Zugänge, übt aber auch Kritik und zeigt Haltung.
Der Verein Lattich im Güterbahnhofareal St.Gallen feiert das 10-Jahr-Jubiläum. Noch immer kämpft er mit Einsprachen. Der Vorstand der Gründungsphase hat aufgegeben. Seit gut einem Jahr bilden Adelheid Karli und Florim Šabani das Co-Präsidium.
Nachruf auf Urs Ullmann
Bücherherbst: Mondläufer von Daniel Badraun
Eine benzinbetriebene Glühbirne? Ein robustes Schnapsglas? Oder ein Katzenhalsband, das die Raubtiere vom Vögelfangen abhalten soll? Im Historischen Museum Thurgau schlummern einige Gegenstände, deren Funktion auf den ersten Blick nicht ganz klar ist. Thomas Götz, Martina Hügi und Stefan Keller mussten diese am Icon Poet herausfinden.
Die St.Galler Rockband The Black Salt veröffentlicht ihr zweites Album. Und verabschiedet sich ein Stückweit von ihren Anfängen.
Die Welt ist in stetem Wandel. Und manche Veränderungen sind irreversibel – Gletscher schmelzen, Tier- und Pflanzenarten sterben aus. Die Ausstellung «Flimmern» widmet sich der Bewusstwerdung dieses Wandels – und dem Schmerz, den er auslöst.
Die Grundlagen, mit denen die Befürworter:innen die dritte Autobanhröhre durch den Rosenberg in St.Gallen und die Teilspange mit dem Anschluss im Güterbahnhofareal fordern, basieren auf fragwürdigen Zahlen. Zu diesem Schluss kommt der Raum- und Verkehrsplaner Thomas Hug-Di Lena.
Bücherherbst: Réduit von Alexander Raschle
Die St.Galler Tanzkompanie feierte vergangenen Samstag mit From England with Love Premiere. Das Stück wagt sich abermals aus dem Gleichschritt – mit unmissverständlichen Gesten.
Das Kunsthaus Bregenz zeigt in der neuen Ausstellung Arbeiten der US-amerikanischen Künstlerin Torkwase Dyson. Ausgangspunkt ihrer grossformatigen geometrischen Skulpturen und poetischen Malereien bildet das Leben und die Befreiung Schwarzer Menschen.