, 14. März 2014
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«Und die Männer freuen sich am Zickenkrieg…»

Kantonsrätin und Gemeindeammann Sonja Wiesmann erklärt, warum es noch immer Vernetzung unter den Frauen braucht, weshalb der Generationendialog wichtig ist – und warum sie für Quoten ist.

Frau Wiesmann, seit sechzehn Jahren gibt es die Frauenvernetzungswerkstatt – wäre es nicht zeitgemässer, eine Menschenvernetzungswerkstatt zu machen?
Ja, das ist die alte Frage mit dem Einbezug der Männer. Es gibt aber schon gute Gründe: Als Frauenanlass ist die Werkstatt einmalig – andernfalls wäre sie ein Treffen unter vielen. Und wenn Frauen unter sich sind, hat das eine andere Qualität.

Welche?
Unsere Referentinnen empfinden eine grosse Offenheit und Toleranz im Publikum. Ich bin überzeugt, dass das ein Unterschied ist. Das weibliche Publikum ist wohlwollender und Frauen hören besser zu.

Das alte Klischee?
Wir lernen das ja von Kindheit an. Aber umso wichtiger finde ich, gerade bei der Frauenvernetzungswerkstatt nicht nur versierte Politikerinnen, sondern auch jüngere Frauen für Auftritte zu gewinnen. Ob als Redner bei Podien, im Fernsehen oder sonstwo: Männer findet man immer leichter als Frauen. Da gibt es nur eins: üben, üben, üben.

Was sind für Sie in Sachen Geschlechtergerechtigkeit die drängendsten Fragen?
Was mich sehr beschäftigt, unter anderem auch bei der Planung unseres Anlasses, ist, wie stark die Ansichten zwischen jüngeren und älteren Frauen auseinandergehen. Darum der Titel «Frauen im Dialog». Die Kluft hat wohl damit zu tun, dass die ältere Generation noch die Aufbruchsstimmung, den Kampf ums Frauenstimmrecht und all die anderen Kämpfe, erlebt und mitgeprägt hat. Für die Jüngeren ist das eine Selbstverständlichkeit.

Sind die jungen Frauen konservativer?
So pauschal kann man das sicher nicht sagen. Ich erzähle Ihnen aber ein Beispiel: eine Podiumsdiskussion über Frauenquoten. Zwei HSG-Frauen waren dabei, der Rest Männer. Die Frauen bezeichneten sich als absolut gleichberechtigt, Quoten waren kein Thema, aber Heirat und Familienphase hatten einen hohen Stellenwert. Mag sein, dass das eine Gegenbewegung ist. Bei der Frauenvernetzungswerkstatt flippen die Älteren aus, wenn Alice Schwarzer kommt – den Jüngeren sagt der Name nichts. Sie schlagen dafür zum Beispiel Sport-Flaggfrauen wie Giulia Steingruber vor.

Sie schreiben in Ihrer Einladung: «Frauen sind sich derzeit nicht besonders einig: Die Politik der letzten Monate hat sie einmal mehr auseinanderdividiert.»
Es gab die beiden Abstimmungskämpfe zur Familieninitiative und zur Abtreibungsinitiative. In beiden Fällen wurden Familienfrauen gegen Berufsfrauen ausgespielt. Und die Männer freuen sich am Zickenkrieg… Es geht nicht, dass solche Themen auf den Schultern der Frauen ausgetragen werden und sich die Herren locker im Stuhl zurücklehnen können.

Das tönt solid feministisch…
Ich sehe mich eher als konservativ. Und der Thurgau ist in gesellschaftlichen Fragen ja noch konservativer als etwa St.Gallen. Wir führen oft einen Kampf gegen Windmühlen. Nehmen Sie die Basler Abstimmung über Quoten in kantonsnahen Betrieben: Mit einer solchen Frage müsste man bei uns nicht kommen. Der Weg ist noch nicht geebnet.

Sie finden Quoten gut?
Wenn man ernst machen will mit dem Anliegen der Chancengleichheit, dann wird man nicht um die Diskussion von Quoten herumkommen. Ausser man ist zufrieden mit der jetzigen Situation.

Chancengleichheit heisst Lohngleichheit?
Sie ist entscheidend, ja. Stellen Sie sich vor, Sie zahlen für einen Kaffee fünf Franken und ich nur vier – das geht doch nicht. Das ist für mich surreal. Also: Bei der Lohngleichheit fängt es an. Gleiche Arbeit muss gleich viel wert sein. Dann kann man auf Augenhöhe miteinander reden. Mit Freiwilligkeit passiert da allerdings nicht viel – der Versuch eines freiwilligen Lohndialogs mit Unternehmen, den der Bund initiiert hat, ist gescheitert. Dabei weiss man im Grunde alles, es gibt Studien zuhauf, aber es nützt nichts.

Also auf die Strasse?
Dafür bin ich nicht so geeignet. Die Lösung muss von der Politik kommen.

In Ihrer Vernetzungswerkstatt fällt auch das Stichwort Geschlechterdemokratie. Was heisst das?
Ich denke, es geht bei diesem Begriff darum, dass Chancengleichheit ja nicht nur für Frauen nötig ist, sondern auch für Männer. Dazu gehört zum Beispiel die Möglichkeit für Teilzeitarbeit. Lohn- und Familienarbeit zu teilen ist eine Entlastung, auch für die Männer.

Wie lösen Sie das persönlich?
Bis unsere Kinder (Zwillinge) in den Kindergarten kamen, hat mein Mann die Familienarbeit gemacht. Als Gemeindeammann und Kantonsrätin arbeite ich heute 90 Prozent. In meinem erlernten Beruf als Bauführerin war Lohngleichheit gegeben – in sogenannten Männerberufen lohnt es sich nicht, die Frauen zu diskriminieren. Und ich habe es immer geschätzt, mit Bauarbeitern zu arbeiten. Da war die Fachlichkeit entscheidend: was man kann und nicht, wer man ist. Erst in den höheren Etagen geht der Karrierekickkampf los.

Sonja Wiesmann-Schätzle, 1966, ist Gemeindeammann von Wigoltingen TG und Programmverantwortliche bei der Frauenvernetzungswerkstatt. Der Anlass findet am 22. März an der Universität St.Gallen statt, Anmeldeschluss ist der 16. März. Infos: frauenvernetzungswerkstatt.ch

Bild: Tine Edel

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