, 19. März 2021
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«Und irgendwann ist die Luft draussen»

Jugendliche und junge Erwachsene müssen in der Pandemie auf vieles verzichten. Was vermissen sie nach einem Jahr Corona am meisten? Was lief gut, was weniger gut? Saiten hat viermal nachgefragt. Hier Siri Löffel, Kantischülerin aus Stein AR.

Ja, ein komisches Jahr… Insgesamt geht es mir gut im Vergleich zu dem, was andere mit Corona durchmachen. Klar, es fällt vieles weg, seien es Musikprojekte oder Aktionen der Klimagruppe Ausserrhoden. Ich hätte beim Appenzeller Kammerorchester mitspielen können, es gab Projekte mit dem Kantiorchester, und 2020 hatten wir eine grosse Produktion der Theatergruppe der Kanti geplant, mit einer modernen Fassung von «Lysistrata». Es ist immer dasselbe: Am Anfang ist man voll dabei und voller Energie, dann zeichnet sich langsam ab, dass eine Aufführung fraglich ist – man hofft, man probt weiter, man verschiebt, und irgendwann ist die Luft draussen…

Dass man nicht auf die Strasse kann, ist ein Problem

Bei den Klimaaktionen ist es ähnlich, du organisierst, telefonierst um Bewilligungen, schreibst Mail um Mail, und dann kommt das Aus. Das ist ziemlich frustrierend. Schwierig finde ich, dass es nur ein dominierendes Thema in den Medien gibt: Corona. Alles sonst verschwindet von der Bildfläche. Natürlich habe ich Verständnis dafür, dass rund um die Pandemie viel geregelt werden muss. Aber wenn dann ein Milliardenpaket für die Flugbranche geschnürt wird: Das kann ich nicht nachvollziehen. Das ist nicht vereinbar mit der Klimakrise, die mindestens so akut wie die Pandemiekrise ist. Gerade ist vor ein paar Wochen der «Climate Action Plan» herausgekommen, aber in den Medien war das nur eine Randnotiz. Wir liefern – aber es fehlt das Echo.

Dass man nicht auf die Strasse kann, ist ein Problem. Alles, was öffentliche Aufmerksamkeit braucht und schafft, fällt weg. Wir haben Onlineformate ausprobiert, aber per Internet hat man nicht die gleiche Präsenz. Wir hatten zudem ein Klimatheater geplant mit einem Stück, das zwei aus unserer Gruppe selber geschrieben haben und das wir Anfang Jahr in Ausserrhoden aufführen wollten. Daraus ist nichts geworden. Intern gab es zwar auch Vorteile, unsere Gruppe hat sich besser strukturiert, eine Website aufgebaut – aber öffentliche Aktionen bleiben unverzichtbar.

In der Musik ist es ähnlich. Ich habe einzelne Streams von Konzerten gehört, aber entscheidend finde ich die Live-Atmosphäre, den Klang im Raum von überall her, und dafür hat man noch keine inspirierende Alternative gefunden. Ich hatte mehr Zeit zum Üben, aber Zusammenspielen geht nicht, Singen geht auch nicht. Der gemeinschaftliche Aspekt der Musik fehlt.

Froh um Präsenz

Ich bin froh, dass wir Präsenzunterricht haben. Der Fernunterricht im ersten Lockdown hat sich bei mir so ausgewirkt, dass ich mehr getan habe für die Fächer, die mich interessieren. Bei den anderen Fächern hingegen, wo man genau die Unterstützung brauchen würde, habe ich mich eher durchgequält. Dass jetzt eine Petition gestartet wurde gegen den Präsenzunterricht, kann ich absolut nicht verstehen. Klar, es gibt Leute, die Angst haben. Aber ich bin wahnsinnig froh, dass ich in die Schule gehen kann. Dass Leute psychisch in ein Loch fallen, erlebe ich in meinem Kolleginnen- und Kollegenkreis kaum. Aber das ist sicher auch das Privileg, wenn man in einer wohlbehüteten Familie daheim ist. Trotzdem fällt auch mir manchmal die Decke auf den Kopf.

Am 19. März streiken im Rahmen des internationalen Streiktages Aktivist*innen auf der ganzen Welt für Klimagerechtigkeit. Auch in St.Gallen gibt es einen Sitzstreik: ab 12. Uhr, Marktgasse St.Gallen

Nicht reisen zu können, stört mich nicht. Reisen ist für mich aus Klimagründen sowieso ein kompliziertes Thema. Und statt in den Ausgang sind wir halt in den Wald gegangen und haben Punsch getrunken. Meinen 18. Geburtstag habe ich aber gar nicht gefeiert – das war schon sehr schade.

Ob man unserer Generation mehr Freiheiten lassen müsste? Ich finde nicht. Wir können genauso wie alle unseren solidarischen Beitrag leisten. Schwierig ist allerdings die ganze Studien- und Berufsplanung. Momentan kann man sich kaum bewerben für Jobs für das Zwischenjahr – da gibt es nur Absagen. Und die Unis stellen sich alle digital vor, ich habe noch keine Uni von innen gesehen. Wir können uns nicht seriös informieren, was wir mit unserem Leben anfangen sollen.

Siri Löffel, 2003, lebt in Stein AR, und schliesst im Sommer die Kanti Trogen im Schwerpunkt Musik und Bildende Kunst mit der Matura ab.

Notiert: Peter Surber

Dieser Beitrag erschien im Märzheft von Saiten.

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