Was freut dich am Abstimmungsresultat zur Theatersanierung am meisten?
Die Deutlichkeit. 62,47 Prozent – das ist doch mal eine Ansage. Und dass auch das Rheintal und das Toggenburg hinter dem Theater stehen. Diesbezüglich war ich mir im Vorfeld nicht so sicher. Im Sarganserland hat es noch massiv Luft nach oben, klar, aber was mich noch mehr beschäftigt, ist, warum die Zustimmung in Mörschwil und Gaiserwald noch höher war als in der Stadt St.Gallen. Ist das Theater hier weniger gut verankert? Oder hat der Theaterbesuch halt doch viel mit dem Einkommen und dem Bildungsstandard zu tun, auch wenn es so nicht sein sollte?
Wo sitzen die Jakobs im Sarganserland und wie erreichen wir sie?
Ich stelle mir vor: überall dort, wo die Menschen über den lokalen Gartenhag hinausschauen.
Gab es im Wahlkampf kritische Inputs, von denen du hoffst, dass sie aufgenommen werden vom Theater? Hast du Beispiele?
Ja, die gab es. Vor allem die Idee, statt dem Provisorium im Stadtpark eine beziehungsweise zwei mobile Spielzeiten einzuschieben. Und damit das Theater «zu den Leuten» zu bringen und experimentelle Formen auszuprobieren. Das Theater verspricht ja, das eine zu tun und das andere nicht zu lassen. Hoffen wirs. Ein weiterer Input kam im Februarheft von Saiten zur Sprache, vielleicht etwas zu defensiv, jedenfalls hat man bisher keine Reaktionen darauf gehört: Wie wärs damit, das Provisorium nach den zwei Jahren, in denen es als Ersatzspielstätte des Theaters genutzt wird, nicht abzubrechen, sondern an einen anderen Ort zu zügeln und der freien Szene zur Verfügung zu stellen?
Du hast dich für die fast 50 Millionen Franken für das «grosse» Theater St.Gallen stark gemacht. Bei den «Kleinen» könnte man schon mit einer Million viel bewirken. Für wen oder wofür würdest du sie einsetzen?
Die Freien brauchen Platz. Zum Proben, zum Wirken, auch zum Scheitern. Mit einer Million kommt man da nicht weit, meine ich, drum würde ich das Geld wohl in eine Plattform, eine Art virtuelle Tauschbörse, investieren, wo die Freien in Zusammenarbeit mit Privatpersonen und allfälligen Gönnern Räume, Material und Ideen austauschen können.
Die Männer sind sehr dominant am Theater St.Gallen, anders als in der freien Kultur, so scheint es mir jedenfalls. Woher kommt das?
Theaterintendantinnen sind tatsächlich ähnlich rar wie Dirigentinnen oder Frauen auf Industrie-Chefposten. Woher das kommt: wie überall aus der bürgerlich-patriarchalen Prägung, die bis heute anhält. Allerdings sieht es gendermässig in der Tanzsparte, in der Regie, in der Dramaturgie und so weiter schon viel ausgeglichener aus. Ob tatsächlich die Männer dominieren: Die Frage würde ich gern ans Theater selber weitergeben.
Geht deine Generation – du bist ja noch ziemlich jung – überhaupt ins Theater? Oder wo werden eure Themen behandelt?
Ich bin 1984 geboren und habe ehrlich gesagt kaum Leute in meinem Umfeld, die regelmässig ins Theater gehen. Keine Ahnung, warum das so ist. Wenn ich nachfrage, heisst es in der Regel, das Theater sei zu «ältelig» bzw. «verbürgerlicht». Das stimmt sicher zum Teil, ich würde es aber nicht so generell sagen. Vielleicht liegt es daran, dass die heissen Themen meiner Generation – die übrigens Alt und Jung betreffen – sozusagen überall verhandelt werden: Im Kino, auf Netflix, in den Sozialen Medien, der Musik, der Literatur, den Bildenden Künsten und natürlich auch in der Presse…
Hast du ein Traumstück, das du gerne mal sehen würdest im «neuen» Theater?
Ich glaube, man muss im Moment und immer wieder Elfriede Jelinek spielen. Ihre Texte jagen die Themen der Gegenwart vor sich her, es sind Alptraumstücke eher als «Traumstücke» – aber vermutlich die präzisesten weit und breit. Und dann würde ich natürlich gerne ein Stück über St.Gallen sehen, am liebsten auf der grossen Bühne. Mit den «fixfertigen Stücken» ist es in unseren brüchigen Zeiten aber bekanntlich nicht getan, auch wenn die ältere Generation (zu der ich im übrigen auch zähle) das manchmal gern hätte. Es braucht Collagen, Fragmente, nomadische Theaterformen. Das Theater als Baustelle: das passt auch im übertragenen Sinn.
Wem würdest du kulturpolitisch in der Ostschweiz am liebsten mal einen Tritt ans Schienbein geben (obwohl man das als kultivierter Jakob natürlich nicht tut)? Und warum?
Ganz klar allen im Kantonsrat. Der Rechten, weil sie so kulturfeindlich ist bzw. höchstens folkloristische Ansätze unterstützt, der Mitte, weil sie sich immer wieder von Rechts mitreissen lässt und auf Kultursparerei statt auf kulturelle Investition setzt, und der Linken, weil sie die Kulturpolitik einigen wenigen Vertreterinnen und Vertretern überlässt. Alle haben ihre Lobby, nur die Kultur muss dauernd um Support betteln. Vermutlich ginge es um Überzeugungsarbeit in Sinn von: Kultur, Damen und Herren Kantonsräte, das ist nicht die Privatbeschäftigung von einigen Kunstschaffenden, denen man mal Geld gibt und mal nicht, wie es einem gerade passt. Sondern in der Kultur, in den Künsten werden unsere Gegenwart, unser Alltag, unsere Freuden und Knörze, aber auch die «letzten Fragen des Lebens» verhandelt und reflektiert. Das geht alle an, von Wildhaus bis St.Gallen. Das könnte man dem Kantonsparlament versuchen zu erzählen. Und wenn es kein Gehör dafür hat: 2020 sind Neuwahlen.
Das Gespräch von Jakob mit Jakob führten Corinne Riedener und Peter Surber.
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