«Sinkholes are everywhere now»: So endet einer von Christoph Kellers jüngsten Texten, einer Sammlung von Kurzgeschichten mit poetischem Tonfall, manchmal irritierend, meistens mit überraschender Wendung. Der St.Galler Autor war bis zu diesem Sommer 20 Jahre lang in New York wohnhaft und ist jetzt dauerhaft nach St.Gallen zurückgekehrt. Seine Kurzgeschichten schreibt er auf Englisch. Erschienen sind sie in Indien auf Englisch und Bengali, das Buch trägt den Titel A Meaningful Life 2.0 with Primal Matter I-IX.
Primal Matter: Das sind die Fotos von Christoph Keller, zum Beispiel dieses:
Christoph Keller: Primal Matter (Moon/Son)
Das Buch zeigt gemäss Ankündigung, was die Jahre in den USA bei Christoph Keller an Inspirationen, aber auch Befürchtungen ausgelöst haben – letzteres insbesondere seit Donald Trump Präsident geworden ist: «Sinkholes», Dolinen oder Schlucklöcher drohen jetzt überall. Als Rollstuhlfahrer ist Keller darin Experte.
Donnerstag, 16. August, 19.30 Uhr, Parterre 33 St.Gallen (Reservation obligatorisch)
parterre33.ch
Im Kulturraum Parterre 33 in St.Gallen liest Keller diese Woche aus dem Buch, zusammen mit seiner Frau Jan Heller Levi und seinen Übersetzern Florian Vetsch and Clemens Umbricht. Nachstehend zwei Texte, je mit Übersetzung.
Europe During the Rain
You do know your papers are not in order, don’t you? the customs officer said. The painter nodded. He had spent a year in five different internment camps, and now he hoped to escape to America. It was May 1, 1941. His paintings were lined up along the walls of a small French-Spanish border train station. Naked women, their skin overgrown with grass and moss, stems and branches growing heads with sharp-toothed mouths and sad eyes, birds marching determinedly on human legs. If your papers were in order, you could take the train to Spain, the customs officer said. My duty, however, is to make you board the other train, the one that’ll take you back. You do have talent though, he added, watching more and more people gather, losing themselves in the paintings. Go now. Go—and chose the right train.
Europa im Regen
Sie wissen, dass Ihre Papiere nicht in Ordnung sind, oder?, sagte der Zollbeamte. Der Maler nickte. Er hatte ein Jahr in fünf verschiedenen Internierungslagern hinter sich und hoffte jetzt, nach Amerika fliehen zu können. Man schrieb den 1. Mai 1941. Seine Bilder lehnten an den Mauern eines kleinen Bahnhofs an der französisch-spanischen Grenze. Nackte Frauen, ihre Haut überwachsen von Gras und Moos, Baumstämme und Äste, aus denen Köpfe mit scharfzahnigen Mündern und traurigen Augen wuchsen, Vögel, die resolut auf menschlichen Beinen stolzierten. Wenn Ihre Papiere in Ordnung wären, könnten Sie den Zug nach Spanien nehmen, sagte der Zollbeamte. Meine Pflicht allerdings ist es, Sie in den anderen Zug steigen zu lassen, der Sie zurückbringen wird. Obschon, Sie haben Talent, fügte er hinzu, während er beobachtete, wie sich mehr und mehr Leute ansammelten, um sich im Anschauen der Bilder zu verlieren. Gehen Sie jetzt. Gehen Sie – und nehmen Sie den richtigen Zug.
(übersetzt von Florian Vetsch)
The 18th Constitutional Crisis
We talked so much about the possibility of a constitutional crisis that when the country’s 17th constitutional crisis finally arrived, we were relieved. We actually liked it. We grew to understand that it was a great one. It still is. The president declared it the #1 constitutional crisis, the best ever. Coming from the man to whom we already owe sixteen constitutional crises, that’s big. Further proof how ironclad our democracy is, and reason to celebrate. Fourth of July has been moved to July 17th and renamed Constitution Crisis Day, Memorial and Labor Day Weekends has been packed together as Constitution Crisis Weekends I & II, and May, September and October, the most beautiful months of the year, have been declared Constitutional Crises Appreciation Months. It’s gotten even better since the SEPCC (State of Emergency to Protect the Constitutional Crisis) went into effect. It was then that the president had the genius idea to run for reelection on the platform of a constitutional crisis within the ongoing and likely permanent 17th Constitutional Crisis. He is expected to win by a landslide seventeen weeks before the polls open. It is all we talk about.
Die 18. Verfassungskrise
Wir sprachen so viel über die Möglichkeit einer Verfassungskrise, dass wir, als die 17. Verfassungskrise des Landes endlich eingetroffen war, erleichtert waren. Tatsächlich mochten wir sie. Wir kamen zu der Überzeugung, dass sie eine grossartige war. Und es noch immer ist. Der Präsident erklärte sie zur Verfassungskrise Nummer 1, der besten aller Zeiten. Wenn das der Mann sagt, dem wir bereits sechzehn Verfassungskrisen verdanken, dann ist das eine wirklich grosse Sache. Ein weiterer Beweis dafür, wie niet- und nagelfest unsere Demokratie ist, und ein Grund zum Feiern. Der 4. Juli wurde auf den 17. Juli verlegt und in «Tag der Verfassungskrise» umbenannt, die Memorial- und Labor Day-Wochenenden wurden in «Verfassungskrisen-Wochenenden» I & II zusammengepackt, und Mai, September und Oktober, die schönsten Monate des Jahres, wurden zu «Verfassungskrisen-Wertschätzungs-Monaten» erklärt. Es ist sogar noch besser geworden, seit der AzSdVK (Ausnahmezustand zum Schutz der Verfassungskrise) in Kraft getreten ist. Damals hatte der Präsident die geniale Idee, für die Wiederwahl auf der Bühne einer Verfassungskrise innerhalb der andauernden und wahrscheinlich permanenten 17. Verfassungskrise zu kandidieren. Es wird erwartet, dass er siebzehn Wochen vor Wahlbeginn mit einem Erdrutschsieg gewinnen wird. Es ist alles, worüber wir sprechen.
(übersetzt von Clemens Umbricht)
Die zweite Ausgabe des audiovisuellen Festivals Susurrus in der Mülenenschlucht widmet sich der «mehr-als-menschlichen» Mitwelt. Mit akustischen und performativen Interventionen erkundet das Festival neue Formen der Beziehung zwischen Mensch und Natur.
In der Ausstellung «Die leisen Unterschiede» im Haus zur Glocke in Steckborn befassen sich fünf Künstler:innen mit der Wahrnehmung von Unterschieden.
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Mit dem Ensemble TAK aus New York gastierte am Dienstag ein Neue-Musik-Quintett von Weltrang im St.Galler Kultbau. Organisiert vom Zyklus Contrapunkt, hätte der Abend mehr Publikum verdient. Ein Bubble-Problem?
Das St.Galler Kulturmuseum öffnet in der neuen Ausstellung «Stereotypes: Neanderthalerin» den Blick auf diese Steinzeitmenschen. Die Schau mit viel Pink verknüpft geschickt Spiel mit Wissenschaft und Vergangenheit mit Gegenwart.
Das Theater an der Grenze in Kreuzlingen startet heute in die neue Spielzeit. Kürzlich verstarb die prägende Co-Präsidentin Anna Rink. Ausserdem fällt der bisherige Spielort im Kulturzentrum Kult-X bis Ende 2027 weg. Wie der Verein diese Hürden meistert, erzählen Präsidentin Vroni Ellenbroek und Klaus Okrafka aus der Programmleitung im Interview.
St. Gallen startete gut in die Partie, agierte aber oftmals zu umständlich gegen tief verteidigende Sittener und blieb letztlich glücklos.
Auf seinem neuen Soloalbum thematisiert Manuel Stahlberger die Überhitzung. Die klimatische, die gesellschaftliche, die politische. Gemeinsam mit Bit-Tuner hat der St.Galler Musiker dafür einen düsteren, elektronischen Sound gefunden.
An Kleinbauten gehen wir oft achtlos vorbei: Buswartehäuschen, öffentliche WCs, nicht mehr gebrauchte Telefonkabinen oder Feuerwehr- und Strassenwärtermagazine. Aktuell gibt es dazu eine Ausstellung im 1. Stock des Rathauses St.Gallen.
Bis 2050 will die Stadt St.Gallen klimaneutral sein. Karin Hungerbühler und Tobias Fischer-Künzler von der Dienststelle Umwelt und Energie beantworten Fragen zur bevorstehenden Klimawoche und zum Klimaschutz in der Stadt.
Anita Zimmermann alias Leila Bock prägt die St.Galler Kulturszene seit Jahrzehnten – als Künstlerin, als Vermittlerin, als Ermöglicherin. Sie hat Widerstände überwunden und andere Künstler:innen immer wieder herausgefordert. Eine Würdigung
Die St.Galler Museumsnacht findet in diesem Jahr zum 20. Mal statt. Zum Jubiläum blickt Vereinspräsidentin Barbara Affolter zurück und nach vorne. Sie sagt, was die Museumsnacht bis heute ausmacht und wohin sie sich entwickeln soll.
Die Ausstellung «Voller Leben» des Vereins IG Halle Rapperswil wirft Schlaglichter auf künstlerische Schaffensprozesse und ihre Verbindungen zur Natur.
Kolumne: Stimmrecht
Der St.Galler Kunstkiosk wird fünfzehn Jahre alt. Gefeiert wird das mit einer Jubiläumsausstellung im ehemaligen Tiffany Night Club. Die Vernissage ist am 12. September. Saiten hat schon vor der Eröffnung vorbeigeschaut.
Musiktheater
Zum 36-jährigen Bestehen seiner Galerie Macelleria d'arte transformiert Francesco Bonanno ein leerstehendes Gebäude am Roten Platz in St.Gallen in ein buntes Haus voller Kunst. Was als kleines Projekt begann, wuchs zu einem Gemeinschaftswerk von fast 100 Kunstschaffenden.
St.Gallen und Luzern haben mehr gemeinsam, als man zunächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Saiten-Redaktion in St.Gallen unterwegs.
Von St.Gallen bis nach Südafrika. Ein Ostschweizer Ehepaar reist im Landrover Defender um die Welt. Ihre Erlebnisse halten die Baumelers mit einer Kamera fest. Nun erscheint ihr Film Immer weiter in Ostschweizer Kinos – eine ehrliche Dokumentation, der eine Einordnung gut getan hätte.
«Open House St.Gallen»