Kategorie
Autor:innen
Jahr

Und plötzlich war das Waaghaus voll

50 Frauen*, 50 Ideen, Gedanken, Vorstellungen und Gründe: Wie die St.Galler Frauen* niederschwellig und basisdemokratisch den Streik planen. Ein Gastbeitrag aus unserem Aprilheft von Jenny Heeb und Andrea Scheck.
Von  Gastbeitrag

Schweizweit sind Frauen* seit etwa einem Jahr dabei, den zweiten grossen Frauen*streik am 14. Juni 2019 vorzubereiten. Anders als 1991 wurde der Streik dieses Mal nicht primär von den Gewerkschaften beschlossen, sondern von einer breiten Bewegung von Frauen* aus verschiedensten Gruppen und mit verschiedensten Perspektiven angestossen.

Wieder sind natürlich die Frauen* dabei, die in Gewerkschaften oder in konventionellen Frauen*organisationen aktiv sind, und auch einige, die schon beim ersten Streik mitgewirkt haben. Aber daneben begeistern sich merklich viele junge Frauen* für den Streik, die nicht aus arrivierten politischen Strukturen kommen und oft noch nicht lange oder sogar zum ersten Mal in ihrem Leben politisch aktiv sind.

Es war sofort klar, dass ein Frauen*streik mit so einer breiten Basis nicht dieselben Strukturen haben kann wie ein Organisationskomitee mit fünf Mitgliedern, eine Partei mit einem hierarchisch funktionierenden Vorstand oder ein Verein mit bezahlten Angestellten. Stattdessen muss es niederschwellige Strukturen geben, in denen jede gute Idee möglichst einfach umgesetzt werden kann und jede Frau* für sich selber einen Weg findet, sich zu engagieren.

In St.Gallen waren anfangs die Zweifel gross, ob es genug engagierte Frauen* für einen Streik gibt. Im Dezember 2018 trafen wir, eine kleine Gruppe von motivierten Frauen*, uns zum ersten Mal und beschlossen, einen offenen Aufruf für ein erstes grosses Treffen auszusenden. Inspiriert von den Vorbereitungen in Bern und Basel wünschten wir uns eine basisdemokratische Zusammenarbeit, in der Parteien, Vereine und Organisationen im Hintergrund stehen. So sollten am Treffen möglichst viele Frauen* diskutieren und gemeinsam entscheiden, ob es in St.Gallen einen Streik braucht.

Unsere Hoffnungen für den Streiktag waren noch ziemlich bescheiden – wir erhofften uns vielleicht eine Veranstaltung am Nachmittag oder zumindest einen Extrazug nach Zürich für die interessierten Frauen*. Noch wenige Minuten vor dem ersten grossen Treffen befürchteten wir, der gemietete Raum könnte viel zu gross sein. Und dann strömten ganz plötzlich über 50 Frauen* ins St.Galler Waaghaus.

50 Frauen*, 50 Ideen, Gedanken, Vorstellungen und Streikgründe. Die Vielfalt war überwältigend und zusammen mit den basisdemokratischen, niederschwelligen Strukturen eine Herausforderung. Viele, die sich an fixe Strukturen in politischen Organisationen gewöhnt waren, erwarteten am ersten Treffen vergeblich, dass ihnen jetzt ein ausgearbeitetes Konzept präsentiert würde.

Stattdessen gab es viele Diskussionen und noch mehr offene Fragen. Denn die Devise war von Anfang an klar: Der Frauen*streik lebt von freiwilligem Engagement und niederschwelligen Strukturen. Wenn dir etwas nicht gefällt, ändere es – wenn dir etwas fehlt, kümmere dich darum – wenn du eine gute Idee hast, setze sie um. Alle Frauen* wirken aktiv mit und entscheiden zusammen. Für die verschiedenen geplanten Aktivitäten gibt es Arbeitsgruppen, in denen man sich leicht engagieren kann: Aktionen bis zum 14. Juni, Demo und Streiktag, Party am Abend… Auch die Finanzen und die Administration werden über eine eigene Arbeitsgruppe koordiniert.

Grössere Entscheidungen oder kontroverse Fragen werden von den Arbeitsgruppen an die grossen, offenen Treffen getragen, wo dann von allen gleichberechtigt darüber entschieden wird. Die grossen Treffen, die im Zyklus von einem Monat stattfinden, erlauben eine flexible Organisation: Zu jeder Entwicklung wird Feedback eingeholt und abgegeben, blinde Flecken werden identifiziert und Gruppen zu ihrer Behandlung gebildet, und Frauen* können ihre Meinung auch kundtun, wenn sie nicht langfristig in einer Arbeitsgruppe sind.

Dadurch, dass bei jedem grossen Treffen andere Frauen* teilnehmen, werden manche Themen mehrmals aufgeworfen. So auch die Frage, ob solidarische Cis-Männer bei der Organisation mitwirken sollten. Das Frauen*streik-Treffen vom Februar entschied sich dagegen: Cis-Männer sollen wohl den Streik unterstützen und ihre eigenen Wege finden, solidarisch zu sein – zum Beispiel indem sie während einem Treffen die Kinderbetreuung übernehmen, Hintergrundarbeit wie Einrichten und Aufräumen erledigen oder eigene Treffen organisieren und dort über Sexismus diskutieren. Auch am 14. Juni selber steht es ihnen frei, bei der Demonstration durch die St.Galler Innenstadt mitzulaufen. Doch die Hauptorganisation wird in Frauen*hand bleiben.

Nach drei Treffen hat sich die Zusammenarbeit schon gut eingependelt: Die Organisation der grossen Treffen übernimmt die Kerngruppe, die metaphorische Erbin der Frauen*-Gruppe vom Dezember 2018. Jeweils zwei Frauen* aus der Kerngruppe übernehmen im Turnus die Moderation eines Treffens, schreiben die Traktanden, suchen einen Ort und haben den Lead bei Unklarheiten. Der Rest der Kerngruppe wirkt unterstützend, zum Beispiel mit Raumreservationen oder Materialbesorgungen.

Der Frauen*streik 2019 hat sich Grosses vorgenommen. Dazu ist es notwendig, dass möglichst viele verschiedene Frauen* im Streik gehalten und eingebunden werden – egal ob Mütter, Familien-Frauen*, Karriere-Frauen*, Studentinnen, Politikerinnen, Lohnabhängige. Weil die Gesellschaft Frauen* grundsätzlich unterdrückt, ist jede Frau* auch in der einen oder anderen Form betroffen – und wir alle müssen gemeinsam dagegen kämpfen!

Jenny Heeb und Andrea Scheck sind Teil der Frauen*streik- Kerngruppe St.Gallen. Das nächste offene Treffen findet am
11. April in der Stadt St.Gallen statt. Alle Informationen werden laufend auf frauenstreik2019.ch aufgeschaltet.

Dieser Beitrag erschien im Aprilheft von Saiten.

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

Ein Pi­ra­ten­schiff am Bo­den­see­ufer

Das See-Burg­thea­ter macht aus sei­ner Pi­ra­tin­nen­ge­schich­te Die Le­gen­de von An­ne Bon­ny ein akro­ba­ti­sches Spek­ta­kel vom Feins­ten. Bei al­ler Som­mer­thea­ter-Leich­tig­keit hät­te man aber doch ein biss­chen mehr Eman­zi­pa­ti­ons­ge­schich­te er­war­tet.  

Von  Maria Schorpp
Piratencrew Bildnachweis Ilja Mess

Ei­ne ein­ma­li­ge Ge­burts­tags­par­ty

Zu sei­nem 20. Ge­burts­tag hat das Kul­tur­fes­ti­val am Wo­chen­en­de Bands aus St.Gal­len und der Re­gi­on zu ei­nem zwei­tä­gi­gen Kon­zert­fest ein­ge­la­den. Die­ses war so viel­fäl­tig wie ge­lun­gen – auch we­gen der Idee, Co­vers aus der Grün­dungs­zeit des Fes­ti­vals in die Sets ein­zu­bau­en. 

Von  David Gadze
Kulturfestival 20 Jahre Jubilaeum 2026 Kasimir Hoehener

Bregenzer Festspiele

Mehr als die See­büh­ne: Ent­de­ckun­gen an den Bre­gen­zer Fest­spie­len

Von  Nathalie Grand
Pressetag broucek anjakoehler 260236

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 3

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 3: «Was der Kai­ser noch sah», Olaf Breu­ning – «Hu­mans» und Oria­na Bruseghi­ni  – Das ver­las­se­ne Ret­tungs­boot. 

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps Colazione Sull Erba Pfister Noemi copy

Von Mo­de und Kör­pern

Wie setzt Fo­to­gra­fie Mo­de in Sze­ne? Und wer fo­to­gra­fiert da­bei ei­gent­lich wen? Das Tex­til­mu­se­um St.Gal­len gibt mit «Mi­se en Scè­ne» Ein­bli­cke in 120 Jah­re Mo­de­ge­schich­te. Es ist die letz­te Schau vor dem Mu­se­umsum­bau. 

Von  Vera Zatti
TMF 22 4 1 V

«Ich ma­che das für al­le, die auf ei­nen Ent­scheid war­ten.»

Seit elf Ta­gen be­fin­det sich Ve­lat Ay­din vor dem Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in St.Gal­len im Hun­ger­streik. Im Ge­spräch mit Sai­ten er­zählt der Kur­de, wo­her er kommt und wes­halb po­li­ti­scher Ak­ti­vis­mus so wich­tig ist.

Von  Daria Frick
DSC 6579

Lus­ti­ges Mas­sen­ar­ten­ster­ben

Die St.Gal­ler Fest­spie­le sind vor­bei. Oper war in­door, draus­sen im Stadt­park spiel­te die End­zeit­ko­mö­die Pla­net B. Näh­me man die Bot­schaft des Stücks ernst, müss­te die Fest­spiel-Oper auch künf­tig res­sour­cen­scho­nend drin­nen blei­ben.

Von  Peter Surber
Festspiele planet b tanja dorendorf 1095

Zwi­schen Pon­gal und Turn­ver­ein

Sin­du­jan* lebt schon sein gan­zes Le­ben in der Schweiz. Die Ein­bür­ge­rung ist fast ab­ge­schlos­sen, war aber mit ho­hen Kos­ten und ei­nem un­an­ge­neh­men Ge­spräch ver­bun­den.

Von  Andi Giger
260707 Saiten 0807 08

Ei­ne kur­ze In­dus­trie­ge­schichg­te des Sit­ter­tals

Be­vor die Kunst Ein­zug hielt, war das Sit­ter­tal in­dus­tria­li­siert. Hier wur­de ge­stickt, ge­wirkt, ge­färbt, mer­ceri­siert – aber auch ge­streikt und ge­liebt.

Von  István Scheibler
260708 Sitterwerk Industriegeschichte Das Sittertal zu Zeiten der Motorenstickerei Rittmeyer Staatsarchiv W 054 51 D 8

Kolumne: Stimmrecht

Wer ist die ukrai­ni­sche Dia­spo­ra?

Von  Liliia Matviiv

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 2

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 2: Ki­nok-Open-Air, So­lar­ki­no, Chris­ta Nä­her – «Ex­cess», Li­ving Mu­se­um, Pool­bar Fes­ti­val, Die Le­gen­de von An­ne Bon­ny und SP-Spa­zier­gän­ge. 

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps 7 The Long Seat

Wie ein Fisch im Was­ser

In der Kunst­ka­bi­ne bei der St.Le­on­hard-Brü­cke in St.Gal­len stel­len bis Sep­tem­ber vier Per­so­nen mit Be­ein­träch­ti­gung ih­re Kunst aus. Den An­fang macht Son­ja Lip­pu­ner mit ih­rer «Roll­stuhl­kunst».

Von  Roman Hertler
Whats App Image 2026 07 01 at 22 09 10

«Kul­tur ist nicht de­mo­kra­tisch, aber zen­tra­le Grund­la­ge der De­mo­kra­tie»

Die Kunst­gies­se­rei St.Gal­len und die Stif­tung Sit­ter­werk strah­len weit über die Re­gi­on hin­aus. Fe­lix Leh­ner, Grün­der und Lei­ter der Kunst­gies­se­rei, Ge­schäfts­lei­tungs­mit­glied Till Jäck­li so­wie Pa­tri­cia Hart­mann, Co-Lei­te­rin der Stif­tung Sit­ter­werk, spre­chen im In­ter­view über die letz­ten 40 Jah­re, ak­tu­el­le Her­aus­for­de­run­gen und Zu­kunfts­plä­ne.

Von  Daria Frick  und  David Gadze
260708 Sitterwerk Andri Voehringer 01

«Schwei­gen gibt der Ge­walt Raum»

Ge­schlech­ter­spe­zi­fi­sche Ge­walt ist auch in Ap­pen­zell Rea­li­tät, und doch wird zu we­nig dar­über ge­re­det. Mit der Dis­kus­si­ons­ver­an­stal­tung «we­r­om – schwät­ze statt schwi­ige» lu­den drei jun­ge Ap­pen­zel­le­rin­nen zum of­fe­nen Aus­tausch über Ge­walt, Prä­ven­ti­on und Zi­vil­cou­ra­ge.

Von  Marion Loher
Werom 4

Wenn Hei­mat flim­mert

Hei­mat – ein viel­schich­ti­ger Be­griff. Das Kunst­mu­se­um St.Gal­len spürt ihm ge­mein­sam mit der Werk­samm­lung der Schwei­ze­ri­schen Post nach. Zu se­hen ist die ent­stan­de­ne Schau «Hei­mat­flim­mern» bis En­de Ok­to­ber in St.Gal­len.

Von  Lisa Steurer
Ausstellungsansicht stian Stadler 1

Jung­brun­nen für den Dom

Die St.Gal­ler Fest­spie­le la­den, nach der letzt­jäh­ri­gen Pau­se, wie­der zum Tanz in die Ka­the­dra­le. Cho­reo­graf An­to­nio Ruz und die Tanz­kom­pa­nie neh­men den Raum mit Re­spekt in Be­schlag – samt dem Klos­ter­platz.

Von  Peter Surber
Bildschirmfoto 2026 06 29 um 11 44 42

Der «Landesverräter» war gern am Fluss

Ernst S. und die Sit­ter

Von  Roman Hertler
2502 Max Butz 05

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 1

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 1: Open­air-Ki­nos, Bla­bla­bor – «Gue­ril­la Ra­dio», Mi­chail Pir­ge­lis – «HYLE», «Hei­mat­flim­mern», Kul­tur­fes­ti­val St.Gal­len, Le­on­ce und Le­na, Kunst­spa­zier­gän­ge und Mu­sik im «Flööz­li» so­wie Rund­gän­ge zum Blu­men­wies und zur Schwamm­stadt. 

Von  Redaktion Saiten
Noemi Pfister Happily Aging Dying

Musik im Rorschacherberg

Schloss­mu­sik von Big Band bis In­die

Von  Vera Zatti
Sommerbuehne by Night

Der Wi­der­stand der Ama­zo­nas­frau­en

In Kon­stanz gas­tiert der­zeit die Grup­pe As Ka­ru­a­na – ein po­li­ti­scher Frau­en­chor aus dem Ama­zo­nas. Sie zeigt mit ih­rer Mu­sik, ih­rem Tanz, ih­rer Kunst und ih­rem Wis­sen po­li­ti­sche Ré­sis­tance und kämpft für die Rück­erobe­rung ih­rer in­di­ge­nen Kul­tur.

Von  Veronika Fischer
AS KARUANA Gruppenfoto4