, 10. April 2019
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Und plötzlich war das Waaghaus voll

50 Frauen*, 50 Ideen, Gedanken, Vorstellungen und Gründe: Wie die St.Galler Frauen* niederschwellig und basisdemokratisch den Streik planen. Ein Gastbeitrag aus unserem Aprilheft von Jenny Heeb und Andrea Scheck.

Schweizweit sind Frauen* seit etwa einem Jahr dabei, den zweiten grossen Frauen*streik am 14. Juni 2019 vorzubereiten. Anders als 1991 wurde der Streik dieses Mal nicht primär von den Gewerkschaften beschlossen, sondern von einer breiten Bewegung von Frauen* aus verschiedensten Gruppen und mit verschiedensten Perspektiven angestossen.

Wieder sind natürlich die Frauen* dabei, die in Gewerkschaften oder in konventionellen Frauen*organisationen aktiv sind, und auch einige, die schon beim ersten Streik mitgewirkt haben. Aber daneben begeistern sich merklich viele junge Frauen* für den Streik, die nicht aus arrivierten politischen Strukturen kommen und oft noch nicht lange oder sogar zum ersten Mal in ihrem Leben politisch aktiv sind.

Es war sofort klar, dass ein Frauen*streik mit so einer breiten Basis nicht dieselben Strukturen haben kann wie ein Organisationskomitee mit fünf Mitgliedern, eine Partei mit einem hierarchisch funktionierenden Vorstand oder ein Verein mit bezahlten Angestellten. Stattdessen muss es niederschwellige Strukturen geben, in denen jede gute Idee möglichst einfach umgesetzt werden kann und jede Frau* für sich selber einen Weg findet, sich zu engagieren.

In St.Gallen waren anfangs die Zweifel gross, ob es genug engagierte Frauen* für einen Streik gibt. Im Dezember 2018 trafen wir, eine kleine Gruppe von motivierten Frauen*, uns zum ersten Mal und beschlossen, einen offenen Aufruf für ein erstes grosses Treffen auszusenden. Inspiriert von den Vorbereitungen in Bern und Basel wünschten wir uns eine basisdemokratische Zusammenarbeit, in der Parteien, Vereine und Organisationen im Hintergrund stehen. So sollten am Treffen möglichst viele Frauen* diskutieren und gemeinsam entscheiden, ob es in St.Gallen einen Streik braucht.

Unsere Hoffnungen für den Streiktag waren noch ziemlich bescheiden – wir erhofften uns vielleicht eine Veranstaltung am Nachmittag oder zumindest einen Extrazug nach Zürich für die interessierten Frauen*. Noch wenige Minuten vor dem ersten grossen Treffen befürchteten wir, der gemietete Raum könnte viel zu gross sein. Und dann strömten ganz plötzlich über 50 Frauen* ins St.Galler Waaghaus.

50 Frauen*, 50 Ideen, Gedanken, Vorstellungen und Streikgründe. Die Vielfalt war überwältigend und zusammen mit den basisdemokratischen, niederschwelligen Strukturen eine Herausforderung. Viele, die sich an fixe Strukturen in politischen Organisationen gewöhnt waren, erwarteten am ersten Treffen vergeblich, dass ihnen jetzt ein ausgearbeitetes Konzept präsentiert würde.

Stattdessen gab es viele Diskussionen und noch mehr offene Fragen. Denn die Devise war von Anfang an klar: Der Frauen*streik lebt von freiwilligem Engagement und niederschwelligen Strukturen. Wenn dir etwas nicht gefällt, ändere es – wenn dir etwas fehlt, kümmere dich darum – wenn du eine gute Idee hast, setze sie um. Alle Frauen* wirken aktiv mit und entscheiden zusammen. Für die verschiedenen geplanten Aktivitäten gibt es Arbeitsgruppen, in denen man sich leicht engagieren kann: Aktionen bis zum 14. Juni, Demo und Streiktag, Party am Abend… Auch die Finanzen und die Administration werden über eine eigene Arbeitsgruppe koordiniert.

Grössere Entscheidungen oder kontroverse Fragen werden von den Arbeitsgruppen an die grossen, offenen Treffen getragen, wo dann von allen gleichberechtigt darüber entschieden wird. Die grossen Treffen, die im Zyklus von einem Monat stattfinden, erlauben eine flexible Organisation: Zu jeder Entwicklung wird Feedback eingeholt und abgegeben, blinde Flecken werden identifiziert und Gruppen zu ihrer Behandlung gebildet, und Frauen* können ihre Meinung auch kundtun, wenn sie nicht langfristig in einer Arbeitsgruppe sind.

Dadurch, dass bei jedem grossen Treffen andere Frauen* teilnehmen, werden manche Themen mehrmals aufgeworfen. So auch die Frage, ob solidarische Cis-Männer bei der Organisation mitwirken sollten. Das Frauen*streik-Treffen vom Februar entschied sich dagegen: Cis-Männer sollen wohl den Streik unterstützen und ihre eigenen Wege finden, solidarisch zu sein – zum Beispiel indem sie während einem Treffen die Kinderbetreuung übernehmen, Hintergrundarbeit wie Einrichten und Aufräumen erledigen oder eigene Treffen organisieren und dort über Sexismus diskutieren. Auch am 14. Juni selber steht es ihnen frei, bei der Demonstration durch die St.Galler Innenstadt mitzulaufen. Doch die Hauptorganisation wird in Frauen*hand bleiben.

Nach drei Treffen hat sich die Zusammenarbeit schon gut eingependelt: Die Organisation der grossen Treffen übernimmt die Kerngruppe, die metaphorische Erbin der Frauen*-Gruppe vom Dezember 2018. Jeweils zwei Frauen* aus der Kerngruppe übernehmen im Turnus die Moderation eines Treffens, schreiben die Traktanden, suchen einen Ort und haben den Lead bei Unklarheiten. Der Rest der Kerngruppe wirkt unterstützend, zum Beispiel mit Raumreservationen oder Materialbesorgungen.

Der Frauen*streik 2019 hat sich Grosses vorgenommen. Dazu ist es notwendig, dass möglichst viele verschiedene Frauen* im Streik gehalten und eingebunden werden – egal ob Mütter, Familien-Frauen*, Karriere-Frauen*, Studentinnen, Politikerinnen, Lohnabhängige. Weil die Gesellschaft Frauen* grundsätzlich unterdrückt, ist jede Frau* auch in der einen oder anderen Form betroffen – und wir alle müssen gemeinsam dagegen kämpfen!

Jenny Heeb und Andrea Scheck sind Teil der Frauen*streik- Kerngruppe St.Gallen. Das nächste offene Treffen findet am
11. April in der Stadt St.Gallen statt. Alle Informationen werden laufend auf frauenstreik2019.ch aufgeschaltet.

Dieser Beitrag erschien im Aprilheft von Saiten.

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