Ein Stricherklo, wo sich Männer zum schnellen Sex treffen. Suizidsüchtige auf dem Dach, umgehauene Wälder, ein alter Alkoholiker ohne Gedächtnis, eine schwangere Karrieristin, eine Frau im Shopping-Stress, dichter Nebel… St.Gallen anno 2021?
Zumindest waren die Stadt und ihre Einwohner:innen das Anschauungsmaterial für Die Entfremdeten. Als Hausautor am Theater St.Gallen arbeitete der junge Winterthurer Autor Alexander Stutz 2021 eine Woche im Container vor der Hauptpost, beobachtete Passant:innen, schrieb und las jeweils am Abend öffentlich.
Dabei habe er «reichlich Anschauungsmaterial» bekommen für sein geplantes Stück, das sich um Entfremdung, um das Anderssein und um das je eigene Sich-Bewegen in der Stadt drehen sollte, sagte Stutz damals zu Saiten. Jetzt ist das Stück da, und die Figuren haben im Lauf des Schreibprozesses offenbar ein ziemlich heftiges Eigenleben entwickelt. Oder eher ein Eigensterben.
Es war einmal – aber anders
Die Entfremdeten beginnt als Märchen. Hänsel (Tobias Graupner) und Gretel (hier Grethel, Tabea Buser) sollen im Wald verhungern, doch Grethel macht nicht mit, lässt das Knusperhäuschen der Hexe links liegen und schafft es in ein bürgerliches Leben. Sie macht Karriere als CEO einer Organisation, die alle Wälder abholzen lässt. «Deforestion» soll verhindern, dass je wieder Kinder ausgesetzt werden.
Tabea Buser.
Tobias Graupner.
Grethel stirbt an Krebs. Die abgehackten Tannen aber hängen in der Lokremise von der Decke als depressive Christbäume. Auf dem Boden deuten Strassenmarkierungen, Pfeile und Linien einen Parkplatz an.
Eine Autoattrappe, Marke Kinderbastelei, fährt auf, drin der alte Holzfäller-Vater aus dem Märchen (Matthias Albold), der den Verrat an seinen Kindern nicht verwunden und im Alkohol ersäuft hat. Begleitet ist er von seinem Gehirn (Oliver Losehand), das ihn vergeblich ans Erinnern erinnert.
Hänsel geht auf den Strich, die böse Mutter (Birgit Bücker) hebt ab als «Fliegende», Grethel, jetzt wieder lebendig, bevormundet ihre Tochter Flurin (Anna Blumer). Die verstrickt sich in Einkaufslisten und den viel zu langen Ärmeln ihres Pullovers. Die Markierungen am Boden lösen sich nach und nach auf, der Nebel wird immer dichter. Hoffnung: keine.
Anna Blumer.
Zukunft: closed
In seine Dystopie hat der Autor so ziemlich alle Themen hineingepackt, die die Krisen der Gegenwart auf die Spitze treiben. Die Wälder: abgeholzt, aber auch das Schrottauto kommt nicht vom Fleck. Die Liebe: geschrumpft zum Quickie hinter schmuddligen Klotüren. Kinder ohne Eltern, Väter und Mütter auf Egotrip, Schwangerschaft: ein Albtraum für die Karriere.
Vom Konsumrausch bleiben eine Raviolibüchse und ein paar Flaschen Fusel, beim 24-Stunden-Shop fährt der Bagger auf. «Sorry we’re closed for ever.» Und der Nebel wird nochmal dichter.
Matthias Albold, Tobias Graupner.
«Der Nebel hilft, nicht klar zu sehen», sagt der Alte klarsichtig. Viel Theaternebel – das macht es nicht ganz einfach, als Zuschauer den Durchblick zu behalten. Alexander Stutz schreibt in Episoden, die sich in raschen Schnitten abwechseln und manchmal ineinander verschränken. Tote sind unversehens wieder lebendig, neben dem Gehirn spricht manchmal auch ein «Fett», als allerdings gar nicht fetter Hänsel.
Die Entfremdeten: nächste Vorstellungen 22. Januar 17 Uhr, 25., 27., 31. Januar je 20 Uhr
theatersg.ch
Auch sind Grethel und ihre Nachfolgerin Wanja leicht zu verwechseln. Tabea Buser wirft sich virtuos ins Verwirrspiel, wechselt Emotionen und Tonlagen so leichthändig wie das ganze sechsköpfige Ensemble seine Mehrfach-Rollen.
Zu vieles bleibt bloss gesagt
Vieles wird allerdings bloss erzählt. Anderes setzen Regisseur Olivier Keller, Ausstatter Dominik Steinmann und die Spieler:innen in allerhand Aktionen um. Birgit Bücker fliegt auf der Schaukel oder wird getragen von einer munteren Prozession. Eine Siri-Stimme spricht als Pannendienst im Chor. Ein Einkaufswagen scheppert, der Wald wispert und pfeift, Graupner und Buser kommen sich in einer überdimensionierten Hose im Klo näher. Und immer hat jemand die Nebelmaschine zur Hand.
Der Traum vom Fliegen: Birgit Bücker, Oliver Losehand, Matthias Albold.
Durch den Nebel dringt die Not, die Verlassenheit dieser Figuren, ohne dass es einen im Publikum richtig mitfröstelt. Zu vieles bleibt bloss gesagt von der Kälte einer entfremdeten Welt und der Sehnsucht nach einem Ausweg aus der existentiellen Haltlosigkeit.
Sehnsucht nach «Heilung»: So nennt es «Die Fliegende», oben auf dem Dach des Hochhauses, wo sie Suizidwillige vom Sprung abhält. Oder springen lässt.
Ab und zu ploppt Witz auf, zwischendurch glaubt man an Birgit Bückers vielschichtige «Fliegende» und an die Lebenslust, die aus ihren Augen blitzt. Es ist dann aber doch der Tod, der blitzt. Fliegen können, lieben, sich erinnern, noch einmal neu anfangen: Das Stück lässt seinen Figuren keine Hoffnung.
Birgit Bücker.
Auch das winzige Tannenbäumchen, das hors sol in der Alubüchse heranwächst, wird sie und uns nicht retten. «Ich wünschte, ich wäre noch einmal Kind gewesen», lautet ein Satz am Schluss, in ausweglosestem Konjunktiv.
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