, 15. September 2017
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Uni St.Gallen: Die Grenzen der Arbeit

Ein neuer Jahrgang startet das Studium an der Uni St.Gallen. Am Kickoff-Day vom Freitag zeigte sich: Der Zeitenumbruch mit der ungewissen Zukunft hinterlässt auch auf dem Rosenberg Spuren.

Alle bekommen einen Plastikbag. Er sieht aus wie eine Sporttasche und trägt die Aufschrift «Universität St.Gallen, est. 1898». Darum gleicht die Aula am Kickoff-Day eher einer Sporthalle. Immerhin stimmt die Symbolik. Für manche wird das Studium an der Uni St.Gallen ein Hürdenlauf sein, eine sportliche Kraftanstrengung. «Saiten» hilft mit, sie zu bewältigen. Denn der Bag enthält nicht nur allerlei nützliche Prospekte, sondern auch das neueste Heft.

Wasser, Nahrung, Wifi

Mehrere hundert Neulinge bevölkern an diesem Freitag die zwei grössten Uni-Säle, die Aula und das Audimax. Beide sind mit Skype und Leinwand miteinander verbunden. Die Technik funktioniert ordentlich, die Kommunikation der auf beide Orte verteilten Referentinnen und Referenten auch. Die Uni zeigt sich auf der Höhe der Digitalisierung.

Ohne ihr aber zu verfallen. «Wirkliches Lernen erfordert immer noch die Anwesenheit im Raum und die direkte Begegnung mit anderen», mahnt Jörg Metelmann, Moderator des akademischen Programms. Auch Uni-Rektor Thomas Bieger sieht sich zu einem mahnenden Appell veranlasst. Er fordert die Studis auf, die freie Debatte zu achten, Respekt vor anderen Meinungen zu zeigen und zurückhaltend mit digitalen Geräten umzugehen. Im Klartext: Niemand soll Seminare aufzeichnen und dann auf Youtube stellen. Internet Ja, aber bitte kein Missbrauch.

Gehört das Internet schon zur existenziellen Grundausstattung? Yves Daccord neigt zu einem Ja. Der Direktor des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) ist einer der prominenten Gäste des Kickoff-Days. Und er schildert, wie lebenswichtig heute das Handy etwa für Flüchtlinge geworden ist. Er bringt es auf die Kurzformel «Wir brauchen Wasser, Nahrung – und Wifi.» Daccords Genfer NGO ist ein bevorzugtes Studienobjekt der Uni St.Gallen. Wie funktioniert eine globale Organisation, die in extremen Situationen mit Menschen verschiedenster Kulturen operieren muss? Ein Challenge für jede Managementtheorie.

Gehört die Zukunft den Robotern?

Gleich zu Beginn sehen sich die Uni-Neulinge mit fundamentalen Fragen konfrontiert. Es ist von Globalisierung und Automatisierung, Individualisierung und transkulturellen Arbeitsplätzen, Technologisierung und verschwindenen Körpern die Rede. Welche Zukunft hat die Arbeit? Hat sie überhaupt eine? Oder werden die Roboter für uns arbeiten? Steht die Versklavung durch Technologie oder das arbeitsfreie Paradies bevor? Grosse Fragen.

Auf eine Prognose will sich jedoch niemand einlassen. Auch Jesse Ramírez nicht, Experte für Fragen der Automatisierung. Zwar führt er dem Plenum die neuesten Errungenschaften aus der Robotik und der Künstlichen Intelligenz vor Augen: von Robotern, die ein Wäschestück zusammenlegen können, bis zu selbstfahrenden Lastwagen, die auf dem Highway bereits hundert Meilen ohne jeden Zwischenfall absolviert haben. Doch Ramírez erinnert daran, dass die Roboter nicht von alleine zur bestimmenden Macht aufsteigen. «Hinter ihnen stehen Entscheidungen von Menschen. Und auf die kommt es an.»

Vom Glücksgefühl zum Burnout

Aber warum arbeiten sich denn manche Leute zu Tode? Und das erst noch bei unbezahlter Überzeit? Das hat Sabine Donauer vom Max-Plack-Institut in ihrer preisgekrönten Forschung eruiert. Dahinter steckt, wie sie in ihrem Gastreferat erläutert, ein radikaler Wertewandel der Arbeit. Was im 19. Jahrhundert noch tödliche Maloche im Kollektiv war, ist mittlerweile zum Instrument der individuellen Selbstperfektionierung geworden. Erwerbsarbeit ist persönliche Herausforderung, intensives Erlebnis und der Weg zur Top-Performance. Einst ruinierte er Herz und Nerven, heute vermittelt der Job Glücksgefühle. Oder soll er zumindest. Denn so versprechen es die Stelleninserate und HR-Abteilungen in den Konzernen.

In Tat und Wahrheit steigt aber die Zahl der Herzinfarkte, und Burnouts nehmen zu – eine Folge der zunehmenden Selbstausbeutung. «Wollen wir in Zukunft so arbeiten?» Ihre rhetorische Frage verbindet Donauer mit einer Warnung vor der Klimaerwärmung: Vier Grad mehr Wärme bedeute, dass 1,5 Milliarden Menschen aus klimatischen Gründen umziehen müssten. Riesige Migrationsströme seien absehbar. Heute würden wir an planetarische Grenzen stossen. Das Fazit der Forscherin: «Wir müssen Wirtschaft künftig anders denken.» Nachhaltiger und mit weniger Produktivitätsbolzerei.

Verhaltene Töne, diskrete Mahnungen und viel Nachdenkliches dominierten somit den Kickoff-Day. Es war ein Beginn in Moll. Die St.Galler Uni signalisiert Abstand von der naiven Euphorie der Hightech-Welt, sie appelliert an den Geist der Kritik und der Verantwortung.

Wer dabei sein will, muss allerdings Englisch können. Mehr als ein paar Brocken Deutsch waren an diesem Tag nicht zu hören. Selbst das klassische Bläserquintett zollte der angelsächsischen Hegemonie Tribut. Es gab ein Stück von Stevie Wonder zum Besten. Und meisterte die halsbrecherischen Passagen mit Bravour.

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