, 13. Mai 2020
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Uns fehlt die «Elder»-Kultur

Im Alter nur auf der faulen Haut liegen oder in der Welt herumreisen, ist wenig erfüllend. Nach der Pension sollen die Menschen aktive Mitglieder der Gesellschaft bleiben, einfach mit weniger Zeitdruck und ohne Produktionszwang. Dabei können wir auch von indigenen Völkern Nordamerikas lernen. von Ursula Popp

In diesen Tagen ist Solidarität über Grenzen von Nationen und Generationen in aller Munde. Neben Menschen mit Vorerkrankungen stehen ältere Menschen im Fokus, weil angenommen wird, dass sie besonderen Schutzes bedürfen. Wenn Jüngere mit der nötigen körperlichen Distanz und weiteren Massnahmen Ältere schützen, ist das ein Akt der Grosszügigkeit und Achtsamkeit.

Allerdings sind auch wir Alten in erster Linie Menschen und erst in zweiter Linie alt. Wir haben dieselben Vorlieben und Bedürfnisse wie alle. Auch uns ist Lebenssinn, Kontakt, Fürsorge, Wohlbefinden, Freiheit und Sicherheit wichtig, wie es dies während des ganzen Lebens war. Und wie es allen Menschen wichtig ist.

In früheren Zeiten war die Lebenserwartung kürzer, reichte die Lebenskraft nach Ende der Erwerbstätigkeit oft nicht mehr lange. Heute ist das nicht mehr so. Nach der Pensionierung haben viele von uns 20, 30 Lebensjahre vor sich, oft bei guter körperlicher und geistiger Gesundheit. Wie diese doch beträchtliche Zeit gestalten? Es gemütlich haben, auf kleinere und grössere Reisen gehen, körperlich nochmals zu Hochform auflaufen? Sicher, das mag dazu gehören und schön sein. Aber erfüllend, sinngebend ist das alleine nicht.

Gerne bleiben wir aktive Mitglieder der Gesellschaft, gerne übernehmen wir Aufgaben. Wohl nicht mehr mit dem gleichen Zeitdruck und dem gleichen Produktionszwang. Dafür gelassener, bedachter – was für ein schönes Wort – und als integraler Bestandteil der Gesellschaft. Diese mag sich als Familie, als Dorf darstellen, als Land auch oder als Welt. Dafür gibt es noch kaum Vorbilder. Und so nehmen die heutigen Menschen über 65 Jahre eine Vorreiter-Rolle ein.

Wir sind geprägt von der 68er- Generation, wir haben damals für Solidarität gekämpft, für Gleichberechtigung, nicht nur zwischen den Geschlechtern, sondern auch im Nord-Süd-Gefälle, für Liebe statt Krieg. Diese Werte sind uns bis in die Knochen gedrungen – Werte, die heute gleichermassen relevant sind.

In indigenen Gesellschaften kommt älteren Menschen eine ganz besondere Rolle zu. Sie sind die Träger der kulturellen Tradition und Weisheit. Sie sind dafür verantwortlich, diese Werte weiterzugeben. Sie werden respektiert und um Rat gefragt. Ich habe das auf meinen Reisen immer wie- der erleben können, habe zudem viele Jahre an der Westküste der USA, in Seattle, gelebt und gearbeitet – eine Stadt, die von indigenen Gesellschaften mitgeprägt ist.

Bei meiner Rückkehr in die Schweiz fiel mir schnell auf, dass diese «Elder»-Tradition unserer Gesellschaft fehlt. Ob das daran liegt, dass es früher eine Generation der Alten nicht gegeben hat? Oder daran, dass es in der christlichen Tradition hauptsächlich um die Beziehung zwischen Gott, dem Vater, und seinen Kindern geht? Ich weiss es nicht.

Mir scheint wichtig, dass sich in Bezug auf die ältere Generation etwas verändert. Wir alten Menschen sind dabei als erste gefordert. Wenn wir wahrgenommen werden wollen als wichtige Mitglieder der Gemeinschaft, der Gesellschaft, dann müssen wir uns auch so verhalten.

Wir sind nicht mehr an den Schalthebeln der Macht, es geht nicht mehr darum, zu lenken. Aber wir haben doch gelernt, dieses Leben, diese Erde zu lieben. Es ist unsere Aufgabe, jüngere Menschen zu unterstützen, ihre Sorge um die Zukunft zu teilen, nicht mit Belehrungen und Kritik, sondern mit Anteilnahme, mit aufmerksamem Zuhören, mit dem, was aus unserer Erfahrung kommt.

Wie habe ich mich im letzten Jahr an den Klimabewegten gefreut! An den Demonstrationen der Schülerinnen und Schüler haben sich viele Alte beteiligt und genau das getan, was wichtig ist: die Jungen mit ihren Anliegen unterstützt. Die Klima- Seniorinnen haben den Staat eingeklagt, weil er seinen Aufgaben zum Schutz der Bevölkerung mit seinen Klimamassnahmen nicht nachkommt.

Ich erinnere auch an den Frauenstreik vom 14. Juni 2019. Es sind mit die älteren Frauen, welche die Forderung nach gerechten Löhnen in der Care-Arbeit einforderten – und nun erst recht verlangen werden. Dazu kommen die vielen Betreuungsaufgaben, die von Älteren für die Jüngeren übernommen werden. Umso wertvoller, wenn dabei auch kulturelle Werte weitergegeben werden wie Dankbarkeit, Bedachtsamkeit, Verbundenheit mit der Natur.

Doch wir Ältere können nicht alles von uns aus bewirken. So bleibt es Aufgabe der Jungen und Erwerbstätigen, die Alten nicht einfach zum alten Eisen zu werfen. Wer sich die Zeit nimmt für Alte, wird erfahren, wie bereichernd es ist, über Herausforderungen, Brüche, Erfolge anderer Zeiten etwas zu hören. Es lohnt sich, die Schätze, die sich während eines langen Lebens angesammelt haben, zu heben. Zugewandtheit auf beiden Seiten ist der richtungsweisende und erfolgsversprechende Weg für den menschlichen Kontakt über die Schranken von Generationen hinaus.

Dieser Beitrag erschien im Maiheft von Saiten.

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