, 10. September 2015
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«Unser Modell heisst: weniger»

Niklaus Bayer von der neuen Partei Integrale Politik IP plädiert für Intuition in der Politik – und gegen Wirtschaftswachstum. Die IP kandidiert im Kanton St.Gallen erstmals für den Nationalrat. Ein Gespräch aus dem aktuellen Saitenheft.

Niklaus Bayer, das «P» im Namen «IP» steht für «Politik». Und nicht für «Partei». Ist die IP eine Partei, die keine sein will?

Wir sind zugleich eine Partei und eine Bewegung. Teil der Bewegung ist unter anderem die Stiftung für integrale Friedensförderung. Das Wort Partei kommt ja von «pars», «Teil». IP unternimmt hingegen den verrückten Versuch, das Ganze zu denken. Damit kommt man mit dem Parteibegriff an eine Grenze. Eine unserer Zielgruppen sind denn auch Leute, die politikverdrossen sind. Die vor allem den unlauteren Spielchen nicht mehr folgen wollen.

Was für unlautere Spielchen?

Zum Beispiel Strategien, um die eigene Position durchzubringen. Ich meine damit nicht den Kompromiss, sondern den Kuhhandel. Kompromisse sind sinnvoll. Aber Deals nicht.

IP nimmt Ideen unterschiedlicher Parteien auf. Das schafft vermutlich ein Profilproblem.

Das ist so. Aber es gibt schon ein Profil. Erstens: Wir sind nicht links und nicht rechts, sondern tief oder radikal. Ein zweites: Der westliche Mensch und mit ihm die politische Debatte ist im Rationalismus stecken geblieben. Doch die Wirklichkeit hat nicht nur eine Aussenseite, sondern auch eine Innenseite. Diese wird weitherum immer wichtiger, in der Pädagogik, in der Medizin, in der Wirtschaft – wir sind überzeugt, dass die Zeit reif ist, auch in der Politik Innensichten mit einzubeziehen. Bleibt natürlich die Frage: Wie macht man das?

Wie macht man das?

Wir haben eine Methode entwickelt. Sie basiert darauf, vor einem Beschluss in die Stille zu gehen, einen Schritt zurückzutreten und sich zu fragen, was im Tiefsten das Richtige ist. Es gibt dafür in der psychologischen «Theorie U» den Begriff des «Presencing». Damit kommt die Intuition ins Spiel. Man kann es auch Vision nennen: Was wäre für den Planeten, für unsere Kinder, für alle Beteiligten förderlich? Wir befragen alles im Hinblick auf kommende Generationen. Der 3-Milliardenkredit für den öffentlichen Verkehr war dafür beispielhaft: Auf Anhieb scheint klar, dass die Förderung des öV sinnvoll ist. Aber wenn man fragt, ob Pendeln eine zukunftstaugliche Lebensqualität ist, wird die Sache zwiespältig.

Die IP weiss, was für die Zukunft gut ist?

Als Vision, ja. Und die Vision hat prüfbare Kriterien. Erstens: Gemeinwohl. Zweitens: Zeit für die verschiedenen Bedürfnisse – materielle, psychisch-geistige, spirituelle, soziale. Drittens Ökologie, viertens Gerechtigkeit, im schweizerischen und im Weltkontext. Wir glauben, dass Menschen mit gutem Willen einen Beitrag dazu leisten können, dass das Glück auf der Welt zunimmt. Das kann im privaten Handeln sein – aber auch in der Politik.

Bei der Masseneinwanderungsinitiative im Februar 2014 hat die IP ein Ja empfohlen.

Natürlich kam das Thema aus der falschen Ecke und mit einer fremdenfeindlichen Begründung. Aber es gibt bedenkenswerte Punkte. Etwa eine weniger schikanöse Einbürgerungspolitik: Dann sähen die Ausländerzahlen in der Schweiz ganz anders aus. Wir haben zwar keinen Notstand – aber teils sehr viele ausländische Fachkräfte. Eine gewisse Drosselung der Einwanderung könnte bewirken, dass mehr Schweizer eingestellt werden. Und der Braindrain ist für die Herkunftsländer ein Problem. Es geht uns darum, genau hinzuschauen, welche Entwicklung Sinn macht.

Welche wäre das?

Die Initiativ-Gegner waren allesamt Wirtschaftstreiber. Und das ist nicht unser Modell. Unser Modell heisst: weniger. Weniger Wirtschaftswachstum, mehr geteilte Arbeit, weniger Cash für die mittlere und obere Schicht, Lebensqualität aus anderen statt nur materiellen Quellen. Wir sind mit Sicherheit die einzige Partei, die radikal gegen ein quantitatives Wirtschaftswachstum bei uns ist. Weil wir meinen: Es hat von allem genug. Aber klar: Quantitatives Wachstum im Süden, in gewissen Ländern ist sinnvoll.

Wenn man sich «integral» nennt und zugleich Leute ausgrenzt, bleibt ein Widerspruch. Wie sähe die Flüchtlingspolitik der IP aus?

Vorweg: Die Masseneinwanderungsinitiative zielte vor allem auf die europäischen Arbeitskräfte. Unsere Flüchtlingspolitik setzt darauf, das Wohlstandsgefälle zu vermindern, auf Hilfe zur Selbsthilfe, kooperativen Aufbau, gerechte Löhne und faires Einkaufen, weiter auf eine aktive Handelspolitik, die nicht immer zu unseren Gunsten ausgeht. Und schliesslich müssen wir mit den Flüchtlingen hier fair umgehen.

An erster Stelle Ihres Wahlprogramms steht die Forderung nach einem Bundesamt für Frieden.

Das Ziel ist, die Zukunft von einem umfassenden Frieden her zu denken. Das fängt bei einer aktiven Aussenpolitik an. Weiter könnten die Soldaten neben dem Schiessen auch gewaltfreien Widerstand lernen. Und schliesslich geht es in den Schulen, Familien und bei der Arbeit darum, dass man lernt, Konflikte auszutragen. Die Schweiz hätte die Chance, eine solche Vision positiv weiterzugeben.

Was heisst es für Sie persönlich, integral zu leben?

Es bedeutet, alle Bedürfnis-Ebenen ernst zu nehmen und zu schauen, dass Körper, Psyche und Geist in der Balance sind. Für mich persönlich spielt auch die Spiritualität eine entscheidende Rolle. Mich fasziniert, dass die unterschiedlichen Religionen übereinstimmen in der Einsicht: Es ist alles miteinander verbunden, es ist alles Wichtige im Leben geschenkt, und es gibt hinter allem ein Prinzip, das wohlwollend ist – nicht perfid, sondern gnädig.

Wie setzen Sie diese Einsicht in die politische Praxis um?

Die IP politisiert aus der Fülle, aus Zuversicht und nicht vom Mangel her. Wir sagen nicht, wir machen alles besser, aber wir fragen: Was fordert die Zukunft? Was heisst es, mehr zu teilen? Was ist dem Glück aller förderlich? Dahinter steht die Überzeugung einer Verbundenheit mit allem und allen.

Auch mit Betonköpfen von rechts aussen?

Auch da soll man unterscheiden zwischen dem Menschen und seiner Meinung. Der Mensch hat seine Würde, auch ein Herr Blocher – obwohl seine Demagogik eine Schande ist, weil sie Menschen verunglimpft und bei der Angst abholt. Und trotzdem…

Das sind hohe Ansprüche.

Ja, und wir werden ihnen auch nicht gerecht. Aber wir fangen an. Dabei kommt uns natürlich zugute, dass wir ahnen: Es ist an der Zeit.

Auf Ihrer Kandidatenliste fehlen die Jungen – also die Zukunft.

Wir haben einige jüngere Mitglieder, aber es sind noch wenige. Bis jetzt ist es schwierig, sie zu erreichen. Ich weiss noch nicht recht warum.

 

Niklaus Bayer, 1949, ist Theologe und Erwachsenenbildner in St.Gallen. Er kandidiert auf der Liste 15, Integrale Politik, für den Nationalrat.

 IP-Fest: 11. September, Militärkantine St.Gallen

«Anders denken – anders handeln», Referat von Natalie Knapp: 24. September, Waaghaus St.Gallen

 

Das Interview erschien leicht gekürzt im Septemberheft von Saiten. Bild: Tine Edel

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