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«Unser System ist langsam, das ist manchmal ein Problem, aber eigentlich auch ein Glück»

Katrin Meier gibt Ende März nach 13 Jahren die Leitung des Amts für Kultur Kanton St.Gallen ab. Mit Saiten zieht sie Bilanz: über die Kulturförderung in der Coronakrise, die Kulturlandschaft im Kanton, gelungene Projekte, «Baby-Steps» in politischen Aushandlungsprozessen und die Perspektiven einer St.Galler «Kultur für alle». Interview: Peter Surber und Corinne Riedener
Von  Peter Surber  und  Corinne Riedener , 
Verlässt nach 13 Jahren das Amt für Kultur: Katrin Meier. (Bilder: Tine Edel)

Saiten: Reden wir zuerst vom akutesten Thema: Die Coronakrise lähmt den Kulturbetrieb und fordert die Kulturförderung heraus. Wie gehen Sie damit um?

Katrin Meier: Vor allem die Planungsunsicherheit ist für viele enorm belastend und teils auch existenziell. Die gute Seite für uns im Amt für Kultur ist, dass wir etwas leisten können mit unseren Unterstützungsmassnahmen. Wir können tätig sein, wenigstens finanziell, und stehen der Pandemie nicht ohnmächtig gegenüber. Die andere Seite ist das Mitleiden mit der Kultur.

Mitleiden?

Ja. Ich sehe die enorm schwierige Lage vieler Kulturschaffender und persönlich vermisse ich das öffentliche kulturelle Leben. Trotzdem wünsche ich mir, dass in all den Umbrüchen auch Neues möglich wird. Diesen Aspekt hat die Krise ja auch. Es gibt Kulturschaffende, die das zwar nicht gesucht hätten, aber nun Zeit haben, um an Themen und Werken zu arbeiten. Entschleunigung ist ein Stichwort. Und die digitalen Methoden werden noch einmal stärker forciert, was an den einen Orten sinnvoll ist, an anderen weniger.

Zürich lanciert neu eine bis April befristete Pauschalzahlung zur «Existenzsicherung» für Kulturschaffende aller Sparten. Basel will nachziehen. Wäre das ein Modell auch im Kanton St.Gallen?

St.Gallen hat einen anderen Weg gewählt und leistet gemeinsam mit den anderen Kantonen und dem Bund Ausfallentschädigungen für Kulturschaffende. Den Zürcher Weg haben wir schon letzten Sommer mit dem Bund diskutiert. Von Bundesseite wurde die Lösung stets abgelehnt. Ob man eine Lösung wie Zürich will, ist eine politische Frage. In der Aprilsession berät der St.Galler Kantonsrat das Ausführungsgesetz zu den Covid-Massnahmen; dort könnte die Pauschalzahlung ein Thema sein.

Was ist Ihre Meinung?

Für viele Kulturschaffende wäre eine befristete Pauschalzahlung ein gutes Modell. Die Frage ist, wie stark man für die Kultur Separatlösungen sucht oder umgekehrt die Coronamassnahmen über die Branchen hinweg abstimmt.

Es wäre eine Privilegierung?

Je nach konkreter Situation eine Andersbehandlung.

Der Papierkrieg für all die Gesuche ist beträchtlich. Und teils warten Kulturschaffende lange, bis endlich Geld fliesst. Wäre eine Vereinfachung nicht auch für die Ämter wünschbar?

Tatsächlich sind es aufwendige Verfahren. Und vorweg fallen die Entscheide für Kurzarbeit und Erwerbsersatz; die Unterstützung des Kantons kommt erst danach. Das kann im Einzelfall auch zu lange dauern. Immerhin ist es im Kanton für Kulturunternehmen seit anfangs November und auch für Kulturschaffende seit Ende Januar wieder möglich, Gesuche einzugeben. Und wir haben die Möglichkeit, in Notlagen schnell zu handeln. In Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Kultur BAK gibt es auch bei uns ein vereinfachtes Verfahren. Es greift in Fällen, wo die Erwerbsersatzentschädigung weniger als 60 Franken pro Tag beträgt. Das ist nicht für uns, aber für die Kulturschaffenden eine Vereinfachung. Voraussetzung für eine andere Lösung wäre im Übrigen im Kanton St.Gallen wie in Zürich eine neue gesetzliche Grundlage. Unsere Unterstützung jetzt basiert auf dem Bundesgesetz.

Die Debatte um ein Grundeinkommen ist längerfristig dennoch wichtig. Corona hat einer breiten Öffentlichkeit klargemacht, wie viele Kulturschaffende in prekären Einkommensverhältnissen leben.

Die Situation ist nicht so eindeutig. Es gibt zweifellos einen Teil der Kulturschaffenden, die sozial schlecht abgesichert sind und deren Lage schnell prekär wird. Da muss man Lösungen suchen. Auf der anderen Seite sehen wir sehr gutverdienende Künstlerinnen und Künstler, die im Normalfall keine Kulturförderung beanspruchen, sondern sich anders finanzieren. Wir haben diese Kulturschaffenden in der aktuellen Zeit verstärkt wahrgenommen. Die nationale Kulturbeauftragten-Konferenz KBK erstellt aktuell ein Gutachten, um mehr Klarheit über die Saläre der Kulturschaffenden zu bekommen, auch über verschiedene Lebensphasen hinweg. Die Pandemie hat klar gezeigt, dass wir mehr über ihre Lage wissen müssen, einmal abgesehen von der sozialen Absicherung, bei der man sich einig ist, dass sie sich verbessern müsste.

Wie kann sie das?

Erste Schritte sind unternommen. So leistet der Kanton St.Gallen bei Werkbeiträgen einen Beitrag an die zweite oder dritte Säule, sofern die Kulturschaffenden ihrerseits einen Beitrag einzahlen. Und bei Leistungsvereinbarungen schauen wir darauf, dass die Mindesthonorar-Empfehlungen der Branchenverbände eingehalten werden.

Ist es nicht gerade in Coronazeiten schwierig, solche Mindesthonorare zu garantieren, wenn auch die Institutionen unter Geldmangel leiden? Oder generell gefragt: Verschärft Corona die Abhängigkeit der Kultur von den staatlichen Geldtöpfen?

Die aktuelle Lage ist so, dass der Staat die Krise finanziell zu lindern sucht – aber damit hat es sich. Ich sehe die Pandemie als eine Ausnahmesituation, aus der ich keine Entwicklung auf mittlere Sicht ableiten würde.

Im Mai übernimmt Katrin Meier das Präsidium der Ortsbürgergemeinde St.Gallen als Nachfolgerin von Arno Noger.

Unabhängig von Corona: Wie hat sich die kulturelle Landschaft und die Fördertätigkeit in den 13 Jahren verändert, in denen Sie im Amt sind?

Das Kulturgeschehen hat sich insgesamt intensiviert, mit der Lokremise St.Gallen etwa oder dem Schloss Werdenberg mit seinen neuen Museen und der Schlossmediale haben sich neue lebendige kantonale Kulturstandorte etabliert. Wir haben die Kulturförderung vor Ort gestärkt, in fast allen Regionen gemeinsam mit den Gemeinden regionale Kulturförderorganisationen aufgebaut, die Förderung gebündelt sowie neue aufgebaut: etwa die kantonale Filmförderung oder die Förderung der Bibliotheken. Mit Tanzplan Ost, Buch und Literatur Ost+ oder der Kulturvermittlungsplattform kklick haben wir neue interkantonale Förderprogramme lanciert. Generell hat sich die Kultur wie die Gesellschaft als Ganzes stärker ausdifferenziert und professionalisiert. Das spiegelt sich in der Fördertätigkeit, die wie in anderen staatlichen Bereichen zugenommen hat. Die Beträge sind insbesondere bei den Institutionen, doch auch bei den Projekten gestiegen. Über alles gesehen gibt es mehr Anlässe, mehr fixe Häuser und in diesem Sinn eine stärkere Institutionalisierung.

Subkulturen fern von den Institutionen erleben in den letzten Jahren nicht gerade eine Hochblüte. Stimmt die These, dass sich die Jungen weniger trauen als früher, dass sich im «Underground» wenig entwickelt? Was wohl auch mit Repression zu tun hat: Wer Freiräume besetzt, kriegt Probleme.

Repression sehe ich nicht. Es wird immer Generationen geben, die den Weg von subkulturellen zu stärker institutionalisierten Formen gehen. Das ist naheliegend, ebenso, dass Initiativen wieder verschwinden. Die Freiräume sind wohl nicht grösser geworden. Die Frage ist aber auch, wie sehr sie gesucht werden.

Was sind die Stärken und Schwächen des Kulturkantons St.Gallen?

Kultur im Kanton ist vielfältig und regional sehr verschieden. Man merkt die historischen Unterschiede etwa zwischen den rätisch geprägten Regionen oder dem Fürstenland. Das finde ich sehr anregend. Ob Rapperswil-Jona, Buchs, Lichtensteig, Wil oder Rorschach und so weiter: Das sind alles kulturelle Kleinzentren mit grosser Vielfalt. Und überall gibt es Perlen. Eine dieser Perlen wird das Klanghaus Toggenburg sein, nach wie vor ein wunderbares und sehr spezielles Projekt. Es ist eine Freude, dass der Kanton zu einem so speziellen Haus Ja gesagt hat.

Allerdings erst nach 20 Jahre langen Krämpfen. Ist das nicht ein Schmerz, dass Sie es nicht mehr im Amt einweihen können?

Nein – ich freue mich, dereinst das Klanghaus zu erleben. Das Projekt ist auf gutem Weg.

Noch einmal zum Kulturkanton St.Gallen: Was fehlt, was blüht?

Eine den Kanton prägende Frage ist: Wie stark ist die Kantonshauptstadt? Nach meiner Einschätzung hat die Stadt ein sehr vitales Kulturleben mit guter Qualität. Es bedient verschiedenste Gruppen, bietet Experimentelles neben Institutionalisiertem. Es gibt jedoch einige Institutionen in der Hauptstadt, die es wert wären, mehr kantonale Beachtung zu erfahren, die aber recht städtisch orientiert sind. Die Lokremise oder die Bibliothek haben hingegen eine kantonale Ausrichtung. Das Spannungsverhältnis zwischen den Regionen ist typisch für den Ringkanton St.Gallen. Die Topografie prägt das Kulturleben und das Kulturangebot. Aufs Ganze gesehen bin ich überzeugt: Der Kulturkanton ist gut aufgestellt.

Und der Kulturkantonsrat? In den letzten Jahren gab es im Parlament immer wieder Sparbefehle, es gab die unselige Kulturplafonierung oder das erste Nein zum Klanghaus. Der Kanton inklusive Amt für Kultur scheint kulturell fortschrittlicher zu sein als der Kantonsrat.

Das sehe ich nicht so. Letztlich ist jede demokratisch legitimierte Kulturförderung ein Aushandlungsprozess. In einem Kanton mit städtischen und ländlichen Regionen ist das anders als in einem Stadtkanton. Aber diese Reibung hat auch ihr Gutes: Sie gibt der Kultur Bedeutung.

Ist es nicht mühsam, immer wieder um die Daseinsberechtigung der Kulturförderung ringen zu müssen? Und vielleicht die grossen Pflöcke nicht einschlagen zu können, weil sich «das Land» sträubt?

Dass wir im Kanton generell um die Kultur und die Kulturförderung ringen müssten: Das ist vorbei. Es herrscht grundsätzlich eine grosse Akzeptanz, auch im Kantonsrat, dass staatliche Kulturförderung nötig ist, dass kulturelle Angebote wichtig sind für die Gesellschaft. Die Diskussionen drehen sich nicht um diesen Grundsatz, sondern um das Mass. Und das sind klassische politische Diskussionen, die geführt werden müssen. Dass man um das Mass ringt, ist gut und richtig.

Ein Ausdruck dieses Ringens war die Kulturplafonierung von 2016 bis 2019. Die Kultur wurde als einziger Bereich staatlich abgestraft. Hat die Plafonierung Schäden angerichtet?

Ich glaube, dass gewisse Entwicklungen dadurch gebremst wurden. Ein Beispiel dafür ist das St.Galler Figurentheater. Es stand in einem starken Prozess der Veränderung, der Professionalisierung und der Experimente. Diesen Prozess zu fördern wurde erst wieder möglich, als mehr Mittel frei wurden. Die Digitalisierungsarbeit in den Museen wäre ein weiteres Beispiel. Es gab im Kanton eine Reihe von Institutionen oder Personen, die vorwärts kommen wollten, die Ideen und Knowhow hatten, sich weiterzuentwickeln, aber die wir nicht finanziell mitfördern konnten. Die Plafonierung hat gewisse Entwicklungsschritte gehemmt. Sie wurde politisch breit diskutiert und war auch ein politisches Zeichen.

Die Situation der freien Szene ist ein weiterer kulturpolitischer Dauerbrenner. Da hört man Klagen, es sei wenig passiert in all den Jahren unter Katrin Meier.

Ich kenne die Kritik. Man kann das so und anders sehen. Wir haben Verschiedenes in Gang gebracht, unter anderem die mehrjährige Ensembleförderung für Theater und Tanz. Ja, es gibt weiterhin kein Haus für die freie Szene. Und die Lokremise ist stark besetzt durch die festen Mieter, wobei das aus meiner Sicht von Anfang an, schon in der Volksabstimmung, so kommuniziert war. Dennoch war die Erwartungshaltung damals gross. Das Thema ist jetzt wieder auf dem Tisch, sowohl in der Kulturstrategie des Kantons wie im Kulturkonzept der Stadt St.Gallen. Was genau die Bedürfnisse der Szene sind und ob sie ein Haus «füllen» könnte: Das ist abzuklären.

Kein eigenes Haus, aber eine «vierte Sparte» am Theater St.Gallen: Ein solches Modell hat Schauspieldirektor Jonas Knecht schon ins Spiel gebracht. Das Theater St.Gallen ist bis heute ein «Feindbild» der freien Szene. Und es ist der höchstsubventionierte Kulturbetrieb im Kanton. Da wäre mehr Offenheit für die «Freien» wünschbar.

Ich finde ein grosses professionelles Haus in der Ostschweiz zentral. Ein Zusammenspiel zwischen Freien und fixen Häusern ist sicher zu wünschen und findet auch bereits statt. Die harte Trennung zwischen «etabliert» und «alternativ» scheint mir überholt zu sein.

Ein anderes Stichwort: kulturelle Teilhabe. Im Kulturfördergesetz und in der neuen Kulturstrategie des Kantons wird ein möglichst niederschwelliger Zugang zur Kultur für möglichst breite Kreise propagiert. Das Gesetz ist seit drei Jahren in Kraft: Hat es etwas bewirkt in dieser Hinsicht?

Kulturelle Teilhabe fördern wir seit längerem etwa mit der Plattform kklick, die ostschweizweit Kulturvermittlungsangebote zusammenführt. Schwierig bleibt der Einbezug von Menschen mit Migrationshintergrund. Das ist gemäss Strategie bis 2027 anzugehen.

Kann eine solche Förderung überhaupt von oben kommen? Bei den öffentlichen Foren zum städtischen Kulturkonzept hatte sich gezeigt, dass es schwierig ist, diese Kreise überhaupt zu erreichen.

Es gab vor einigen Jahren eine Kulturkonferenz zum Thema, aber jetzt im Coronajahr hatte anderes Priorität. Es ist ein anspruchsvolles Thema, ein Entwicklungsprojekt, das man sorgfältig angehen muss. Es geht nicht einfach darum, Menschen aus anderen Kulturen ins Theater einzuladen. Man muss gemeinsam den Austausch finden.

Sind solche Strategien nicht einfach Lippenbekenntnisse?

Nein. Sie schaffen Rahmenbedingungen. Für die öffentliche Kulturförderung ist es zentral, ein Fundament, eine Legitimation zu haben, mit der man arbeiten kann. Der Managementplan für den Stiftsbezirk ist ein gutes Beispiel dafür, dass eine Strategie mehr als «Papier» ist, sondern bindend für alle Beteiligten. Das gilt auch für diese erste kantonale Kulturstrategie: Das Parlament hat sie gutgeheissen, man kann auch Finanzierungen damit begründen, falls nötig. Für die staatliche Verwaltung ist das die Realität: Gesetze und Pläne sind die Basis unserer Arbeit. Sie ermöglichen das Handeln.

Gesetze brauchen viel Zeit. Das Klanghaus brauchte Jahrzehnte, die geplante «Public Library» steht noch Jahre nicht. Wie hält man das aus?

Ich bin geduldig. Die Bibliothek war sogar schon bei meinem Vor-Vorgänger ein Thema. Aber die lange Planungszeit zu beklagen: Das ist eine verkürzte Optik. In dieser Zeit sind das Bibliotheksgesetz und eine kantonale Bibliotheksförderung entstanden, das Hauptpost-Provisorium ist eröffnet worden, es ist sehr viel passiert, für die Bevölkerung hat sich die Bibliothekssituation deutlich verbessert. Solche Prozesse sind alles andere als ein Treten an Ort.

Trotzdem: Man muss mit diesen «Baby-Steps» zufrieden sein. Es braucht Nerven…

Ja, und man muss damit leben können, dass es anders kommt als gedacht. Provisorien zum Beispiel haben auch ihre Qualitäten. Die künftige Bibliothek wird eine andere sein als jene, die sie vor zehn Jahren geworden wäre. Und das Klanghaus-Projekt ist gereift, auch als Folge der Umwege.

Als Leiterin des Amts für Kultur steht man, so stellen wir uns das vor, permanent zwischen den Fronten. Es ist eine Vermittlerinnenrolle. Anstrengend?

Es ist eine Vermittlungsposition zwischen Sach- und Fachanliegen und der Politik. Wobei man erstens relativieren muss: Das bin nicht ich allein, sondern das ist immer ein Zusammenspiel ganz vieler Beteiligter. Und zweitens hilft ein ehrliches Interesse an beiden Seiten und die Neugier, herauszufinden, wie eine Sache für beide lohnend sein könnte. Ich erlebe diese Arbeit nicht als konfliktträchtig.

Nie die Nase voll gehabt von Diplomatie? Von der Übersetzungsleistung, die das Amt machen muss?

Wichtig ist mir, dass sich, wer mitentscheiden soll, wirklich mit dem Thema beschäftigt. Dann können Wertvorstellungen und Einschätzungen aufeinanderprallen, das kann anstrengend sein, ist aber oft auch fruchtbar und konstruktiv.

Bleibt in diesem Feld des Aushandelns Platz für Visionen?

Es bleibt Platz sowohl für Experimentelles als auch für Neues. Demokratische Aushandlungsprozesse, die oft jahrelang dauern, lassen nicht unbedingt grosse Prestigeprojekte entstehen, sondern schaffen gut abgestützte und für viele nutzbare Angebote. Die Pyramiden sind nicht in einem demokratischen System entstanden, die Fürstabtei St.Gallen auch nicht. Da mögen herrliche Bauwerke mit einer individuellen Handschrift entstehen, aber unserer demokratischen Gesellschaft würden sie nicht entsprechen.

Als neue Amtsleiterin hat der Kanton Tanja Scartazzini gewählt. Das Interview mit ihr hier.

Wer in Ihre Fussstapfen tritt, wird sich also nicht mit grossen Würfen profilieren können?

Doch, und zwar mit wunderbaren Angeboten für die ganze Bevölkerung. Zugänglichkeit finde ich den zentralen Anspruch an eine staatliche Kulturförderung. Es soll durchaus experimentelle Angebote geben, die nicht breitentauglich sind. Aber zugänglich sollen sie sein. Das ist die Maxime der öffentlichen Kulturförderung, im Gegensatz zum Mäzenatentum.

Droht nicht trotzdem die Schere zwischen dem Drittel der Bevölkerung, das kulturnah ist und die Angebote nutzt – und den Zweidritteln, die davon fern bleiben?

Die Anstrengungen zur Förderung der kulturellen Teilhabe haben genau zum Ziel, dass diese Spannung nicht zu gross wird und die Differenzen etwas aufgefangen werden.

Mehrheitsfähige Kultur also?

«Mehrheitsfähig» würde ich nicht sagen, aber frei zugänglich – den Zugang zur Kultur möglichst niederschwellig zu gestalten, hat nichts mit Populismus zu tun. Aber wer will, soll Zugang haben.

Zugänglichkeit ist unter anderem auch eine finanzielle Frage. Müsste man Kulturangebote verbilligen? In der Stadt St.Gallen war bis zu den 80er-Jahren zum Beispiel der Museumseintritt gratis.

Das ist so. Ohne staatliche Förderung wären heute viele Kulturangebote unbezahlbar. Über die Subventionierung hinaus haben wir allerdings keinen Einfluss auf Ticketpreise. Die Diskussion ist geführt worden bei der Eröffnung der Bibliothek Hauptpost. Zuvor war die Kantonsbibliothek Vadiana kostenlos zugänglich, während die Stadtbibliothek Gebühren kannte. Man hat dann einen Mittelweg gefunden. Was die Museen betrifft: Für Kinder und Schulklassen sind sie gratis. Und die Kulturlegi leistet ebenfalls einen Beitrag zur Zugänglichkeit zahlreicher Kulturangebote. «Gratiskultur» hat allerdings einen Haken. In einer ökonomisierten Gesellschaft gilt: Was nichts kostet, ist nichts wert. Dass Kultur generell gratis sein sollte, damit wäre ich nicht einverstanden.

Noch einmal zurück zur Coronakrise: Wird sie das kulturelle Angebot nachhaltig verknappen?

Ich würde da keine Prognose wagen – aber davon ausgehen, dass der Kulturbetrieb vielfältig bleiben wird. Es wird wohl unterschiedliches Publikumsverhalten geben, von den einen, die «hungrig» sind und die Angebote sehr vermisst haben, bis zu den anderen, die nur zögerlich zurückkehren werden. Vielleicht tauchen auch neue Publikumsbedürfnisse auf, die der Kultur zugute kommen – der Wunsch nach Geselligkeit, nach physischen Kontakten. Bei den Kulturschaffenden und Institutionen werden die Folgen ebenso divers sein. Die einen werden weiterhin analog unterwegs sein und das nach der langen Pause umso mehr schätzen. Die anderen werden sich hybrid weiterentwickeln. Der Prozess der Veränderung betrifft im übrigen auch die Freiwilligenarbeit – ganz viele Kulturbetriebe leben von Freiwilligenarbeit.

Ein grosses Kultursterben befürchten Sie nicht?

Im Moment nicht, allerdings ist die Frage, wie lange die Pandemie noch andauert. Sommer ist eine optimistische Perspektive, auch wenn Grossanlässe mit mehreren zehntausend Personen – wie etwa die Stadtfeste – weiterhin sehr fraglich sind. Wie weit es Anlässe mittlerer Grösse diesen Sommer geben wird… man wird sehen.

Haben wir in zehn, fünfzehn Jahren eine andere Kulturlandschaft im Kanton? Gibt es andere Förderinstrumente?

Das wird von vielen mitentwickelt. Die Kulturförderung bleibt im Fluss mit den gesellschaftlichen Entwicklungen. Im Moment sind Transformationsprojekte aktuell, die im Zug von Corona besonders gefördert werden. Für die mittlere Zukunft würde ich mir wünschen, dass die neue Kantons- und Stadtbibliothek am Marktplatz in St.Gallen realisiert ist, mit einem lebendigen Literaturhaus-Teil, dazu das Klanghaus und das neue Staatsarchiv: solche Bauten stehen natürlich besonders im Fokus der Aufmerksamkeit. Daneben werden die vorhin genannten Themen wichtig bleiben, die Teilhabe, auch die kleinen Schritte. Unser System ist langsam, das ist manchmal ein Problem, aber eigentlich auch ein Glück.

Katrin Meier leitet nach früheren Tätigkeiten als Journalistin und Arbeitspsychologin seit 13 Jahren das Amt für Kultur des Kantons St.Gallen. Im Mai übernimmt sie das Präsidium der Ortsbürgergemeinde St.Gallen als Nachfolgerin von Arno Noger.

Dieser Beitrag erscheint im Märzheft von Saiten.

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