Kategorie
Autor:innen
Jahr

Unter den «Schemel» gefallen

Der Heimatschutz SG/AI zeichnet die offene Planung rund um den St.Galler Bahnhof Nord mit seinem «Goldenen Schemel» aus. Den Preis erhält die Stadtverwaltung, vergessen geht dabei die Basis rund um den «Tisch hinter den Gleisen». Dafür gebührt dem Heimatschutz ein rostiger Kübel.
Von  Peter Surber
Die Lokremise, wie man sie kennt. (Bild: Dani Fels)

2015 wurde der «Goldene Schemel» (eine Skulptur von Katalin Deér) erstmals vergeben, an Umbau und Restaurierung des privaten Wohnhauses Husen in Berneck. Ziel des privat finanzierten Preises ist die Förderung der Baukultur. Beim zweiten Mal sollte es um Quartier- und Siedlungsentwicklungen gehen. Gewonnen hat der Planungsprozess Bahnhof Nord St.Gallen.

Jahrelange «Hilflosigkeiten»

Dort praktiziere die Stadt seit 2015, was «heute von einer Stadt in der Grösse St.Gallens an Planungskultur zu erwarten ist», in den zwei Jahrzehnten zuvor aber schmerzlich vermisst worden sei, stellt die Jury fest. Zuvor sei das Gebiet nie ganzheitlich betrachtet worden, Grossprojekte wurden nicht umgesetzt, dafür ein umstrittener «St.Leopard» oder das KV-Bürohaus realisiert, es gab Konflikte um die Villa Wiesental, um das Klubhaus, um die Aussenraumgestaltung der Fachhochschule. Insgesamt eine ganze «Galerie von Hilflosigkeiten», heisst es in der Pressemitteilung des Heimatschutzes.

Die partizipative Planung bedeute daher «einen Neuanfang im Umgang mit Stadtraum und der betroffenen Bevölkerung». Ziel sei die Aufwertung des öffentlichen Raums, aber auch der angemessene Umgang mit historischen Bauten im Quartier. Der «goldene Schemel» soll keine (noch nicht vorhandenen) Resultate auszeichnen, sondern die Methodik des Prozesses und dessen dialogisches Verfahren.

Den Preis für den «beispielhaften Planungsprozess» bekommen das Stadtplanungsamt mit Leiter Florian Kessler und Projektleiterin Daniella Nüssli sowie die Kommunikationsstelle der Stadtverwaltung mit Esther Räber-Schönenberger und Samuel Fitzi. So weit so erfreulich – allerdings wird unterschlagen, dass es für diesen Prozess erstmal den «Druck der Strasse» brauchte.

Wo bleibt der «Tisch»?

Den Preis mitverdient hätte der «Tisch hinter den Gleisen». Er formierte sich nach den Wirren um den Verkauf und drohenden Abbruch des Spanischen Klubhauses, den Querelen um die Villa Wiesental und aus Protest gegen die schleichende Entwertung eines einstmals lebendigen Wohnquartiers.

Vorangegangen war im August 2014 ein Podium des Heimatschutzes selber, mehr dazu hier. Im folgenden Winter wurde der «Tisch» ins Leben gerufen, es wurde debattiert, visioniert, konkretisiert. Erst im Sommer 2015 sprang die Stadt auf den basisdemokratisch rollenden Zug auf, nachdem sie das Klubhaus (zurück-) gekauft und mit einem Architekturwettbewerb auf die Nase gefallen war.

O-Ton NZZ vom 31. August 2015: «Nach Jahren der Passivität haben die Behörden realisiert, dass ein konzept- und ideenloses Weiterwursteln im Quartier hinter den Gleisen in einer lebensfeindlichen Sackgasse enden würde.» O-Ton Saiten vom gleichen Tag: «Jetzt hat auch die Stadt gemerkt, dass es einen Tisch hinter den Gleisen braucht.»

«Der Anstoss war zivilgesellschaftlich»

Drum also hätte der «Tisch» den Preis verdient – zumindest: auch verdient. Das sieht auch Dani Fels so, Dozent an der Fachhochschule und Projektleiter Soziale Räume der FH: Der «Tisch hinter den Gleisen» sei vom Planungsamt sehr ernst genommen worden und ein entscheidender Faktor dafür gewesen, dass die Stadt so rasch reagierte. «Der Anstoss war zu einem schönen Teil zivilgesellschaftlich.» Ebenfalls wichtig war laut Fels, dass mit Florian Kessler ein Mann neu im Planungsamt war, der von Rorschach her bereits Erfahrung mit partizipativen Prozessen hatte.

Preisverleihung «Goldener Schemel»: 29. November, 19 Uhr,  Spanisches Klubhaus St.Gallen.

Roman Rutz, einer der Initianten des «Tischs», findet es auf Anfrage zwar «nicht tragisch», von der Jury aussen vor gelassen zu werden: «Uns ging es nicht darum, Preise einzuheimsen. Wichtig ist, dass die Entwicklung, die wir uns erhofften, in Gang gekommen ist.» Eine Verwaltung dafür auszuzeichnen, dass sie ihren Job macht, sei allerdings schon etwas seltsam. Und dass Stadträtin Patrizia Adam im Wahlkampf auftrete, als sei sie «Miss Partizipation», passe schlecht zur Tatsache, dass sie erst auf Druck von aussen damit angefangen habe. In den Foren habe der «Tisch hinter den Gleisen» seinen Platz und seine Stimme gehabt, sagt Roman Rutz – wie weit die Anliegen der «Tisch»-Runde am Ende zur Geltung kommen, sei eine andere Frage.

Für den Prozess selber wurde ein Team gebildet: Planungsamt und Abteilung Kommunikation der Stadt gehörten dazu, ausserdem Bruno Bottlang vom Atelier Bottlang und Dani Fels als FH-Projektleiter. Gemeinsam heckte man die Abläufe aus: Online-Befragung, Foren, Sozialraumanalyse, Testplanung. Warum die Experten Bottlang und Fels nicht ebenfalls zum Kreis der Preiswürdigen zählen, bleibt ebenso das Geheimnis der Heimatschutz-Jury wie die Tatsache, dass sie den «Tisch» und seine Initial-Zündung komplett ignoriert.

Drum also: Ein rostiger Kübel für die Jury mit Kathrin Hilber, Christa Köppel, Carlos Martinez, Agatha Nisple und Peter Röllin.

Als nächstes: Die Testplanung

Der Planungsprozess geht zeitgleich mit der «Schemel»-Verleihung in seine nächste Runde: Ende November, wenige Tage nach der Stadtratswahl, werden die Ergebnisse der Testplanung der vier eingeladenen Architekturbüros präsentiert und findet ein nächstes Forum aller Anspruchsgruppen statt. Die gesammelten Ergebnisse fliessen schliesslich in den Bericht an den Stadtrat ein, der das weitere Vorgehen festlegen wird – wer auch immer dann das Baudepartement leitet.

So löblich die Planung, so fraglich ist das Ergebnis. Der ökonomische Druck ist gross an dieser exponierten Stelle – wenig Chancen also für eine «niederschwellige» künftige Nutzung, wie sie vor zwei Jahren an dieser Stelle ein Kommentator vorgeschlagen hatte: «Wettbewerb? Investoren? Das klingt ganz grausig. Meine Lösung: Rümpeltum ins Klubhaus, DAS belebt das Quartier. Das Haus soll ein soziales Quartierzentrum werden (den Namen dafür hätte man auch schon parat: centro social), dafür brauchts weder Wettbewerb, noch Investoren, sondern eine Stadt, die sich zu gemeinschaftlichen und auch konfliktiven Orten bekennt!»

Jetzt mitreden: 1 Kommentar
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.
Peter Röllin, Jurymitglied "Goldener Schemel",  

Xenophon sagt: "Der Mistkübel ist schön, weil er nützlich ist."
Also Dank an Dich Peter Surber für den rostigen Kübel.

Bad­hüt­te Ror­schach: Re­kon­struk­ti­on bis zum Tür­schar­nier

Die Bau­plä­ne sind ge­zeich­net, das Bau­ge­such liegt zur Vor­prü­fung bei der Stadt – doch noch ist ei­ni­ges rund um den Wie­der­auf­bau der Ror­scha­cher Bad­hüt­te zu klä­ren. Was pas­siert zum Bei­spiel mit all den an­ge­ros­te­ten und teils ver­bo­ge­nen Schar­nie­ren, Schlös­sern und an­de­ren Ei­sen­tei­len, die die Tau­cher aus dem See her­auf­ge­bracht ha­ben?

Von  René Hornung
Badhuette rorschach

«Sie wis­sen, dass ih­nen Ge­fäng­nis oder der Tod droht, wenn sie an Pro­tes­ten teil­neh­men. Und sie tun es trotz­dem.»

Moh­sen Ma­sou­di ist 2022 aus dem Iran in die Schweiz ge­flo­hen. Heu­te lebt er in Stein AR und ist Teil der Exil-Op­po­si­ti­on. Er er­zählt, war­um es die Schlies­sung der ira­ni­schen Bot­schaft braucht und was sich mit den Pro­tes­ten An­fang Jahr ver­än­dert hat.

Von  Matthias Fässler , Bilder:  Sara Spirig
260708 Redeplatz Mohsen Masoudi

Ein Pi­ra­ten­schiff am Bo­den­see­ufer

Das See-Burg­thea­ter macht aus sei­ner Pi­ra­tin­nen­ge­schich­te Die Le­gen­de von An­ne Bon­ny ein akro­ba­ti­sches Spek­ta­kel vom Feins­ten. Bei al­ler Som­mer­thea­ter-Leich­tig­keit hät­te man aber doch ein biss­chen mehr Eman­zi­pa­ti­ons­ge­schich­te er­war­tet.  

Von  Maria Schorpp
Piratencrew Bildnachweis Ilja Mess

Ei­ne ein­ma­li­ge Ge­burts­tags­par­ty

Zu sei­nem 20. Ge­burts­tag hat das Kul­tur­fes­ti­val am Wo­chen­en­de Bands aus St.Gal­len und der Re­gi­on zu ei­nem zwei­tä­gi­gen Kon­zert­fest ein­ge­la­den. Die­ses war so viel­fäl­tig wie ge­lun­gen – auch we­gen der Idee, Co­vers aus der Grün­dungs­zeit des Fes­ti­vals in die Sets ein­zu­bau­en. 

Von  David Gadze
Kulturfestival 20 Jahre Jubilaeum 2026 Kasimir Hoehener

Bregenzer Festspiele

Mehr als die See­büh­ne: Ent­de­ckun­gen an den Bre­gen­zer Fest­spie­len

Von  Nathalie Grand
Pressetag broucek anjakoehler 260236

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 3

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 3: «Was der Kai­ser noch sah», Olaf Breu­ning – «Hu­mans» und Oria­na Bruseghi­ni  – Das ver­las­se­ne Ret­tungs­boot. 

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps Colazione Sull Erba Pfister Noemi copy

Von Mo­de und Kör­pern

Wie setzt Fo­to­gra­fie Mo­de in Sze­ne? Und wer fo­to­gra­fiert da­bei ei­gent­lich wen? Das Tex­til­mu­se­um St.Gal­len gibt mit «Mi­se en Scè­ne» Ein­bli­cke in 120 Jah­re Mo­de­ge­schich­te. Es ist die letz­te Schau vor dem Mu­se­umsum­bau. 

Von  Vera Zatti
TMF 22 4 1 V

«Ich ma­che das für al­le, die auf ei­nen Ent­scheid war­ten.»

Seit elf Ta­gen be­fin­det sich Ve­lat Ay­din vor dem Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in St.Gal­len im Hun­ger­streik. Im Ge­spräch mit Sai­ten er­zählt der Kur­de, wo­her er kommt und wes­halb po­li­ti­scher Ak­ti­vis­mus so wich­tig ist.

Von  Daria Frick
DSC 6579

Lus­ti­ges Mas­sen­ar­ten­ster­ben

Die St.Gal­ler Fest­spie­le sind vor­bei. Oper war in­door, draus­sen im Stadt­park spiel­te die End­zeit­ko­mö­die Pla­net B. Näh­me man die Bot­schaft des Stücks ernst, müss­te die Fest­spiel-Oper auch künf­tig res­sour­cen­scho­nend drin­nen blei­ben.

Von  Peter Surber
Festspiele planet b tanja dorendorf 1095

Zwi­schen Pon­gal und Turn­ver­ein

Sin­du­jan* lebt schon sein gan­zes Le­ben in der Schweiz. Die Ein­bür­ge­rung ist fast ab­ge­schlos­sen, war aber mit ho­hen Kos­ten und ei­nem un­an­ge­neh­men Ge­spräch ver­bun­den.

Von  Andi Giger
260707 Saiten 0807 08

Ei­ne kur­ze In­dus­trie­ge­schichg­te des Sit­ter­tals

Be­vor die Kunst Ein­zug hielt, war das Sit­ter­tal in­dus­tria­li­siert. Hier wur­de ge­stickt, ge­wirkt, ge­färbt, mer­ceri­siert – aber auch ge­streikt und ge­liebt.

Von  István Scheibler
260708 Sitterwerk Industriegeschichte Das Sittertal zu Zeiten der Motorenstickerei Rittmeyer Staatsarchiv W 054 51 D 8

Kolumne: Stimmrecht

Wer ist die ukrai­ni­sche Dia­spo­ra?

Von  Liliia Matviiv

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 2

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 2: Ki­nok-Open-Air, So­lar­ki­no, Chris­ta Nä­her – «Ex­cess», Li­ving Mu­se­um, Pool­bar Fes­ti­val, Die Le­gen­de von An­ne Bon­ny und SP-Spa­zier­gän­ge. 

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps 7 The Long Seat

Wie ein Fisch im Was­ser

In der Kunst­ka­bi­ne bei der St.Le­on­hard-Brü­cke in St.Gal­len stel­len bis Sep­tem­ber vier Per­so­nen mit Be­ein­träch­ti­gung ih­re Kunst aus. Den An­fang macht Son­ja Lip­pu­ner mit ih­rer «Roll­stuhl­kunst».

Von  Roman Hertler
Whats App Image 2026 07 01 at 22 09 10

«Kul­tur ist nicht de­mo­kra­tisch, aber zen­tra­le Grund­la­ge der De­mo­kra­tie»

Die Kunst­gies­se­rei St.Gal­len und die Stif­tung Sit­ter­werk strah­len weit über die Re­gi­on hin­aus. Fe­lix Leh­ner, Grün­der und Lei­ter der Kunst­gies­se­rei, Ge­schäfts­lei­tungs­mit­glied Till Jäck­li so­wie Pa­tri­cia Hart­mann, Co-Lei­te­rin der Stif­tung Sit­ter­werk, spre­chen im In­ter­view über die letz­ten 40 Jah­re, ak­tu­el­le Her­aus­for­de­run­gen und Zu­kunfts­plä­ne.

Von  Daria Frick  und  David Gadze
260708 Sitterwerk Andri Voehringer 01

«Schwei­gen gibt der Ge­walt Raum»

Ge­schlech­ter­spe­zi­fi­sche Ge­walt ist auch in Ap­pen­zell Rea­li­tät, und doch wird zu we­nig dar­über ge­re­det. Mit der Dis­kus­si­ons­ver­an­stal­tung «we­r­om – schwät­ze statt schwi­ige» lu­den drei jun­ge Ap­pen­zel­le­rin­nen zum of­fe­nen Aus­tausch über Ge­walt, Prä­ven­ti­on und Zi­vil­cou­ra­ge.

Von  Marion Loher
Werom 4

Wenn Hei­mat flim­mert

Hei­mat – ein viel­schich­ti­ger Be­griff. Das Kunst­mu­se­um St.Gal­len spürt ihm ge­mein­sam mit der Werk­samm­lung der Schwei­ze­ri­schen Post nach. Zu se­hen ist die ent­stan­de­ne Schau «Hei­mat­flim­mern» bis En­de Ok­to­ber in St.Gal­len.

Von  Lisa Steurer
Ausstellungsansicht stian Stadler 1

Jung­brun­nen für den Dom

Die St.Gal­ler Fest­spie­le la­den, nach der letzt­jäh­ri­gen Pau­se, wie­der zum Tanz in die Ka­the­dra­le. Cho­reo­graf An­to­nio Ruz und die Tanz­kom­pa­nie neh­men den Raum mit Re­spekt in Be­schlag – samt dem Klos­ter­platz.

Von  Peter Surber
Bildschirmfoto 2026 06 29 um 11 44 42

Der «Landesverräter» war gern am Fluss

Ernst S. und die Sit­ter

Von  Roman Hertler
2502 Max Butz 05

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 1

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 1: Open­air-Ki­nos, Bla­bla­bor – «Gue­ril­la Ra­dio», Mi­chail Pir­ge­lis – «HYLE», «Hei­mat­flim­mern», Kul­tur­fes­ti­val St.Gal­len, Le­on­ce und Le­na, Kunst­spa­zier­gän­ge und Mu­sik im «Flööz­li» so­wie Rund­gän­ge zum Blu­men­wies und zur Schwamm­stadt. 

Von  Redaktion Saiten
Noemi Pfister Happily Aging Dying