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Verliebt in den Schleier

Zu den Bildern im Februarheft: Ein Engländer mit dem Pseudonym 2041 hat unter der Burka seine Freiheit gefunden. Georg Gatsas hat mit Herausgeber Lewis Chaplin über den kürzlich erschienenen Fotoband des Verhüllungs-Fetischisten gesprochen.
Von  Gastbeitrag

2041 ist der Deckname, unter dem ein Mann Tausende Selbstporträts mit einer weltweit vernetzten Burka-Fetisch-Onlinecommunity teilt. In Burkas, Mänteln und anderen Ganzkörperkostümen lebt 2041 seinen Verschleierungs-Fetisch zu Hause vor der Kamera aus. Seine Identität bleibt dabei vollständig verborgen, die Bilder verraten nichts über die Person unter den Hüllen, im Gegenteil: Durch den Akt der Vermummung entwickelt er unzählige Persönlichkeiten.

HP08-2041-press-16Die online gekauften Burkas oder selbst angefertigten Schleier, Umhänge und drapierten Stoffe setzt er mittels Selbstauslöser geschickt um: in satten, bunt leuchtenden Textur- und Bildkompositionen. Seine Selbstporträts wirken unheimlich, enigmatisch, lösen teilweise auch Assoziationen zu medialen Ikonen aus. Die Burka, in westlichen Ländern als unterdrückendes Verhandlungsobjekt benutzt, wird von ihm in ein feierliches Licht gerückt und so zum queeren Fetischobjekt für Männer.

2041 heisst auch eine Sammlung seiner Fotografien, die kürzlich bei «Here Press» erschienen ist und von den Herausgebern Ben Weaver und Lewis Chaplin sorgfältig editiert wurde. Ben Weaver, den ich durch seine Arbeit als Art Director und Grafiker des «Wire» kenne, schenkte mir diesen Fotoband bei meinem London-Besuch im Dezember – 2041s Bilder blieben hängen. Und ich hatte Fragen:

Lewis, wie haben Sie 2041 entdeckt?

Vor vier Jahren, als ich recherchiert habe, wie das Bilderportal «flickr.com» rege von Leuten mit sehr spezifischen und seltenen Fetischen genutzt wird, bin ich zum ersten Mal auf seine Bilder gestossen. Damals habe ich auch andere Communities entdeckt, die sich der Kunst der vollständigen Bedeckung und Ganzkörper-Verschleierung widmen. Die Bilder von 2041 haben mich besonders fasziniert. Nicht nur, weil er sehr sorgfältig vorgeht, auch wegen seines Talents für Bildkompositionen und der Art seines Auftrittes durch das öffentliche Teilen der Bilder – was ihn von anderen unterscheidet. Zudem fasziniert mich der pikante Kontrast, sich im Internet öffentlich zu zeigen, gleichzeitig aber völlig verdeckt zu sein. Das Buch ist nur eine Ausweitung davon.

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Ich kann mir vorstellen, dass er seinen Burka-Fetisch sehr zurückgezogen auslebt. Wie haben Sie ihn vom Buchprojekt überzeugt?

Den ersten Kontakt hat Ben Weaver, der Verleger, hergestellt, nachdem wir lange über die Buch-Idee diskutiert haben. Erst dann habe ich 2041 persönlich getroffen. Wir mussten ihn aber nie überzeugen, in die Öffentlichkeit zu treten, seine flickr-Bilder sind schliesslich für alle jederzeit abrufbar und schon tausende Male angeklickt worden.

Seine Lust am Verhüllen ist eine Sache, aber warum hat er begonnen, sich dabei abzulichten?

Ausschlaggebend ist, wie er die Bilder im Vergleich mit anderen Fetischisten schiesst: Es ist ein wenig so, als ob der fotografische Akt der wichtige Punkt des Fetischs ist – er zieht seine Befriedigung aus dem Auftritt vor der Kamera und dem Ablegen, Bearbeiten und Teilen der Bilder mit Gleichgesinnten. 2041 ist heute über 80, hat sich aber seit seiner Jugend für das Verhüllen interessiert. Konkretisiert hat sich sein Fetisch erst, seit er einen Computer und eine Digitalkamera hat. Ich kann nicht sagen, wann genau sein Weg begonnen hat, aber die Fotos sind wohl eng mit dem Fetisch verknüpft.

Einige sind ungeheuer gut komponiert. Fotografiert er auch nebenher?

Bei ihm zu Hause hängen Gemälde, Kreuzstickereien, Zeichnungen und vieles mehr aus seiner Familie an den Wänden. 2041 entstammt einer langen Künstlertradition, betätigt sich sonst aber nicht als Fotograf. Er ist gelernter Chorsänger und tritt sein Leben lang als Laienschauspieler auf. Meistens amüsiert er sich über das viele Lob, das er für seine Fotos erntet, da er selbst kaum darüber nachdenkt. Ihm dienen die Bilder nur zu einem Zweck: die Kleidung und ihre Präsenz festzuhalten. Das schafft eine gewisse Steifheit, was die visuelle Ästhetik seiner Porträts ausmacht. Allerdings zeigt das Buch nur eine kleine Auswahl seiner Sammlung, die aus etwa 40’000 Selbstportraits besteht.

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Offenbar ist er interessiert an Ländern wie Afghanistan oder Pakistan – hat er diese je bereist?

Er ist oft gereist, hat Katar und andere Länder im Nahen Osten besucht, ist aber kein Experte dieser Kultur. Der Gebrauch nahöstlicher Kleider ist keine Hommage an diese Region. Es geht ihm vielmehr darum, dass der Zweck dieser Kleider in der Verbergung liegt. Deshalb sind sie wie geschaffen für seine Kunst der visuellen Anonymität.

War die unaufgeregte, respektvolle Art der Präsentation eine bewusste Entscheidung?

Darauf haben wir grossen Wert gelegt. Es war uns wichtig, die Ehrlichkeit in diesem Buch hervorzuheben, denn ich bin überzeugt, dass 2041 etwas Wichtiges, Allegorisches mit der Fotografie macht. Wie jedes gute Gesamtkunstwerk wirft er grosse Fragen auf: an die Identität, die Repräsentation, die Leistung der Fotografie und die Beziehung von Bild und Körper. Ein klares Konzept gab es jedoch nicht. Die Publikation entstand aus einer natürlichen Wertschätzung für sein Werk.

«2041»: 2041. Edited by Lewis Chaplin & Ben Weaver. Limitiert auf 500 Exemplare. Here Press, London, 2014.
Georg Gatsas, 1978, pendelt zwischen London und Waldstatt.

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Abutz DSC 9766 Portrait wahl fischer klein cmky

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Von  David Gadze
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Senf
Heftvorschau 09/26
Luzern Winti St.Gallen, Neonazipfarrer, A(nita) bis Z(immermann)

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Saiten 2609 Cover 01