2041 ist der Deckname, unter dem ein Mann Tausende Selbstporträts mit einer weltweit vernetzten Burka-Fetisch-Onlinecommunity teilt. In Burkas, Mänteln und anderen Ganzkörperkostümen lebt 2041 seinen Verschleierungs-Fetisch zu Hause vor der Kamera aus. Seine Identität bleibt dabei vollständig verborgen, die Bilder verraten nichts über die Person unter den Hüllen, im Gegenteil: Durch den Akt der Vermummung entwickelt er unzählige Persönlichkeiten.
Die online gekauften Burkas oder selbst angefertigten Schleier, Umhänge und drapierten Stoffe setzt er mittels Selbstauslöser geschickt um: in satten, bunt leuchtenden Textur- und Bildkompositionen. Seine Selbstporträts wirken unheimlich, enigmatisch, lösen teilweise auch Assoziationen zu medialen Ikonen aus. Die Burka, in westlichen Ländern als unterdrückendes Verhandlungsobjekt benutzt, wird von ihm in ein feierliches Licht gerückt und so zum queeren Fetischobjekt für Männer.
2041 heisst auch eine Sammlung seiner Fotografien, die kürzlich bei «Here Press» erschienen ist und von den Herausgebern Ben Weaver und Lewis Chaplin sorgfältig editiert wurde. Ben Weaver, den ich durch seine Arbeit als Art Director und Grafiker des «Wire» kenne, schenkte mir diesen Fotoband bei meinem London-Besuch im Dezember – 2041s Bilder blieben hängen. Und ich hatte Fragen:
Lewis, wie haben Sie 2041 entdeckt?
Vor vier Jahren, als ich recherchiert habe, wie das Bilderportal «flickr.com» rege von Leuten mit sehr spezifischen und seltenen Fetischen genutzt wird, bin ich zum ersten Mal auf seine Bilder gestossen. Damals habe ich auch andere Communities entdeckt, die sich der Kunst der vollständigen Bedeckung und Ganzkörper-Verschleierung widmen. Die Bilder von 2041 haben mich besonders fasziniert. Nicht nur, weil er sehr sorgfältig vorgeht, auch wegen seines Talents für Bildkompositionen und der Art seines Auftrittes durch das öffentliche Teilen der Bilder – was ihn von anderen unterscheidet. Zudem fasziniert mich der pikante Kontrast, sich im Internet öffentlich zu zeigen, gleichzeitig aber völlig verdeckt zu sein. Das Buch ist nur eine Ausweitung davon.
Ich kann mir vorstellen, dass er seinen Burka-Fetisch sehr zurückgezogen auslebt. Wie haben Sie ihn vom Buchprojekt überzeugt?
Den ersten Kontakt hat Ben Weaver, der Verleger, hergestellt, nachdem wir lange über die Buch-Idee diskutiert haben. Erst dann habe ich 2041 persönlich getroffen. Wir mussten ihn aber nie überzeugen, in die Öffentlichkeit zu treten, seine flickr-Bilder sind schliesslich für alle jederzeit abrufbar und schon tausende Male angeklickt worden.
Seine Lust am Verhüllen ist eine Sache, aber warum hat er begonnen, sich dabei abzulichten?
Ausschlaggebend ist, wie er die Bilder im Vergleich mit anderen Fetischisten schiesst: Es ist ein wenig so, als ob der fotografische Akt der wichtige Punkt des Fetischs ist – er zieht seine Befriedigung aus dem Auftritt vor der Kamera und dem Ablegen, Bearbeiten und Teilen der Bilder mit Gleichgesinnten. 2041 ist heute über 80, hat sich aber seit seiner Jugend für das Verhüllen interessiert. Konkretisiert hat sich sein Fetisch erst, seit er einen Computer und eine Digitalkamera hat. Ich kann nicht sagen, wann genau sein Weg begonnen hat, aber die Fotos sind wohl eng mit dem Fetisch verknüpft.
Einige sind ungeheuer gut komponiert. Fotografiert er auch nebenher?
Bei ihm zu Hause hängen Gemälde, Kreuzstickereien, Zeichnungen und vieles mehr aus seiner Familie an den Wänden. 2041 entstammt einer langen Künstlertradition, betätigt sich sonst aber nicht als Fotograf. Er ist gelernter Chorsänger und tritt sein Leben lang als Laienschauspieler auf. Meistens amüsiert er sich über das viele Lob, das er für seine Fotos erntet, da er selbst kaum darüber nachdenkt. Ihm dienen die Bilder nur zu einem Zweck: die Kleidung und ihre Präsenz festzuhalten. Das schafft eine gewisse Steifheit, was die visuelle Ästhetik seiner Porträts ausmacht. Allerdings zeigt das Buch nur eine kleine Auswahl seiner Sammlung, die aus etwa 40’000 Selbstportraits besteht.
Offenbar ist er interessiert an Ländern wie Afghanistan oder Pakistan – hat er diese je bereist?
Er ist oft gereist, hat Katar und andere Länder im Nahen Osten besucht, ist aber kein Experte dieser Kultur. Der Gebrauch nahöstlicher Kleider ist keine Hommage an diese Region. Es geht ihm vielmehr darum, dass der Zweck dieser Kleider in der Verbergung liegt. Deshalb sind sie wie geschaffen für seine Kunst der visuellen Anonymität.
War die unaufgeregte, respektvolle Art der Präsentation eine bewusste Entscheidung?
Darauf haben wir grossen Wert gelegt. Es war uns wichtig, die Ehrlichkeit in diesem Buch hervorzuheben, denn ich bin überzeugt, dass 2041 etwas Wichtiges, Allegorisches mit der Fotografie macht. Wie jedes gute Gesamtkunstwerk wirft er grosse Fragen auf: an die Identität, die Repräsentation, die Leistung der Fotografie und die Beziehung von Bild und Körper. Ein klares Konzept gab es jedoch nicht. Die Publikation entstand aus einer natürlichen Wertschätzung für sein Werk.
«2041»: 2041. Edited by Lewis Chaplin & Ben Weaver. Limitiert auf 500 Exemplare. Here Press, London, 2014. Georg Gatsas, 1978, pendelt zwischen London und Waldstatt.
Anita Zimmermann alias Leila Bock prägt die St.Galler Kulturszene seit Jahrzehnten – als Künstlerin, als Vermittlerin, als Ermöglicherin. Sie hat Widerstände überwunden und andere Künstler:innen immer wieder herausgefordert. Eine Würdigung
Die St.Galler Museumsnacht findet in diesem Jahr zum 20. Mal statt. Zum Jubiläum blickt Vereinspräsidentin Barbara Affolter zurück und nach vorne. Sie sagt, was die Museumsnacht bis heute ausmacht und wohin sie sich entwickeln soll.
Die Ausstellung «Voller Leben» des Vereins IG Halle Rapperswil wirft Schlaglichter auf künstlerische Schaffensprozesse und ihre Verbindungen zur Natur.
Kolumne: Stimmrecht
Der St.Galler Kunstkiosk wird fünfzehn Jahre alt. Gefeiert wird das mit einer Jubiläumsausstellung im ehemaligen Tiffany Night Club. Die Vernissage ist am 12. September. Saiten hat schon vor der Eröffnung vorbeigeschaut.
Musiktheater
Zum 36-jährigen Bestehen seiner Galerie Macelleria d'arte transformiert Francesco Bonanno ein leerstehendes Gebäude am Roten Platz in St.Gallen in ein buntes Haus voller Kunst. Was als kleines Projekt begann, wuchs zu einem Gemeinschaftswerk von fast 100 Kunstschaffenden.
St.Gallen und Luzern haben mehr gemeinsam, als man zunächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Saiten-Redaktion in St.Gallen unterwegs.
Von St.Gallen bis nach Südafrika. Ein Ostschweizer Ehepaar reist im Landrover Defender um die Welt. Ihre Erlebnisse halten die Baumelers mit einer Kamera fest. Nun erscheint ihr Film Immer weiter in Ostschweizer Kinos – eine ehrliche Dokumentation, der eine Einordnung gut getan hätte.
«Open House St.Gallen»
Museum Herisau
Das Küefer-Martis-Huus in Ruggell widmet sich in einer Retrospektive der Wiederentdeckung einer völlig übersehenen Künstlerin: Maggy Mauritz war eine Pionierin der Graffitikunst und des Lettrismus.
Jakob Lütschg kehrte nie nach Balgach zurück. 82 Jahre nach seinem Tod im Konzentrationslager Buchenwald kehrt wenigstens sein Name heim. Der erste Stolperstein im St. Galler Rheintal erinnert an ein Leben, das beinahe vergessen ging.
Musik am See
Torreich, spannend und doch enttäuschend - nur eine Viertelstunde guter Fussball reicht halt nicht zum Punkt gegen Thun.
Nach Jahrzehnten treffen sich Eva und Franz wieder. Beide im fortgeschrittenen Alter. Viel ist passiert und doch ist da noch Zuneigung. Schwindlig heisst der neue Roman der Ostschweizer Autorin Christine Fischer, in dem vielschichtige Charaktere auf feines Sprachgefühl treffen.
Dieses Wochenende eröffnet die offene Werkstatt Meter den neuen Standort an der Burgstrasse. Und im November zügelt Offcut nach St.Fiden. Das ist der Anfang vom Ende der Gemeinschaft «Ulmen5» – zumindest in ihrer bisherigen Form. Denn 2027 könnte es zur teilweisen Wiedervereinigung kommen.
Eine neue SRF-Serie porträtiert eine elfköpfige WG aus St.Gallen. Endlich wieder mal eine sehenswerte SRF-Produktion, findet Saiten-Autor Andi Giger.
St. Gallen schlägt sich am Ende auch selbst und muss den Traum von Europa begraben. Entscheidend war er Platzverweise gegen Mihailo Stevanovic vor der Pause.
Drei Kulturmagazine tun sich zusammen, vergleichen ihre Städte und die Herausforderungen, denen die Kultur gegenübersteht. Saiten hat die Kolleg:innen vom «Coucou» in Winterthur besucht und das «Null41» war in St.Gallen zu Besuch. Ausserdem im Septemberheft: lauter Jubiläen – von Anita Zimmermann über das Figurentheater bis zur Museumsnacht –, ein Pfarrer auf braunen Abwegen, eine Flaschenpost aus Afghanistan und ein Interview zum Hitzesommer und dem Klimawandel.