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Versorgt und verschwiegen

Martha L. starb 1918 im Asyl Wil. Ihre Akte umfasst gerade mal vier Seiten, in der Familie L. wurde ihre Existenz verschwiegen. Die Autorin Dorothee Kohler geht der Geschichte von Martha L., ihrer Tante, in ihrem kürzlich erschienenen Buch Vier Seiten Leben nach.

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«Als Va­ter starb, wuss­te ich nichts von Mar­tha.» Ein star­ker ers­ter Satz, der vie­le Fra­gen aus­löst, auch bei der Au­torin Do­ro­thee Koh­ler. Sie stiess im Nach­lass auf die Ur­kun­de, mit der die Orts­ge­mein­de St.Gal­len die Auf­nah­me ins Bür­ger­recht be­schei­nig­te – und zwar für ih­ren Gross­va­ter, sei­ne Frau und ih­re drei Kin­der Mar­tha, Emil und Nel­ly. Mar­tha? Nie hat je­mand von die­ser Tan­te ge­spro­chen, auf Fa­mi­li­en­fo­tos ist sie nir­gends zu fin­den. Was ist mit Mar­tha pas­siert?

Spu­ren­su­che. Die­ses li­te­ra­ri­sche Mo­tiv hat ei­ne ge­wis­se Kon­junk­tur, ge­ra­de wenn es um Schick­sa­le von «ver­sorg­ten» Men­schen geht. Trotz­dem ist Vier Sei­ten Le­ben. Der Fall Mar­tha L. kein Dé­jà-vu. Und zwar, weil Do­ro­thee Koh­ler die we­ni­gen Spu­ren nicht mit Fik­ti­on auf­füllt und so ei­ne schlüs­si­ge Le­bens­ge­schich­te kon­stru­iert. Sie fin­det viel­mehr ei­ne Form do­ku­men­ta­ri­scher Bel­le­tris­tik: Koh­ler geht den Hin­ter­grün­den zur Psych­ia­trie um 1900 nach und ver­ar­bei­tet die­se zu ei­nem gut les­ba­ren Text. Das Re­sul­tat ist we­der ein be­stür­zen­der Ro­man noch ein fak­ten­schwe­res Sach­buch, son­dern im bes­ten Sin­ne bei­des.

Mart­has El­tern führ­ten an der Brugg­wald­stras­se in St.Gal­len-Tab­lat ei­ne Mö­bel­fa­brik, an der Lang­gas­se wur­den Gold- und Po­li­tur­leis­ten, Spie­gel und Rah­men her­ge­stellt. Ihr ers­tes Kind Mar­tha hat­te seit ih­rer Ge­burt im Jahr 1894 ei­ne ko­gni­ti­ve Be­ein­träch­ti­gung. Sie krampf­te, lern­te spät spre­chen und litt an Er­re­gungs­zu­stän­den. Ih­re Kind­heit ver­brach­te sie in Pri­vat­an­stal­ten, die nicht mehr auf­find­bar sind. Be­legt sind le­dig­lich neun Mo­na­te im Jo­han­ne­um in Neu St.Jo­hann, wo sie 1910 als «bil­dungs­un­fä­hig» ent­las­sen wur­de. Die Mut­ter, die in­zwi­schen ver­wit­wet war und zwei Be­trie­be füh­ren muss­te, konn­te sie nicht be­treu­en und gab sie ins Asyl Wil, die heu­ti­ge psych­ia­tri­sche Kli­nik. Dort starb Mar­tha 1918 an der Spa­ni­schen Grip­pe.

Zur Stra­fe ins Was­ser 

Das Jour­nal 2471 über Mart­has acht Jah­re im Asyl um­fasst le­dig­lich vier Sei­ten. Die­se dün­ne Ak­te wird für Do­ro­thee Koh­ler zum Aus­gangs­punkt für wei­te­re Re­cher­chen. Sie geht ein­zel­nen Schlüs­sel­wör­tern nach und stellt sie in grös­se­re Zu­sam­men­hän­ge. So zum Bei­spiel, dass bei der Er­he­bung der Krank­heits­ge­schich­te fast schon stan­dard­mäs­sig «Va­ter: Po­ta­tor» ein­ge­tra­gen wur­de, als ob der «Trin­ker» al­les er­klä­ren wür­de. Wei­ter war man in der Er­for­schung von psy­chi­schen Krank­hei­ten noch nicht.

Auch an Be­hand­lungs­me­tho­den fehl­te es. Ne­ben Zwangs­ja­cken und Bett­gur­ten war das De­ckel­bad ver­brei­tet. Un­ru­hi­ge wur­den oft ta­ge­lang ins Was­ser ge­steckt, durch das Loch im De­ckel schau­te nur der Kopf her­aus. Im Ber­ner Psych­ia­trie­mu­se­um ist noch ein Ex­em­plar zu be­sich­ti­gen. 

Do­ro­thee Koh­ler re­cher­chiert auch in Be­rich­ten von Ärz­ten und Be­trof­fe­nen. Und be­son­ders be­ein­dru­ckend sind die Fun­de von Bil­dern von Pa­ti­ent:in­nen, die ih­re Zwangs­be­hand­lung fest­ge­hal­ten ha­ben. So bannt et­wa die Wald­au-In­sas­sin Alex­an­dra Obrac­zay den Schre­cken, in­dem sie zwei Frau­en als «Kö­ni­gin­nen im De­ckel­bad» zeich­net: mit Kro­ne, Schmuck und Schmin­ke.

Ei­ne un­rühm­li­che Füh­rungs­rol­le

Weit­rei­chend sind auch die Hin­ter­grün­de zu Ste­ri­li­sa­ti­on und Kas­tra­ti­on von Pa­ti­ent:in­nen. Das Asyl Wil nahm un­ter dem Di­rek­tor Hein­rich Schil­ler hier ei­ne Vor­rei­ter­rol­le ein. Sei­ne Pu­bli­ka­tio­nen da­zu wur­den in­ter­na­tio­nal be­ach­tet und dis­ku­tiert, nicht sel­ten un­ter ras­sen­hy­gie­ni­schen Aspek­ten. Schil­ler setz­te sich da­für ein, dass sol­che Ope­ra­tio­nen ge­setz­lich er­laubt wer­den. Er schil­dert da­zu vier Fäl­le von «Be­hand­lungs­er­fol­gen», et­wa von ei­nem Se­xu­al­straf­tä­ter, der nach der Kas­tra­ti­on ent­las­sen wer­den konn­te. 

Die Familie Luginbühl mit den Kindern Emil und Nelly - ohne Martha. (Bild: pd/Kohler 2026, S. 140)

Die Familie Luginbühl mit den Kindern Emil und Nelly - ohne Martha. (Bild: pd/Kohler 2026, S. 140)

Mar­tha taucht un­ter den Wi­ler Fäl­len in der Fach­li­te­ra­tur nicht auf. In ih­rer Ak­te ist je­doch von ge­stei­ger­ter Un­ru­he wäh­rend der Mens­trua­ti­on die Re­de, sie hebt ih­re Rö­cke und schreit. Als Schil­ler ih­rer Mut­ter ei­ne Ope­ra­ti­on vor­schlägt, wil­ligt die­se ein und Mar­tha wird im Spi­tal St.Gal­len ste­ri­li­siert. Die Ein­trä­ge in den Mo­na­ten da­nach zeu­gen von kei­ner Bes­se­rung. Mart­has End­sta­ti­on ist das Haus 11 ganz hin­ten auf dem Kli­nik­are­al, das Haus für die Hoff­nungs­lo­sen.

Um­fang­rei­che Do­ku­men­ta­ti­on

Do­ro­thee Koh­ler ist in St.Gal­len auf­ge­wach­sen, lebt in Zü­rich und war Gym­na­si­al­leh­re­rin für Deutsch. Für ihr Erst­lings­buch hat sie sich durch vie­le Ak­ten mit Le­bens­ge­schich­ten von in­ter­nier­ten Men­schen ge­le­sen. Sie mu­tet uns nur Aus­zü­ge da­von zu, um den Text im Fluss zu hal­ten. Die Do­ku­men­te sind je­doch in den um­fang­rei­chen An­mer­kun­gen am Schluss nach­ge­wie­sen und auch er­läu­tert. Die­se fast dreis­sig Sei­ten sind ein Fun­dus für al­le, die noch mehr wis­sen möch­ten.

Was die Au­torin selbst beim Le­sen für be­klem­men­de Ge­füh­le er­lebt ha­ben muss, lässt sich aus dem Ka­pi­tel Ge­walt durch Spra­che er­ah­nen. Mar­tha er­hielt Stem­pel wie «an­ge­bo­re­ner Schwach­sinn», «Va­ter: Po­ta­tor» oder «bil­dungs­un­fä­hig». In an­de­ren Ak­ten ist von «hoch­gra­dig mo­ra­lisch-idio­ti­scher Kon­sti­tu­ti­on», «de­fek­ten In­di­vi­du­en», «geis­ti­ger Min­der­wer­tig­keit», ja so­gar von «ent­ar­te­ten Kin­dern» die Re­de. Die Psych­ia­trie da­mals war ei­ne scho­nungs­lo­se In­sti­tu­ti­on. Um­so wohl­tu­en­der ist der Ton, den Do­ro­thee Koh­ler in ih­rem Buch an­schlägt: auf­rich­tig und sach­lich, und da­bei im­mer auch em­pa­thisch.

Die Autorin Dorothee Kohler (Bild: pd/Samuel Schalch)

Die Autorin Dorothee Kohler (Bild: pd/Samuel Schalch)

Kunstausstellung

Mut­ter­schaft in Öl ge­fasst

Von Vera Zatti,
Cecileund Pina300dpi

Die Meis­te­rin der Bei­läu­fig­keit

Ei­gent­lich woll­te Zsuz­san­na Gah­se kei­ne Bü­cher mehr schrei­ben. Nun hat sie mit An­ge­rich­tet ihr Werk doch noch ein­mal er­wei­tert. Ih­re Spra­che dar­in bleibt neu­gie­rig, hu­mor­voll und spie­le­risch. Und wirkt fast wie ein Kom­men­tar zum ei­ge­nen li­te­ra­ri­schen Schaf­fen.

Von Michael Lünstroth,
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Bücherherbst: Ausser mir von Micha Friemel

Ana­ly­se des müt­ter­li­chen Wahn­sinns

Von Veronika Fischer,

Zwi­schen Ruhm und Knast

Ja­kob Stutz, Volks­schrift­stel­ler und Re­form­päd­ago­ge mit «zwie­späl­ti­gem» Cha­rak­ter: Ihn lässt Ex-Kel­ler­büh­nen­lei­ter Mat­thi­as Pe­ter 150 Jah­re nach sei­nem Tod noch ein­mal auf­le­ben – un­ter an­de­rem in Tro­gen, wo Stutz im Ge­fäng­nis sass.

Von Peter Surber,
01 Jakob Stutz 11 cut

Das Mit­tel­mass fei­ern

Auf sei­nem neu­en Al­bum Th­ree Chords and a Shaking Hand be­singt der Rhein­ta­ler Sin­ger-Song­wri­ter Mo Klé die ge­gen­wär­ti­ge De­bat­ten­kul­tur, Re­gen­stür­me und Selbst­ak­zep­tanz. Die Al­bum­tau­fe fin­det am 7. No­vem­ber im st.gal­li­schen Bahn­hof Brug­gen statt.

Von Vera Zatti,
Artist Picture Mo Kle 2 Credits Johannes Gruber

FC St.Gal­len vs. Ser­vet­te 2:1 - Nicht bril­liert, aber ge­won­nen

Bouk­hal­fa und Gört­ler brin­gen die Es­pen in Füh­rung, wel­che das Team dann über die Zeit bringt.

Von SENF Kollektiv,
Senf

«Wir le­ben in ei­ner ver­blö­de­ten Mei­nungs­welt!»

Alex­an­der Vel­ja­nov ist die un­ver­wech­sel­ba­re Stim­me der Dark-Wa­ve-Band Dei­ne La­kai­en. Mit sei­nem neu­en So­lo­al­bum gas­tiert er am 9. No­vem­ber in Frau­en­feld. Ein Ge­spräch über Schub­la­den, Lü­ge, Wahr­heit und die Fra­ge, was Mu­sik mit un­se­rem Mensch­sein zu tun hat. 

Von Michael Lünstroth,
VELJANOV 2018 03

Zumthor plant in Wildhaus

Noch mehr Spit­zen­ar­chi­tek­tur fürs Tog­gen­burg

Von René Hornung,
Steinmodell 2

Die SP setzt auf Pe­ter Oli­bet

Ein Wahl­gang ge­nüg­te: Die SP der Stadt St.Gal­len schickt Pe­ter Oli­bet ins Ren­nen um die Nach­fol­ge von Stadt­rat Pe­ter Jans. Er er­hielt 109 von 182 Stim­men. In der Fra­ge­run­de ging es um Spar­po­li­tik, be­zahl­ba­re Woh­nun­gen und die Fra­ge, wie viel Op­po­si­ti­on ein künf­ti­ges Re­gie­rungs­mit­glied noch ma­chen kann.

Von Philipp Bürkler,
Nomination Peter Olibet 10
Heftvorschau 11/26
Postkolonial, Kulturgelder, Universum

Wäh­rend Zü­rich und Genf ge­raub­te Ben­in-Bron­zen zu­rück­ge­ben, la­viert das Kul­tur­mu­se­um St.Gal­len. Der­weil un­ter­sucht der Thur­gau sei­ne eth­no­gra­fi­sche Samm­lung und schliess Re­sti­tu­tio­nen nicht aus. Aus­ser­dem im No­vem­ber­heft: Der so­li­da­ri­sche Pro­test der St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne ge­gen die Spar­plä­ne des Kan­tons, die neue Aus­stel­lung zum Zehn­jäh­ri­gen im Na­tur­mu­se­um St.Gal­len, das ers­te elek­tro­ni­sche So­lo­al­bum von Ka­fi-D und vie­les mehr.

Saiten 2611 01 Cover

Zü­rich und Genf ma­chen vor­wärts, St.Gal­len bremst

Seit ei­ni­gen Jah­ren sind Ben­in-Bron­zen in Schwei­zer Mu­se­en ein heis­ses Ei­sen. Im St.Gal­ler Kul­tur­mu­se­um la­viert man bei der Fra­ge ei­ner mög­li­chen Rück­ga­be zwi­schen Dia­log­be­reit­schaft und Ver­wei­ge­rungs­hal­tung.

Von Richard Butz und Hans Fässler,
Benin bronze kulturmuseum 2026

Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs

Mo­ment­auf­nah­men

Von Veronika Fischer,

Ma­gen­brot bis zu­letzt

Ein Fes­ti­val über den Tod – darf das auch lus­tig sein? «Last Call» lädt am 31. Ok­to­ber in St.Gal­len da­zu ein, über das Ster­ben zu spre­chen. In­ter­view mit Mi­chel­le Mauch­le von der Ge­schäfts­stel­le Pal­lia­ti­ve Ca­re Stadt St.Gal­len.

Von Philipp Bürkler,
Festival zum tod michelle mauchle

Kampf­sport als Safe Space

In St.Gal­len hat am Sams­tag zum ers­ten Mal ein eman­zi­pa­to­risch-an­ti­fa­schis­tisch-que­er­fe­mi­nis­ti­sches Kampf­sport­tur­nier statt­ge­fun­den. Wie das aus­sieht? Schon ziem­lich bru­tal, aber dann auch wie­der herz­lich.

Von Malena Widmer,
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Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller

Zwi­schen Lie­be und Lei­den

Von David Gadze,

Be­stän­dig­keit, die ero­diert 

Seit 35 Jah­ren un­ter­sucht Pa­trick Roh­ner Na­tur­pro­zes­se, ins­be­son­de­re im Zu­sam­men­hang mit Geo­lo­gie, zeich­ne­risch, ma­le­risch und bild­haue­risch. Die Aus­stel­lung «Fal­tun­gen» im Mu­se­um Bickel zeigt noch bis zum 22. No­vem­ber ei­nen Quer­schnitt die­ser kon­ti­nu­ier­li­chen Be­schäf­ti­gung. 

Von Angela Kuratli,
Gu Kas Pa Ro 26 385960 Email Orginal 2

Klimaseniorinnen besuchen Bern

Hit­ze und Dür­re im Bun­des­haus

Von Beatrice Häfliger,
Gruppenfoto

Chil­len am Steinach­strand

Vor dem Karls­tor ein Pick­nick un­ter Bäu­men am Ufer, die Mit­tags­pau­se mit den Füs­sen im Was­ser vor der Kan­tons­schul-Bi­blio­thek oder ein Bier am Bäch­lein zwi­schen der Bar La Bue­na On­da und dem «Bier­hof» – das al­les soll ge­mäss der Mach­bar­keits­stu­die «Al­te Stein­ach» mög­lich wer­den. Am Mon­tag ha­ben sie die Ver­ant­wort­li­chen vor­ge­stellt. 

Von René Hornung,
Alte Steinach Karlstor Zukunft

Hu­mor und Hal­tung

Del­fi­ne, Her­zen und Flag­gen. Die «Il­lo Kon­stanz Vol. 5» zeigt über 60 Ar­bei­ten von in­ter­na­tio­na­len Il­lus­tra­to­ren. Die Schau lässt viel Raum für ei­ge­ne Zu­gän­ge, übt aber auch Kri­tik und zeigt Hal­tung.

Von Vera Zatti,
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«Die­ser Ort braucht ei­ne Per­spek­ti­ve»

Der Ver­ein Lat­tich im Gü­ter­bahn­hof­are­al St.Gal­len fei­ert das 10-Jahr-Ju­bi­lä­um. Noch im­mer kämpft er mit Ein­spra­chen. Der Vor­stand der Grün­dungs­pha­se hat auf­ge­ge­ben. Seit gut ei­nem Jahr bil­den Adel­heid Kar­li und Flo­rim Ša­ba­ni das Co-Prä­si­di­um.

Von Andi Giger, Bilder: Nayla Baumgartner,
2610 Redeplatz