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Verstaatlichen wir den FC!

Wie ein fröhliches Absterben von König Fussball ein für allemal den Profibetrieb von seinen Krisen befreien könnte. Ein Plädoyer für den «Volkseigenen Ballbetrieb St.Gallen». von Hans Fässler
Von  Hans Fässler , 
Business Seats Premium, mit Tisch: CHF 6100 im Saisonabo. (Bild: Till Forrer)

Am 20. Februar 1898 stimmte das Schweizer Volk mit 386’634 Ja- zu 182’718 Nein-Stimmen dem «Bundesgesetz betreffend die Erwerbung und den Betrieb von Eisenbahnen für Rechnung des Bundes und die Organisation der Verwaltung der schweizerischen Bundesbahnen» zu.

Das bedeutete nichts anderes als die Verstaatlichung der Bahnen und mithin die Verwirklichung einer Forderung, die Karl Marx zusammen mit Friedrich Engels schon 1848 im Kommunistischen Manifest auf Seite 15 aufgestellt hatte: «Das Proletariat wird seine politische Herrschaft dazu benutzen, der Bourgeoisie nach und nach alles Kapital zu entreissen, alle Produktionsinstrumente in den Händen des Staats, das heisst des als herrschende Klasse organisierten Proletariats, zu zentralisieren.» Auf Seite 16 waren die beiden konkreter geworden und sahen als Massnahme unter anderen vor: «Centralisation alles Transportwesens in den Händen des Staats.»

Die Eisenbahn macht es vor

Die Verstaatlichung der Eisenbahn war in der Schweiz notwendig geworden, weil ein erbitterter Konkurrenzkampf zwischen privaten Bahnen zu einer immer wieder stockenden Erschliessung des Landes und zu häufigen Konkursen (Schweizerische Ostwestbahn, Compagnie de la ligne d’Italie, Schweizerische Nationalbahn) und Beinahe-Konkursen (Gotthardbahn) führte.

Im schweizerischen Profi-Fussball ist die Situation heute durchaus vergleichbar. In den letzten Jahren reiht sich Club-Krise an Club-Krise (Xamax, Servette, Thun, Wil) und wir betrachten ein nicht enden wollendes hässliches Karussell um Investoren, Spielertransfers, Trainerwechsel, Stadionneubauten und grössenwahnsinnige Clubbesitzer. Parallel dazu nimmt (wie auch im europäischen Club-Fussball) die Dominanz der finanzstarken Vereine zu und die Spannung bei den Fans ab.

Die chaotische Situation in Aktionariat und Verwaltungsrat des FC St.Gallen und die Wirren um den 100 bis 150 Millionen Franken schweren Teufener Immobilienunternehmer Dölf Früh ist nur darum einen Moment lang etwas in den Hintergrund gerückt, weil die Fans und die ihnen zudienenden Sportjournalisten bzw. die Sportjournalisten und die ihnen zudienenden Fans wegen ein paar guten Spielen schon wieder vom Meistertitel träumten. Die magischen Zahlen «1904–2000–2018» machten die Runde und setzten erneut die Hirne ausser Gefecht. Dabei könnte man auch von etwas dezidiert anderem als Christian «I have a dream» Brägger träumen: von der Verstaatlichung des FC St.Gallen.

VBSG

Nun wird sich natürlich der erste spontane Einwand gegen die Verstaatlichung des FC St.Gallen gegen den neuen Namen wenden: «VBSG? Das geht doch nicht! Das sind doch die Busse!» Die Antwort ist nicht leicht zu finden, aber man kann immerhin darauf hinweisen, dass bei der jüngeren Generation (und diese wird ja den verstaatlichten Klub ideell und finanziell in die Zukunft tragen müssen) der Name «st.gallerbus» schon längst begonnen hat, das ältere Kürzel «VBSG» zu verdrängen.

Der zweite Einwand wird ebenso sicher kommen wie der Schlusspfiff im Stadion: «Ja, schreibt man denn Fussball jetzt mit einem Vögeli-V? Vussball St.Gallen? Gehts noch?» Auch hier wird an bei der Antwort sehr behutsam sein müssen. Man wird das Kürzel als «Volkseigener Ballbetrieb St.Gallen» aufschlüsseln und auf die ehrwürdige Tradition dieser Rechtsform der Industrie- und Dienstleistungsbetriebe in der sowjetischen Besatzungszone ab 1948 hinweisen.

Worauf dann der dritte, nicht mehr so spontane Einwand folgen wird: «Ja, aber verstaatlichen? Ist das nicht etwas ganz Linkes? Warum denn? Und wie soll das gehen?» Diese Fragen werden ganz leicht zu beantworten sein.

Bildung, Schlüsselindustrien, Bergbau, Infrastruktur

Ein kurzer Blick in die Geschichte zeigt, dass Verstaatlichung, also die Überführung von Privateigentum in Staatseigentum oder die Übertragung privater Aufgaben in staatliche Verantwortung, kein kommunistisches Schreckgespenst ist, sondern in der Geschichte der Neuzeit geradezu courant normal, will sagen business as usual.

Der Fall der Schweizerischen Bundesbahnen ist bereits erwähnt worden. Im 19. Jahrhundert begegnete zum Beispiel der Schweizer Staat den vielen kirchlichen und privaten Schulen mit der Verstaatlichung des Bildungswesens («Allgemeine Schulpflicht») und versucht heute, diese grossartige Errungenschaft gegen Bettina Würth (Stadtschule St.Gallen), Gerhard Pfister (Verband schweizerischer Privatschulen) und das Haus des Lernens (es beschult die «Future Champs Ostschweiz») zu verteidigen.

Das Land Hessen beschloss nach der Befreiung vom Faschismus 1946 die Verstaatlichung in den Bereichen Bergbau, Eisen und Stahl sowie Energie und Verkehr. In Frankreich verstaatlichte General de Gaulle 1945 den Automobilkonzern Renault. Grossbritannien verstaatlichte nach dem Zweiten Weltkrieg unter dem Labour-Premier Clement Atlee und dem Einfluss des Ökonomen John Maynard Keynes den Kohlebergbau. Der heutige Labour-Vorsitzende Jeremy Corbyn will die unglücklicherweise privatisierte Post, die Eisenbahn und die Energieversorgung wieder verstaatlichen. Und nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima führte die japanische Regierung 2012 den Energie-Giganten Tepco ins Staateigentum über.

Kybunpark wird VBSG-Stadion wird Espenmoos

Dass Fussball heute zusammen mit der übrigen Bewusstseins- und Unterhaltungsindustrie eine Schlüsselindustrie darstellt, hat sich bis weit in linke und gewerkschaftliche Kreise hinein herumgesprochen. Beim FCSG wird die Verstaatlichung deshalb ganz rasch und unspektakulär gehen: Das Volk stimmt einer Initiative «Fussball dem Volk» (und nicht etwa «Vussball dem Folk») zu, die Stadt enteignet unter Berufung auf Bundesverfassung Art. 26, Abs. 2 («Enteignungen und Eigentumsbeschränkungen, die einer Enteignung gleichkommen, werden voll entschädigt») die Stadion St.Gallen AG, die FC St.Gallen Event AG und die FC St.Gallen AG.

Die finanzielle Entschädigung wird bescheiden ausfallen, weil erstens der Wert der drei Unternehmen – nach dem Transfer von Albian Ajeti zu Basel – im freien Fall ist und weil zweitens die durch die öffentliche Hand gemachte Schenkung des Baulandes mit einem Marktwert von 42 Millionen (SP-Kantonsrat Thomas Hansjakob, 2003: «Skandal!», «Tricks!», «Fragezeichen!», «Undurchschaubare Konstruktion!», «Unseriös!», «Beim Fussball versagt halt vielen Leuten das Denken!») in Abzug gebracht wird. Der Schriftzug «kybunpark» wird ebenso so schnell durch VBSG-Stadion ersetzt werden wie 1994 die Strassenwegweiser Hochschule St.Gallen durch Universität St.Gallen ausgetauscht wurden. Vermutlich wird es mittelfristig gar kein Stadion mehr brauchen, sondern der VBSG wird ins Espenmoos zurückkehren. Davon gleich mehr.

FCSG, YB, FCZ, GC, Lausanne

Natürlich kann es niemals das Ziel der Verstaatlichung des FC St.Gallen sein, dass am Schluss die Stadt sich an einer Schlüsselindustrie beteiligt, die in ihrem Wesen durch «die sechs k» gekennzeichnet ist, wie ein renommierter Fussballkenner es kürzlich formuliert hat: «krass kapitalistisch, korrupt, krank, kaputt, kommerziell».

Die Vorstellung, dass das Stadtparlament über Trainerwechsel, Mannschaftsaufstellungen und Spielertransfers diskutieren kann, wenn der Fussballclub einmal eine Dienststelle der Direktion Bildung und Freizeit der Stadt St.Gallen ist, so wie die VBSG eine solche der Technischen Betriebe sind, ist zwar durchaus reizvoll: «Wir behandeln nun die Interpellation der SP-Juso-PFG-Fraktion zur Stärkung der Abwehr durch gezielte Nachwuchsförderung». Aber durch die Unterstellung der Spielerinnen und Spieler und des Trainers oder der Trainerin (die Funktionen Sportchef, Technischer Leiter, Sportdirektor, Pressechef etc. wird es nicht mehr geben) unter das städtische Dienst- und Besoldungsrecht werden die Löhne vereinheitlicht werden und ausserdem dramatisch sinken.

Sinkende Löhne führen zu schlechteren Spielleistungen, St.Gallen wird zum Liga-Schlusslicht – bis das Beispiel der Verstaatlichung in anderen Schweizer Städten Schule macht. Das rot-grüne Basel vergesellschaftet den FCB, das rote-grüne Bern entreisst den Rhys-Brüdern die Young Boys, verstaatlicht werden auch FCZ, GC, Lausanne und Vaduz (geht an das Haus Liechtenstein). Sion hingegen wird von Bathélémy Constantin an einen chinesischen Investor verkauft, der im Gegenzug den Bau der Infrastruktur für die Winterolympiade «Sion 2026» übernimmt.

Das fröhliche Absterben

Nun beginnt im Schweizer Profi-Fussball, was Lenin (siehe Lenin Werke, Band 25, Seite 393–507) vor genau 100 Jahren für den Staat vorausgesehen hat: Er beginnt abzusterben. Das Lohnniveau sinkt, die Transfersummen rauschen nach unten, die Sponsoren springen ab, die Fans bleiben aus, die Fernsehübertragungsrechte werden gekündigt. Sion schafft zweimal noch das Double, aber das interessiert schon niemanden mehr.

Gleichzeitig vollzieht sich eine epochale allgemeine Verschiebung von dem, was die Spiel- und Sportwissenschaft «Grosse Sportspiele» nennt (Fussball, Volleyball, Hallenhandball, Basketball, Tennis) zu den «Kleinen Ballspielen». Sportarten wie Faustball, Brennball, Ball-über-die-Schnur oder Sitzball erfahren einen ungeahnten Aufschwung. Im Monatsrhythmus entstehen neue Sportarten mit neuen Ligen: Völker-Höret-die-Signale-Ball, Hochradball, Hochschul-Ball, Hand-in-Handball, Softball, Ballaballaball, Flachball – um nur ein paar wenige zu nennen.

Aber auch der Fussball kehrt zurück. Landauf landab werden «alternative Ligen» gegründet und gleich wieder umbenannt, weil es nichts mehr gibt, zu dem man alternativ sein könnte. Muslimische Fussballerinnen gründen muslimische Frauenligen und diskutieren darüber, wie viele Christinnen pro Mannschaft maximal spielen dürfen. Volleyballerinnen lehnen sich gegen die Maximum-sieben-Zentimeter-Höschen-Regel auf und gründen einen neuen Verband: Bitch-Volleyball. Auf dem Breitfeld finden Hornussen-Spiele statt, an Schulen tauschen Knirpse Bildchen von bekannten Berner Abschlägern (u.a. Patrick Gysler, Marc Rüfenacht oder Konrad Blaser).

Aber für alle Ligen, Grümpelturniere, Meisterschaften, Quartierausscheidungen und Cups gilt, was Josef Degenhardt einst über die DDR sang: «Da ist nichts grossartig / Das soll es auch nicht sein / Weil wo was gross ist / Ist es drumherum meist klein.»

Hans Fässler, 1954, lebt in St.Gallen, ist Englischlehrer in Trogen und Historiker zu Sklaverei, Rassismus und Postkolonialismus. Als Bub war er einmal Fussballfan, aber das hat sich ausgewachsen. Seit seiner Mitarbeit in der ersten GSoA-Initiative interessiert er sich für utopisches Denken, von Campanella über Morus und Lafargue bis zur Eisenbahnersiedlung Schoren.

Dieser Beitrag erschien im Novemberheft von Saiten.

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Heftvorschau 10/26
Erntehilfe, Unterwasser, Bücherherbst

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Saiten 2610 Cover