, 18. Dezember 2020
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Versuch über die Immunität

Immunium® Akut #18: Ueli Vogt sinniert über Immun-Literatur von verstorbenen Literaten. Und empfiehlt zum Schluss eine Portion weibliche Gegenwartsimpfung.

Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat: So lautet der wunderbar selbsterklärende und sich quasi selbst in den Schwanz beissende Titel eines Buchs von Pierre Bayard. Für Fortgeschrittene in dieser Kunst habe ich noch ein eingeschweisstes Exemplar dauernd neben dem Sofa aufliegen.

Nun, wie soll man über Bücher schreiben, die man gelesen, aber längst vergessen hat und doch immer wieder für wichtig erachtet? Soll man die Vergesslichkeit beklagen? Oder das Glück des Vergessenkönnens feiern? Ich spreche von Hugo Lötschers 1986 erschienenem Buch Die Papiere des Immunen.

Diesem Buch gelang, was wenigen meiner Belletristik-Büchern gelingt: Es hat viele Zügeleien überlebt und steht ganz einsam, aber wichtig im kleinen Torso des Belletristik-Regals, das von Namen wie Hermann Burger oder Ludwig Hohl dominiert wird.

Illustration: Joël Roth und Zéa Schaad

Die Papiere des Immunen ist eigentlich ein zweiter Band eines elf Jahre früher erschienenen Buchs, das schlicht Der Immune heisst. Über dieses könnte ich nur mit Pierre-Bayard-Kenntnissen sprechen – ich habe es nie gelesen und möchte mich nicht erinnern, das je behauptet zu haben.

Aber Die Papiere des Immunen habe ich in einer signierten Ausgabe bei mir stehen. Dieses Autogramm habe ich nicht selber abgeholt, es wurde mir beim Schwärmen über das Buch vor wenigen Jahren geschenkt (danke Ruth! – dass ich mich daran erinnern mag, hängt sicher mit dir zusammen).

Aber der Inhalt war schon wichtig. Er besteht, wenn ich mich richtig erinnere respektive nun darin blättere, aus einer lose aufeinanderfolgenden Sammlung von kurzen Geschichten, kleinen Berichten. Es soll sich dabei um den Nachlass des Immunen handeln, also so etwas wie die Negativ-Form des Immunen: das, was bleibt, wenn der Besitzer weggetragen wird. Die Beschreibung dieser Szene des fehlenden Immunen wechselt sich ab mit den Inhalten seiner Zettel – oder der Zettel des Autors?

Vielleicht hat man damals schon von experimentellem Roman gesprochen, vielleicht würde es sich lohnen, dieses Buch im Kontext zeitgenössischer Autorinnen zu lesen. Diese Struktur jedenfalls könnte mit ein Grund für das Vergessen sein. Keine durchgehende Handlung hilft einem als Grundgerüst, die Fragmente darin festzumachen. Sie bleiben lose, machen den Lesenden frei und vergesslich. Und vielleicht ist das eine Form von Immunität: immun zu werden gegenüber der Vergangenheit (Urs Widmers Paradies des Vergessens wäre mir präsenter, aber kommt mir banaler vor).

Saiten hat sich zum Jahresschluss ein Heft zur Immunstärkung vorgenommen. Wir wollten Anregungen und Überlegungen aller Art zur politischen, gesellschaftlichen und individuellen Kräftigung des Immunsystems sammeln.

Zusammengekommen sind 24 Beiträge aus allen möglichen Richtungen, ein Adventskalender der resistenten Art: Kurzgeschichten, Selbsterfahrungen, Appelle, Wutausbrüche, Tiefgang und Smalltalk, Rezepte und Rezeptverweigerungen. 24 Stimmen, 24 Seiten, eine geballte Dosis Immunium® Akut, garantiert mit Risiken und Nebenwirkungen.

Hugo Loetscher hat 1975 die Idee der Immunität als Überlebensstrategie ersonnen und so beschrieben: «Immun werden heisst lernen, in widriger Umgebung zu überleben. Der Immune will nicht unempfindlich und stumpf werden, aber er muss sich gegen die eigene Empfindlichkeit schützen, um an der Welt nicht zugrunde zu gehen.»

Elf Jahre später folgten dann die Papiere, eben der Abdruck des Immunen. Erinnert das nicht an die Infografiken, die uns die Funktion von Impfungen zu erklären versuchen? Ein Abdruck der bösen Viren wird gespritzt und macht uns immun gegen das Böse. Mich nähme es wunder, wie Hugo Loetscher unsere Zeit kommentieren würde respektive ob er überhaupt etwas dazu sagen würde.

Vielleicht lohnt es sich, das Buch nochmals zu lesen. Wobei ich zugeben muss: Beim kurzen Reinschmökern in das signierte Exemplar bekam ich Hemmungen, denn was sich bei mir positiv in der Erinnerung abgelegt hat und mich dadurch möglicherweise auch etwas immun gemacht hat, könnte aus heutiger Sicht vielleicht in sich zusammenfallen.

Mutig solle man es wagen, vielleicht aber zuerst eine Portion Gegenwartsimpfung versuchen und sich an den neuen Romanen von Anna Stern und Dorothee Elmiger versuchen, um sie so ins Denken zu integrieren und dadurch vergessen zu können.

Ueli Vogt, 1965, ist Gärtner und Architekt und leitet das Zeughaus Teufen.

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