Viele Formulare, zwei Gespräche und eine Powerpoint-Präsentation
Anja Wein lebte bereits 18 Jahre in der Schweiz, als sie sich gemeinsam mit ihrer Familie entschied, sich einzubürgern. Es war ein logischer Schritt. Das Verfahren war es nicht immer.
(Illustration: Nina Schweizer)
Im Schwarzwald sei die Mentalität ähnlich wie hier: Höflichkeit, Bescheidenheit, Arbeitsmoral, Regeltreue, Pünktlichkeit. Anja Wein passt in dieses Bild. Sie erscheint minutengenau mit dem Velo vor dem vereinbarten Restaurant, trägt unauffällige Sommerkleidung, begrüsst einen freundlich, bestellt ein Mineralwasser. Sie erzählt ihre Einbürgerungsgeschichte, die exemplarisch für viele ist. Deutsche stellen die grösste Gruppe unter den in der Schweiz Eingebürgerten.
Vor über 25 Jahren zog Anja Wein gemeinsam mit ihrem Mann Thomas vom Schwarzwald in die Schweiz. Sie hatte gerade die Ausbildung zur Physiotherapeutin und ihr Mann das Medizinstudium abgeschlossen. Die beiden verbrachten schon davor viel Zeit in den Schweizer Alpen. Wenn immer möglich gehen sie wandern, biken oder skifahren. Deshalb war die ursprüngliche Idee auch, in ein Schweizer Skigebiet zu ziehen. Doch die Arbeit brachte die beiden nach Flawil, wo sie heute noch leben.
Das Haus, in das sie sich nach einiger Zeit eingemietet haben, gehört inzwischen ihnen. Finanziell wäre es die bessere Entscheidung gewesen, das Haus von Anfang an zu kaufen. «Doch es war nicht immer klar, dass wir hierbleiben», erzählt Anja. Sie ist ein Vereinsmensch und fühlte sich schnell in Flawil zuhause. Zwanzig Jahre lang leitete sie die Jugi, bis heute die Damenriege und das Rückenturnen und ist in einer Jogginggruppe.
Die Debatte um die sogenannte Demokratieinitiative hat begonnen. Sie verlangt, dass die Kriterien für das Erlangen der Schweizer Staatsbürgerschaft landesweit vereinheitlicht und vereinfacht wird. Lanciert hat die Initiative die Aktion Vierviertel, die sich für ein Grundrecht auf Einbürgerung und politische Teilhabe jener Menschen einsetzt, die schon lange hier leben, Steuern und andere Sozialleistungen zahlen, aber ohne Bürger:innenrecht kein politisches Mitbestimmungsrecht haben. Betroffen davon ist immerhin ein Viertel der Schweizer Bevölkerung.
In dieser losen Artikelserie erzählen Personen aus der Ostschweiz aus ihrem Leben und über ihre Erfahrungen im Einbürgerungsverfahren.
Anja und Thomas gründeten eine Familie. Mit drei Kindern lerne man schnell viele Leute kennen, sagt sie. Die Kinder besuchten den Fussballclub, die Pfadi und den Turnverein. Und sie waren mit ein Grund, weshalb Anja und Thomas entschieden, den Weg der Einbürgerung auf sich zu nehmen. Der älteste Sohn war damals fünfzehn Jahre alt. Es war der letzte Zeitpunkt, sich gemeinsam als ganze Familie einzubürgern, was einfacher und günstiger ist. «Wir wollten unseren Kindern die besten Voraussetzungen ermöglichen. Und wenn man dienstpflichtig wird, ist das besser mit achtzehn Jahren als Mitte zwanzig», erzählt Anja. Anfangs zeigte der älteste Sohn zwar keine Begeisterung, er wollte nicht ins Militär. Anja und Thomas sagten sich: «Falls er im Erwachsendenalter den Schweizer Pass abgeben will, wäre das dann nicht mehr unsere Entscheidung.» Inzwischen hat er die Rekrutenschule abgeschlossen.
Der Einbürgerungsprozess beginnt mit dem Staatskundekurs. Der nächstgelegene in Uzwil ist samstags – unmöglich mit den Kindern und den vielen Vereinen. Ausserdem arbeitet Thomas oft am Wochenende. In Wil ist der Kurs unter der Woche abends, was besser passt. Nach den 18 obligatorischen Lektionen folgt keine Prüfung, sondern eine selbst vorgetragene Powerpoint-Präsentation über ein Schweizer Thema. Anja hält ihren Vortrag über Flawil. Die Geschichte, Vereine, Weiler und Bräuche – so wie man es in der Schule machen würde.
Bevor der Gemeindepräsident das entscheidende Gespräch mit der ganzen Familie führt, prüft der Ortsbürgerrat in einem Vorgespräch, ob die Voraussetzungen dafür erfüllt sind. So werden die beiden jüngeren Kinder zu Schweizer Bergen und Flüssen befragt, der älteste zu den aktuellen Abstimmungen und Wahlen. Als ein Ortsbürgerrat von Anja wissen will, wann das Frauenstimmrecht eingeführt wurde, antwortet sie mit einer Gegenfrage: «Auf welcher politischen Ebene denn?» Es sei eine der schwierigeren Fragen, wo die meisten die Antwort jeweils nicht wissen, erfährt sie dann vom Ortsbürgerrat. Er nimmt seine Aufgabe ernst. Die Fragen sind aber locker machbar für die Familie.
Während des dreijährigen Einbürgerungsprozesses füllt Anja zig Formulare aus. Immer wieder werden erneut die Lebensläufe mit Fotos verlangt. So braucht beispielsweise das Einbürgerungssekretariat eine schriftliche Bestätigung, dass der älteste Sohn in Flawil zur Schule ging. Dieser war zu diesem Zeitpunkt bereits in der Lehre. Anja organisiert also ein weiteres Formular bei der Schulverwaltung, die das Büro eigentlich nur zwei Zimmer daneben hat. «Da fühlt man sich teilweise schon etwas verarscht», sagt Anja.
Seit Dezember 2021 hat die Familie die Schweizer Staatsbürgerschaft. Vom ersten Gesuch über die Einbürgerungsgebühr bei der Gemeinde, die Einbürgerungsbewilligung beim Bund bis zur Erteilung des Kantonsbürgerrechts kostete alles zusammen für die ganze Familie 4000 Franken.
Das Mineralwasser ist inzwischen leergetrunken. Die Frage, ob sie sich seither mehr als Schweizerin fühle, verneint sie lachend. Zugehörigkeit und Identität werden nicht durch Formulare, prüfende Gespräche und Vorträge geschaffen. Und eben: Der Schwarzwald liegt halt doch ein paar hundert Kilometer näher an Bern als an Berlin.
Sindujan* lebt schon sein ganzes Leben in der Schweiz. Die Einbürgerung ist fast abgeschlossen, war aber mit hohen Kosten und einem unangenehmen Gespräch verbunden.
Anja Wein lebte bereits 18 Jahre in der Schweiz, als sie sich gemeinsam mit ihrer Familie entschied, sich einzubürgern. Es war ein logischer Schritt. Das Verfahren war es nicht immer.
Neues Buch
Bereits 1971 eröffnete Ursula Krinzinger ihre erste Galerie in Bregenz. Bis heute prägt sie die Kunstszene weit über die Bodenseeregion hinaus. Nun befasst sich die Bregenzer Sommerausstellung im Palais Thurn und Taxis mit der Galeristin.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 5: Emil Brunner – «Berg Kind Welt», Rapid Openair und Kulturufer.
Der Spagat zwischen europäischen Nächten und biederem Superleague Alltag ist oft schwer. So auch heute. Eine Leistungssteigerung und die richtigen Wechsel in der zweiten Halbzeit reichen aber für die ersten drei Punkte der Saison.
In leichten Pastelltönen und dunklen Ölfarben setzt sich der deutsche Künstler Marcel Hüppauff mit dem Profiradsport auseinander. Dabei treten in seiner Schau im Chambre Directe-Schubiger in St.Gallen nicht nur Menschen, sondern auch Katzen in die Pedale.
Mit Hildegard Fässler (1951–2026) verstarb kurz vor ihrem 75. Geburtstag eine der profiliertesten Ostschweizer Politikerinnen an den Folgen einer schweren Erkrankung. Nachruf einer langjährigen Weggefährtin.
Versteckt im Sittertal produziert die Kunstgiesserei Werke renommierter Künstler:innen. Dabei gilt es oft, Neues auszuprobieren und Lösungen zu finden – mit Zucker, Wachs und natürlich Metall. Saiten erhält einen Einblick in das verrückte Schaffen am Rande St.Gallens.
Der FC St.Gallen gewinnt gegen den haushohen Favoriten aus Lissabon mit 2:1. Die grösste Sensation, die dieses Stadion je gesehen hat. Das Spiel zum Nachlesen im SENF-Ticker.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 4: Cyprien Gaillard – «When you expect flutes, it whistles», «Komm Glüückck» und Jeremy Reeds Buch Du stirbst nur zweimal – Ein Sylvia Plath-/Victoria Lucas-Roman.
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Die Baupläne sind gezeichnet, das Baugesuch liegt zur Vorprüfung bei der Stadt – doch noch ist einiges rund um den Wiederaufbau der Rorschacher Badhütte zu klären. Was passiert zum Beispiel mit all den angerosteten und teils verbogenen Scharnieren, Schlössern und anderen Eisenteilen, die die Taucher aus dem See heraufgebracht haben?
Mohsen Masoudi ist 2022 aus dem Iran in die Schweiz geflohen. Heute lebt er in Stein AR und ist Teil der Exil-Opposition. Er erzählt, warum es die Schliessung der iranischen Botschaft braucht und was sich mit den Protesten Anfang Jahr verändert hat.
Das See-Burgtheater macht aus seiner Piratinnengeschichte Die Legende von Anne Bonny ein akrobatisches Spektakel vom Feinsten. Bei aller Sommertheater-Leichtigkeit hätte man aber doch ein bisschen mehr Emanzipationsgeschichte erwartet.
Zu seinem 20. Geburtstag hat das Kulturfestival am Wochenende Bands aus St.Gallen und der Region zu einem zweitägigen Konzertfest eingeladen. Dieses war so vielfältig wie gelungen – auch wegen der Idee, Covers aus der Gründungszeit des Festivals in die Sets einzubauen.
Bregenzer Festspiele
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 3: «Was der Kaiser noch sah», Olaf Breuning – «Humans» und Oriana Bruseghini – Das verlassene Rettungsboot.
Wie setzt Fotografie Mode in Szene? Und wer fotografiert dabei eigentlich wen? Das Textilmuseum St.Gallen gibt mit «Mise en Scène» Einblicke in 120 Jahre Modegeschichte. Es ist die letzte Schau vor dem Museumsumbau.
Seit elf Tagen befindet sich Velat Aydin vor dem Bundesverwaltungsgericht in St.Gallen im Hungerstreik. Im Gespräch mit Saiten erzählt der Kurde, woher er kommt und weshalb politischer Aktivismus so wichtig ist.
Die St.Galler Festspiele sind vorbei. Oper war indoor, draussen im Stadtpark spielte die Endzeitkomödie Planet B. Nähme man die Botschaft des Stücks ernst, müsste die Festspiel-Oper auch künftig ressourcenschonend drinnen bleiben.