Ein Gewitter hängt in der Luft über dem Rheintal, über dem Appenzellerland braut sich dunkles Gewölk zusammen, aber noch hält das Wetter an diesem tüppigen Junimittag. Der Regen wird Wasser bringen, der die Teichanlagen füllt. Wasser – das wichtigste Element für den nachhaltigen Permakulturanbau. Ohne Wasser kein Leben.
Manuela und Marcel Schmid bewirtschaften ihren 22 Hektaren umfassenden Hof Morgarot oberhalb von Lüchingen nach permakulturellen Prinzipien. Nach Bio-Richtlinien und im Einklang mit der Natur. Null Pestizide, praktisch kein Kraftfutter.
Marcel Schmid grillt zum Zmittag ein glückliches Lamm.
2013 hat Marcel den Hof seines Vaters übernommen und schnell gemerkt, dass er mehr wollte als zehn Rinder zur Sömmerung, die über die Wiesen stolpern. In Büchern hatte er gelesen, dass die konventionelle Landwirtschaft keine Zukunft haben kann. Schon energetisch geht die Rechnung nicht auf, wenn pro gewonnene Kalorie an Nahrung sieben Kalorien an Erdölenergie aufgewendet werden müssen.
2014 fing er mit der Ausbildung beim österreichischen Permakultur-Guru Sepp Holzer an, wo er Manuela kennenlernte. Sie entschloss sich, in die Schweiz zu ziehen. Mittlerweile haben sie drei Kinder, die an diesem Junimittag blutt durch den Garten rennen.
Diversität in Stall und Garten
Bei der Beweidung wie der Bepflanzung setzt das Landwirtepaar auf Vielfalt. 40 Schafe und deren Lämmer, zwölf Geissen mit ihren Zicklein, drei Yaks, vier Esel, sechs Pferde, ein paar Enten und Hühner sowie ein gutmütiger Bläss leben auf dem Hof. Der diverse Mist düngt die Weiden und die Gemüseanlagen reichhaltig.
In den Gärten am Hang rund ums Haus wachsen die unterschiedlichsten heimischen Kräuter, Ziersträucher, Gemüse- und Salatsorten. Unter schrägen Holzgittern spriessen Auberginen, Tomaten, Kürbisse und Paprika. Darüber wachsen Gurken, die den unteren Pflanzen Schatten spenden und dafür von ihnen Luftfeuchtigkeit bekommen. Eingestreut überall Johannisbeer, Salbei, Sanddorn, Zitronenmelisse, Pfefferminz, Rosen, Erdbeeren. Auf einem Feld spriessen Dinkelhalme, auf einem anderen Kartoffeln, Mais und anderes Gemüse. Da begrenzt ein Weidenzaun einen Abschnitt, dort bieten Totholzhaufen Insekten und Igeln neuen Lebensraum. Eine grössere und etliche Mini-Teichanlagen bieten Feuchtigkeit für die Gärten und Felder.
Sepp, Claudia und Josef Andreas Holzer: Sepp Holzers Permakultur – praktische Anwendung für Garten, Obst und Landwirtschaft, Leopold Stocker Verlag, Stuttgart 2018 (8. Auflage), Fr. 26.80
Die Pflanzen kommunizieren nicht nur über Duftstoffe, sondern auch unterirdisch über Pilzstränge. Sie beeinflussen sich gegenseitig. Darum wird vor allem in den Gärten möglichst dicht und scheinbar wild durcheinander gepflanzt. «Eine gewisse Ästhetik, das schöne Durcheinander, fördert auch die Wertschätzung der Betrachtenden gegenüber der Natur», sagt Manuela. Und Marcel gefällt es, wenn der Hof nicht mit Siloballen vollgestellt ist. Bei Lausbefall der Pflanzen wird nicht gespritzt, sondern gewartet, bis zwei oder drei Wochen später Nützlinge von alleine kommen und den Lausbefall nachhaltig beenden. Das muss man aushalten, und im Extremfall halt einmal auf eine Ernte verzichten.
Gekaufte Setzlinge sind auf dem Hof Morgarot eine Ausnahme.
Die benachbarten Bauern haben über diese aufwändige Betriebsform anfangs gelacht. Mittlerweile lache zumindest nur noch die Hälfte. Schmids verkaufen ihre Erzeugnisse, pflanzliche wie tierische, ohne zwischengeschaltete Grosskonzerne direkt auf den Märkten in Altstätten und in Heiden. Unter dem Strich sind sie dank der Biodiversität deutlich besser vor Ernteausfällen gefeit als monokulturell bestellte Betriebe.
Heike Boomgaarden: Essbare Stadt Andernach, Ulmer Verlag, Stuttgart 2016, Fr. 29.90
Von den Zulagen des Bundes nehmen die Schmids nur jene, für die der bürokratische Aufwand nicht zu gross ist. Die Zeit verbringt die junge Familie lieber auf dem Feld, im Garten und im Stall. Auf das Biolabel verzichtet sie aus demselben Grund. Die meisten Biobauern würgten die zwölf benötigten Biodiversitätspunkte gerade so hin, Schmids brächten es auf ihrem Hof auf 34. Dennoch ist ihnen das Label den Papierkram nicht wert.
Funktioniert auch in der Stadt
Permakultur kann überall geschaffen werden – auch in der Stadt, wo es heisser wird als auf dem Land. Auch Balkone können üppig bepflanzt werden. Zunächst müssen vor allem die hitzeabstrahlenden Fassaden begrünt werden. Und auch hier ist ein gutes Bewässerungssystem unabdingbar. Grössere Sträucher könnten kühlen Schatten spenden, den kleinere, sensiblere Pflanzen und Kräuter benötigen.
Balkongarten: Ein vielseitig gestalteter und genützter Balkon ermöglicht es, Natur auch in der Stadt zu erfahren. (Illustrationen: Sepp Holzers Permakultur)
«Das Hauptproblem auf Balkonen ist immer die Trockenheit», sagt Manuela. «Die Bepflanzung muss daher dreidimensional gedacht werden, damit es wuchert.» So können auf Stadtbalkonen und Terrassen ein tropisches Klima nachgeahmt und kleine grüne Paradiese geschaffen werden.
Die Politik spreche zwar immer über Nachhaltigkeit, aber in der Realität werde eben doch die monokulturelle Hochleistungslandwirtschaft gestützt, sagen die Schmids. Dieselbe Haltung werde auch an der landwirtschaftlichen Schule in Salez vermittelt, wo man Permakultur immer noch als romantisches Hippie-Hirngespinst abtut.
Urbane Begrünungsvariante, die eine gute Nachbarschaft bedingt: Beim Bypassverfahren werden rankende Pflanzen von einem Balkon zum anderen weitergeleitet.
Manuela und Marcel Schmid sind nicht missionarisch getrieben. Sie setzen einfach ihre Überzeugungen um und kommen damit über die Runden. Reich werden sie damit selbstredend nicht, und die Arbeit ist hart. Auf dem Hof Morgarot wird das Wissen über Permakultur, das mit jeder Saison zunimmt, in Kursen vermittelt. Und Manuela hat sich vorgenommen, die grösste Permakultur-Bibliothek der Schweiz aufzubauen.
Sigrid Drage: Permakultur. Dein Garten. Deine Revolution – Ein essbares Ökosystem gestalten, das ganze Jahr ernten und selbstbestimmt leben!, Löwenzahn Verlag, Innsbruck 2019, Fr. 45.90
Es gibt drei Hauptströmungen der Permakultur. Die erste, die australo-tasmanische Richtung der beiden Begriffspräger Bill Mollison und David Holmgren, die eher theorielastig auf konzentrischen Anbaukreisen rund um das Bauernhaus als Zentrum basiert, ist in der Schweiz schwierig umzusetzen. Der Österreicher Sepp Holzer, der als Lügner bezeichnet wurde, weil er angeblich die Aufwändigkeit seiner Methode verschwiegen hat, lässt, wenn es sein muss, die Hälfte seiner Setzlinge verenden. Dafür überleben die robusten. Holzer liebt die Wildnis und die üppige Unordnung. Auch das ist in der feinsäuberlichen Schweiz nicht gänzlich umsetzbar.
Und dann gibt es den japanischen Mikrobiologen und späteren Bauern Masanobu Fukuoka. Bei ihm tauchen die Samenbomben (siehe Interview hier) erstmals in der Literatur auf. Er schrieb das daoistische Buch Der grosse Weg hat kein Tor und bezeichnete seine Methode als «Nicht-tun-Landwirtschaft». Mit Nichtstun hat Permakultur aber selbstredend nichts zu tun.
Dieser Beitrag erschien im Sommerheft von Saiten.
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