, 6. November 2016
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Vom Banker zum Sozi

Lars Girardet stellte schon früh die grossen Fragen. Die AHV zum Beispiel würde er gern komplett neu denken lassen, dem gesellschaftlichen Wandel Rechnung tragend – Portrait Nummer zwei aus unserem Novemberheft, von Claudio Bucher.

Lars Girardet, fotografiert von Ladina Bischof.

Lars als unauffällig zu beschreiben wäre zu einfach. Er drängt sich einfach nicht auf. Dunkelblauer Pullover, Dreitagebart. Die zerkrausten Haare verraten, dass er morgens nicht lange vor dem Spiegel steht. Seine Ferienlektüre ist Christian Krachts Imperium: Es folgt der wahren Geschichte eines deutschen Apothekers, der 1902 in die Südsee auswanderte, um dort ein erstes Reich der Kokosnuss zu gründen. Eine Bewegung von Sonnenanbetern, die sich fast ausschliesslich von Kokosnuss ernährten. Die Utopie scheitert im Wahnsinn und an Mangelernährung. Lars ist nicht der Typ, der in Utopien denkt.

«Lars, 37, wollte nicht mehr auf der Bank arbeiten und entschied sich für die Soziale Arbeit, weil er ‹etwas Ehrliches› machen wollte», beschreibt Lea Müller von der FHS seinen Fall. Bester Stoff für eine Story des bekehrten Bankers. Der Berufsgattung, die im Laufe der letzten Finanzkrise an Glanz verloren hat, sinnbildhaft geworden in der Figur des The­ Wolf­ of­ Wall­ Street-Investment-Bankers, reduziert zum Dämon des Raubtierkapitalismus, als Projektionsfläche der Ohnmacht vor der Undurchschaubarkeit globaler Finanzmärkte, als Träger der Angst vor der Schere in der Gesellschaft.

«Autobiografie Lars Girardet: vom Banker zum Sozi?» Er lacht. «Ich habe nach wie vor Kontakt mit Kollegen von damals. Das waren gute Leute. Irgendetwas hat einfach nicht mehr gepasst.» Die Realität ist, wie so oft, ein wenig komplexer. Doch eins nach dem anderen.

Befragt man das Internet, existiert Lars Girardet erst einmal gar nicht. Da scheint jemand mit seinem früheren Leben abgeschlossen zu haben. Kein Facebook, keine Erwähnungen in Lokal- oder Prominachrichten, keine Einträge in Ranglisten von Dorfläufen. Lars Girardet scheint nur noch für die Soziale Arbeit zu leben: ein Eintrag als Staff der SOSA, der Studierendenorganisation der Sozialen Arbeit und ein Profil ohne Foto, mit kryptischer Jobbeschreibung: IFSA-FHS Consulting Praktikant PMII. Alle Spuren der Vergangenheit verwischt? Ein Neuanfang? Nicht ganz. Vor drei Jahren nahm Lars den Namen seiner Frau an(«diese Formulare!») und die «vom Banker zum Sozi»-Story, das mit der Berufswahl, das war doch alles andere als eine Erleuchtung.

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«Etwas hat dann nicht mehr gepasst auf der Bank», sagt Lars. «Das war nicht meine Welt.»

Von ganz vorne: Lars wächst auf unter Bedingungen, die hierzulande als wohlbehütet kategorisiert werden; in einem Hochhaus in Gossau, man ist eher sparsam, aber weder arm noch geizig, der Vater ist Vertreter für Brandmeldeanlagen, man macht Ferien im Südtirol und mit Freunden Rap-Musik. Viele um Lars herum werden Lehrer, am Mittagstisch spricht man über Politik, der Sohn stellt die grossen Systemfragen, stellt das vermeintlich Selbstverständliche in Frage, würde etwa die AHV komplett neu denken lassen, dem gesellschaftlichen Wandel und Prognosen Rechnung tragend. Der Vater reagiert, seiner Erfahrung Rechnung tragend, eher resigniert: «Kann man eh nichts machen.» Ansonsten ist man sich sehr oft sehr einig. Gesinnung: «eher links.»

Über Umwege und Zufälle landet Lars nach der Wirtschaftsmittelschule bei der Wegelin-Bank («da brauchten sie noch Leute») und bleibt («ich bin da hängengeblieben»). Sechs Jahre lang Wertschriftenadministration, Business-Analysen, Prozessoptimierungen. «Etwas hat dann nicht mehr gepasst auf der Bank. Das war nicht meine Welt.» Gekündigt hat er kurz vor der grossen Klage (Beihilfe zur Steuerhinterziehung, 74 Millionen Dollar Busse) und vor dem Verkauf des nicht-amerikanischen Geschäfts an die Raiffeisenbank.

Der Wunsch nach einer Neuorientierung war schon länger gewachsen. Eigentlich wollte er Lehrer werden, irgendwie hat es aber damals nicht geklappt mit dem Lehrerseminar. Nach der Kündigung bei der Bank ging er auf Reisen, von Ecuador nach Argentinien. Die Bewerbungen danach gingen in alle Richtungen. Beim Lokalradio Toxic FM wäre er beinahe Buchhalter geworden. Er entschied sich dagegen, weil er nicht zeitgleich die interne Radio-Weiterbildung machen konnte. Sonst wäre das wohl alles anders gekommen.

Erst beim Laufbahnberater taucht Soziale Arbeit als Option auf. Lars informiert sich, entscheidet sich. Seine Eltern sind eher skeptisch: «Hast du dir das auch gut überlegt? Den guten Job auf der Bank schmeissen, Sicherheit versus Risiko?» Lars geht wieder reisen.

Trotz mäandernden Lebensläufen, Quereinsteigern, Mosaikkarrieren statt starren Karriereleitern: In der sozialen Arbeit entspricht Lars’ Karrierewechsel keinem neuen Trend, zumindest was die Fachausbildung Soziale Arbeit an Fachhochschulen angeht: Laut Bundesamt für Statistik hat der proportionale Anteil von Ü-30-Studierenden wie Lars in den letzten zehn Jahren kaum zugenommen.

Sein Vorpraktikum bestärkt ihn in seinem Entscheid. Im Säntisblick Herisau hilft er mit bei der Betreuung von psychisch beeinträchtigten Jugendlichen. Die Arbeit überzeugt ihn, er verlängert. Das Studium danach, die letzten drei Jahre, empfindet Lars als Befreiung. Von soziologischen Theorien bekommt er nicht genug. Als Praktikant assistiert er in der FHS-hauseigenen Consulting-Abteilung bei beispielsweise partizipativen Projekten der Gemeindeentwicklung. Er fragt Anwohner in Workshops: Was können wir noch machen in der Gemeinde x? Wie ist das Leben in der Gemeinde y?

Er engagiert sich im Vorstand der SOSA, der Studierendenorganisation der FHS, trifft sich alle zwei Wochen mit einem Dutzend anderer Studierender, um Podiumsdiskussionen zu organisieren (Migration), die Strukturen der Schule zu hinterfragen (das starre Bologna-Punkte-System und die Folgen für die Bildungskultur – ist das jetzt prüfungsrelevant, Herr Professor? Müssen wir das können?) Das Engagement ist gross, die Resonanz eher klein. «Mit der Zeit kennst du die 30 Nasen der 600 Studierenden, die mitdiskutieren wollen», sagt Lars. Ängste, dass die nächste Generation der sozial Tätigen weniger politisch interessiert sein wird, teilt er nicht.

Sein eigenes Studium hat er diesen Sommer abgeschlossen, seine Bachelorarbeit vor wenigen Wochen abgegeben. Lars hat darin das Verständnis Sozialer Arbeit aus Sicht der IV und der Profession für Soziale Arbeit verglichen, am Beispiel von Menschen mit psychischer Beeinträchtigung. Im Kern geht es um die Frage: Was ist der Auftrag Sozialer Arbeit? Und wie müssten sich die Methoden und Praktiken der IV ändern, um diesem «supersuperidealistischen» Verständnis zu entsprechen?

Soziale Arbeit ist immer auch politisch. Das ist Lars’ Berufsverständnis. Für ihn arbeitet die Soziale Arbeit an zwei Seiten. Zum einen direkt mit den Menschen und ihren Bedürfnissen, zum anderen auf der gesellschaftlichen Seite: Der Sozialarbeiter schaut die Strukturen an, die das Individuum daran hindert bei dem, was es tun muss, soll oder will. Es liegt am Sozialarbeiter, auf die Auswirkungen und Probleme hinzuweisen, wenn beispielsweise die Sozialhilfe gekürzt werden soll. «In der gesetzlichen Sozialhilfe arbeitest du nach dem Gesetz, du hast eine Tabelle», erklärt Lars. «Hier, du bekommst 905 Franken. Und du musst dich daran halten. Ändern kannst du nur etwas auf der höheren Ebene, der politischen: zum einen als Bürger, indem du abstimmst, zum anderen als Professioneller, indem du dich vernetzt in Branchenverbänden wie AvenirSocial oder der KRISO (Forum für kritische Soziale Arbeit), über diese Wege die Öffentlichkeit sensibilisierst und Lobbyarbeit betreibst.»

Sich selber sieht er nicht in der Politik. Momentan interessiert ihn am meisten die Jugend- oder Schulsozialarbeit. Ob jetzt wieder eine Bewerbungsphase folgt wie damals, nach dem Bankjob? «Ich bin relativ offen. Vielleicht erstmal Reisen.»

Claudio Bucher, 1980, lebt in St.Gallen. Er hat an der ZHdK Kulturpublizistik/-Vermittlung studiert und arbeitet als Autor, Musiker und Musikproduzent.

Dieser Beitrag erschien im Novemberheft von Saiten.

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