Da marschierte man aufs Mal mit Kolleginnen und Kollegen hinter Transparenten durch Strassen in Bern, Zürich oder Lausanne. Und versuchte sich im Skandieren von Parolen: «SDA – nicht für Gewinne da» oder, irgendwie eleganter in der französischen Variante: «Allez, allez, l’ats va gagner».
Manifestieren, debattieren
Es gab Zorn, Niedergeschlagenheit und berührende Momente: etwa bei Reden von Redaktionsmitgliedern, weil sie persönlich waren und kämpferisch. Oder als Journalistinnen und Journalisten des «Tages-Anzeiger» vor dem Tamedia-Gebäude in Zürich den SDA-Kundgebungszug erwarteten – und applaudierten. Oder wegen eines auf Twitter verbreiteten Fotos aus dem Newsroom der «Aargauer-Zeitung». Darauf zu sehen: Zwei Dutzend Medienschaffende mit A4-Blättern. Darauf steht «SAD» für die traurige SDA.
Oft war es anstrengend, nicht nur wegen der Zugfahrten nach Bern. Es gab regelmässig lange Diskussionen. Die Einigkeit war gross – auch wenn man dies zuerst nicht gedacht hätte. Vielleicht die prägendste Debatte war diejenige, bei der es um den Entscheid ging, den Streik auszusetzen – oder fortzuführen. Fünf Stunden dauerte die Aussprache mit fast 150 Beteiligten, bis schliesslich ein klarer Mehrheitsentscheid resultierte.
Wichtig waren in der ganzen Zeit Gewerkschaft (Syndicom) und Berufsverband (Impressum). Nicht nur wegen der juristischen Beratung, auch wegen der Hardware für einen Streik: die Säle für die Besammlung, Leintücher für die Transparente, Filzstifte für die Parolen, Lautsprecher für die Kundgebungen.
Verprasstes Kapital
Begonnen hatte alles zwei Monate vorher, Ende Dezember 2017, mit einer Info-Veranstaltung einer neuen SDA-Leitung in einem Business-Hotel in Zürich. Die Ankündigungen waren so vage wie beunruhigend. Anfang Januar wurde es konkreter: 35 von 150 Vollzeitstellen sollten gestrichen werden. Zwei Wochen später erfuhren dann alle, wer wie betroffen war – in dreiminütigen Einzelgesprächen. Neben den Kündigungen wurden rund 50 Personen mit Pensenkürzungen konfrontiert. Umgesetzt wurde die Restrukturierung in wenigen Tagen. Bis Ende Januar musste alles unterschrieben sein.
Erst nach und nach zeigte sich dann das ganze Bild: Der Verwaltungsrat und damit die grossen Zeitungsverlage und die SRG hatten vor dem Einstieg der österreichischen Nachrichtenagentur APA und der Fusion mit Keystone das gesamte Eigenkapital der SDA als Dividende verteilt. Es dauerte dann noch bis im April, bis sich bestätigte, dass die Agentur 2017 nur wegen der Restrukturierungskosten Verluste geschrieben hatte. Ins Gewicht fielen etwa die Beratungshonorare von PricewaterhouseCoopers (PWC).
Es gab die Kälte, mit der der Stellenabbau durchgezogen wurde, es gab die Verachtung, die der Belegschaft aus Interviews von Verwaltungsratsmitgliedern und des neuen CEO entgegenschlug. Und es gab eine zentrale Ungerechtigkeit: die Entlassung – nicht Frühpensionierung – aller Redaktorinnen, die älter als 60 Jahre und aller Redaktoren, die älter als 61 Jahre alt sind.
Rückblickend war die Empörung über diese Behandlung der älteren Kolleginnen und Kollegen der emotionale Kern des Widerstands. Es war dieser Teil der Restrukturierung, der den Ausschlag gab, dass die Belegschaft praktisch ohne Gegenstimmen zuerst einen Warnstreik und danach einen unbefristeten Streik beschloss. Daneben war es das Gefühl, etwas zu verteidigen zu haben: das gute Betriebsklima mit den vielen medienethischen Diskussionen oder den Service public einer nationalen Nachrichtenagentur.
Es geht ums Überleben
Anfang Februar wurde der Streik vorerst sistiert. Die an den Kundgebungen geforderten direkten Verhandlungen mit dem Verwaltungsrat waren zugesichert worden. Allerdings brachten sie kein Ergebnis. Unmittelbar darauf folgte ein langwieriges Schlichtungsverfahren. Erst am 27. Juni lag ein Vergleich vor – mit einem verbesserten Sozialplan und einem entscheidenden punktuellen Erfolg: Die über 60 bzw. über 61 Jahre alten Kolleginnen und Kollegen bekommen ihre Stelle zurück. Und: Bis zur Pensionierung kann ihnen weder aus wirtschaftlichen noch aus strukturellen Gründen gekündigt werden. Im Gegenzug ist der Streik definitiv beendet.
In anderen wichtigen Punkten wurden hingegen keine Zugeständnisse erreicht. Am Umfang der Restrukturierung änderte sich nichts. Und die SDA ist weiterhin keine Service-Public-Agentur.
Am 1. Juni nahm die neue Firma unter dem Namen Keystone-SDA ihre Arbeit auf. Zum Stellenabbau sind seit Februar 25 freiwillige Kündigungen dazugekommen. Dieser Aderlass dürfte das Ergebnis des Schlichtungsverfahrens wesentlich beeinflusst haben. Es eröffneten sich finanzielle und personelle Spielräume für sozialverträglichere Lösungen.
Die Frage, ob sich der Streik nicht nur für die Selbstachtung der Redaktion gelohnt hat, lässt sich seit dem Ergebnis der Schlichtung mit Ja beantworten. Ohne den Druck der Kundgebungen in Bern, Zürich und Lausanne hätte es keine Verhandlungen mit dem Verwaltungsrat, keine Schlichtung und keine Lösung für die älteren Redaktorinnen und Redaktoren gegeben.
Die Unsicherheit ist gross – und wird bleiben
Es gab andere Auswirkungen: Wegen des Streiks wurden in National- und Ständerat politische Vorstösse eingereicht, in denen es um die Rolle der SDA ging. Verschiedene Kantonsregierungen setzten sich für die Agentur ein. Möglich ist, dass der Bundesrat die SDA wegen des defizitären französischen Dienstes mit jährlich zwei Millionen Franken unterstützt.
Inzwischen ist so etwas wie Alltag eingekehrt. Die gerupfte Redaktion muss sich zuerst wieder finden. Das Verhältnis mit der neuen Leitung bleibt belastet. Die Unsicherheit ist gross – und wird bleiben. Wie es mit der SDA wirtschaftlich und konzeptionell weitergeht, ist nicht absehbar. Aber das gilt für die meisten Redaktionen quer durch die Schweiz.
Andreas Kneubühler, 1963, ist seit 2014 Redaktor bei der SDA im Regionalbüro in St.Gallen.
Dieser Beitrag erschien zuerst im Sommerheft von Saiten, er ist hier aktualisiert.
Mehr zur Lage der regionalen und nationalen Medien und zur Frage einer staatlichen Medienförderung im kürzlich verabschiedeten Basler Medienmanifest.
Patrick Kessler erhält den Ausserrhoder Kulturpreis 2026. Der Kontrabassist, Klangkünstler und Kurator aus Gais reist mit alten Lautsprechern nach Wien und Hanoi, tritt mit Insekten in einen musikalischen Dialog und findet seine wichtigsten Lektionen nicht unbedingt an Hochschulen.
Die Mobilitätsallianz Ostschweiz will Pendler:innen zum Umstieg vom Auto auf Bus, Bahn und Velo bewegen. Bei den zehn beteiligten Grossunternehmen lässt bereits jede fünfte Person das Auto am Morgen stehen. Nun sollen 500 weitere Firmen folgen.
Augustin Rebetez macht keine halben Sachen. Seine Kunst ist ausufernd und dicht zugleich. Er entwickelt anspielungsreiche Bildwelten – aktuell in der Kunsthalle Arbon.
Der Kanton Appenzell Innerrhoden plante am Landsgemeindeplatz in Appenzell ein neues Gebäude für die Gerichte, die Bibliothek und die kantonale Verwaltung. Die eidgenössischen Kommissionen für Natur- und Heimatschutz und jene für Denkmalpflege brachten das Projekt jedoch zu Fall.
Offener Brief an die Bundespolitik
Das Figurentheater St.Gallen wird 70. Was sich verändert hat, warum Puppen Kinder wie Erwachsene faszinieren und wie man auch Jugendliche erreichen kann: ein Gespräch zum Jubiläum.
Die zweite Ausgabe des audiovisuellen Festivals Susurrus in der Mülenenschlucht widmet sich der «mehr-als-menschlichen» Mitwelt. Mit akustischen und performativen Interventionen erkundet das Festival neue Formen der Beziehung zwischen Mensch und Natur.
In der Ausstellung «Die leisen Unterschiede» im Haus zur Glocke in Steckborn befassen sich fünf Künstler:innen mit der Wahrnehmung von Unterschieden.
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Mit dem Ensemble TAK aus New York gastierte am Dienstag ein Neue-Musik-Quintett von Weltrang im St.Galler Kultbau. Organisiert vom Zyklus Contrapunkt, hätte der Abend mehr Publikum verdient. Ein Bubble-Problem?
Das St.Galler Kulturmuseum öffnet in der neuen Ausstellung «Stereotypes: Neanderthalerin» den Blick auf diese Steinzeitmenschen. Die Schau mit viel Pink verknüpft geschickt Spiel mit Wissenschaft und Vergangenheit mit Gegenwart.
Das Theater an der Grenze in Kreuzlingen startet heute in die neue Spielzeit. Kürzlich verstarb die prägende Co-Präsidentin Anna Rink. Ausserdem fällt der bisherige Spielort im Kulturzentrum Kult-X bis Ende 2027 weg. Wie der Verein diese Hürden meistert, erzählen Präsidentin Vroni Ellenbroek und Klaus Okrafka aus der Programmleitung im Interview.
St. Gallen startete gut in die Partie, agierte aber oftmals zu umständlich gegen tief verteidigende Sittener und blieb letztlich glücklos.
Auf seinem neuen Soloalbum thematisiert Manuel Stahlberger die Überhitzung. Die klimatische, die gesellschaftliche, die politische. Gemeinsam mit Bit-Tuner hat der St.Galler Musiker dafür einen düsteren, elektronischen Sound gefunden.
An Kleinbauten gehen wir oft achtlos vorbei: Buswartehäuschen, öffentliche WCs, nicht mehr gebrauchte Telefonkabinen oder Feuerwehr- und Strassenwärtermagazine. Aktuell gibt es dazu eine Ausstellung im 1. Stock des Rathauses St.Gallen.
Bis 2050 will die Stadt St.Gallen klimaneutral sein. Karin Hungerbühler und Tobias Fischer-Künzler von der Dienststelle Umwelt und Energie beantworten Fragen zur bevorstehenden Klimawoche und zum Klimaschutz in der Stadt.
Anita Zimmermann alias Leila Bock prägt die St.Galler Kulturszene seit Jahrzehnten – als Künstlerin, als Vermittlerin, als Ermöglicherin. Sie hat Widerstände überwunden und andere Künstler:innen immer wieder herausgefordert. Eine Würdigung
Die St.Galler Museumsnacht findet in diesem Jahr zum 20. Mal statt. Zum Jubiläum blickt Vereinspräsidentin Barbara Affolter zurück und nach vorne. Sie sagt, was die Museumsnacht bis heute ausmacht und wohin sie sich entwickeln soll.
Die Ausstellung «Voller Leben» des Vereins IG Halle Rapperswil wirft Schlaglichter auf künstlerische Schaffensprozesse und ihre Verbindungen zur Natur.
Kolumne: Stimmrecht