Zwei Frauen, zwei Männer, zwei Stimmen, zwei Streichinstrumente – jemand fängt an, irgendwoher kommt ein Klang, ein Antwortklang, noch einer, Melodie wird Duett wird Quartett wird Geräusch wird Stille… Schwer zu beschreiben, die Musik aus dem Moment, die das Ensemble StimmSaiten produziert. Aber ebenso schwer, sich nicht in Bann ziehen zu lassen von dem musikalischen Kollektiv-Werk, das wie ein gutes, intensives Gespräch gerade jetzt entsteht.
Lorena Dorizzi ist die Cellistin im Quartett (neben Marcello Wick und Sonja Morgenegg, Stimme sowie Marc Jenny, Kontrabass). Was sie am improvisierten Spiel fasziniert, ist zum einen die Herausforderung, nicht zu wissen, was passiert, sich in jedem Augenblick auf Neues einzulassen. Und zum andern ist es die Interaktion: «Auch wenn man sich gut kennt, kann man nie sicher sein, was der andere gerade macht.» Bereit sein für alles: Das ist die Kunst der höchsten Aufmerksamkeit, und sie überträgt sich im Live-Konzert auch auf das Publikum. «Wir wissen inzwischen, dass es ‹verhebet›, dass wir uns aufeinander verlassen können, dass keiner den anderen ‹retten› muss.»
Die Erweiterung des Cellos
Wie lernt man das – insbesondere dann, wenn man wie Lorena Dorizzi eine klassische Konservatoriumsausbildung hat? Eine Ausbildung, in der Improvisation in der Regel kaum eine Rolle spielt und wo, so zumindest das Klischee, das schlimmste Verbrechen eine falsch gespielte Note ist?
Noch an der Kantonsschule Trogen spielte die in Speicher aufgewachsene Musikerin in einem Improvisationstrio, betreut vom Geiger Paul Giger. Hier habe sie den Zugang zum freien Spiel gefunden. Und begeistert sich immer neu an den Klangentdeckungen, die aus der Improvisation entstehen. Sie nennt es die klangliche Erweiterung des Cellos: Musik ist mehr als Ton und Melodie, Musik umfasst Geräusche, Ober- und Untertöne, «eine ungeheure Variantenvielfalt, die ich vor allem im Improvisieren immer wieder erlebe und wo ich an Klänge herankomme, von denen ich nicht wusste, dass es sie überhaupt gibt.»
Heute sei auch an der Musikhochschule auf Bachelorstufe zumindest ein Improvisationskurs obligatorisch. «Die einen steigen ein, die andern wieder aus.» Lorena Dorizzi ist eingestiegen, hat an der ZHdK den Master in Musikpädagogik gemacht und schliesst diesen Sommer ihren zweiten Master an der Musikhochschule Luzern ab, Studienrichtung Zeitgenössische Musik.
Musik für Eingeweihte?
Zeitgenössische Klassik, moderne E-Musik: Damit können die wenigsten Leute auf Anhieb etwas anfangen. Sie gilt als unzugänglich, verkopft, schwer verständlich. Lorena Dorizzi kennt die Vorurteile und Berührungsängste. «Da zu vermitteln, interessiert mich sehr.» Das Image einer «Musik für Eingeweihte» sei nicht ganz falsch, zum Teil liege es am Schwierigkeitsgrad der Werke, zum Teil aber auch an der Haltung der Interpreten. «Man muss Formen finden, wie man auf die Zuhörer zugehen und die eigene Faszination vermitteln kann.»
So hat Lorena Dorizzi letzten Dezember bei der Feier der Ausserrhodischen Kulturstiftung, wo sie mit einem Werkbeitrag ausgezeichnet wurde, ein Solostück von Luciano Berio gespielt. Und damit ein sehr gemischtes Publikum auf eine aufregende Klangexpedition mitgenommen. Oder sie nennt Helmut Lachenmann, der schon um 1960 dem Cello fantastische neue Klangräume aufgestossen hat – «aber eben Klänge, die man nicht traditionellerweise als ‹schön› und als ‹typisch Cello› empfindet».
Solche Art Musik muss man erst einmal hören lernen. Im Verein Contrapunkt, der seit Jahrzehnten zeitgenössische Klassik in St.Gallen zu Gehör bringt, arbeitet Lorena Dorizzi im Vorstand mit. Die Szene ist klein, zumal in der Ostschweiz – «da sind wir gefordert, Wege der Vermittlung zu finden, zum Beispiel mit moderierten Konzerten».
Kommt hinzu, dass in den Programmen von Konzert und Theater St.Gallen in der Tonhalle Zeitgenössisches bis heute ein Schattendasein fristet – da könnte mehr passieren, ist sie überzeugt, aber: «Es liegt viel an uns Interpreten.» Überhaupt wünschte sie sich, dass die konventionellen Konzertformen hinterfragt und die Barrieren zwischen Musikern und Publikum geöffnet würden. Wie dies in anderen Musikstilen geschieht, in denen sich die Cellistin ebenso selbstverständlich bewegt: im Folkpop-Duo Eibish mit Brigitte Knöpfel, im Celloduo In&Out mit Katharina Weissenbacher, im Quartett «A Paris» mit französischen Chansons. Und eben bei StimmSaiten.
11. Februar 20 Uhr, Lokremise St.Gallen
stimmsaiten.ch
Die tägliche Revolution
Diesen Samstag sind die StimmSaiten in der Lokremise zu hören. Als Gast ist der Schlagzeuger Lucas Niggli dabei, den Lorena Dorizzi als Improvisationslehrer an der ZHdK kennengelernt hat. Und von dem sie vor allem eins gelernt habe: Kompromisslosigkeit. «Entwickle dein Material, aber verschleiss es nicht»: Das war eine seiner Regeln des Improvisierens, die man gut auch aufs übrige Leben übertragen könnte.
In einem Diskussionsbeitrag hat Lucas Niggli zur Lage der freien Improvisation einmal geschrieben: «Diese Musikform kann und will nicht immer gelingen, dieses Risiko wollen wir ja gerade eingehen! Diese ‹Revolution› findet tagtäglich im Kleinen statt, im Kampf gegen die Routine.» Sie sei «das Lebenselixier aller einigermassen kreativ wirkenden Musiker». Und sie sei alles andere als tot, sondern habe «in den letzten zwanzig Jahren glücklicherweise massiv an Status, Selbstverständnis und Differenzierung gewonnen».
Zu diesem Zuwachs an Selbstverständlichkeit hat Niggli selber wesentlich beigetragen – aber auch jüngere Musikerinnen wie Lorena Dorizzi haben ihren Anteil daran. Wenn sie im Sommer den Master abschliesst, hat sie schon wieder «recht viele Ideen» für neue Projekte, und dies neben ihrem Cellopensum an der Musikschule in Herisau. Sicher sei: Die Ostschweiz soll ihr hauptsächliches Revier bleiben.
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