Vom Handeln, Peitschen und Sammeln

Die aktuelle Ausstellung über die Ostschweizerische Geographisch-Comercielle Gesellschaft ist eine Reise um die koloniale Welt des 19. Jahrhunderts. Das Kulturmuseum St.Gallen befasst sich programmatisch mit seiner Geschichte: thematisch breitgefächert, hübsch aufgemacht, aber stellenweise überladen und ohne Mut zu griffigen Kernaussagen.

Shooting Back – Francois «Papa Doc» Duvalier (Dictator of Haiti, 1957–71). (Bilder: Sasha Huber)

Am An­fang der Ge­schich­te ste­hen ein paar al­te, fast ver­ges­se­ne Kar­tons. Sie la­gern 2007 im Est­rich des da­mals noch His­to­ri­sches und Völ­ker­kun­de­mu­se­um ge­nann­ten Hau­ses im St.Gal­ler Stadt­park. Der mitt­ler­wei­le ver­stor­be­ne Samm­lungs­lei­ter Achim Schä­fer schickt ei­ne Prak­ti­kan­tin hoch, um die In­hal­te zu sich­ten und zu in­ven­ta­ri­sie­ren. Sie fin­det vie­le merk­wür­di­ge Din­ge aus al­ler Welt, die wohl Jahr­zehn­te nie­man­dem mehr in die Hän­de ge­fal­len sind: ei­nen Schä­del aus Süd­ame­ri­ka, ei­ne mu­mi­fi­zier­te Hand aus Ägyp­ten. Dar­un­ter gibt es aber auch vie­le Kör­be, Krü­ge, Kale­bas­sen, bei de­nen die Zei­tun­gen aus dem spä­ten 19. Jahr­hun­dert, in die sie ein­ge­wi­ckelt sind, für die an­ge­hen­de Eth­no­lo­gin und His­to­ri­ke­rin fast von noch grös­se­rem In­ter­es­se sind.

Es stellt sich her­aus, dass vie­les, was sie aus den al­ten Schach­teln zu­ta­ge för­dert, zur Samm­lung der Ost­schwei­ze­ri­schen Geo­gra­phisch-Com­mer­ciel­len Ge­sell­schaft (OG­CG) ge­hört, die den Ur­sprung der heu­ti­gen eth­no­gra­fi­schen Samm­lung des Kul­tur­mu­se­ums St.Gal­len bil­det.

Im Est­rich des Mu­se­ums, wo die ge­sam­te völ­ker­kund­li­che re­spek­ti­ve eth­no­gra­fi­sche Samm­lung un­ter­ge­bracht ist, herrscht da­mals noch Cha­os. Das hängt vor al­lem mit der Sam­mel­wut der OG­CG und no­to­risch knap­pen Res­sour­cen im da­ma­li­gen Mu­se­ums­be­trieb zu­sam­men. Auf­ga­be der jun­gen For­sche­rin ist es, wo mög­lich, die Ob­jek­te mit den Ein­gangs­bü­chern der Ge­sell­schaft ab­zu­glei­chen und zu in­ven­ta­ri­sie­ren. 2008 schreibt sie dann ih­re Ba­che­lor­ar­beit über die OG­CG. Na­tür­lich ist die Or­ga­ni­sa­ti­on im Haus schon zu­vor be­kannt, aber sys­te­ma­tisch und um­fas­send mit ih­rer Samm­lung be­fasst hat sich noch nie­mand.

Gut 20 Jah­re spä­ter ist die OG­CG auf dem schwei­ze­ri­schen Post­ko­lo­ni­al-For­schungs­ra­dar an­ge­kom­men – et­wa in den Ar­bei­ten der His­to­ri­ker Fa­bio Ros­si­nel­li oder An­dre­as Zang­ger (sie­he Li­te­ra­tur­hin­wei­se am Schluss des Texts). Und so wur­de es auch für das Kul­tur­mu­se­um St.Gal­len höchs­te Zeit, «sei­ner» OG­CG-Ge­schich­te ver­tieft auf den Grund zu ge­hen. An­ja Sol­dat, die Prak­ti­kan­tin von einst und nach Stu­di­en­ab­schluss und ers­ten Be­rufs­jah­ren ab 2022 als Eth­no­lo­gin am Mu­se­um an­ge­stellt, in­iti­ier­te das ent­spre­chen­de For­schungs­pro­jekt und stell­te mit Ein­ga­ben ans Bun­des­amt für Kul­tur des­sen Fi­nan­zie­rung si­cher.

Wirt­schafts­po­li­tik und Sam­mel­wut

An der Ver­nis­sa­ge zur ak­tu­el­len Aus­stel­lung «Die Welt ins Mu­se­um – Vom Han­deln, Sam­meln und Ent­de­cken», ei­nem ers­ten Out­put die­ser For­schungs­ar­beit, ist Sol­dat al­ler­dings nicht mehr per­sön­lich da­bei. Nach in­halt­li­chen wie per­sön­li­chen Dif­fe­ren­zen mit der Mu­se­ums­lei­tung wur­de das Ar­beits­ver­hält­nis im Früh­ling 2025 – mit­ten in der heis­sen Pro­jekt­pha­se – auf­ge­löst (Sai­ten hat aus­führ­lich über die un­ru­hi­gen Zei­ten und die Kün­di­gungs­wel­le im Kul­tur­mu­se­um be­rich­tet). Not­ge­drun­gen sprang Vi­ze­di­rek­to­rin Mo­ni­ka Mähr als Pro­jekt­lei­te­rin ein, für fach­li­che Kon­ti­nui­tät und Ex­per­ti­se sorg­ten wei­ter­hin der His­to­ri­ker Mau­rice Bon­vin und die Eth­no­lo­gin Iris Netz­le, die für das OG­CG-Pro­jekt tem­po­rär an­ge­stellt wor­den wa­ren.

Die bei­den letz­te­ren, Bon­vin und Netz­le, ha­ben sich an ei­nem wol­ken­ver­han­ge­nen Mitt­woch­nach­mit­tag viel Zeit ge­nom­men, Sai­ten durch die um­fas­sen­de, viel­schich­ti­ge, teils auch ver­schlun­ge­ne Aus­stel­lung zu füh­ren. Den Ein­stieg macht un­ter an­de­rem ei­ne vom jun­gen Gra­fi­ker Ja­i­ro Da Ga­ma sehr hübsch er­stell­te Ani­ma­ti­on, die den da­ma­li­gen Zeit­geist – In­dus­tria­li­sie­rung, Glo­ba­li­sie­rung – wie­der­gibt, aus dem die Ost­schwei­ze­ri­sche Geo­gra­phisch-Com­mer­ciel­le Ge­sell­schaft ge­bo­ren wur­de.

Ent­stan­den war die OG­CG, nach­dem 1877 in Genf der Schwei­zer Ab­le­ger der in Brüs­sel be­hei­ma­te­ten In­ter­na­tio­na­len Afri­ka­ge­sell­schaft ein­ge­rich­tet wor­den war. In Genf und Bern wa­ren es vor al­lem wis­sen­schaft­lich-hu­ma­ni­tä­re Krei­se, die das Pro­jekt un­ter­stütz­ten, in St.Gal­len präg­ten wirt­schafts­na­he Mi­lieus die De­bat­te. Der St.Gal­ler In­dus­tri­el­le Ar­nold Mett­ler-To­bler (1840–1887) hat­te an­ge­regt, ei­nen Teil der Spen­den­gel­der nicht nach Brüs­sel zu schi­cken, son­dern für ei­ge­ne Han­dels­pro­jek­te in den Ko­lo­nien zu­rück­zu­be­hal­ten. Das An­sin­nen wur­de in Genf ab­ge­schmet­tert, als Re­ak­ti­on dar­auf wur­de die OG­CG ge­grün­det. Man heg­te die Hoff­nung, al­le In­dus­trie- und Han­dels­ver­bän­de der Schweiz wür­den sich ihr an­schlies­sen, um in Bun­des­bern mehr Ein­fluss zu ge­win­nen. Es soll­te beim Wunsch­den­ken blei­ben.

Shooting Back – Christopher Columbus (Conqueror, 15th centeury), 2004.

Sasha Huber, 1975, hat die Bilder zur Illustrierung dieses Schwerpunktthemas beigesteuert. Sie ist eine international tätige Künstlerin und Forscherin mit schweizerisch-haitianischen Wurzeln und lebt in Helsinki. Ihre Arbeit befasst sich mit Politik der Erinnerung, Fürsorge und Zugehörigkeit im Kontext kolonialer Hinterlassenschaften. Die hier gezeigte Serie The Shooting Back – Reflections on Haitian Roots untersucht die Geschichte Haitis und ihrer Wurzeln. Sie kritisiert historische Akteure, die vom 15. bis ins 20. Jahrhundert zu den sozialen und politischen Bedingungen beigetragen haben, die Haiti heute zum ärmsten Land der westlichen Hemisphäre machen.

Die Porträts von Christoph Kolumbus sowie der haitianischen Diktatoren François «Papa Doc» und Jean-Claude «Baby Doc» Duvalier entstanden durch den gewaltsamen Akt des «Zurückschiessens»: mit einer Tackerpistole und rund 100'000 Klammern auf gefundenem Sperrholz aus Helsinki. Jeder «Schuss» steht symbolisch für verlorene Menschenleben. Seit 2007 arbeitet Huber immer wieder mit dem St.Galler Historiker und Aktivisten Hans Fässler zusammen, der auch bei der Bebilderung dieses Hefts beratend mitgewirkt hat.

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Ih­re ei­ge­nen, spen­den­fi­nan­zier­ten Han­dels­un­ter­neh­mun­gen in der bri­ti­schen «Kap­ko­lo­nie» so­wie auf Ma­da­gas­kar schei­ter­ten al­ler­dings nach kur­zer Zeit. We­sent­lich nach­hal­ti­ger war ih­re Sam­mel­tä­tig­keit. Schon 1879 zeig­te die OG­CG ei­ne ers­te Aus­stel­lung mit Kar­ten und Ob­jek­ten, die ihr aus der gan­zen Welt zu­ge­tra­gen wor­den wa­ren. Schon ein Jahr spä­ter rich­te­te sie im West­flü­gel der Kan­tons­schu­le am Burg­gra­ben ihr «Han­dels­mu­se­um» ein, wo es aber bald zu eng wur­de. Schliess­lich wur­de 1899 im obers­ten Stock des Stadt­hau­ses das «Mu­se­um für Völ­ker­kun­de» er­öff­net. 1917 über­schrie­ben die OG­CG wie auch der His­to­ri­sche Ver­ein St.Gal­len ih­re Samm­lun­gen der Orts­bür­ger­ge­mein­de, die dann 1921 das neu­ge­bau­te Dop­pel­mu­se­um im Stadt­park er­öff­ne­te, das His­to­ri­sche und Völ­ker­kun­de­mu­se­um St.Gal­len.

Im­mer wie­der Bel­gi­en

Zum ko­lo­nia­len «Wett­lauf um Afri­ka» ge­hör­ten auch For­schungs­rei­sen, um die «weis­sen Fle­cken» auf der Kar­te des «schwar­zen Kon­ti­nents» zu er­kun­den. Der bel­gi­sche Kö­nig Leo­pold II. liess die be­reits er­wähn­te, als hu­ma­nis­ti­sche und zi­vi­li­sa­to­ri­sche In­itia­ti­ve ge­tarn­te In­ter­na­tio­na­le Afri­ka­ge­sell­schaft ei­ne Rei­he von Ex­pe­di­tio­nen durch­füh­ren. Das kul­tu­rel­le und na­tur­wis­sen­schaft­li­che In­ter­es­se war al­ler­dings nur vor­ge­scho­ben, da­hin­ter ver­bar­gen sich hand­fes­te wirt­schaft­li­che Ab­sich­ten. Leo­pold II. soll­te spä­ter als ei­ner der grau­sams­ten Ko­lo­nia­lis­ten in die Ge­schichts­bü­cher ein­ge­hen.

Die ost­schwei­ze­ri­schen Ver­stri­ckun­gen ins­be­son­de­re im Kon­go-Pro­jekt des bel­gi­schen Kö­nigs the­ma­ti­siert die ak­tu­el­le Aus­stel­lung im Kul­tur­mu­se­um ein­ge­hend. Im Rah­men ih­rer For­schungs­ar­beit sind Mau­rice Bon­vin und Iris Netz­le in die roya­len Ar­chi­ve in Brüs­sel ge­stie­gen und ha­ben viel Span­nen­des zu­ta­ge ge­för­dert, was aus den bis­lang be­kann­ten Über­lie­fe­run­gen im Mu­se­um und in den St.Gal­ler Ar­chi­ven noch nicht er­sicht­lich war. 

Ein­drück­lich ist et­wa die Ak­te Adol­phe Risch (1881–1954), der als jun­ger Bünd­ner Land­wirt nach Bel­gisch-Kon­go aus­wan­der­te und dort vom Hilfs­be­am­ten zum «chef de cul­tu­re» und Lei­ter ei­ner land­wirt­schaft­li­chen Ver­suchs­sta­ti­on auf­stieg. 42 eth­no­lo­gi­sche Ob­jek­te schick­te er 1915 an die OG­CG nach St.Gal­len. Er hat­te sie ver­mut­lich im Zu­ge der Ar­beits­kräf­te­re­kru­tie­rung im Um­land ge­sam­melt.

Risch war aber nicht ein­fach For­scher und Samm­ler. 1912 er­öff­ne­te die bel­gi­sche Ad­mi­nis­tra­ti­on ein Ver­fah­ren ge­gen den Sta­ti­ons­lei­ter. Ei­ne Dorf­ge­mein­schaft hat­te Be­schwer­de ge­gen ihn als Haupt­ver­ant­wort­li­chen ein­ge­legt, weil der 14-jäh­ri­ge Ar­bei­ter Ki­o­ka un­ter Peit­schen­hie­ben starb. Er hat­te Äs­te ge­sam­melt, die dem Auf­se­her nicht tro­cken ge­nug wa­ren. Da sich die Dorf­ge­mein­schaft in den ju­ris­ti­schen For­ma­li­tä­ten al­ler­dings nicht zu­recht­fand und bel­gi­sche Ko­lo­ni­al­be­hör­den kaum je ei­nen ih­rer fehl­ba­ren Be­am­ten be­lang­ten, wur­de Risch le­dig­lich für ei­nen for­ma­len Ver­stoss ge­rügt und frei­ge­spro­chen. Die «Af­fai­re Risch» zeigt an­schau­lich, wie das ko­lo­nia­le Jus­tiz­we­sen un­ter 
Leo­pold II. funk­tio­nier­te.

Schon ab 1900 hat­ten die Zu­stän­de im «Frei­staat Kon­go» zu eu­ro­pa­wei­ten Pro­test­kam­pa­gnen ge­führt. Die Re­de war von Zwangs­ar­beit, Am­pu­ta­tio­nen und Mas­sen­mor­den. Leo­pold II. setz­te ei­ne Un­ter­su­chungs­kom­mis­si­on ein, ihr Vor­sit­zen­der war der Schwei­zer Ju­rist Edu­ard von Schu­ma­cher, der zwar Miss­stän­de do­ku­men­tier­te, die Ver­ant­wor­tung des bel­gi­schen Mon­ar­chen aber re­la­ti­vier­te und so 1908 we­sent­lich zur Über­ga­be des Kon­go an den bel­gi­schen Staat bei­trug. Und – fast bei­läu­fig – sam­mel­te Schu­ma­cher auf sei­nen Rei­sen, auf de­nen er sei­ne Be­fra­gun­gen durch­führ­te, im Auf­trag der OG­CG eth­no­gra­fi­sche Ob­jek­te.

Die im Kul­tur­mu­se­um nach­er­zähl­te Bel­gi­en­ge­schich­te zeigt: Die eth­no­lo­gi­sche Samm­lung des Kul­tur­mu­se­ums muss nicht zwangs­läu­fig aus 
zu­sam­men­ge­stoh­le­nen, ge­raub­ten und er­schli­che­nen Ob­jek­ten be­stehen. Sie kön­nen sehr wohl red­lich ge­tauscht oder ge­kauft wor­den sein. Aber ihr ko­lo­nia­ler Kon­text lässt sich den­noch nicht weg­dis­ku­tie­ren.

Die Aus­stel­lung bie­tet viel – ver­mut­lich zu viel

Das will die Aus­stel­lung im Kul­tur­mu­se­um auch nicht, von der Mu­se­ums­di­rek­tor Pe­ter Fux an der Ver­nis­sa­ge zu Recht sag­te, sie sei «pro­gram­ma­tisch» für das Haus. Denn sie bil­det auch die Grund­la­ge für die an­ste­hen­de Neu­ge­stal­tung der eth­no­lo­gi­schen Dau­er­aus­stel­lung. Ma­te­ri­al in Ob­jekt- und Text­form ist mehr als ge­nug vor­han­den, wie die op­tisch hübsch auf­ge­mach­te Aus­stel­lung ein­drück­lich be­legt.

Es gibt vie­le Sta­tio­nen zum Ver­wei­len, et­wa je­ne zum The­ma Ras­sis­mus und zu den Völ­ker­schau­en, wo man sich aber fragt, war­um hier ein Bei­spiel aus Pa­ris her­an­ge­zo­gen wird und nicht ei­nes aus St.Gal­len, denn sol­che gab es auch hier. Span­nend sind auch die mul­ti­me­dia­len Hör-, Fo­to- und Film­bei­trä­ge, et­wa je­nes lei­der et­was lang ge­ra­te­ne, aber in­for­ma­ti­ve In­ter­view­vi­deo mit dem gha­nai­schen His­to­ri­ker Er­nest Se­wordor, der über die Rol­le von Ar­chi­ven spricht. Und wer et­was über die De­tek­tiv­ar­beit zur Er­for­schung des Ur­sprungs von Mu­se­ums­ob­jek­ten er­fah­ren möch­te, kann in ei­ner Ecke selbst in die Rol­le ei­nes Pro­ve­ni­enz­for­schers schlüp­fen.

Eben­falls ein Hin­gu­cker ist die tex­til­künst­le­ri­sche In­ter­ven­ti­on am Schluss der Aus­stel­lung, wo zeit­ge­nös­si­sche Ba­tik­ar­bei­ten aus In­do­ne­si­en sol­chen aus der gros­sen Samm­lung an in­do­ne­si­schen Ba­tik­stof­fen des Mu­se­ums ge­gen­über­ge­stellt wer­den. Sie zei­gen ei­ner­seits die Wei­ter­ent­wick­lung und Neu­in­ter­pre­ta­ti­on klas­si­scher Tech­ni­ken und ver­wei­sen an­de­rer­seits wie­der auf den zu­vor schon in der Aus­stel­lung auf­ge­grif­fe­nen his­to­ri­schen Um­stand, dass sich ost­schwei­ze­ri­sche Tex­til­un­ter­neh­men «frem­de» Stoff­mus­ter an­eig­ne­ten, um ih­re Pro­duk­te nach­her in Über­see ab­zu­set­zen.

Die Aus­stel­lung will ins­ge­samt viel, viel­leicht auch zu viel. Bei al­lem fach­li­chen For­schungs- und Ver­mitt­lungs­ei­fer und der Freu­de an der The­ma­tik, die die Ma­cher:in­nen auch beim Rund­gang mit Sai­ten an den Tag le­gen, wirkt sie über­frach­tet. Wer al­les er­fah­ren will, muss sehr viel le­sen. Die drei the­ma­ti­schen Rund­gän­ge der Mu­se­ums­ver­mitt­lung (Ko­lo­nia­lis­mus und Ras­sis­mus, Glo­ba­li­sie­rung und Welt­han­del, Neue For­schungs­er­kennt­nis­se), mit de­nen man sich der Aus­stel­lung auch an­nä­hern kann, sind hilf­reich, die klei­nen Farb­mar­kie­run­gen ge­hen im Saal aber lei­der et­was un­ter.

Shooting Back – Jean-Claude «Baby Doc» Duvalier (Dictator of Haiti, 1971–86), 2004.

Na­tür­lich birgt die OG­CG ei­nen rie­si­gen his­to­ri­schen Schatz, den es sich zu he­ben lohnt. Doch al­les auf ein­mal kann auch über­for­dern. Es wer­den zwar et­li­che Ver­bin­dun­gen aus dem ko­lo­nia­len Kon­text in die Ost­schweiz auf­ge­zeigt, Na­men be­tei­lig­ter Per­so­nen und Fir­men wer­den ge­nannt. Aber die vie­len Lo­kal­be­zü­ge, das St.Gal­li­sche als Teil ei­ner nicht nur ruhm­rei­chen Be­tei­li­gung an der Glo­bal­ge­schich­te, ver­schwin­det doch im­mer wie­der et­was hin­ter dem Schlei­er des All­ge­mei­nen und Dis­kur­si­ven.

Die ko­lo­nia­len Gräu­el­tä­ten, zu de­nen es auch im Mu­se­ums­fun­dus Be­le­ge gä­be – zum Bei­spiel in Form pro­ble­ma­ti­scher bis scho­ckie­ren­der Fo­to­gra­fien aus dem Kon­go –, wer­den be­wusst nicht ge­zeigt und an an­de­ren Stel­len höchs­tens an­ge­deu­tet. Un­ter an­de­rem mit der Be­grün­dung, dass man ko­lo­nia­le Ge­walt nicht re­pro­du­zie­ren möch­te. Das ist zwar ei­ner­seits ei­ne heh­re Hal­tung, sie ver­hin­dert aber an­de­rer­seits auch ei­ne öf­fent­li­che De­bat­te. Wie soll et­was dis­ku­tiert wer­den, das nicht zu se­hen ist? Er­hebt sich das Mu­se­um so nicht auch zur mo­ra­li­schen In­stanz? Die schwie­ri­ge­ren Bil­der müs­sen ja nicht wie sei­ner­zeit in der Ko­lo­ni­al­aus­stel­lung in Zü­rich über­gross auf­ge­bla­sen in­sze­niert wer­den, wo­für es zu­recht auch ei­ni­ge Kri­tik ha­gel­te. Sie im Ori­gi­nal­for­mat hin­ter ei­nem Buch­de­ckel mit Trig­ger­war­nung zu zei­gen, hät­te es si­cher­lich auch ge­tan.

Zur Über­frach­tung tra­gen schliess­lich auch die trans­pa­ren­ten Ta­feln mit all­ge­mei­nen phi­lo­so­phi­schen Er­wä­gun­gen zum 19. Jahr­hun­dert bei, die deut­lich die Hand­schrift des Mu­se­ums­di­rek­tors tra­gen. Als in­halt­li­che Denk­klam­mern, wie sie wohl ge­dacht sind, funk­tio­nie­ren sie eher nicht, son­dern len­ken von den we­sent­li­chen Ge­schich­ten rund um die Men­schen der OG­CG und je­nen in den Ko­lo­nien so­wie um die aus­ge­stell­ten Ob­jek­te ab. Bei al­lem Lob, das das Mu­se­ums­team für die Er­ar­bei­tung und die Ge­stal­tung die­ser Aus­stel­lung auch ver­dient: Re­duk­ti­on aufs We­sent­li­che und der Mut zu ein paar grif­fi­gen Kern­aus­sa­gen hät­ten der Aus­stel­lung gut­ge­tan.

Der Aus­stel­lungs­ti­tel «Die Welt ins Mu­se­um – Vom Han­deln, Sam­meln und Ent­de­cken» und der da­zu­ge­hö­ri­ge Be­gleit­text rü­cken den Aben­teu­er­cha­rak­ter der OG­CG-For­schungs­be­rich­te doch et­was stark ins Zen­trum. Da­bei hat die Aus­stel­lung we­sent­lich mehr als lau­ni­ge Ta­ge­buch­ein­trä­ge ost­schwei­ze­ri­scher Han­dels­rei­sen­der zu bie­ten. Das mar­ke­ting­stra­te­gi­sche Tief­sta­peln des Nord-Süd-Macht­ge­fäl­les führt wo­mög­lich so­gar da­zu, das öf­fent­li­che In­ter­es­se an der Aus­stel­lung un­nö­tig zu dämp­fen. Das an­spre­chen­de Rah­men­pro­gramm (sie­he Aus­wahl am Schluss des Texts) wird dies wo­mög­lich auf­fan­gen kön­nen.

Die Rei­se geht wei­ter

Als Aus­gangs­punkt der Aus­stel­lung hät­te sich bei­spiels­wei­se die gros­se Welt­kar­te ge­ra­de­zu an­er­bo­ten, hät­te man sie nicht nur an ei­ne Wand ge­hängt, son­dern ins Zen­trum der Aus­stel­lung ge­stellt. Auf ihr sind die Na­men der rei­sen­den Ost­schwei­zer mit Steck­na­deln mar­kiert. Von ihr aus hät­ten sich die 
di­ver­sen per­so­nen- und ob­jekt­be­zo­ge­nen Ge­schich­ten her­vor­ra­gend er­zäh­le­risch ent­wi­ckeln las­sen.

Aber auch so be­gibt man sich auf die Rei­se: Beim Durch­schrei­ten der Sä­le ge­langt man von Süd- über Ost- nach West­afri­ka, in den Ori­ent und in die Kaf­fee-, Zu­cker- und Ta­bak­plan­ta­gen In­do­ne­si­ens, nimmt am Bo­xer­auf­stand in Chi­na teil und lan­det schliess­lich mit der Bas­ler Mis­si­on wie­der im Hein­richs­bad in He­ris­au, wo mü­de Mis­sio­na­re auf Hei­mat­ur­laub zur Mol­ke­kur ab­stie­gen und ihr Rei­se­bud­get mit dem Ver­kauf von Mit­bring­seln an lo­ka­le Mu­se­en wie je­nes der OG­CG in St.Gal­len wie­der auf­bes­ser­ten. Je­de die­ser Sta­tio­nen hät­te wohl ei­ne ei­ge­ne Son­der­aus­stel­lung ver­dient.

«Die Welt ins Mu­se­um» zeigt: Die Ge­schich­ten der rund 3500 OG­CG-Ob­jek­te, die et­wa ei­nen Fünf­tel der heu­ti­gen eth­no­lo­gi­schen Samm­lung des Kul­tur­mu­se­ums aus­ma­chen, sind noch längst nicht aus­er­zählt. Auch de­ren Er­for­schung dürf­te noch Jah­re in An­spruch neh­men. Es bleibt al­so span­nend. Vie­le Pro­ve­ni­en­zen las­sen sich auf­grund der frü­he­ren In­ven­ta­ri­sie­rungs­pra­xis, die oft auch der Will­kür selbst­er­nann­ter «Ex­per­ten» un­ter­lag, schlicht nicht mehr re­kon­stru­ie­ren.

Dass das Mu­se­um den Fa­den auf­ge­nom­men und die Auf­ar­bei­tung sei­ner ei­ge­nen Samm­lungs­ge­schich­te for­ciert hat, ist sehr zu be­grüs­sen. Zu hof­fen ist, dass die Ge­schich­te wei­ter­ge­spon­nen wird, auch wenn per­so­nel­le Ab­gän­ge der letz­ten Jah­re hier nicht hilf­reich wa­ren und die tem­po­rä­ren Ver­trä­ge von Iris Netz­le und Mau­rice Bon­vin aus­lau­fen, re­spek­ti­ve be­reits aus­ge­lau­fen sind. Der neu­en Eth­no­lo­gin des Kul­tur­mu­se­ums, die dem­nächst vor­ge­stellt wer­den dürf­te, wird die For­schungs­ar­beit auf je­den Fall nicht so rasch aus­ge­hen. Wer weiss, wel­che Ge­schich­ten da noch in den Mu­se­ums­kar­tons schlum­mern.

Pe­ter Mül­ler: St.Gal­len, Skla­ve­rei und Ko­lo­nia­lis­mus. Ein Über­blicks- und For­schungs­be­richt. Ver­fasst im  Auf­trag der Stadt St.Gal­len, St.Gal­len 2026. (Der Be­richt ist als PDF on­line ab­ruf­bar.)

Ri­ta Kes­sel­ring, 1981, ist Eth­no­lo­gin und as­so­zi­ier­te Pro­fes­so­rin für Ur­ban Stu­dies an der Uni­ver­si­tät St.Gal­len. In ih­rer Ar­beit be­schäf­tigt sie sich mit glo­ba­len Ab­hän­gig­kei­ten, de­ren Kon­se­quen­zen im  Glo­ba­len Sü­den so­wie den Mög­lich­kei­ten der Ver­än­de­rung. In ih­rem Buch Bo­dies of Truth (2016) un­ter­such­te sie den Rechts­weg als Weg der Wie­der­gut­ma­chung am Bei­spiel von Apart­heid-Op­fern und ih­ren Sam­mel­kla­gen ge­gen west­li­che Kon­zer­ne. Die Frau­en­fel­de­rin lebt in St.Gal­len und ist Mit­glied der Fach­grup­pe des «Weg der Viel­falt», ei­nes städ­ti­schen, in­ter­ak­ti­ven Kar­ten­pro­jekts, das so­zia­le, mi­gran­ti­sche, (que­er-)fe­mi­nis­ti­sche, ko­lo­nia­le und wei­te­re Aspek­te der Stadt­ge­schich­te be­leuch­tet.

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