Unterdrücktes Stöhnen, piepsende Maschinen und ein dumpfer Herzschlag. Julia liegt schweratmend auf einem Tisch, die Beine gespreizt. Neben ihr steht ihr Mann Georg, zwischen ihren Beinen sitzt die Hebamme. Julia keucht und schreit vor Schmerz. Beharrlich reden Georg und die Hebamme auf sie ein. «Ganz gleichmässig atmen», erklärt die Hebamme. «Komm, weiter, weiter», drängt Georg. Julia würgt, erbricht in den Behälter, den Georg ihr hinhält. «Super», sagt er. «Alles gut», sagt die Hebamme.
Und «alles gut» sagen die beiden auch, als Julia wieder vor Schmerz schreit. Ungerührt führt das medizinische Personal die Geburt durch, Julia lässt es über sich ergehen. Irgendwann ist das Kind da. Doch: Es schreit nicht. Zügig durchtrennt die Hebamme die Nabelschnur, dann wird das Bündel aus dem Raum getragen. Zurück bleiben Julia und Georg.
Mother’s Baby heisst der neue Film der österreichischen Regisseurin Johanna Moder. Und was auf diese Geburt folgt, ist ein Psychothriller, der Mutterschaft dekonstruiert. Dass der Film lange zwei Lesearten zulässt, macht ihn besonders reizvoll.
Hadern mit der Mutterrolle
Die private Kinderwunschklinik «Lumen Vitae». Hierhin begeben sich die Dirigentin Julia (Marie Leuenberger) und ihr Mann Georg (Hans Löw) mit ihrem bisher unerfüllten Kinderwunsch. Unter der Leitung des Gynäkologen Dr. Vilfort (Claes Bang) unterzieht sich Julia einer progressiven Fruchtbarkeitsbehandlung und wird bald schwanger.
Bei der traumatischen Geburt kommt es zu Komplikationen und das Kind wird unmittelbar danach in die Neonatologie gebracht. Als Julia am nächsten Tag endlich ihr Baby in den Armen hält, bleiben die erhofften Glücksgefühle aus. Stattdessen erscheint ihr das Geschöpf fremd und abstossend.
Julia, gespielt von einer beeindruckenden Marie Leuenberger, ringt mit ihrer neuen Rolle als Mutter. Ihre Distanziertheit findet in der unheimlichen Apathie des Kindes eine filmische Entsprechung. Diese Passivität wird für die Protagonistin so unerträglich, dass sie beginnt, ihr Kind zu testen, und dann über ihre eigene Handlung erschrickt.
Etwas stimmt nicht
Trotzdem: Das Kind ist seltsam. Da hilft auch das mantraartig auf Julia einprasselnde «alles gut», «alles normal» nicht, um die Zweifel zu zerstreuen. Im Gegenteil. Hatte es nicht bei der Geburt mehr Haare? Ist es nicht eben für eine Sekunde völlig erstarrt? Und der Gynäkologe? Ist der einfach nur entspannt oder doch eher verdächtig? Eigentlich sind es Kleinigkeiten, oft sogar erklärbar, aber sie irritieren, und zwar nachhaltig. Auch Julia verfällt immer stärker der Überzeugung, dass das Kind gar nicht ihres ist und in der vermeintlich seriösen Klinik etwas Grauenvolles vonstatten geht.
Julia findet keinen Bezug zu ihrem Kind (Bild: Filmstil)
Regisseurin Johanna Moder übersetzt die Lebensrealität ihrer Protagonistin in eine helle Bildsprache. Alles ist in ein milchiges Licht gehüllt, das an die Beige-Mom-Ästhetik erinnert. Die sterile Helligkeit wirkt bedrückend, nimmt der Umgebung jede Geborgenheit und verstärkt das Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Dabei bleibt der Film lange in der Schwebe: Beobachtet man nun eine Frau, die in eine Wochenbettdepression mit Wahnvorstellungen abrutscht, oder eine, die einer Verschwörung auf der Spur ist?
Mutterschaft als Psychothriller
Mit ihrer Inszenierung greift Moder die gesellschaftliche Vorstellung auf, dass eine Mutter glücklich zu sein hat, solange sie nur ein gesundes Kind geboren hat. Dass eine Geburt ein traumatisches Erlebnis sein kann, wird erst in jüngsten Debatten thematisiert; dass Eltern Bindungsschwierigkeiten haben, ob aufgrund einer Wochenbettdepression oder aus sonstigen Gründen, ist bis heute ein Tabu. Genau hier setzt Johanna Moder an und legt diese Verdrängung offen.
Statt den Stoff als Drama zu erzählen, was durchaus naheliegend wäre, entscheidet sich Johanna Moder für die Form des Psychothrillers. Dieses Genre, das diametral zu den gängigen Vorstellungen von Mutterschaft steht, erlaubt es, den Bruch mit dem vermeintlichen Ideal besonders klar offenzulegen.
Damit gesellt sich Mother’s Baby zu Filmen wie Polańskis Rosemary’s Baby, die Mutterschaft ebenfalls als eine Art Horrorszenario darstellen. Dabei setzt Moder auf eine subtile Erzählweise, die das Unheimliche gerade aus der Schwebe zwischen Verschwörung und Wahn erzeugt.
Dass Moder altbekannte Ängste aufgreift – etwa die Vorstellung, das Kind sei bei der Geburt vertauscht worden oder ein Platzhalterwesen – funktioniert erstaunlich gut. Gerade weil diese Motive lange nur zurückhaltend inszeniert werden, tragen sie wesentlich zur Zweideutigkeit des Films bei. Die Wendung am Schluss mag dann etwas platt sein, aber zumindest bis dahin entfaltet der Film eine bedrückende Wucht.
Mother’s Baby – Vorpremiere mit Regisseurin Johanna Moder und Hauptdarstellerin Marie Leuenberger: 10. September, 18 Uhr, Kinok St.Gallen. Weitere Vorstellungen im September.
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