, 18. Juni 2022
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«vom Krieg gibt es kein lebendiges Bild»

Augen zu vor dem Grauen? Skeptisch sieht Jochen Kelter seine Zeitgenossen, die in ihrer «globalen Existenz» zwar über alles verfügen, aber den Krieg nicht sehen wollen. In drei neuen Gedichten schreibt der im Thurgau lebende Autor über den Krieg, «der nie vorbei sein wird».

Protected Mobility

Im sonnigen Schatten vor dem alten
Schulhaus steht auf einmal vor
meinem Auge ein dunkles Bild vom Krieg
mit lautem Getöse walzen ein Panzer
mit langem Geschützrohr und dahinter
ein Schützenpanzer auf ihren Ketten
die Hauptstrasse im neuen Frühlingsgrün
in Richtung der Fabrikhallen vorbei
aus den offenen Luken schauen die Köpfe
der Lenker unter ihren Tarnhelmen
die Kinder auf dem Trottoir weichen zurück
Protected Mobility lautet das Motto
des Waffenkonzerns ziemlich ungewisse
Überlebenschance wäre der passende
Slogan der aber verkauft keinen Krieg

 

Krieg denken

Wir wissen vom Krieg
aus den Erzählungen unserer Eltern
und Grosseltern wir kennen
den Krieg nicht

Wir wissen vom Krieg
von den Bildern die wir gesehen haben
aus Vietnam Syrien Afghanistan
nah aber weit fort

Wir wissen den Krieg
nicht wir können uns nicht in den Krieg
versetzen nicht in diejenigen
die Krieg erleben

Ertragen erdauern
erdulden erleiden die ihn nicht überleben
vom Krieg gibt es kein lebendiges
Bild nur die Bilder

Bombardierter Städte
zerfetzter Bäume Leichen auf Strassen
die Krieg lebendig erlebt haben
wir wissen den Krieg nicht

Den Krieg müssen wir
bannen zur Not mit der Waffe in der Hand
zum letzten Mal oder doch bis
zum nächsten Mal

Atomwaffen können wir
zum Glück nicht schultern sollen wir
das nun anderen überlassen?
Zum letzten Mal?

 

Globale Existenz

Der Himmel ist tagelang
braun gefärbt vom Saharastaub
nach zwei Jahren in Angst
schleicht die Corona-Pandemie
nur noch züngelnd um unsere Beine
Zehntausende hat der neue Krieg
bisher hierher gebracht in den Gärten
blühen die Forsythien die Natur spriesst
grün wie stets zu dieser neuen Zeit
irgendwo herrscht immer neuer Krieg
irgendwo ist stets eine Pandemie
und die Natur aus dem Gleichgewicht
wir führen jetzt eine allumfassende
Existenz wir aber wollen nur die Bäume
grünen sehen nicht die ganze Welt
hinter dem Horizont wenn dieser Krieg
vorbei die Opfer gezählt sind
wollen wir ohne globale Hotspot-Gurus
entscheiden welche Landstriche
unsere Seele erkunden wird
doch dieser Krieg wird nie vorbei sein

 

Jochen Kelter, 1946 in Köln geboren, lebt in Ermatingen. Zuletzt erschienen von ihm die Gedichtbände Im Grauschlaf stürzt Emil Zatopek und Fremd bin ich eingezogen sowie der Essayband Sprache ist eine Wanderdüne.

 

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