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Vom «StadtWald» in den Wald

Der «StadtWald» der Cityseelsorge St.Gallen steht bloss noch drei Tage, in einem leeren Ladenlokal an der Neugasse 40. Aber der richtige Wald steht und wächst. Und tut gut. Ein Plädoyer von Peter Müller.
Von  Gastbeitrag

Ja, der «StadtWald» ist eine originelle, sympathische Intervention im Innenstadt-Gewusel, gut gemacht und wohltuend. Ich bummle gerne darin herum, sehe und ertaste, rieche und höre an den verschiedenen Stationen. Ich freue mich über den Tannenduft und die präparierten Waldtiere, die zwischen den Bäumchen zu entdecken sind. Ich höre das Vogelgezwitscher ab Band und denke sehnsüchtig an den Frühlingswald mit seinem neu erwachten Leben: Blumen und Sträucher, Vögel und Laubbäume.

Immer wieder schleichen mir aber auch kritische Gedanken ins Bewusstsein – nicht über den «StadtWald» selber, sondern über unsere Lebenswelt hier, vor der Haustüre: Mehr Natur, vor allem mehr «Stadtgrün» täte der St.Galler Innenstadt gut. Es fehlen an so vielen Ecken und Enden die Bäume, Büsche, Hecken.

Zivilisationskritisch formuliert: Wenn hier, zwischen Freudenberg und Rosenberg, keine Stadt wäre, stände von Natur aus Wald. Ein richtiger, grosser Wald. Vermutlich aus lauter Buchen. Da wirkt dieser «StadtWald» auf Zeit mehr als kümmerlich. Ein Kulissenwald, Seelenbalsam für uns überdrehte Städter:innen.

Doch selbst viele der heutigen Wälder in unserer Region sind, bei allen Vorzügen, relativ langweilige Wirtschaftswälder und stehen zudem unter dem Nutzungsdruck unserer Freizeitgesellschaft. Für wirkliche Wald-Erlebnisse muss man anderswohin.

Sympathisch ist, dass die Tännchen an der Neugasse nicht auf die triste, kurzlebige Existenz eines Christbäumchens reduziert sind. Sie dürfen in einem kleinen Kulissenwald stehen, ohne elektrische Kerzen und bunte Kugeln, ohne «Jingle-Bells» und «Stille Nacht», und wenn der «StadtWald» zumacht, landen sie nicht im Kompost oder im Cheminée. Sie werden im Areal Bach in St.Fiden eingepflanzt, als Bestandteil eines Kinderspielplatzes. Gut, dass der «StadtWald» hier nur bis zum 31. Dezember gastiert. Wäre es länger, brächte man die Tännchen vielleicht nicht mehr zur Tür hinaus…

Mit Sicherheit wird dieser «StadtWald» bei einigen Besucher:innen die Lust auf einen richtigen Waldspaziergang wecken. Er ist zu empfehlen – auch jetzt, im Winter. Wenn man den Wald wirklich kennenlernen will, muss man ihn in allen Jahreszeiten besuchen, bei allen Witterungen, und eigentlich auch zu allen Tages- und Nachtzeiten.

StadtWald: bis 31. Dezember, Neugasse 40, St.Gallen

stille.sg/

So schnell und bequem wie der Besuch im Stadtlokal geht das allerdings nicht. Dafür bietet der wirkliche Wald wirkliche Erlebnissen. Ein «Ort der Stille», wie im «StadtWald» suggeriert wird, ist er allerdings nur bedingt. Der Lärm unserer umtriebigen Menschenwelt hat längst auch ihn erfasst: Picknicker:innen und Mountainbiker:innen, Autobahnen und Motorräder – man hört hier allerlei. Wenn der Wind ungünstig weht, noch mehr als sonst. Es gibt aber auch andere Geräusche, Klänge und Töne. Sich ihnen zuzuwenden, tut gut.

Und Corona? Die Frage muss einfach sein, ist sozusagen Pflicht des Zeitzeugen. Für die Besichtigung ist der Mund-Nasen-Schutz obligatorisch. Solange ich allein durch die Tännchen bummelte, kümmerte mich das wenig. Als dann weitere Passant:innen in den «StadtWald» kamen, änderte sich das: «Jetzt sind wir auch noch im Wald corona-mässig unterwegs – muss das sein?» Wo immer möglich, ging ich den andern aus dem Weg.

Der St.Galler Historiker Peter Müller ist Autor des Buchs Wälder wachsen still (St.Gallen 2015).

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