An den Solothurner Filmtagen feiern die Geister von 1968 ein Revival. Das zeigt sich exemplarisch in vier Filmen, in denen es unter anderem um den israelisch-palästinensichen Konflikt oder um die Schweizer Armee geht. Letzterer gefällt selbst dem Armeechef.
Noch vor ein paar Jahren gab es seitens der Leitung der Solothurner Filmtage Bestrebungen, die 1966 gegründete «Werkschau des Schweizer Films» vom Image einer Veranstaltung für «Alt-68er» zu befreien. «In Solothurn musste in den 1970ern ein Film mit einem Zitat von Marx beginnen und mit einem von Lenin enden – oder umgekehrt», spottete Fredi Murer vor ein paar Jahren in einem Interview über den Geist, der damals bei vielen Schweizer Filmschaffenden und einem grossen Teil des Publikums in Solothurn herrschte.
Ein Versuch, sich von dieser Tradition zu lösen, manifestierte sich an den Filmtagen von 2019, als die damalige Direktorin und künstlerische Leiterin, Seraina Rohrer, einen mittleren Sturm der Entrüstung provozierte. Dies, weil sie den Entscheid der Auswahlkommission verteidigte, den Film Passion – Zwischen Revolte und Resignation nicht ins Programm aufzunehmen. Christian Labhart, der Regisseur, ein 68er mit einer langen, erfolgreichen Filmografie, hatte sein essayistisches Werk über seinen eigenen politischen Werdegang so charakterisiert: «Ein Film über meinen Umgang mit der schmerzlichen Tatsache, dass die Welt heute nicht so ist, wie ich sie mir vor 50 Jahren erträumte.»
Heute, ein halbes Jahrzehnt und drei künstlerische Leitungspersonen später, ist die Welt noch weniger so. Aber andererseits scheinen die damaligen Auseinandersetzungen weit weg und dafür die Geister von 1968 in Solothurn ein Revival zu feiern. «Utopie, Hoffnung, Veränderung» hatte Niccolò Castelli im vergangenen Jahr als damals neuer künstlerischer Leiter im Programmheft der Filmtage das Editorial betitelt und darin unter anderem geschrieben: «Das diesjährige Programm beleuchtet die Hoffnung, mit Utopien eine andere Zukunft zu erschaffen.» Und dieses Jahr liess sich Castelli in den Presseunterlagen so vernehmen: «Es ist die Aufgabe der Filmtage, Werke zu präsentieren, welche einem Publikum Orientierung bieten.» Und er fuhr fort: «In den Filmen werden gesellschaftliche Zustände hinterfragt.»
Ein Banküberfall ist Notwehr
Unter den zwei Dutzend Weltpremieren von Langfilmen fanden sich an den diesjährigen Filmtagen denn auch gleich drei bemerkenswerte Dokumentarfilme, in denen sich so viel gesellschaftspolitisches Sendungsbewusstsein und Weltveränderungswünsche exemplarisch widerspiegelten und die dabei gleichzeitig den Bogen von der 1968er-Revolte in die Gegenwart schlugen.
Am klarsten zeigte sich dies in dem streng konzeptionellen Film Autour du feu der Genferin Laura Cazador. Sie bringt darin drei junge Aktivistinnen aus der Klima- und Hausbesetzerbewegung mit zwei älteren Mitgliedern der «Bande à Fasel» zusammen, einer anarchistisch ausgerichteten bewaffneten Gruppe, die in 70er- und 80er-Jahren Banküberfälle verübte und ihre Beute in Robin-Hood-Manier an konkrete linke Projekte und an «die Revolution» verteilte. In dem Film (der den Preis des Nachwuchswettbewerbs «Visioni» gewann) hält an einer Stelle einer der beiden älteren Herren unbeirrt an seinen früheren Überzeugungen fest, wenn er erklärt, ein Banküberfall sei keine Gewalt, sondern Notwehr, derweil der andere seine heutige pazifistische Grundhaltung betont.
Auf den Supren von Bruno Breguet
Ähnlich unbeirrt äussert sich in einem anderen Dokumentarfilm, der sich tief in die Niederungen der Irrwege des Schweizer 68ers Bruno Breguet begibt, eine Weggefährtin des Protagonisten. Dieser glaubte in ideologischer Verblendung, die Welt mit Waffengewalt verändern zu müssen. In dem spannend wie ein Thriller gestalteten Film La scomparsa de Bruno Breguet macht sich der Tessiner Regisseur Olmo Cerri (Non ho l’età) mit Hilfe von Freunden Breguets auf die Suche nach dem 1995 spurlos Verschwundenen. Dieser hatte 1970 Schlagzeilen gemacht, weil er als damals 19-jähriger Gymnasiast aus Minusio bei Locarno zwei Kilogramm Sprengstoff samt Zündern und Zündkapseln nach Israel hatte schmuggeln wollen und bei der Einreise in Haifa von den israelischen Behörden verhaftet wurde.
Breguet hatte den Sprengstofftransport im Auftrag der Popular Front for the Liberation of Palestine (PFLP) ausgeführt, einer marxistisch-leninistisch ausgerichteten palästinensischen Terrortruppe, der er sich hatte anschliessen wollen. Er verbrachte dann wegen dieses Transportversuches sieben Jahre in israelischen Gefängnissen – etwas, was die erwähnte Weggefährtin im Film als grosse Ungerechtigkeit bezeichnet, denn Breguet habe ja eigentlich gar nichts gemacht …
Rückschau auf die Swissair-Entführung von 1970
Ebenfalls um die PFLP und um die Tatsache, dass diese Truppe vor kaum einem Verbrechen zurückschreckte, ging es schliesslich in der Dokumentation Swissair Flug 100 – Geiseldrama in der Wüste. Die beiden Regisseure Adrian Winkler und Laurin Merz rollen in ihrem Film die Geschichte einer spektakulären Flugzeugentführung auf, bei der am 6. September 1970 zwei Mitglieder der PFLP besagte Swissair-Maschine mit 155 Personen an Bord auf dem Flug von Zürich nach New York in die jordanische Wüste entführten. Dort drohten sie, die Maschine samt allen sich darin befindlichen Menschen in die Luft zu sprengen, falls der Bundesrat ihrer Forderung nach Freilassung von drei in Schweizer Gefängnissen einsitzenden palästinensischen Terroristen nicht nachkomme. Diese hatten 1969 in Kloten ein israelisches Flugzeug beschossen und dabei den Copiloten getötet.
Im Zentrum des hoch spannend gestalteten Films stehen dabei vier heute noch lebende Personen, die damals als Geiseln in der jordanischen Wüste gewesen waren: zwei Flight Attendants, der Maître de cabine und ein Passagier. Verblüffend ist bei allen vier, wie abgeklärt sie wirken und mit wie viel Verständnis sie sich über die verzweifelte Situation der Menschen in Palästina äussern. Makabres Detail: Der Film wurde am 6. Oktober 2023 fertiggestellt, einen Tag vor dem Angriff der Hamas auf Israel. An der Pressekonferenz von vergangener Woche in Solothurn legten die drei eigens angereisten ehemaligen Geiseln aber Wert auf die Feststellung, dass sich an ihrer Einschätzung zum Konflikt zwischen Israel und Palästina seither nichts geändert habe.
Die Schweizer Armee aus anderer Perspektive
Es soll hier keineswegs der Eindruck entstehen, die diesjährigen Solothurner Filmtage hätten sich einseitig nostalgisch-weltrevolutionären Träumen verschrieben. Das wäre viel zu kurz gedacht, denn vielmehr standen auch die hier erwähnten Filme unter dem Motto «Komplexität aushalten». Mit diesen Worten war das diesjährige Editorial betitelt. Zu dieser Komplexität passte perfekt, dass das Publikum zum Ende der Filmtage schliesslich die Stimmen für den Prix du public einem Dokumentarfilm gab, der – durchaus wohlwollend – von einer Institution handelte, die bis heute für viele 68er ein Lieblingsfeindbild geblieben ist: die Schweizer Armee. Dass besagter Film mit dem Titel Echte Schweizer gleich auch noch von einem Hauptmann der Schweizer Armee realisiert wurde und er darin sich und drei Offizierskameraden mit dem gleichen Dienstgrad porträtierte, wirft ziemlich viele Clichés gehörig über den Haufen.
Regisseur Luka Popovic ist ein in Baden/AG geborener Sohn serbischer Immigranten – und von seinen drei Kameraden hat einer seine Wurzeln in Tunesien, einer in Sri Lanka und einer ebenfalls in Serbien. Mit einem unglaublich perfekten Sinn für Selbstironie und bisweilen auch schwarzen Humor stellt Popovic in Echte Schweizer, seinem ersten langen Kinofilm, nicht nur die Frage, ob Ausländer:innen vielleicht die besseren Schweizer:innen sind, sondern vor allem so manche liebgewonnenen Denkgewohnheiten gehörig auf den Kopf. Und wenn bei der Premiere im Publikum dann auch noch Armeechef Süssli himself präsent ist und sich nach der Vorführung vom Film angetan zeigt, kann man nur seufzen: Es ist komplex.
Swissair Flug 100 – Geiseldrama in der Wüste läuft am 22. Februar um 20.05 Uhr auf SRF 1.
Echte Schweizer startet am 11.4. in den Kinos.
Für Autour du feu und La Scomparsa di Bruno Breguet ist der Kinostart noch unklar.
Luzia Schmids Film «Trained to See – Three Women and the War» feiert an den Solothurner Filmtagen Premiere. Der Film besteht ausschliesslich aus bisher unveröffentlichtem Archivmaterial und erzählt die Geschichte dreier amerikanischer Kriegsreporterinnen.
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