Vom Cover brüllt einen ein Tiger an, der ein schlafendes Mädchen auf seinem Rücken trägt. Im Hintergrund der Weltenbrand. Und im Titel die Frage: «Wo bin ich?» Die dritte Ausgabe des neuen Comic-Magazins «Die Notbremse», die bereits im Juli erschienen ist, wird bildhaft und wörtlich mit einem Nietzsche-Zitat eingeleitet: «… in der Gleichgültigkeit seines Nichtwissens, und gleichsam auf dem Rücken eines Tigers in Träumen hängend.»
Der Tiger repräsentiert die Niedertracht im Menschen, die Brutalität, die Selbstsucht. Nietzsche hat ihn dem hohen Ross der Vernunft entgegengestellt. Er warf der Aufklärung vor, die «niederen Triebe» der Menschen, das Boshafte, vernachlässigt zu haben. Nietzsche war der Ansicht, dass wir alle diesen Trieben stärker verfallen seien als jenen, die uns nach Wahrheit und Einsicht suchen lassen.
Kartografie der Gegenwart
Die aktuelle «Notbremse» will nichts weniger, als in Zeiten, in denen die Nietzsche’schen Befürchtungen wieder einmal glaubhaft werden, ein Beitrag zur «Kartografie der Gegenwart» sein, eine Orientierungshilfe in einer verworrenen Welt mit mehr Fragen als Antworten dazu, wo wir hier eigentlich genau leben. Sie versammelt 15 Comic-Beiträge junger Kunstschaffender aus dem Umfeld der Luzerner Kunsthochschule, die sich mit existenziellen und Identitätsfragen in krisenhaften Zeiten befassen. Teils in Form von einseitigen Illustrationen, teils als mehrseitige Bildessays und gezeichnete Short Stories.
Wo bin ich? Comic-Lesung zur dritten Ausgabe des Magazins «Die Notbremse»: Freitag, 21. Oktober, 19 Uhr, Comedia Buchhandlung, St.Gallen
notbremse-magazin.ch
Alain Schwerzmann beispielsweise zeichnet das Portrait eines Pärchens der gehobenen urbanen Mittelschicht, das sich mit Sex und Kurkuma über die Langeweile des Lockdowns rettet und zu streiten beginnt, weil sich im Grunde beide furchtbar überflüssig fühlen. Vollends kippt die Stimmung, als ein Drehaschenbecher mit dem Protagonisten zu sprechen beginnt und ihn fragt, wann er zuletzt an den Stadtrand gefahren sei und ob er wisse, wer all die mühsame körperliche Arbeit verrichtet hat, dank der er es jetzt so gemütlich hat.
Weiteres Mobiliar beginnt sich zu regen, rückt ihm auf die Pelle, er will fliehen, der Küchentisch stellt ihm ein Bein, das Sofa nimmt ihn in den Schwitzkasten, die Küchenmesser dringen in ihn ein, er verliert das Bewusstsein. Nach diesem Albtraum stellt er sich mit seinesgleichen auf den Balkon, applaudiert und hofft, dass irgendjemand ihn wahrnimmt.
Luca Mondgenast und Alain Schwerzmann erzählen die Geschichte eines jungen Kunststudenten vom Land, der sich früher hinter einer Fassade der Coolness und Härte versteckt hat, sich geprügelt hat und nur mit Ausländern und Kiffern rumgehangen ist, mit Leuten, die ihm bis heute ehrlicher erscheinen als die affektierten Kunstheinis in der Stadt. Und doch befällt ihn ein eigenartiges Unbehagen, wenn er auf dem Weg zum Familienbesuch wieder auf seine alten Kumpels trifft.
Der Beitrag von Alain Schwerzmann und Julia Schöni kontrastiert die beiden Stories vom Pärchen Erika und Albert und von einem japanischen Soldaten. Das Pärchen wäre während der Pandemie beinahe auf einer Pazifikinsel gestrandet. Nur mit Glück und stundenlangem Surfen im Internet gelingt es ihnen, noch den allerletzten Flug in die Heimat zu ergattern. Auf der anderen Seite die wahre Geschichte des Soldaten, der eine Pazifikinsel alleine und isoliert noch Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg weiterverteidigt hat und über den Werner Herzog vergangenes Jahr Das Dämmern der Welt geschrieben hat. Schöni und Schwerzmann gehen in ihrem Comic der Frage nach, was richtige und falsche Entscheidungen sind und unter welchen Bedingungen sie getroffen werden.
Ostschweizer Beteiligung
Die «Notbremse» hat einige Verbindungen in die Ostschweiz. Die in St.Gallen lebende und arbeitende Künstlerin Lea Frei zeigt zusammen mit Julia Schöni anhand einer antik anmutenden Story auf, wie die gegenwärtige Positivkultur in einen Teufelskreis führt.
In Aus der eigenen Haut reflektiert die Thurgauerin und Notbremse-Redaktorin Julia Trachsel über die Sackgassen der Identitätspolitik.
Die St.Gallerin Maj Lisa Dörig, gegenwärtig in Zürich zuhause, hat bereits in der Erstausgabe einen Beitrag beigesteuert. In der «Notbremse» Nr. 3 erzählt sie die Geschichte des fiktiven italienischen Velorennfahrers Giorgio Bianci, der am Giro d’Italia 1946 mit den echten Radlegenden Fausto Coppi und Gino Bartali auf einer Passhöhe Marlboro raucht und Scamorza schnabuliert. Als Rahmenhandlung dient die Geschichte einer Nachtwache in einem Industriebetrieb, die zuerst aus Langeweile, dann mit zunehmender Faszination auf ihrem Tablet Biancis Karriere erforscht. Beide Stories enden im Unglück.
Vierte Ausgabe im Anmarsch
Die Erstausgabe der «Notbremse» ist im März 2021 erschienen. Das Projekt entstand ursprünglich aus der Not. Weil für die Abschlussklasse der Kunsthochschule wegen Corona keine Werkschau möglich war, regte eine Dozent eine Publikation an. Die angefragten Student:innen annektierten das Projekt gleich für sich, sie wollten etwas Langfristiges wagen.
Heute sitzen fünf Absolvent:innen der Kunsthochschule Luzern in der Redaktion, darunter auch die Thurgauerin Julia Trachsel, die sich mittlerweile in Luzern niedergelassen hat. Es gebe zwar so etwas wie eine Art Stamm-Zeichner:innenschaft aus dem Umfeld der Kunsthochschule, das Format sei aber offen für Beiträge von aussen, so Trachsel.
Stets mit einem Seitenblick auf das Independent-Comic-Magazin RAW von Art Spiegelman und Françoise Mouly, schwebte ihnen ein grossformatiges, gesellschaftskritisches und gleichzeitig unterhaltsames Magazin vor. Allerdings jeweils monothematisch und damit inhaltlich etwas weniger wild als RAW.
Finanziert wurde die Erstausgabe zum namengebenden Titelthema «Notbremse» mit dem für die Werkschau budgetierten Geld und aus Beiträgen von Migros Kulturprozent. Seither gehört Fundraising zu einer Hauptaufgabe der Redaktion. Ab Erscheinen der vierten Ausgabe im Dezember zum Thema «Zwischen Erfüllung und Enttäuschung» soll es ein Abo-Angebot geben. Die bisherigen Ausgaben lassen sich online oder via Genossenschaftsbuchhandlung Comedia beziehen.
Weck mich wirklich auf: Ausschnitt aus dem doppelseitigen Wimmelbild eines «schlecht geträumten Himmels» von Sandro Ramseier.
Nach einer ganz passablen ersten Halbzeit der Espen sowie Führung durch einen Elfmeter von Görtler vor der Pause, spielen die St. Galler dieses Resultat anschliessend herunter und holen sich die 3 Punkte.
Mehr als viereinhalb Stunden dauerte Der Prozess Pelicot im Theater St.Gallen. Milo Rau und Servane Dècle inszenierten einen Abend über sexualisierte Gewalt und chemische Unterwerfung – und über eine Gesellschaft, die von Männern mehr Verantwortung verlangt.
Die Menschenrechte stehen weltweit unter Druck. Doch wie konsequent setzt sich die Schweiz für sie ein? Ein neues Buch nimmt die Schweizer Menschenrechtspolitik kritisch unter die Lupe. An der Buchvorstellung im Square wurde über Widersprüche, Versäumnisse und mögliche Lösungen diskutiert.
In einer Tennishalle im toggenburgischen Unterwasser trafen sich vor zehn Jahren 5000 Neonazis zum grössten Rechtsrock-Konzert, das je im deutschsprachigen Raum stattgefunden hat. Linke Politiker:innen reagierten schnell, doch das Ergebnis ist ernüchternd.
Leopoldstadt am Vorarlberger Landestheater
Stimmrecht
Erntehelfer:innen sind in der Schweiz schlecht geschützt. Ihre Arbeitsbedingungen liegen oft in Graubereichen, Kontrollen sind schwierig. Eine Veränderung würde jedoch bedeuten, ein ganzes System auf den Kopf zu stellen.
Bücherherbst: Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst von Gion Mathias Cavelty
Die St.Galler Restaurants Toscana und The Pinch machten vergangene Woche über Nacht dicht. 15 Personen standen unvorbereitet auf der Strasse. Das verantwortliche Investoren-Duo schliesst nicht zum ersten Mal ein Restaurant in der Stadt. Das abrupte Ende wirft Fragen auf.
Die Stadt St.Gallen muss sparen und will das historische Volksbad nach der Wiedereröffnung des Hallenbads Blumenwies schliessen. Dabei verspricht die Stadt seit über 40 Jahren die Sanierung.
Die St.Galler Regierung spart gegen ihren Willen weitere 60 Millionen Franken ein und rechnet für 2027 mit einem Plus von 55 Millionen Franken. Kulturelle Arbeit wird dabei weiter prekarisiert – mit einer grossen Ausnahme.
Filminstallation über Vergänglichkeit
Die alten Fabrikhallen sind aus Winterthurs Kulturleben nicht mehr wegzudenken. Sie wären aber nichts ohne engagierte und gut vernetzte Menschen. Saiten konnte auf Einladung des Kulturmagazins «Coucou» einige von ihnen treffen. Ein kleiner Stadtrundgang
Das Konzert und Theater St.Gallen zeigt eindringlich auf: Femizide existieren in der Schweiz noch immer im ungeheuren Ausmass. Die Inszenierung von Corinna von Rad setzt auf das Groteske in Georg Büchners Woyzeck und feierte am Samstag Premiere im Grossen Haus. Eine Produktion für «jeder-Mann»!
Viel Energie und noch viel mehr Punk gibts auf dem neuen Album Now To Ruin der Thurgauer Band S.G.A.T.V.. Getauft wird am 1. Oktober im Winterthurer Kraftfeld. Saiten hat vorab reingehört.
Wie können wir unseren Konsum nachhaltiger gestalten? In «Next Relations – Zukunft gestalten» zeigt das Gewerbemuseum Winterthur anhand von Arbeiten von Studierenden mögliche Ansätze. Eine anspruchsvolle Schau, die Hoffnung macht.
Die Ausstellung «Beyond the Manosphere. Masculinities today» im Kunstmuseum St.Gallen untersucht, wie Männlichkeit dargestellt, geprägt und gelebt wird. Und zeigt dabei auch ihre Widersprüchlichkeit.
Ein Schrebergarten wird im neuen Roman Verteidigung eines Gartens von Christina Walker zum Zufluchtsort. Darin lässt die Vorarlberger Autorin vielschichtige Charaktere ebenso aufblühen wie Apfelbaum und Johannisstrauch.
Der Kanton St.Gallen hat Kunst- und Kulturschaffende zur jährlichen Kulturkonferenz nach Wil eingeladen. Spielerisch wurde versucht, die Ausrichtung der Kulturförderung zu klären und Möglichkeiten der neuen Kulturstrategie zu diskutieren. Doch die zentrale Frage blieb offen: Wie stark kann die Kulturszene den Inhalt der Strategie tatsächlich mitbestimmen?
Wer als Erntehelfer:in in der Schweiz arbeitet, tut dies in einer rechtlichen Grauzone. Das nützt vor allem einem System, das weder die Landwirt:innen noch die Konsument:innen im Alleingang ändern können. Ausserdem im Oktoberheft: zehn Jahre Unterwasser, eine Flaschenpost aus Halle (Saale), Kunst zum Thema Männlichkeit, Musik von The Black Salt und natürlich der Bücherherbst – mit neuer Literatur von Ostschweizer Autor:innen.