, 20. Oktober 2022
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Von der Gegenwart gezeichnet

Die Schweiz hat ein neues, gesellschaftskritisches Comic-Magazin. «Die Notbremse» entsteht im Umfeld der Kunsthochschule Luzern mit regelmässiger Ostschweizer Beteiligung. Am Freitag ist Comic-Lesung in der Comedia.

Lockdown-Neurosen und Identitätskrisen: Ausschnitt aus Alain Schwerzmanns Klatschen vom Balkon. (Bilder: pd)

Vom Cover brüllt einen ein Tiger an, der ein schlafendes Mädchen auf seinem Rücken trägt. Im Hintergrund der Weltenbrand. Und im Titel die Frage: «Wo bin ich?» Die dritte Ausgabe des neuen Comic-Magazins «Die Notbremse», die bereits im Juli erschienen ist, wird bildhaft und wörtlich mit einem Nietzsche-Zitat eingeleitet: «… in der Gleichgültigkeit seines Nichtwissens, und gleichsam auf dem Rücken eines Tigers in Träumen hängend.»

Der Tiger repräsentiert die Niedertracht im Menschen, die Brutalität, die Selbstsucht. Nietzsche hat ihn dem hohen Ross der Vernunft entgegengestellt. Er warf der Aufklärung vor, die «niederen Triebe» der Menschen, das Boshafte, vernachlässigt zu haben. Nietzsche war der Ansicht, dass wir alle diesen Trieben stärker verfallen seien als jenen, die uns nach Wahrheit und Einsicht suchen lassen.

Kartografie der Gegenwart

Die aktuelle «Notbremse» will nichts weniger, als in Zeiten, in denen die Nietzsche’schen Befürchtungen wieder einmal glaubhaft werden, ein Beitrag zur «Kartografie der Gegenwart» sein, eine Orientierungshilfe in einer verworrenen Welt mit mehr Fragen als Antworten dazu, wo wir hier eigentlich genau leben. Sie versammelt 15 Comic-Beiträge junger Kunstschaffender aus dem Umfeld der Luzerner Kunsthochschule, die sich mit existenziellen und Identitätsfragen in krisenhaften Zeiten befassen. Teils in Form von einseitigen Illustrationen, teils als mehrseitige Bildessays und gezeichnete Short Stories.

Wo bin ich?
Comic-Lesung zur dritten Ausgabe des Magazins «Die Notbremse»: Freitag, 21. Oktober, 19 Uhr, Comedia Buchhandlung, St.Gallen

notbremse-magazin.ch

Alain Schwerzmann beispielsweise zeichnet das Portrait eines Pärchens der gehobenen urbanen Mittelschicht, das sich mit Sex und Kurkuma über die Langeweile des Lockdowns rettet und zu streiten beginnt, weil sich im Grunde beide furchtbar überflüssig fühlen. Vollends kippt die Stimmung, als ein Drehaschenbecher mit dem Protagonisten zu sprechen beginnt und ihn fragt, wann er zuletzt an den Stadtrand gefahren sei und ob er wisse, wer all die mühsame körperliche Arbeit verrichtet hat, dank der er es jetzt so gemütlich hat.

Weiteres Mobiliar beginnt sich zu regen, rückt ihm auf die Pelle, er will fliehen, der Küchentisch stellt ihm ein Bein, das Sofa nimmt ihn in den Schwitzkasten, die Küchenmesser dringen in ihn ein, er verliert das Bewusstsein. Nach diesem Albtraum stellt er sich mit seinesgleichen auf den Balkon, applaudiert und hofft, dass irgendjemand ihn wahrnimmt.

Luca Mondgenast und Alain Schwerzmann erzählen die Geschichte eines jungen Kunststudenten vom Land, der sich früher hinter einer Fassade der Coolness und Härte versteckt hat, sich geprügelt hat und nur mit Ausländern und Kiffern rumgehangen ist, mit Leuten, die ihm bis heute ehrlicher erscheinen als die affektierten Kunstheinis in der Stadt. Und doch befällt ihn ein eigenartiges Unbehagen, wenn er auf dem Weg zum Familienbesuch wieder auf seine alten Kumpels trifft.

Der Beitrag von Alain Schwerzmann und Julia Schöni kontrastiert die beiden Stories vom Pärchen Erika und Albert und von einem japanischen Soldaten. Das Pärchen wäre während der Pandemie beinahe auf einer Pazifikinsel gestrandet. Nur mit Glück und stundenlangem Surfen im Internet gelingt es ihnen, noch den allerletzten Flug in die Heimat zu ergattern. Auf der anderen Seite die wahre Geschichte des Soldaten, der eine Pazifikinsel alleine und isoliert noch Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg weiterverteidigt hat und über den Werner Herzog vergangenes Jahr Das Dämmern der Welt geschrieben hat. Schöni und Schwerzmann gehen in ihrem Comic der Frage nach, was richtige und falsche Entscheidungen sind und unter welchen Bedingungen sie getroffen werden.

Ostschweizer Beteiligung

Die «Notbremse» hat einige Verbindungen in die Ostschweiz. Die in St.Gallen lebende und arbeitende Künstlerin Lea Frei zeigt zusammen mit Julia Schöni anhand einer antik anmutenden Story auf, wie die gegenwärtige Positivkultur in einen Teufelskreis führt.

In Aus der eigenen Haut reflektiert die Thurgauerin und Notbremse-Redaktorin Julia Trachsel über die Sackgassen der Identitätspolitik.

Die St.Gallerin Maj Lisa Dörig, gegenwärtig in Zürich zuhause, hat bereits in der Erstausgabe einen Beitrag beigesteuert. In der «Notbremse» Nr. 3 erzählt sie die Geschichte des fiktiven italienischen Velorennfahrers Giorgio Bianci, der am Giro d’Italia 1946 mit den echten Radlegenden Fausto Coppi und Gino Bartali auf einer Passhöhe Marlboro raucht und Scamorza schnabuliert. Als Rahmenhandlung dient die Geschichte einer Nachtwache in einem Industriebetrieb, die zuerst aus Langeweile, dann mit zunehmender Faszination auf ihrem Tablet Biancis Karriere erforscht. Beide Stories enden im Unglück.

Vierte Ausgabe im Anmarsch

Die Erstausgabe der «Notbremse» ist im März 2021 erschienen. Das Projekt entstand ursprünglich aus der Not. Weil für die Abschlussklasse der Kunsthochschule wegen Corona keine Werkschau möglich war, regte eine Dozent eine Publikation an. Die angefragten Student:innen annektierten das Projekt gleich für sich, sie wollten etwas Langfristiges wagen.

Heute sitzen fünf Absolvent:innen der Kunsthochschule Luzern in der Redaktion, darunter auch die Thurgauerin Julia Trachsel, die sich mittlerweile in Luzern niedergelassen hat. Es gebe zwar so etwas wie eine Art Stamm-Zeichner:innenschaft aus dem Umfeld der Kunsthochschule, das Format sei aber offen für Beiträge von aussen, so Trachsel.

Stets mit einem Seitenblick auf das Independent-Comic-Magazin RAW von Art Spiegelman und Françoise Mouly, schwebte ihnen ein grossformatiges, gesellschaftskritisches und gleichzeitig unterhaltsames Magazin vor. Allerdings jeweils monothematisch und damit inhaltlich etwas weniger wild als RAW.

Finanziert wurde die Erstausgabe zum namengebenden Titelthema «Notbremse» mit dem für die Werkschau budgetierten Geld und aus Beiträgen von Migros Kulturprozent. Seither gehört Fundraising zu einer Hauptaufgabe der Redaktion. Ab Erscheinen der vierten Ausgabe im Dezember zum Thema «Zwischen Erfüllung und Enttäuschung» soll es ein Abo-Angebot geben. Die bisherigen Ausgaben lassen sich online oder via Genossenschaftsbuchhandlung Comedia beziehen.

Weck mich wirklich auf: Ausschnitt aus dem doppelseitigen Wimmelbild eines «schlecht geträumten Himmels» von Sandro Ramseier.

 

 

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