Kategorie
Autor:innen
Jahr

Von der Gegenwart gezeichnet

Die Schweiz hat ein neues, gesellschaftskritisches Comic-Magazin. «Die Notbremse» entsteht im Umfeld der Kunsthochschule Luzern mit regelmässiger Ostschweizer Beteiligung. Am Freitag ist Comic-Lesung in der Comedia.
Von  Roman Hertler
Lockdown-Neurosen und Identitätskrisen: Ausschnitt aus Alain Schwerzmanns Klatschen vom Balkon. (Bilder: pd)

Vom Cover brüllt einen ein Tiger an, der ein schlafendes Mädchen auf seinem Rücken trägt. Im Hintergrund der Weltenbrand. Und im Titel die Frage: «Wo bin ich?» Die dritte Ausgabe des neuen Comic-Magazins «Die Notbremse», die bereits im Juli erschienen ist, wird bildhaft und wörtlich mit einem Nietzsche-Zitat eingeleitet: «… in der Gleichgültigkeit seines Nichtwissens, und gleichsam auf dem Rücken eines Tigers in Träumen hängend.»

Der Tiger repräsentiert die Niedertracht im Menschen, die Brutalität, die Selbstsucht. Nietzsche hat ihn dem hohen Ross der Vernunft entgegengestellt. Er warf der Aufklärung vor, die «niederen Triebe» der Menschen, das Boshafte, vernachlässigt zu haben. Nietzsche war der Ansicht, dass wir alle diesen Trieben stärker verfallen seien als jenen, die uns nach Wahrheit und Einsicht suchen lassen.

Kartografie der Gegenwart

Die aktuelle «Notbremse» will nichts weniger, als in Zeiten, in denen die Nietzsche’schen Befürchtungen wieder einmal glaubhaft werden, ein Beitrag zur «Kartografie der Gegenwart» sein, eine Orientierungshilfe in einer verworrenen Welt mit mehr Fragen als Antworten dazu, wo wir hier eigentlich genau leben. Sie versammelt 15 Comic-Beiträge junger Kunstschaffender aus dem Umfeld der Luzerner Kunsthochschule, die sich mit existenziellen und Identitätsfragen in krisenhaften Zeiten befassen. Teils in Form von einseitigen Illustrationen, teils als mehrseitige Bildessays und gezeichnete Short Stories.

Wo bin ich?
Comic-Lesung zur dritten Ausgabe des Magazins «Die Notbremse»: Freitag, 21. Oktober, 19 Uhr, Comedia Buchhandlung, St.Gallen

notbremse-magazin.ch

Alain Schwerzmann beispielsweise zeichnet das Portrait eines Pärchens der gehobenen urbanen Mittelschicht, das sich mit Sex und Kurkuma über die Langeweile des Lockdowns rettet und zu streiten beginnt, weil sich im Grunde beide furchtbar überflüssig fühlen. Vollends kippt die Stimmung, als ein Drehaschenbecher mit dem Protagonisten zu sprechen beginnt und ihn fragt, wann er zuletzt an den Stadtrand gefahren sei und ob er wisse, wer all die mühsame körperliche Arbeit verrichtet hat, dank der er es jetzt so gemütlich hat.

Weiteres Mobiliar beginnt sich zu regen, rückt ihm auf die Pelle, er will fliehen, der Küchentisch stellt ihm ein Bein, das Sofa nimmt ihn in den Schwitzkasten, die Küchenmesser dringen in ihn ein, er verliert das Bewusstsein. Nach diesem Albtraum stellt er sich mit seinesgleichen auf den Balkon, applaudiert und hofft, dass irgendjemand ihn wahrnimmt.

Luca Mondgenast und Alain Schwerzmann erzählen die Geschichte eines jungen Kunststudenten vom Land, der sich früher hinter einer Fassade der Coolness und Härte versteckt hat, sich geprügelt hat und nur mit Ausländern und Kiffern rumgehangen ist, mit Leuten, die ihm bis heute ehrlicher erscheinen als die affektierten Kunstheinis in der Stadt. Und doch befällt ihn ein eigenartiges Unbehagen, wenn er auf dem Weg zum Familienbesuch wieder auf seine alten Kumpels trifft.

Der Beitrag von Alain Schwerzmann und Julia Schöni kontrastiert die beiden Stories vom Pärchen Erika und Albert und von einem japanischen Soldaten. Das Pärchen wäre während der Pandemie beinahe auf einer Pazifikinsel gestrandet. Nur mit Glück und stundenlangem Surfen im Internet gelingt es ihnen, noch den allerletzten Flug in die Heimat zu ergattern. Auf der anderen Seite die wahre Geschichte des Soldaten, der eine Pazifikinsel alleine und isoliert noch Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg weiterverteidigt hat und über den Werner Herzog vergangenes Jahr Das Dämmern der Welt geschrieben hat. Schöni und Schwerzmann gehen in ihrem Comic der Frage nach, was richtige und falsche Entscheidungen sind und unter welchen Bedingungen sie getroffen werden.

Ostschweizer Beteiligung

Die «Notbremse» hat einige Verbindungen in die Ostschweiz. Die in St.Gallen lebende und arbeitende Künstlerin Lea Frei zeigt zusammen mit Julia Schöni anhand einer antik anmutenden Story auf, wie die gegenwärtige Positivkultur in einen Teufelskreis führt.

In Aus der eigenen Haut reflektiert die Thurgauerin und Notbremse-Redaktorin Julia Trachsel über die Sackgassen der Identitätspolitik.

Die St.Gallerin Maj Lisa Dörig, gegenwärtig in Zürich zuhause, hat bereits in der Erstausgabe einen Beitrag beigesteuert. In der «Notbremse» Nr. 3 erzählt sie die Geschichte des fiktiven italienischen Velorennfahrers Giorgio Bianci, der am Giro d’Italia 1946 mit den echten Radlegenden Fausto Coppi und Gino Bartali auf einer Passhöhe Marlboro raucht und Scamorza schnabuliert. Als Rahmenhandlung dient die Geschichte einer Nachtwache in einem Industriebetrieb, die zuerst aus Langeweile, dann mit zunehmender Faszination auf ihrem Tablet Biancis Karriere erforscht. Beide Stories enden im Unglück.

Vierte Ausgabe im Anmarsch

Die Erstausgabe der «Notbremse» ist im März 2021 erschienen. Das Projekt entstand ursprünglich aus der Not. Weil für die Abschlussklasse der Kunsthochschule wegen Corona keine Werkschau möglich war, regte eine Dozent eine Publikation an. Die angefragten Student:innen annektierten das Projekt gleich für sich, sie wollten etwas Langfristiges wagen.

Heute sitzen fünf Absolvent:innen der Kunsthochschule Luzern in der Redaktion, darunter auch die Thurgauerin Julia Trachsel, die sich mittlerweile in Luzern niedergelassen hat. Es gebe zwar so etwas wie eine Art Stamm-Zeichner:innenschaft aus dem Umfeld der Kunsthochschule, das Format sei aber offen für Beiträge von aussen, so Trachsel.

Stets mit einem Seitenblick auf das Independent-Comic-Magazin RAW von Art Spiegelman und Françoise Mouly, schwebte ihnen ein grossformatiges, gesellschaftskritisches und gleichzeitig unterhaltsames Magazin vor. Allerdings jeweils monothematisch und damit inhaltlich etwas weniger wild als RAW.

Finanziert wurde die Erstausgabe zum namengebenden Titelthema «Notbremse» mit dem für die Werkschau budgetierten Geld und aus Beiträgen von Migros Kulturprozent. Seither gehört Fundraising zu einer Hauptaufgabe der Redaktion. Ab Erscheinen der vierten Ausgabe im Dezember zum Thema «Zwischen Erfüllung und Enttäuschung» soll es ein Abo-Angebot geben. Die bisherigen Ausgaben lassen sich online oder via Genossenschaftsbuchhandlung Comedia beziehen.

Weck mich wirklich auf: Ausschnitt aus dem doppelseitigen Wimmelbild eines «schlecht geträumten Himmels» von Sandro Ramseier.

 

 

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

«Es geht dar­um, sich sei­ner Pri­vi­le­gi­en be­wusst zu sein»

De­bat­ten um Ma­chis­mus, Deepf­ake-Por­nos, häus­li­che Ge­walt und Fe­mi­zi­de sind bei­na­he all­täg­lich. Was kön­nen Män­ner ge­ra­de tun, wenn sie un­ter Ge­ne­ral­ver­dacht ge­ra­ten? Frau­en­haus­lei­te­rin Kat­ja Häm­mer­li Kel­ler, Flo­rance Hil­de­brand vom fe­mi­nis­ti­schen Streik­kol­lek­tiv Thur­gau und Ma­nu­el Ben­ja­min Leh­mann vom Fo­rum Mann dis­ku­tie­ren Lö­sungs­an­sät­ze.

Von  Daria Frick , Bilder:  Lea Le
Bildschirmfoto 2026 06 11 um 12 25 26

Kommentar zur SVP-Chaosinitiative

Aus­län­der:in­nen sind nicht nach­hal­tig

Von  Christoph Keller
Nachhaltigkeitsinitiative

30 Jah­re Ar­chi­tek­tur­ver­mitt­lung

Das AFO, das Ar­chi­tek­tur Fo­rum Ost­schweiz, dis­ku­tiert und ver­mit­telt seit 30 Jah­ren Bau­kul­tur. Am kom­men­den Frei­tag wird das Ju­bi­lä­um ge­fei­ert und die neus­te Ar­ti­kel­se­rie der gu­ten Bau­ten als Buch prä­sen­tiert.

Von  René Hornung
2511 Gutes Bauen 1 Ladina Bischof

Im zwei­ten An­lauf: Kan­tons­rat sagt Ja zu Mi­na­sa 

Mi­na­sa be­kommt al­so doch Geld aus dem Lot­te­rie­fonds: Der Kan­tons­rat hat dem von Sai­ten und Thur­gau­kul­tur.ch auf­ge­bau­ten Pro­jekt, das den gröss­ten Ver­an­stal­tungs­ka­len­der der Ost­schweiz er­mög­licht, die Fi­nan­zie­rung für drei wei­te­re Jah­re ge­si­chert.

Von  David Gadze
Kantonsrat Sommersession 2026 Benjamin Manser St Galler Tagblatt

«Wer hält uns da­von ab, frei zu sein?»

In­na Shev­chen­ko fragt im Do­ku­men­tar­film Girls and Gods, ob die mo­no­the­is­ti­schen Welt­re­li­gio­nen mit Fe­mi­nis­mus ver­ein­bar sind. Auf der Su­che nach Ant­wor­ten be­geg­net sie wi­der­sprüchli­chen Theo­rien und mu­ti­gen Frau­en. Und bleibt nicht nur stil­le Be­ob­ach­te­rin.

Von  Daria Frick
Bildschirmfoto 2026 06 10 um 15 01 03

In eigener Sache

Ein Be­kennt­nis zu Mi­na­sa 

Von  Marc Jenny

Abstimmungskommentar zur SVP-Chaosinitiative

Über­frem­dungs­ge­heul im Dau­er­loop

Von  Daria Frick

Theateraufführung

Des Nachts im Wal­de

Von  Vera Zatti
VLT Sujet WEB Sommenacht2

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Hor­ror un­ter dem Mi­kro­skop

Von  Jeremias Heppeler

Vie­le Spu­ren und ein Tat­ort

Ein paar Fe­dern, ein an­ge­knab­ber­ter Tan­nen­zap­fen, ein Stück Plas­tik: Tie­re und Men­schen hin­ter­las­sen Spu­ren. Die­sen wid­met das Na­tur­mu­se­um St.Gal­len sei­ne ak­tu­el­le Son­der­aus­stel­lung «Spu­ren – Fähr­ten, Frass und Fe­dern».

Von  Vera Zatti
1 Intro Dachs 20260515 NM SPUREN  Urs Bucher

Wor­an soll man noch glau­ben?

In ei­ner neu­en Aus­stel­lung wagt sich das Kunst­mu­se­um Thur­gau in der Kar­tau­se It­tin­gen an ei­ne Neu­ver­mes­sung des Ver­hält­nis­ses von Kunst und Re­li­gi­on.

Von  Michael Lünstroth
O0 A5990 02

St.Gal­len plant Kon­sum­raum für Sucht­kran­ke

Hin­ter dem St.Gal­ler Haupt­bahn­hof soll ein Kon­sum­raum für Men­schen mit schwe­ren Sucht­er­kran­kun­gen ent­ste­hen. Die­se Wo­che ha­ben die Stadt und die Stif­tung Sucht­hil­fe An­woh­ner:in­nen ein­ge­la­den, um ei­nen ers­ten Dia­log zu star­ten. 

Von  Philipp Bürkler
Liegeschaft Lagerstrasse 2 4

Auf der Ziel­ge­ra­den

Es ist sei­ne letz­te Ses­si­on nach zehn Jah­ren im St.Gal­ler Kan­tons­rat. SP-Kul­tur­po­li­ti­ker Mar­tin Sai­ler setzt künf­tig ganz auf den Zel­tai­ner. Das Geld für den Neu­bau in Wild­haus ist fast zu­sam­men, 2027 soll es los­ge­hen.

Von  Peter Surber
Foto1 Zeltainer

Im di­gi­ta­len Dschun­gel zu Hau­se

Die An­sied­lung des In­ter­net Ar­chi­ve Switz­er­land in St.Gal­len ist Pie­ro Sti­nel­li zu ver­dan­ken. Er kon­tak­tier­te vor zehn Jah­ren die Ver­ant­wort­li­chen von ar­chi­ve.org aus ei­ge­nem An­trieb. In den 90er-Jah­ren war der Mit­grün­der von Va­di­an.net und Klang und Kleid ein In­ter­net­pio­nier.

Von  David Gadze
2606 Internet Archive pino stinelli andri voehringer

Ohm41 stellen wieder aus

Kunst auf der Kip­pe

Von  Daria Frick
Bildschirmfoto 2026 06 03 um 11 14 39

Sehn­sucht nach Frei­heit

Das Thur­gau­er Pop-Phä­no­men Noe­mi Be­za ver­öf­fent­licht An­fang Ju­ni ih­re neue EP. You’ll Find Me The­re ver­eint Coun­try-Vi­bes mit ast­rei­nem Pop – was man ein we­nig ver­misst, sind Ecken und Kan­ten.

Von  Jeremias Heppeler
1 Pressefoto Noemi Beza Youll Find Me There

Kolumne: Stimmrecht im Juni

Back to the Fu­ture

Von  Liliia Matviiv

Ausstellung in Herisau

70 Jah­re und 70 Pup­pen

Von  Vera Zatti
70 Jahre SG Ausstellung

«Gros­ses Lob für die­sen Kel­ler»

Nach 22 Jah­ren gibt Mat­thi­as Pe­ter die Lei­tung der St.Gal­ler Kel­ler­büh­ne ab. Vom Raum ist er nach wie vor be­geis­tert. Aber dem Ka­ba­rett ging es auch schon bes­ser, er­zählt er im Ge­spräch.

Von  Peter Surber
2606 Redeplatz Matthias Peter

Für ei­nen Mo­ment be­rührt

Die Thur­gau­er Künst­le­rin Mi­cha Stuhl­mann be­fasst sich in ih­rem neu­en Pro­jekt mit dem Da­sein im Mo­ment. Am 7. Ju­ni fin­det da­zu ein Work­shop in St.Gal­len statt und am 26. Ju­ni zeigt sie mit ih­rem En­sem­ble die fi­na­le Per­for­mance in Kreuz­lin­gen. 

Von  Vera Zatti
Martin Schweingruber DA SEIN Vorpremiere 20260509 tgkultur 31 von 49