Von der Macht der Vorurteile

In Krisenzeiten haben Vorurteile und Feindbilder Kultur. Zukunfts- und Existenzängste sind ein Nährboden dafür. In Herisau wurde darüber klug diskutiert.
Von  Harry Rosenbaum

Es war die Auftaktveranstaltung der Plattform 09: Mit dem Zyklus will sich die Abteilung Chancengleichheit im Amt für Soziales von Appenzell Ausserrhoden dem Thema «Gewalt und Diskriminierung im Alltag» annähern. Das geschieht in der Absicht, Behörden, soziale Beratungsstellen sowie die Öffentlichkeit zu sensibilisieren.

Über Toleranz und Vorurteile sowie ihre prägende Auswirkung auf das Zusammenleben sprach im Alten Zeughaus in Herisau Andreas Beelmann, Professor an der Universität Jena. Anschliessend diskutierten unter der Leitung von Brigitte Kern Simon Bornschier, Leiter des Forschungsbereichs politische Soziologie an der Universität Zürich, Svenja Witzig, Projekteiterin des Zürcher Kompetenzzentrums für Interkulturelle Konflikte (TiKK), und Peter Uebersax, Gerichtsschreiber am Bundesgericht in Lausanne.

Ursächlich nahe beieinander

Für Beelmann ist Toleranz nicht a priori das Gegenteil von Vorurteilen. Vorurteile, sagt er, richteten sich gegen eine Person oder eine Gruppe von Personen, die man gar nicht kenne. Sie entstünden aus Unsicherheit und Antipathie und seien immer negativ besetzt. Toleranz hingegen beinhalte Duldung eines Verhaltens, das einem nicht entspreche. Diese Einstellung jedoch sei von Akzeptanz und Respekt dominiert. Sie wertschätze die soziale Diversität.

Toleranz führe zur Verminderung von Vorurteilen. Menschen mit Vorurteilen hingegen definierten andere Menschen, die mit ihnen selbst nichts zu tun hätten, sozial abwertend als aussenstehende Gruppe, sagte Beelmann. Mit dieser negativen Kategorisierung lasse sich die eigene Identität und die Gruppe, der man sich selbst zugehörig fühle, gegenüber Fremdgruppen klar aufwerten.

Je weniger Kontakt, desto mehr Vorurteile

Laut dem Professor aus Jena zeigt die Forschung, dass schon kleine Kinder im Alter zwischen zwei und vier Jahren Gruppenzuordnungen machen. Die Einteilungen seien ausschliesslich geschlechtsbezogen in Mädchen und Buben, sagte Beelmann. Mit zunehmenden sozialen Kontakten würden die Kinder später ihre Mitmenschen differenzierter zuordnen. Im jugendlichen Alter und mit dem Erwachsenwerden änderten sich in der Regel die Einteilungen anderer Menschen in spezifische Gruppen nicht mehr.

Menschen mit wenigen oder keinen sozialen Kontakten ausserhalb der eigenen Gruppe neigten augenfällig zu Vorurteilen, sagt Beelmann. Solche Entwicklungen würden aber immer von mehreren Faktoren beeinflusst. So stehe beispielsweise hinter dem Rechtsextremismus und dem Islamismus keine politische, sondern eine gescheiterte soziale Entwicklung oder die Bedrohung der eigenen Identität. Diese Faktoren dienten dazu, durch die Abwertung der anderen sich selbst aufzuwerten.

Als präventive Massnahmen gegen Vorurteile bei Jugendlichen schlägt Beelmann Freundschaften unter verschiedenen Gruppen, die Förderung des sozialen Ausgleichs, die Verfolgung gemeinsamer Ziele und Kooperation anstelle von Konkurrenz unter den einzelnen Gruppen vor. Den jungen Leuten müssten in den Schulen vermehrt Chancen für ein soziales und nicht für ein akademisches Lernen geboten werden. Toleranz und Respekt anderen Menschen gegenüber sei eine Kulturleistung und stelle sich nicht automatisch ein.

Auch die Rechtsprechung ist nicht vorurteilslos

In der Diskussion verwiesen die mütterlicherseits italienisch stämmige Svenja Witzig und der mit seinen Eltern aus Deutschland eingewanderte Simon Bornschier auf eigene Erfahrungen mit dem Anderssein. Beide sagten, sie hätten als Kinder vermieden, in der Öffentlichkeit Italienisch oder Hochdeutsch zu sprechen, aus Angst, damit Vorurteile zu nähren.

Der Basler Peter Übersax bekannte sich dazu, dass er vom Rheinknie mit dem Vorurteil angereist sei, in der Ostschweiz nur auf Urchiges und Bodenständiges zu stossen. Und am Beispiel von Justitia-Darstellungen mit und ohne Augenbinde erklärte Übersax auch, dass selbst die Rechtsprechung vor Vorurteilen nicht gefeit sei. Sähen die Richter und Richterinnen die Menschen, über die sie urteilten, würden sie eher assoziativ entscheiden als Rechtsprechende am Bundesgericht, wo der Aktenprozess vorherrsche und man die Menschen dahinter nicht sehe.

Vorurteile vom Vorverständnis trennen

Laut Bronschier spielen vor allem in der Politik Vorurteile eine tragende Rolle. Sie könnten hier aber auch bremsend wirken. Beelmann verortete die Konflikte hauptsächlich bei den Verteilkämpfen. Im 21. Jahrhundert gehe es in diesem Zusammenhang vor allem um die immer knapper werdenden Ressourcen. Migrationsbewegungen würden in Zukunft noch stärker sein als bisher. Entsprechend würden sich auch in diesem Bereich die Vorurteile konzentrieren. Das «Auseinanderbeineln» der Konfliktursachen sei fast unmöglich, meinte Witzig. Vorurteile müssten vom Vorverständnis getrennt werden, schlug Beelmann vor. Dann könnten Konfliktursachen auch klarer erkannt werden. Mit Vorverständnis meint der Professor aus Jena die Grundeinstellung der Menschen, die christlich oder liberal-sozial geprägt sein könne.

Der kategorische Imperativ, wie ihn Kant formuliert habe: «Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde», bleibe als Leitgedanke für ein vorurteilsloses Zusammenleben wohl eine Illusion, meinten die Diskussionsteilnehmenden, weil schlicht nicht umsetzbar in der gesellschaftlichen Realität.

Hier geht es zur Plattform 09.

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Von  Daria Frick  und  David Gadze
2605 Wyborada Laura Tura portrait
Heftvorschau 05/26
Wiborada, Amerikanisch träumen

Dop­pel­tes Ju­bi­lä­um: Im Mai jährt sich das Mar­ty­ri­um der St.Gal­ler Stadt­hei­li­gen Wi­bora­da zum 1100. Mal. Und der Ver­ein Wy­bora­da, der 1987 die gleich­na­mi­ge fe­mi­nis­ti­sche Bi­blio­thek er­öff­ne­te, fei­ert sein 40-Jahr-Ju­bi­lä­um. Aus­ser­dem im Mai-Heft: Das Ge­spräch zwi­schen Flo­ri­an Vetsch und dem St.Gal­ler Au­tor Chris­toph Kel­ler über des­sen neu­en Ro­man.

Saiten 2605 Cover

Stadt St.Gal­len stellt neu­es Spar­pro­gramm vor

Ab­bau von über 46 Voll­zeit­stel­len in der Ver­wal­tung, Schlies­sung des Volks­ba­des, zu­sätz­li­che Blit­zer für die Stadt­po­li­zei: Mit sol­chen Mass­nah­men will die St.Gal­ler Stadt­re­gie­rung bis 2029 das jähr­li­che Loch in der Stadt­kas­se um 17,1 Mil­lio­nen Fran­ken re­du­zie­ren.

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