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Von der Rolle

Der Sohn überfordert, der Vater dement: Im Stück «Der Mann, der die Welt ass» zeigt das Theater St.Gallen in der Lokremise, was die überkomplexe Gegenwart mit uns (Männern) anrichten kann. Die stark beklatschte Premiere war am Mittwoch.
Von  Peter Surber
Bilder: Tanja Dorendorf

Ich will einfach nur mal an diesem scheiss See hocken. Ich will, dass mir alles mal für ne Weile egal sein kann. Verstehst du das nicht – Das ist so… Ich bin so müde… Und vor allen Dingen will ich nicht in einer Tour irgendeinem Bild, das ihr von mir habt, entsprechen müssen. Der Wohlwollende, der Fürsorgliche, der Fleissige, der Verlässliche, der moralisch Einwandfreie, der Erfolgreiche. Ich will das nicht. Verstehst du nicht: Bevor ich das Boot ins richtig tiefe Wasser fahre, häng ich hier einmal mit euch rum und scheiss einmal auf Müssen, scheiss auf Sollen, scheiss auf die Arbeit, scheiss auf die Gedankenschwere.

Wir sind Freunde, wir sollten doch mal – einmal zusammen an diesem beschissenen See hocken können und uns für einen Augenblick die ganze Welt mit ihrem riesigen Haufen Scheisse, diesem Morast aus Verantwortlichkeiten… Kinder… Frauen… Verpflichtungen… uns für einen Augenblick entziehen.

Und vor allen Dingen auf diese scheiss Verlässlichkeit scheissen können. Einen winzigen Augenblick mal aussteigen. Einen winzigen Moment… aussteigen.

Etwas viel «Scheisse» türmt sich auf in dem Monolog – aber was beim Lesen aufdringlich tönt, kommt auf der Bühne sehr alltäglich daher. So reden sie, die Figuren im Stück Der Mann, der die Welt ass des deutschen Autors Nis-Momme Stockmann. Und so glaubwürdig spielt Tobias Graupner auch die Hauptfigur, den Sohn, der keinen Namen im Stück hat und in dem wir uns also alle, wir Söhne und wir Überforderten, Ermüdeten und Verantwortlichen dieser Welt, ein Stück weit wiedererkennen sollen.

In der Negativspirale

Der Schein trügt. So locker der Sohn, lange bevor das Stück beginnt, auf der Laufrolle seine Kilometer abspult, so massiv ist er von der Rolle. Vom Karren gefallen. Wie es dazu kam, lässt Regisseurin Anja Horst offen. Laut Programm war er zuvor der Crack, dem alles zufiel, Geld, Erfolg, Frauen – bis ihm das Heft entglitten ist.

Auf der Bühne kommt davon nichts vor, eher sehen wir einen, der schon immer der Underdog war, der sich durch Job, scheinbares Familienglück und spärliche Freundschaften durchgehangelt hat. Und jetzt im Dreck gelandet ist und sich einredet, endlich frei zu sein. Die Realität ist das Gegenteil von Freiheit. Frau und Kinder weg, Geld weg, Freund weg, der Bruder ein Asthmatiker und der Vater mit ernsten Anzeichen von Demenz.

Bruno Riedl, Tobias Graupner.

Aussteigen geht da nicht mehr, auch nicht einen winzigen Augenblick lang. Vielmehr dreht sich die Negativspirale immer schneller. Papa zieht beim Sohn ein und entpuppt sich als unzurechnungsfähiger Pflegefall. Bruno Riedl zeichnet den Alten wunderbar auf der schmalen Kippe zwischen Irrsinn und Klarsicht, Zuneigung und Aggression – die schönste Szene, den Arztbesuch spielen Graupner und Riedl mitten im Publikum, da hat die Demenz noch den Charme des Skurrilen, bald danach zeigt sie ihre hässliche Visage.

Christian Hettkamp demonstriert als Freund Ulf mit sparsamer, fast gehemmter Gestik eindringlich, wie dünn das Eis der Gesellschaft ist, wenn einer von der Rolle fällt. Jessica Cuna spielt Lisa, die Frau des Sohns, berührend im Zwiespalt zwischen verständlicher Wut und alter Liebe. Jonas Knecht gibt dem Bruder Philipp die Telefonstimme.

Tobias Graupner, Jessica Cuna, Christian Hettkamp.

Tobias Graupner ist die Überforderung in Person. Der Körper windet sich, das Spiel schlägt ständig Volten zwischen manischem «Ihr könnt mich alle, ihr Arschlöcher» und kleinmütigem «Ich brauche Hilfe». Ein Mann, aufgerieben im Alltags-Räderwerk, mit labilem und daher zur Selbstüberschätzung neigendem Ego, stotternd von Ich zu Ich zu Ich: Das wirft nicht nur Lisa ihrem Ex vor, so stellt man auch als Zuschauer die Diagnose. Und verfolgt mit wachsender Beklemmung den Zerfall zweier Männer, Sohn und Vater, die beide mit sich und der Welt nicht mehr klarkommen.

Und ständig schrillt das Telefon

Die Bühne (Andreas Walkows) in der Lokremise ist eine eher spröde Welle, davor ein Schachbrettboden, auf dem der Alte seine Tänzelschritte probiert und der Junge immer mehr ins Stolpern gerät. Marion Steiner trägt, in einer ihrer letzten Produktionen vor der Pensionierung, unspektakulär präzise Kostüme bei. Die Stimmen aus den Telefonen, dem dramaturgischen Hauptrequisit des Stücktexts, kommen aus allen Ecken (Sounddesign Jonas Knecht). Und Telefonate und leibhaftige Dialoge überkreuzen sich immer raffinierter im Verlauf des Stücks.

Die Welle der Angst: Bruno Riedl, Tobias Graupner.

Regisseurin Anja Horst schafft es so, psychologisch mehrere Schichten aufzubauen, Irritationen und Abstraktionen ins zwischenmenschlich quälende Geschehen zu bringen und damit gleich zwei Klippen des Stücks zu umschiffen: jene der analysierenden Psychostudie und die des moralischen Triefstücks.

Nächste Vorstellungen: 18., 23., 27., 31. Mai, Lokremise St.Gallen
theatersg.ch

Vom Mann, der die Welt ass versteht man zwar nach anderthalb intensiven Stunden den Stücktitel immer noch nicht – aber man bekommt im übrigen einen lange nachwirkenden Einblick in unsere «erschöpfungsmüde» Gegenwart und deren heimlichen König: die Angst.

Für Vater und Sohn gibt es, wie der offene Schluss andeutet, vermutlich keinen Ausweg. Hilfe wüsste wohl am ehesten Lisa, die einzige Frau im heillos überforderten Männerkosmos des Stücks. Ihr Heilmittel könnte man Präsenz nennen. «Meld dich mal», sagt Lisa am Ende auf den Anrufbeantworter des Sohns. «Wir sind hier… Die Kinder und ich.»

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