Man möchte meinen, in Winterthur gäbe es Raum genug für Künstler und Künstlerinnen aller Art: Die Stadt mit ihrem regen Kulturleben und den zahlreichen Aufführungsorten vermittelt nicht den Eindruck, als ob hier Künstlerinnen und Künstler um Räume und Unterstützung bangen müssten.
Etwas anders hört es sich an, wenn die Winterthurer Tänzerin Audrey Wagner von ihrem Projekt «Pop Up Dance Space» erzählt. Sie hat sich damit für einen Monat in der Zwischennutzung «Kunst im Depot» des alten Busdepots am Deutweg eingemietet, die 2017 von Astrid Künzler als Entwicklungsplattform verschiedenster Kunstrichtungen gegründet wurde. Jeden Sommer können sich hier freischaffende Schweizer Kunstschaffende jeweils für einen Monat breit machen.
Audrey Wagner nutzt diese Zeit, um wiederum anderen Leuten Raum zu geben: Sie lädt Tänzerinnen und Tänzer ein, hier an ihrem Projekt zu arbeiten. Es seien in Winterthur zwar Aufführungsorte vorhanden, sagt sie im Gespräch, aber für die Probearbeit fehle oft der Raum. Ein Tanzprojekt bestehe nicht nur aus der Performance, die ein Publikum am Ende sieht. «Der grösste Teil der Arbeit geschieht davor, über Wochen und Monate hinweg, und dafür braucht es Räume.» Oft gehe das Geld, das mit den Performances eines freien Tanzprojekts eingenommen werde, gleich mit der Miete der Proberäume wieder weg.
Was Wagner sich für Winterthur wünscht, ist seit Jahren auch in St.Gallen ein Thema: frei zugängliche Räume, wo diese Arbeit stattfinden kann. Das Busdepot soll 2022 abgerissen werden. Aber bis dahin hofft sie, mit ihrem offenen Tanzraum im Depot Aufmerksamkeit auf den grossen Bedarf an solchen Räumen lenken zu können.
Auf der Suche nach der Leere im Tanz
Eines der Teams, das Wagners «Pop Up Dance Space» für eine Woche nutzt, ist das Kollektiv «Zookunft – Urban Labor Futurism» von Mirjam Jamuna Zweifel und Tatjana Mahlke. Die zwei Tänzerinnen aus Solothurn und Berlin nennen ihr Projekt eine «Kunstrecherche auf der Basis von Urbanen Tanzformen». Diesen Samstag teilen sie die ersten Ergebnisse ihrer Recherche mit einer interessierten Öffentlichkeit.
Einige Tage davor ist die Arbeit im lichtdurchfluteten, hohen Raum des Depots in vollem Gang. Heute sind vier weitere Tänzerinnen dazugekommen und begeben sich mit Mahlke und Zweifel auf eine körperliche Suche. Sie stehen im Kreis, während jeweils eine von ihnen in der Mitte tanzend improvisiert. Dieses Format nennt sich Cyphering und kommt aus den Urbanen Tanzkulturen. In den klassischen zeitgenössischen Tänzen werde es kaum genutzt, erklärt Zweifel in einer Probepause. «Aber es bietet sich als Format des Austausches und der Kommunikation sehr gut an.»
Zookunft – Urban Labor Futurism: 4. Juli, 18 – 22 Uhr, Kunst im Depot, Tösstalstrasse 86, Winterthur
Es ist den zwei Tänzerinnen wichtig, klarzustellen, dass sie die Urbanen Tänze nicht «weiterentwickeln» wollen. Vielmehr sehen sie darin viele wertvolle Elemente, die weiter erforscht werden können. «Der Begriff Urbaner Tanz hat sich zwar durchgesetzt, ist aber ein umbrella term für verschiedene Tanzkulturen, die hauptsächlich in den Schwarzen und Lateinamerikanischen Communities der USA entstanden sind.»
In Europa ist die Ausgangslange eine ganz andere. Wie man den Begriff hier verwenden kann, ohne in eine missbräuchliche Aneignung abzurutschen, darüber hat sich das Kollektiv Zookunft in einer Diskussionsrunde ausgetauscht. «Wir sehen in den urbanen Tänzen unglaublich viel Potenzial, das man auf andere Kontexte übertragen kann», sagt Mahlke. «Es geht uns darum, mögliche Zukunftsformen von urbanem Tanz zu entdecken und ihn mit anderen Kunst-Communities in Kontakt zu bringen.»
Kommunikation über Sparten hinweg
Um dahin zu kommen, haben sie sich heute einen Task gesetzt: Gibt es einen neutralen Zustand im Tanz? Wie könnte sich dieser anfühlen? Mahlke vergleicht das weite Gebiet der Urbanen Tänze mit einem Haus, das sie fertig vorfinden, dessen Bauweise sie aber durchschauen wollen: «Was ist das Grundgerüst des Hauses? Was brauchen wir auf jeden Fall, um dieses Haus für uns wieder bauen zu können?»
Die Fragen nach dem neutralen Zustand, einer Leere vor der Bewegung, sorgt heute für intensive Diskussion unter den Tänzerinnen. Es wird nicht nur getanzt, es wird im Kreis auch reflektiert, körperliche Realitäten werden in Worte übertragen. Es herrscht eine hochkonzentrierte Stimmung wie in einem Forschungslabor. Ihre Körper sehen die Tänzerinnen als «Bibliotheken», in denen Wissen und Erfahrungen gespeichert sind. Jede öffnet ihre körperlichen Bücher, um zusammen tänzerisch zu «lesen» und zu forschen.
In den vorigen Tagen haben sich Mahlke und Zweifel bereits mit dem Musiker Lukas Etienne und den Bildenden Künstlern Ivan Minichiello und Florian Briw im Busdepot getroffen. Bei dieser Zusammenarbeit geht es darum, «den Prozess durch sichtbare Installationen zu reflektieren und zu schauen, wie wir mit unserem Instrument, dem Körper, umgehen», erklärt Zweifel. Die zwei Tänzerinnen vom Kollektiv Zookunft nutzen den Raum des Depots für eine selbstreflektierte, intensive Suche nach Kommunikation über die Grenzen verschiedener Sparten hinweg. Es ist zu hoffen, dass in der Stadt die Räume, in denen so etwas möglich ist, weiterhin gepflegt und erweitert werden.
Winterthur spart, Winterthur wählt und Winterthur diskutiert – über Kultur.
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