«Nordpol und Südpol sind ihres geheimnisvollen Schleiers beraubt, Ozeanflüge sind zu praktischen Verkehrsfragen geworden. Darum wuchs der Kampf um den Himalaya heraus aus dem engen Kreise der Fach-Gelehrten und Fach-Alpinisten. Dieser Kampf um den Gipfel ist zum Dämon geworden.»
Was der Alpinist Günther O. Dyhrenfurth im Buch Dämon Himalaya feststellt, wird derzeit in der St.Galler Ausstellung über den Flugpionier und Fotografen Walter Mittelholzer im Kulturraum am Klosterplatz nachvollziehbar. Mittelholzer sorgte mit seinen ausführlich dokumentierten und vermarkteten Flugreisen nach Afrika für Aufmerksamkeit. Doch zog es reisefreudige Schweizer bereits damals auch in eisige Höhen: nicht nur in die heimischen Alpen, sondern auch ins asiatische Hochgebirge.
Diese Expeditionen waren untrennbar verbunden mit ausführlicher Berichterstattung für die zu Hause Gebliebenen. Wie die Medienberichte zu steten Begleitern der Expeditionen wurden und wie sie sich im Laufe der Zeit wandelten, zeigt die Ausstellung «Himalaya Report – Bergsteigen im Medienzeitalter» im Alpinen Museum Bern.
Auf alte Steigeisen und in Vitrinen aufgereihte Tagebücher folgen historische Ton- und Bilddokumente, anschliessend sind an einer Hörstation Radioberichte mit Reaktionen zu den Schweizer «Helden» der Himalaya-Expeditionen 1956 zu hören – auf dem Bild oben: Fritz Luchsinger auf dem Lhotse, 1956. Und zuletzt erwartet die Besucher und Besucherinnen die Büchermasse des Selbstvermarktungsprofis Reinhold Messner, Statements weiterer zeitgenössischer Extrembergsteiger schlagen den Bogen ins Jetzt. Die Ausstellung deckt rund 100 Jahre ab, eine zeitgemässe Ergänzung bietet der Blog himalayareport.tumblr.com.
Die Expeditionsleiter 1902, dritter von links: Jules Jacot-Guillarmod. (Bild: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv)
Dämon Himalaya
Die Tagebücher, 74 Bände an der Zahl, wurden vom Westschweizer Arzt und Alpinisten Jules Jacot-Guillarmod ab dem Alter von 15 Jahren bis zu seinem Tod 1925 mit täglichen Einträgen versehen. Sie sind erste mediale Zeugnisse seiner (Reise-)Erfahrungen und mehrerer Expeditionen in den Himalaya.
1902 schiesst er das erste Foto des K2; sein Versuch, den schwierigsten aller 8000er zu besteigen, misslingt. Dafür erscheinen seine Briefe, die er in die Schweiz schickt, als Fortsetzungsgeschichte in der Westschweizer Zeitung «La Suisse Libérale», ausserdem hält er Lichtbildervorträge über seine Himalaya-Erfahrungen und veröffentlicht 1904 das Buch Six mois dans l’Himalaya. Seine Bilder wurden aufwendig restauriert und sind nun, unterlegt mit Kommentaren aus den Tagebüchern, in der Ausstellung zu sehen.
Während Guillarmods Reisen im Kontext kolonialer Expeditionen stattfanden, verfolgte der Filmer und Bergsteiger Günter O. Dyhrenfurth in den 30er-Jahren das erste massenmediale Projekt im Himalaya: 1930 und 1934 reiste der Deutsch-Schweizer Dyhrenfurth mit seiner Frau Hettie auf das «Dach der Erde». Die erste Expedition erreichte mit dem Jongsong Peak (7462 Meter) den höchsten zur damaligen Zeit bestiegenen Gipfel. Mit der Besteigung des Westgipfels des Sia Kangri (7315 Meter) 1934 hielt Hettie Dyhrenfurth während vieler Jahre den Höhenweltrekord der Frauen.
1934 produzierte Dyhrenfurth auf über 7000 m. ü.M. den Film Der Dämon des Himalaya, der unter anderem mit Schweizer Bergsteigern und Schauspielern gedreht wurde. Dokumentarische Elemente werden mit fiktionalen Szenen gemischt, die Musik stammt von Arthur Honegger, der ebenfalls an der Expedition teilnahm. Der Film über scheiternde Abenteurer, die auf einer Himalaya-Expedition nach einem Berggeist suchen, wurde von der Kritik im nationalsozialistischen Deutschland zerrissen.
Ankunft der Träger, Himalaya-Expedition von Guillarmod, 1902 (Bild: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv)
Nationalstolz und militärische Leistung
In den frühen Expeditionen ins Himalaya-Gebirge widerspiegelten sich – eine weitere Parallele zu Walter Mittelholzers Flügen – auch nationale Interessen. Das Geleitwort zur Publikation Schweizer im Himalaja, 1940 von der Schweizerischen Stiftung für ausseralpine Forschungen herausgegeben, verfasste General Henri Guisan. Anfang der 50er-Jahre dann lagen Briten und Schweizer im Wettstreit um die Erstbesteigung des höchsten Berges der Welt.
In der Ausstellung finden sich zahlreiche Radiodokumente zur Rückkehr der Schweizerischen Everest-Expedition von 1956, wo sich neben Bergsteigern und Politikern auch ein Armeeangehöriger zum Erfolg der Alpinisten äussert. Die zahlreichen Berichte vermitteln auch eine gewisse Ratlosigkeit: Machen solche mit ausserordentlich grossen körperlichen und seelischen Strapazen verbundene Reisen in die Bergwelt etwa nur Sinn, wenn sich auch darüber berichten lässt?
Und hier enden die Parallelen zur Mittelholzer-Schau: Neben aufschlussreichen historischen Dokumenten in Bild und Ton sucht man kritische Töne oder Reflexionen vergebens – über das Verhältnis westlicher, über Kapital und Logistik verfügender Bergsteiger zur medialen Maschinerie etwa. Ungebrochen erzählt wird auch die Geschichte von «Eroberung» und «Vermessung» und der entsprechenden damit verbundenen westliche Namensgebung: So wurde der 8448m hohe Berg, auf Tibetisch Qomolangma (Tschomo Lungma), nach dem britischen Landvermesser George Everest benannt.
Auch problematische Auswirkungen des Massentourismus wie die enorme Materialschlacht, für die wohl gerade solch gut dokumentierte Reisen und medial zu Helden heraufbeschworene Bergsteiger eine massgebliche Rolle spielten, werden (ausser im Blog) nicht thematisiert. Ein Besuch – am besten mit Mittelholzer im Kopf – lohnt sich trotzdem.
Himalaya Report – Bergsteigen im Medienzeitalter: bis 26. Juli, Alpines Museum Bern Infos: alpinesmuseum.ch
2012 erschien im AS Verlag ein Fotobuch mit Bilddokumenten und Tagebucheinträgen der Expeditionen von Jules Jacot-Guillarmod und Aleister Crowley. Charlie Buffet: «Pionier am K2 – Jules Jacot-Guillarmod – Entdecker und Fotograf am Himalaya».
Titelbild: Fritz Luchsinger auf dem Lhotse, Khumbu, Nepal, Schweizerische Himalaya-Expedition 1956. (Fotograf: Ernst Reiss © Alpines Museum der Schweiz und SSAF)
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