Kategorie
Autor:innen
Jahr

Von Puppenköpfen und Wasserleichen

Zwei Gestalten kreisen um Holzpuppe (Bild: pd/Tobias Wittmann)

Zwei Gestalten kreisen um Holzpuppe (Bild: pd/Tobias Wittmann)

Vergangenen Donnerstag zeigte die Rotes Velo Kompanie ihr Stück Der Tisch der Erinnerungen in Trogen. Im hybriden Stück aus Objekttheater, Schauspiel, Tanz und Gesang erzählen Gegenstände düstere Geschichten über das Leben, die Liebe und den Tod.

Es ist dun­kel um acht Uhr abends am ver­gan­ge­nen Don­ners­tag im Röss­li Saal in Tro­gen. Das Stück Der Tisch der Er­in­ne­run­gen von der Ro­tes Ve­lo Kom­pa­nie be­ginnt. 

Zwei Ge­stal­ten mit Stirn­lam­pen tan­zen durch die Dun­kel­heit. Bald fin­den sie et­was, das sie viel­leicht gar nicht ge­sucht ha­ben: ein al­tes Mö­bel. Es wird hell, zu­min­dest im Saal. Denn das Stück selbst bleibt eher düs­ter. Oder bes­ser ge­sagt mor­bi­de.

Für die Auf­füh­rung ha­ben sich im pracht­vol­len Saal in Tro­gen rund ein Dut­zend Gäs­te ein­ge­fun­den. Im Zen­trum der Sze­ne­rie steht ei­ne klei­ne Büh­ne, auf der das al­te Mö­bel­stück steht. Ei­ne Kom­mo­de. Die bei­den na­men­lo­sen Ge­stal­ten (Ka­tha­ri­na Lud­wig und Yan­nick Ba­dier) er­kun­den die Schub­la­den und Fä­cher. Da­bei ent­de­cken sie Er­in­ne­run­gen, die von zum Le­ben er­wach­ten Ge­gen­stän­den er­zählt wer­den. Es geht um den Tod, das Ster­ben, aber auch um das Le­ben und die Lie­be. 

Der Tisch ist ei­ne Kom­mo­de

Mit der Pro­duk­ti­on des Stücks hat die Kom­pa­nie be­reits vor et­wa drei Jah­ren be­gon­nen, wie der künst­le­ri­sche Lei­ter Exe­quiel Bar­re­ras im Ge­spräch mit Sai­ten er­klärt. Auf in­ten­si­ve Re­cher­chen folg­ten ei­ni­ge ar­beits­rei­che Wo­chen mit dem Kol­lek­tiv, dann sei Der Tisch der Er­in­ne­run­gen so­weit fer­tig ge­we­sen. «Wo­bei es na­tür­lich nie fer­tig ist, wir ent­wi­ckeln ja im­mer wei­ter. Auch bei den Auf­füh­run­gen selbst. Des­halb dau­ert es mal nur 50 und dann wie­der 60 Mi­nu­ten.»

Die Kommode steht auf dem zersägten Tisch (Bild: pd/Tobias Wittmann)

Die Kommode steht auf dem zersägten Tisch (Bild: pd/Tobias Wittmann)

Dass der Tisch eben kein Tisch, son­dern ei­ne Kom­mo­de ist, ver­wun­dert. Man fragt sich, ob das im Grun­de viel­leicht gar nicht so wich­tig ist – und doch heisst es halt auch «Tisch» im Ti­tel… Auf Nach­fra­ge er­klärt Bar­re­ras, dass sich der Tisch im Lau­fe der Stück­ent­wick­lung zur Kom­mo­de ge­wan­delt ha­be. Der ur­sprüng­li­che Tisch sei aber noch da: Man ha­be ihn kur­zer­hand zer­sägt und die Büh­ne dar­aus ge­macht. «Und», fügt er an: «Tisch ist oh­ne­hin eher im poe­ti­schen Sin­ne ge­meint. Als Ort, an dem Er­in­ne­run­gen zu­sam­men­kom­men».

Zu­min­dest in der ers­ten Ge­schich­te fun­giert die Kom­mo­de dann doch als Tisch, an dem sich die Fa­mi­lie der Prot­ago­nis­tin Do­ro­thee zum Es­sen ver­sam­melt. Das ist aber fast ne­ben­säch­lich, denn es geht viel­mehr um Do­ro­thees Ge­heim­nis: Sie hat die ans Ufer ge­spül­te Lei­che ei­nes jun­gen Man­nes ge­fun­den – und sich in ihn ver­liebt. 

Plas­tik­tie­re und Pup­pen

Flies­send ge­hen die ein­zel­nen Ge­schich­ten im Stück in­ein­an­der über. Es wird ge­stor­ben, ge­mor­det, aber auch ge­liebt und ge­bo­ren. Mal wir­ken Hand­lun­gen ab­ge­schlos­sen, mal frag­men­ta­risch. Die Mor­bi­di­tät der Ge­schich­ten wird durch ei­ne skur­ri­le In­sze­nie­rung spie­le­risch auf­ge­bro­chen, bis­wei­len ver­sprü­hen sie den Charme von Ad­dams Fa­mi­ly

Die Fi­gu­ren sind oft kei­ne Men­schen, son­dern Ob­jek­te. So ist bei­spiels­wei­se Do­ro­thee ei­ne Pup­pe aus Schwemm­holz, ih­re El­tern sind Plas­tik­tie­re und ihr Bru­der ein Misch­we­sen: ei­ne Schild­krö­te mit Pup­pen­kopf. Die ver­we­sen­de Was­ser­lei­che da­ge­gen ver­kör­pert die von Ba­dier ge­spiel­te Ge­stalt. 

Hy­bri­des Thea­ter­stück

Die bei­den Per­for­men­den, Ka­tha­ri­na Lud­wig und Yan­nick Ba­dier, über­neh­men sämt­li­che Rol­len. Wech­seln hin und her, sind mal Was­ser­lei­che und hau­chen in der nächs­ten Se­kun­de dem Va­ter die Stim­me ein. 

Dass das Spiel der bei­den har­mo­niert, zeigt sich schon zu Be­ginn des Stücks: Da spre­chen sie den Pro­log der­art syn­chron, dass die­ser fast zum Mo­no­log ver­schmilzt und ei­nen un­heim­li­chen Zwei­klang er­zeugt. Auch tän­ze­risch wir­ken die bei­den stel­len­wei­se wie eins. 

Das weinende Skelett (Bild: pd/Tobias Wittmann)

Das weinende Skelett (Bild: pd/Tobias Wittmann)

Ba­dier be­ein­druckt mit sei­ner Stim­me, et­wa wenn er als wei­nen­des Ske­lett El­vis herz­zer­rei­sen­de Bal­la­de Un­chai­ned Me­lo­dy per­formt. Ei­ni­ge mö­gen sich da gleich an die le­gen­dä­re Töp­fer­sze­ne aus Ghost er­in­nert füh­len. Weil völ­lig über­zeich­net, ent­lockt das schluch­zen­de Ske­lett dem Pu­bli­kum auch den ein oder an­de­ren La­cher. 

So ver­mengt sich Ob­jekt­thea­ter mit Schau­spiel, Tanz und Ge­sang zu ei­nem hy­bri­den Gan­zen. Am En­de schliesst sich dann der Kreis: Der Epi­log spie­gelt den Pro­log und wen­det sich di­rekt ans Pu­bli­kum: «In wel­chen Schub­la­den sind dei­ne Er­in­ne­run­gen und Ge­schich­ten?» Dann er­lischt das Licht und die Dun­kel­heit kehrt zu­rück. 

Das Pu­bli­kum im Röss­li Saal klatscht be­geis­tert, es wird wie­der hell. Gan­ze drei­mal keh­ren die Per­for­men­den zu­rück auf die Büh­ne und Exe­quiel Bar­re­ras re­sü­miert zu­frie­den: «Das war wohl die bes­te Auf­füh­rung bis­her.» Man glaubt es ihm gern und hofft, je­de kom­men­de mö­ge wie­der die Bes­te sein.

Der Tisch der Er­in­ne­run­gen: 7. Fe­bru­ar 2026, 20 Uhr, Tanz­raum He­ris­au

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

Bad­hüt­te Ror­schach: Re­kon­struk­ti­on bis zum Tür­schar­nier

Die Bau­plä­ne sind ge­zeich­net, das Bau­ge­such liegt zur Vor­prü­fung bei der Stadt – doch noch ist ei­ni­ges rund um den Wie­der­auf­bau der Ror­scha­cher Bad­hüt­te zu klä­ren. Was pas­siert zum Bei­spiel mit all den an­ge­ros­te­ten und teils ver­bo­ge­nen Schar­nie­ren, Schlös­sern und an­de­ren Ei­sen­tei­len, die die Tau­cher aus dem See her­auf­ge­bracht ha­ben?

Von  René Hornung
Badhuette rorschach

«Sie wis­sen, dass ih­nen Ge­fäng­nis oder der Tod droht, wenn sie an Pro­tes­ten teil­neh­men. Und sie tun es trotz­dem.»

Moh­sen Ma­sou­di ist 2022 aus dem Iran in die Schweiz ge­flo­hen. Heu­te lebt er in Stein AR und ist Teil der Exil-Op­po­si­ti­on. Er er­zählt, war­um es die Schlies­sung der ira­ni­schen Bot­schaft braucht und was sich mit den Pro­tes­ten An­fang Jahr ver­än­dert hat.

Von  Matthias Fässler , Bilder:  Sara Spirig
260708 Redeplatz Mohsen Masoudi

Ein Pi­ra­ten­schiff am Bo­den­see­ufer

Das See-Burg­thea­ter macht aus sei­ner Pi­ra­tin­nen­ge­schich­te Die Le­gen­de von An­ne Bon­ny ein akro­ba­ti­sches Spek­ta­kel vom Feins­ten. Bei al­ler Som­mer­thea­ter-Leich­tig­keit hät­te man aber doch ein biss­chen mehr Eman­zi­pa­ti­ons­ge­schich­te er­war­tet.  

Von  Maria Schorpp
Piratencrew Bildnachweis Ilja Mess

Ei­ne ein­ma­li­ge Ge­burts­tags­par­ty

Zu sei­nem 20. Ge­burts­tag hat das Kul­tur­fes­ti­val am Wo­chen­en­de Bands aus St.Gal­len und der Re­gi­on zu ei­nem zwei­tä­gi­gen Kon­zert­fest ein­ge­la­den. Die­ses war so viel­fäl­tig wie ge­lun­gen – auch we­gen der Idee, Co­vers aus der Grün­dungs­zeit des Fes­ti­vals in die Sets ein­zu­bau­en. 

Von  David Gadze
Kulturfestival 20 Jahre Jubilaeum 2026 Kasimir Hoehener

Bregenzer Festspiele

Mehr als die See­büh­ne: Ent­de­ckun­gen an den Bre­gen­zer Fest­spie­len

Von  Nathalie Grand
Pressetag broucek anjakoehler 260236

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 3

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 3: «Was der Kai­ser noch sah», Olaf Breu­ning – «Hu­mans» und Oria­na Bruseghi­ni  – Das ver­las­se­ne Ret­tungs­boot. 

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps Colazione Sull Erba Pfister Noemi copy

Von Mo­de und Kör­pern

Wie setzt Fo­to­gra­fie Mo­de in Sze­ne? Und wer fo­to­gra­fiert da­bei ei­gent­lich wen? Das Tex­til­mu­se­um St.Gal­len gibt mit «Mi­se en Scè­ne» Ein­bli­cke in 120 Jah­re Mo­de­ge­schich­te. Es ist die letz­te Schau vor dem Mu­se­umsum­bau. 

Von  Vera Zatti
TMF 22 4 1 V

«Ich ma­che das für al­le, die auf ei­nen Ent­scheid war­ten.»

Seit elf Ta­gen be­fin­det sich Ve­lat Ay­din vor dem Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in St.Gal­len im Hun­ger­streik. Im Ge­spräch mit Sai­ten er­zählt der Kur­de, wo­her er kommt und wes­halb po­li­ti­scher Ak­ti­vis­mus so wich­tig ist.

Von  Daria Frick
DSC 6579

Lus­ti­ges Mas­sen­ar­ten­ster­ben

Die St.Gal­ler Fest­spie­le sind vor­bei. Oper war in­door, draus­sen im Stadt­park spiel­te die End­zeit­ko­mö­die Pla­net B. Näh­me man die Bot­schaft des Stücks ernst, müss­te die Fest­spiel-Oper auch künf­tig res­sour­cen­scho­nend drin­nen blei­ben.

Von  Peter Surber
Festspiele planet b tanja dorendorf 1095

Zwi­schen Pon­gal und Turn­ver­ein

Sin­du­jan* lebt schon sein gan­zes Le­ben in der Schweiz. Die Ein­bür­ge­rung ist fast ab­ge­schlos­sen, war aber mit ho­hen Kos­ten und ei­nem un­an­ge­neh­men Ge­spräch ver­bun­den.

Von  Andi Giger
260707 Saiten 0807 08

Ei­ne kur­ze In­dus­trie­ge­schichg­te des Sit­ter­tals

Be­vor die Kunst Ein­zug hielt, war das Sit­ter­tal in­dus­tria­li­siert. Hier wur­de ge­stickt, ge­wirkt, ge­färbt, mer­ceri­siert – aber auch ge­streikt und ge­liebt.

Von  István Scheibler
260708 Sitterwerk Industriegeschichte Das Sittertal zu Zeiten der Motorenstickerei Rittmeyer Staatsarchiv W 054 51 D 8

Kolumne: Stimmrecht

Wer ist die ukrai­ni­sche Dia­spo­ra?

Von  Liliia Matviiv

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 2

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 2: Ki­nok-Open-Air, So­lar­ki­no, Chris­ta Nä­her – «Ex­cess», Li­ving Mu­se­um, Pool­bar Fes­ti­val, Die Le­gen­de von An­ne Bon­ny und SP-Spa­zier­gän­ge. 

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps 7 The Long Seat

Wie ein Fisch im Was­ser

In der Kunst­ka­bi­ne bei der St.Le­on­hard-Brü­cke in St.Gal­len stel­len bis Sep­tem­ber vier Per­so­nen mit Be­ein­träch­ti­gung ih­re Kunst aus. Den An­fang macht Son­ja Lip­pu­ner mit ih­rer «Roll­stuhl­kunst».

Von  Roman Hertler
Whats App Image 2026 07 01 at 22 09 10

«Kul­tur ist nicht de­mo­kra­tisch, aber zen­tra­le Grund­la­ge der De­mo­kra­tie»

Die Kunst­gies­se­rei St.Gal­len und die Stif­tung Sit­ter­werk strah­len weit über die Re­gi­on hin­aus. Fe­lix Leh­ner, Grün­der und Lei­ter der Kunst­gies­se­rei, Ge­schäfts­lei­tungs­mit­glied Till Jäck­li so­wie Pa­tri­cia Hart­mann, Co-Lei­te­rin der Stif­tung Sit­ter­werk, spre­chen im In­ter­view über die letz­ten 40 Jah­re, ak­tu­el­le Her­aus­for­de­run­gen und Zu­kunfts­plä­ne.

Von  Daria Frick  und  David Gadze
260708 Sitterwerk Andri Voehringer 01

«Schwei­gen gibt der Ge­walt Raum»

Ge­schlech­ter­spe­zi­fi­sche Ge­walt ist auch in Ap­pen­zell Rea­li­tät, und doch wird zu we­nig dar­über ge­re­det. Mit der Dis­kus­si­ons­ver­an­stal­tung «we­r­om – schwät­ze statt schwi­ige» lu­den drei jun­ge Ap­pen­zel­le­rin­nen zum of­fe­nen Aus­tausch über Ge­walt, Prä­ven­ti­on und Zi­vil­cou­ra­ge.

Von  Marion Loher
Werom 4

Wenn Hei­mat flim­mert

Hei­mat – ein viel­schich­ti­ger Be­griff. Das Kunst­mu­se­um St.Gal­len spürt ihm ge­mein­sam mit der Werk­samm­lung der Schwei­ze­ri­schen Post nach. Zu se­hen ist die ent­stan­de­ne Schau «Hei­mat­flim­mern» bis En­de Ok­to­ber in St.Gal­len.

Von  Lisa Steurer
Ausstellungsansicht stian Stadler 1

Jung­brun­nen für den Dom

Die St.Gal­ler Fest­spie­le la­den, nach der letzt­jäh­ri­gen Pau­se, wie­der zum Tanz in die Ka­the­dra­le. Cho­reo­graf An­to­nio Ruz und die Tanz­kom­pa­nie neh­men den Raum mit Re­spekt in Be­schlag – samt dem Klos­ter­platz.

Von  Peter Surber
Bildschirmfoto 2026 06 29 um 11 44 42

Der «Landesverräter» war gern am Fluss

Ernst S. und die Sit­ter

Von  Roman Hertler
2502 Max Butz 05

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 1

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 1: Open­air-Ki­nos, Bla­bla­bor – «Gue­ril­la Ra­dio», Mi­chail Pir­ge­lis – «HYLE», «Hei­mat­flim­mern», Kul­tur­fes­ti­val St.Gal­len, Le­on­ce und Le­na, Kunst­spa­zier­gän­ge und Mu­sik im «Flööz­li» so­wie Rund­gän­ge zum Blu­men­wies und zur Schwamm­stadt. 

Von  Redaktion Saiten
Noemi Pfister Happily Aging Dying