Es ist dunkel um acht Uhr abends am vergangenen Donnerstag im Rössli Saal in Trogen. Das Stück Der Tisch der Erinnerungen von der Rotes Velo Kompanie beginnt.
Zwei Gestalten mit Stirnlampen tanzen durch die Dunkelheit. Bald finden sie etwas, das sie vielleicht gar nicht gesucht haben: ein altes Möbel. Es wird hell, zumindest im Saal. Denn das Stück selbst bleibt eher düster. Oder besser gesagt morbide.
Für die Aufführung haben sich im prachtvollen Saal in Trogen rund ein Dutzend Gäste eingefunden. Im Zentrum der Szenerie steht eine kleine Bühne, auf der das alte Möbelstück steht. Eine Kommode. Die beiden namenlosen Gestalten (Katharina Ludwig und Yannick Badier) erkunden die Schubladen und Fächer. Dabei entdecken sie Erinnerungen, die von zum Leben erwachten Gegenständen erzählt werden. Es geht um den Tod, das Sterben, aber auch um das Leben und die Liebe.
Der Tisch ist eine Kommode
Mit der Produktion des Stücks hat die Kompanie bereits vor etwa drei Jahren begonnen, wie der künstlerische Leiter Exequiel Barreras im Gespräch mit Saiten erklärt. Auf intensive Recherchen folgten einige arbeitsreiche Wochen mit dem Kollektiv, dann sei Der Tisch der Erinnerungen soweit fertig gewesen. «Wobei es natürlich nie fertig ist, wir entwickeln ja immer weiter. Auch bei den Aufführungen selbst. Deshalb dauert es mal nur 50 und dann wieder 60 Minuten.»
Die Kommode steht auf dem zersägten Tisch (Bild: pd/Tobias Wittmann)
Dass der Tisch eben kein Tisch, sondern eine Kommode ist, verwundert. Man fragt sich, ob das im Grunde vielleicht gar nicht so wichtig ist – und doch heisst es halt auch «Tisch» im Titel… Auf Nachfrage erklärt Barreras, dass sich der Tisch im Laufe der Stückentwicklung zur Kommode gewandelt habe. Der ursprüngliche Tisch sei aber noch da: Man habe ihn kurzerhand zersägt und die Bühne daraus gemacht. «Und», fügt er an: «Tisch ist ohnehin eher im poetischen Sinne gemeint. Als Ort, an dem Erinnerungen zusammenkommen».
Zumindest in der ersten Geschichte fungiert die Kommode dann doch als Tisch, an dem sich die Familie der Protagonistin Dorothee zum Essen versammelt. Das ist aber fast nebensächlich, denn es geht vielmehr um Dorothees Geheimnis: Sie hat die ans Ufer gespülte Leiche eines jungen Mannes gefunden – und sich in ihn verliebt.
Plastiktiere und Puppen
Fliessend gehen die einzelnen Geschichten im Stück ineinander über. Es wird gestorben, gemordet, aber auch geliebt und geboren. Mal wirken Handlungen abgeschlossen, mal fragmentarisch. Die Morbidität der Geschichten wird durch eine skurrile Inszenierung spielerisch aufgebrochen, bisweilen versprühen sie den Charme von Addams Family.
Die Figuren sind oft keine Menschen, sondern Objekte. So ist beispielsweise Dorothee eine Puppe aus Schwemmholz, ihre Eltern sind Plastiktiere und ihr Bruder ein Mischwesen: eine Schildkröte mit Puppenkopf. Die verwesende Wasserleiche dagegen verkörpert die von Badier gespielte Gestalt.
Hybrides Theaterstück
Die beiden Performenden, Katharina Ludwig und Yannick Badier, übernehmen sämtliche Rollen. Wechseln hin und her, sind mal Wasserleiche und hauchen in der nächsten Sekunde dem Vater die Stimme ein.
Dass das Spiel der beiden harmoniert, zeigt sich schon zu Beginn des Stücks: Da sprechen sie den Prolog derart synchron, dass dieser fast zum Monolog verschmilzt und einen unheimlichen Zweiklang erzeugt. Auch tänzerisch wirken die beiden stellenweise wie eins.
Das weinende Skelett (Bild: pd/Tobias Wittmann)
Badier beeindruckt mit seiner Stimme, etwa wenn er als weinendes Skelett Elvis herzzerreisende Ballade Unchained Melody performt. Einige mögen sich da gleich an die legendäre Töpferszene aus Ghost erinnert fühlen. Weil völlig überzeichnet, entlockt das schluchzende Skelett dem Publikum auch den ein oder anderen Lacher.
So vermengt sich Objekttheater mit Schauspiel, Tanz und Gesang zu einem hybriden Ganzen. Am Ende schliesst sich dann der Kreis: Der Epilog spiegelt den Prolog und wendet sich direkt ans Publikum: «In welchen Schubladen sind deine Erinnerungen und Geschichten?» Dann erlischt das Licht und die Dunkelheit kehrt zurück.
Das Publikum im Rössli Saal klatscht begeistert, es wird wieder hell. Ganze dreimal kehren die Performenden zurück auf die Bühne und Exequiel Barreras resümiert zufrieden: «Das war wohl die beste Aufführung bisher.» Man glaubt es ihm gern und hofft, jede kommende möge wieder die Beste sein.
Der Tisch der Erinnerungen: 7. Februar 2026, 20 Uhr, Tanzraum Herisau