Der alte Wartsaal beim Bahnhof Lichtensteig ist längst durch einen Glaskasten beim Perron ersetzt. Zum Kulturraum umgenutzt, beherbergt der Raum im Stationsgebäude derzeit die Ausstellung «Ein Stück weit Pionier – Walter Steiner». Das Interesse ist da, das zeigt die Vernissage: Im holzgetäferten Raum von fünf auf fünf Meter steht zwischen den Ausstellungskuben dichtgedrängt ein gemischtes Volk – Obertoggenburgerin neben Städter, jung neben alt – und lauscht den Reden.
Der Lichtensteiger Stadtpräsident Mathias Müller macht an Walter Steiner ähnliche Charakterzüge wie bei Otto Kägi, dem Gründer der Kägifret-Bisquit, und dem Lichtensteiger Kultkäser Willi Schmid aus. Müller mag, was Eigenwilligkeit, Bescheidenheit und Gewissenhaftigkeit angeht, recht haben; zu wirtschaftlichem Erfolg brachte es der Skispringer aus den 1970er Jahren jedoch nie. Das sieht bei Simi Ammann heute wohl anders aus.
Der Traum vom Fliegen
Ursula Badrutt beschreibt ihre Lage nach dem Verlust des Kulturraums am Klosterplatz in St.Gallen. Als Leiterin der Kulturförderung des Kantons beinhaltet das Pflichtenheft ihrer Amtsstelle die Aufgabe, das kulturelle Erbe in Dialog mit zeitgenössischem Kunstschaffen zu bringen. Daraus entstand die Idee, entlang den Schienen des Ringzuges S4, der stündlich einmal um den Säntis fährt, an geeigneten Orten Ausstellungen zu organisieren. Magdenau machte letztes Jahr den Anfang, jetzt folgt Lichtensteig.
An Walter Steiner interessierte sie schon lange die Schnittstelle zwischen Sport und Geisteswelten. Und dann kannte sie natürlich den Film Die Ekstase des Bildschnitzers Steiner von Werner Herzog von 1974. Das Phänomenale an diesem Film ist, wie er aus dem Toggenburger eine Kultfigur weit über die Sparte Sport hinaus schuf.
Die Ausstellung ist in vier Kapitel gegliedert. Es sind Walter Steiners Lebensthemen: Der Traum vom Fliegen, der Sportler denkt mit, Rücksichtnahme auf die Natur und die Bescheidenheit. Das Material stammt aus dem Privatarchiv von Walter Steiner und ist mit passenden Holzskulpturen ergänzt. Sie erklärt sich aus sich heraus und ist unterhaltsam.
Walter Steiner in der Werkstatt in Wildhaus, um 1976.
Beiträge von zeitgenössischen Künstlern, zum Teil eigens für diese Ausstellung geschaffen, erzeugen vielfältige Bezugnahmen. Das verhindert eine ungerechtfertigte Abkapselung von Steiners Welt in der Wahrnehmung der Besucher. Die Hommagen lösen verblüffende Erkenntnisse aus. Walter Steiner hat wohl selbst nicht geahnt, wie perfekt eine Videoarbeit von Roman Signer in diese Ausstellung passt: 2003 liess Signer einen Piaggio auf der Sprungschanze von Chocholow in Polen herunterfahren, der flog fast zehn Meter und landete ohne Schaden. Der Video läuft nun in einem Loop an prominenter Stelle im Ausstellungsraum.
Skisprung und Stabhochsprung
Die Bilder von Giorgia Vian kamen auf Betreiben von Walter Steiner in die Ausstellung. Die italienische Stabhochspringerin und Künstlerin erkannte im Film von Werner Herzog die Verwandtschaft mit dem Skispringer und nahm Kontakt mit ihm auf. Beide Sportarten haben ähnliche komplexe Bewegungsabläufe, die vor allem mental eingeübt werden müssen. Nicht Krafttraining, sondern kreative Tätigkeit begünstigt die Fähigkeit, den Absprungmoment und Flug zu perfektionieren.
Kritisieren an der Ausstellung kann man das Fehlen von Beiträgen unter den künstlerischen Interventionen, die sich mit Ernährung und Ökologie befassen. Walter Steiner ernährt sich seit 40 Jahren mit einer Paleo-Diät und hat sich in Wildhaus wegen seinem Engagement für die Auszonung von Bauland in ein Naturschutzgebiet Feinde gemacht. Allerdings gibt es im Begleitprogramm am 12. und 13. Mai Filme und ein Podiumsgespräch über die Landwirtschaft.
Leisten statt mitdenken
In seiner Laudatio beschreibt der Sportjournalist Carl Schönenberger die Entwicklung des Skisprungsports und berichtet von seinen Begegnungen mit Walter Steiner. Es sei immer sein Problem gewesen, dass er die Funktionäre durch sein Mitdenken vor den Kopf gestossen habe. Die fatale Logik laute: Hochleistungssportler sollen leisten und nicht denken, auch wenn es dabei um ihre Gesundheit geht.
Zum Schluss macht der Blick-Sportreporter darauf aufmerksam, dass am 22. März, dem Tag der Ausstellungseröffnung, in Planica in Slowenien Gregor Schlierenzauer mit 253,5 Meter einen neuen Skiflugweltrekord aufgestellt hat. In Planica hatte auch Walter Steiner am 15. März 1974 mit 169 Metern die damalige Weltrekordweite erreicht.
Walter Steiner wird Weltmeister, Planica 1974
«Ein Stück weit Pionier» ist nur schon wegen der Ausstellungsarchitekur von Johannes Stieger im Wartsaal, in dem wegen der Täferung die Wände tabu sind, sehenswert. Seit es den Ausstellungsraum am Klosterplatz in St.Gallen nicht mehr gibt, ist das nun schon das zweite spannende Setting ausserhalb der hauptstädtischen Blase. Die künstlerischen Beiträge stammen von: Rea Brändle, Rolf Graf, Lutz & Guggisberg, Yves Mettler, Elisabeth Nembrini, Roman Signer, Giorgia Vian und Birgit Widmer.
Diese Art von Kulturförderung des Kantons bringt unterschiedliche Leute zusammen, lässt sie über vielleicht ungewohnte, schwierige Themen nachdenken, ohne sie zu verschrecken.
Weitere Infos: kultur.sg.ch/aktuelles
Mehr zu Walter Steiner: im Aprilheft von Saiten.
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